St. Johannes Baptist (Oberstdorf)
Pfarrkirche in Oberstdorf, Bayern
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St. Johannes Baptist bzw. St. Johannes der Täufer ist die römisch-katholische Pfarrkirche[1] der Marktgemeinde Oberstdorf. Nachdem die Saalkirche im Jahre 1865 durch einen Brand größtenteils zerstört worden war, wurde sie bis 1872 im neugotischen Stil wiederaufgebaut. Auch die Ausstattung ist von der Neugotik geprägt.

Geschichte
Einer Chronik zufolge soll in Oberstdorf bereits 991 eine Kirche bestanden haben. Andere Quellen berichten, dass die romanische Kirche im Februar 1141 vom Augsburger Bischof Walther I. geweiht worden sei. Patrone waren die Gottesmutter, Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist.
Bis 1419 wurde die Kirche im Stil der Gotik neu errichtet. Seither ist sie auch der hl. Agnes von Rom geweiht. Ab 1644 wurde die Kirche barockisiert. Dabei erhielt sie einen marmornen Fußboden und neue Ausstattungsstücke. 1715 wurde die Decke des Kirchenschiffs verputzt, 1764 eine neue, zweigeschossige Empore eingezogen.
1865 fielen weite Teile des Ortes einem Brand zum Opfer. Dabei wurde auch die Kirche bis auf die Außenmauern und den Kirchturm zerstört. Im folgenden Jahr wurde mit dem Wiederaufbau nach Plänen des Freiherrn Georg von Stengel im Stil der Neugotik begonnen, der vom bayrischen Staat finanziert wurde. In den neuen Bau integrierte man den alten Kirchturm und die noch stehenden Außenmauern des alten Kirchenschiffs. Letztere wurden erhöht und um ein weiteres Joch nach Osten verlängert. Daran fügte man den neuen Chor mit polygonalem Abschluss an. Diese Arbeiten übernahmen die Hindelanger Josef Blanz (Zimmermeister) und Johann Baptist Kaufmann (Maurermeister). Die Kirche wurde schließlich 1872 durch den Augsburger Bischof Pankratius von Dinkel neu geweiht.
Ausstattung

Die wertvolle barocke Ausstattung ging mit dem Brand 1865 zum Großteil verloren. Mit dem Neubau kam eine neugotische Ausstattung in die Kirche, die durch Spenden finanziert wurde und die durch historische Figuren und Gemälde ergänzt wird, die den Brand überstanden oder erst später in die Kirche kamen.
Chorraum

Der Hochaltar wurde in der Form eines Flügelaltars geschaffen. Das Gesprenge zeigt die Patrone des Bistums Augsburg, die hll. Ulrich und Afra. Zwischen ihnen ist Jesu Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer dargestellt. Sind die Flügel des Altars geöffnet, ist im Schrein die Auferstehung Christi zu sehen; der segnende Jesus mit Siegesfahne wird durch Wolken aus der Grabtumba gehoben. Daneben stehen bzw. sitzen vier Wächter in römischer Uniform, die entweder schlafen oder erschrocken aufblicken. Die Innenseiten der Flügel zeigen in Flachreliefs weitere Szenen der Ostergeschichte: Die Frauen am leeren Grab (oben rechts), Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen (oben links), der Auferstandene begegnet zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (unten links) und der hl. Thomas greift in die Seitenwunde Jesu (unten rechts). Sind die Flügel geschlossen (wie in der Advents- und Fastenzeit), ist ein Bild von Jesu Gebet in Gethsemane zu sehen (gemalt von Johann von Schraudolph). Neben diesem stehen links und rechts als Schreinwächter die Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die Predella des Altares beherbergt den Tabernakel, welcher zwischen gemalten Darstellungen der zwölf Apostel steht.
Der steinerne Altartisch selbst beherbergt ein heiliges Grab, das durch ein Holzrelief, welches das letzte Abendmahl darstellt, verschlossen werden konnte; es ist heute durch Antependien verhangen. Das Relief ziert nun den hölzernen Volksaltar.
Zur weiteren Ausstattung des Chorraums gehört der mit gotischem Maßwerk verzierte Taufstein.
