Speyrer Kräuterbuch
deutschsprachiges Kräuterbuch aus dem Spätmittelalter
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Das Speyrer Kräuterbuch ist ein deutschsprachiges Kräuterbuch aus dem Spätmittelalter, in dem Inhalte aus dem Macer floridus (lateinische und deutsche Fassung), dem Circa instans, der Naturkunde der Hildegard von Bingen und vermutlich einer weiteren Quelle kompiliert wurden. Bislang sind drei Handschriften aus der Mitte des 15. Jahrhunderts bekannt, die in Berlin, Mainz und St. Florian aufbewahrt werden. Benannt ist das Kräuterbuch nach der Handschrift Berlin, die 1456 in Speyer entstanden ist.

Beschreibung
Zur Entstehung der Kompilation ist bislang nichts bekannt. Die identifizierten Quellen entstammen dem späten 11. bis frühen 13. Jahrhundert. Unklar ist auch, ob der Kompilator die lateinischen Quellen selbst übersetzt hat oder auf frühere, heute verschollene Übersetzungen zurückgreifen konnte. Wilhelm Gralap aus Speyer, der namentlich bekannte Schreiber der Handschrift Berlin, ist sicherlich nicht der Urheber der Kompilation.[1.1]
Ein Vergleich der bekannten Handschriften zeigt, dass einzig der Textzeuge in St. Florian mit 215 Kapiteln nahezu vollständig ist, während die beiden anderen durch Blattverluste einige Lücken haben. Zudem weisen die Handschriften St. Florian und Mainz gegenüber Berlin einen etwas größeren Textbestand auf.[2]
Eine Edition der Handschrift Berlin wurde 1994 von Barbara Fehringer veröffentlicht. 21 zusätzliche Kapitel der Handschrift St. Florian wurden 2019 von Magdalena Lichtenwagner ergänzt. Die Handschrift Mainz wurde bislang nicht gedruckt; eine textkritische Edition aller Textzeugen ist ebenfalls ein Desiderat. In einer solchen Edition könnte nicht nur der gesamte Text der drei Handschriften wiedergegeben, sondern auch das Verhältnis zueinander und die verwendeten Quellen genauer analysiert werden. Gegenüber der Ausgabe von Fehringer aus dem Jahr 1994 stünden für eine textkritische Edition zudem bessere Ausgaben des Deutschen Macers (2003) und der Naturkunde Hildegards (2010) zur Verfügung.
Rezeption
Johann Wonnecke von Kaub übernahm Inhalte aus dem Speyrer Kräuterbuch in seinen erstmals 1485 gedruckten Gart der Gesundheit, teils unter falschen Autorennamen.[3][4] So wurden einige Inhalte aus dem Macer floridus und der Naturkunde Hildegards anonym bis weit in die Neuzeit und zum Teil bis in die Moderne in Nachschlagewerken tradiert.[5]
Die Handschrift Berlin wird von Ernst H. F. Mayer 1856 in der Geschichte der Botanik beiläufig erwähnt.[6] Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Handschrift auf dem freien Markt. Carl Jessen erkannte die Bedeutung für die Forschung zu Hildegard und empfahl der Königlichen Bibliothek in Berlin den Ankauf.[7][1.2]
Im Umfeld von Julius Schuster wurde zu Beginn der 1940er Jahre in Berlin ein erstes Typoskript der Handschrift angefertigt, aber wohl aufgrund des Zweiten Weltkriegs nicht weiter verfolgt. Das Typoskript gelangte später nach Würzburg, was in die 1994 gedruckte Edition mündete.[1.3]
Handschriften
- Berlin. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, mgf 817, f. 1–61v, entstanden 1456.[8]
- Mainz. Stadtbibliothek, Hs. I 525. f. 5r–44v, entstanden um 1450.[9] (Digitalisat)
- St. Florian. Stiftsbibliothek, Cod. XI 641, f. 1–123r, entstanden im 3. Viertel des 15. Jahrhunderts.[10]
Literatur
- Barbara Fehringer. Das „Speyerer Kräuterbuch“ mit den Heilpflanzen Hildegards von Bingen. Eine Studie zur mittelhochdeutschen Physica-Rezeption mit kritischer Ausgabe des Textes (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 2). Königshausen & Neumann, Würzburg 1994, ISBN 3-88479-771-9.
- Gundolf Keil: Speyrer Kräuterbuch. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 9, Berlin / New York 1995, Sp. 90–92.
- Magdalena Lichtenwagner: Eine neu entdeckte Handschrift der deutschsprachigen Rezeption der Physica Hildegards von Bingen. Textvorstellung und Teiltextausgabe. Masterarbeit, Wien 2019. (online)
- Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 141–145.
- Bernhard Schnell: Die deutschen Kräuterbücher des Mittelalters. In: Dorothea Klein (Hrsg.): Arzneibücher – Kräuterbücher – Wörterbücher. Kleine Schriften zur Text- und Überlieferungsgeschichte mittelalterlicher Gebrauchsliteratur. Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, ISBN 978-3-8260-6980-2. S. 325–326.