Die Wandbilder von 1899 an der rechten Chorwand zeigen die Rosenkranzverleihung an den hl. Dominikus durch Maria mit dem Jesuskind und die Verehrung eines geöffneten Tabernakels durch zwei Engel. Sie erinnern an die Rosenkranzbruderschaft und die Bruderschaft des hochwürdigsten Gutes.
Seit jüngerer Zeit ist vor der Chorschranke die wertvolle Figur der schönen Oberstdorferin aufgestellt – eine Madonna, die um 1430 in Ulm im sogenannten weichen Stil entstand. Zuvor befand sie sich im Gesprenge des rechten Seitenaltares.
Kirchenschiff
An der Ostwand des Kirchenschiffs stehen links und rechts die beiden Seitenaltäre, die in ähnlicher Weise wie der Hochaltar geschaffen wurden. Der rechte Altar zeigt bei geöffneten Flügeln die Anbetung des Jesuskindes durch Maria und Josef in krippenähnlicher Szenerie. Diese Darstellung wird auf der Innenseite des rechten Innenflügels durch das Flachrelief der Anbetung der Hirten und Bauern fortgeführt. Die Innenseite des linken Flügels zeigt die Verkündigung an die Hirten. Sind die Flügel geschlossen, ist die Verkündigung an Maria durch den Erzengel Gabriel zu sehen, welche zu beiden Seiten durch zwei Engel gerahmt wird. Das Gesprenge des Altares zierte ursprünglich die Figur der „schönen Oberstdorferin“, welche nun vor der Chorschranke aufgestellt ist. Seither befindet sich im Gesprenge eine Skulptur des Viehpatrons Wendelin aus dem 18. Jahrhundert.
Der gegenüberliegende Altar zeigt im geöffneten Zustand das Pfingstwunder: Maria und die Apostel werden vom Heiligen Geist empfangen, was durch feurige Zungen über ihren Häupter und die Heiliggeisttaube symbolisiert wird. Sind die Flügel geschlossen, ist das Bild des zwölfjährigen Jesus im Tempel zu sehen, der mit Gelehrten diskutiert. Im Gesprenge dieses Altars steht eine Figur des hl. Kaisers Heinrich.
Die Kanzel aus Eichenholz ist mit gotischen Fialen und Maßwerk verziert. Die Figuren und Reliefs sind durch Blattmetall hervorgehoben. Der Kanzelkorb zeigt Szenen des Neuen Testaments: Jesus übergibt Petrus den Hirtenstab, Jesus und Petrus auf dem See Genezareth, die Bergpredigt und das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. Der hoch aufragende Schalldeckel ist in zwei Geschosse geteilt. Im unteren sind die vier Kirchenväter dargestellt, das obere zeigt Jesus als Lehrer.
Zur weiteren Ausstattung im Kirchenschiff gehören mehrere Skulpturen und Gemälde. Vor dem rechten Seitenaltar befindet sich eine Figur der Anna Selbdritt aus der Zeit von 1340. Sie stand vorher in einem Bildstock im Trettachtal und wurde vermutlich von einem Künstler aus dem Umfeld des Heinrich von Konstanz geschaffen. Weitere Skulpturen im Kirchenraum stellen die hll. Stephanus (spätes 15. Jahrhundert), Nikolaus von Myra (15. Jahrhundert), Leonhard (16. Jahrhundert) und Magnus (18. Jahrhundert) dar. Unter der Orgelempore ist ferner eine Skulptur des Geißelheilands aufgestellt.
Dort hängt auch das Bild der Anbetung durch die Hirten von Anton Raphael Mengs von 1751, das 1954 von der Gemeinde angekauft wurde. Die großformatigen Kreuzwegbilder stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert und wurden von Johann Baptist Herz nach niederländischen Vorlagen angefertigt.
- „Schöne Oberstdorferin“: Skulptur der Muttergottes mit Kind, um 1430
- Altarflügel des rechten Seitenaltares im geschlossenen Zustand
- Altarflügel des linken Seitenaltares im geschlossenen Zustand
- Kanzel
- Skulpturen der hll. Stephanus und Nikolaus
- Skulpturen der hll. Magnus und Leonhard
- Skulptur des Geißelheilands unter der Orgelempore
- Anbetung der Hirten von Anton Raphael Mengs
Außenbereich
Die Außenseite der Kirchentüren wurde von 1972 bis 1974 mit in Kupfer getriebenen Reliefs von Willi Veit verblendet. Das zugemauerte zentrale Fenster des Chorhauptes zeigt seit 1962 eine Kreuzigungsszene von Lothar Schwink. Vor der Westseite der Kirche steht eine Figur des hl. Johannes Nepomuk.
- Ansicht des Nordportals mit Reliefs von Willi Veit
- Ansicht der Pfarrkirche von Osten
Orgel


Ein 1745 von Balthasar Freiwiß, Aitrang, aufgestelltes Werk ist beim Oberstdorfer Feuer 1865 verbrannt. Für die neu erbaute Kirche erstellte der Augsburger Orgelbauer Joseph Bohl ein 22-stimmiges Werk mit zwei Manualen und Pedal.[2]
Die heutige Orgel von Josef Zeilhuber sen. stellt wie ihre im ähnlichen Zeitraum erbauten Schwesterinstrumente in Lindenberg St. Peter und Paul (III/52), Bad Hindelang St. Johann (III/52) oder Kempten St. Lorenz (III/65) ein Zeugnis der europäischen Orgelgeschichte dar: Sie ist konzipiert als Synthese zwischen Spätromantik, Elsässischer Orgelreform und orgelbewegtem Neobarock. Neben zahlreichen Möglichkeiten der dynamischen Abstufung besitzt sie charakteristisch differenzierte Einzelfarben und einen satten warmen Klang.[3]
Das Werk entstand 1934 mit pneumatischen Kegelladen und erhielt 1936 ein elektrisch gesteuertes schwellbares Fernwerk, das hinter dem Hochaltar Platz fand.[4] Die Zeilhuber-Orgel hat folgende Disposition:
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- Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
- Spielhilfen: Zwei freie Kombinationen, Einzelabsteller für die Zungenregister, Auslöser, Tutti, Walze ab, Mixturen ab, Automatisches Pianopedal an, Fernwerk an, I. Manual ab, Koppeln zu Walze, Schwelltritte für Registercrescendo, II. Manual, III. Manual und Fernwerk
Die Glocken der Pfarrkirche
Die Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Oberstdorf blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, denn sie verlor innerhalb von achtzig Jahren dreimal ihr Geläut. Die heutigen Glocken sind bereits die vierten aus dieser Epoche.
Besonders verheerend war der große Brand am 6. Mai 1865, dem neben 146 Häusern auch die Kirche samt Turm zum Opfer fiel. Historische Aufzeichnungen geben Einblick in die Zeit davor. Die große Glocke von 1478 wurde im Jahr 1559 (laut Pfarrei bereits 1550) von dem Innsbrucker Glockengießer Gregor Löffler umgegossen. Am 11. Juli 1856 erfolgte eine Schätzung von Turmuhr und Glocken zur Taxierung für die Brandversicherung. Danach wog die große Glocke 2855 Pfund (1598,80 kg), die Wandlungsglocke von 1678 wurde mit 1018 Pfund (570,08 kg) angegeben, die Feuerglocke (1723) hatte ein Gewicht von 562 Pfund (314,72 kg), die Feuerglocke (1723) kam auf 290 Pfund (162,40 kg) und 160 Pfund (89,60 kg) die kleine Glocke aus dem Jahre 1658. Nach der Brandkatastrophe von 1865 begann eine Bergungsaktion. Die bayerische Kreisregierung ordnete an, die Überreste der Glocken aus den Trümmern auszugraben. Erst nachdem die letzten Brandherde gelöscht waren, konnte das wertvolle Glockenmetall – das sogenannte „Erz“ – geborgen werden. Man lagerte es provisorisch im noch halbwegs intakten Kircheneingang. Doch die Sicherheitsvorkehrungen reichten nicht aus. Am Morgen des 18. Juni 1865 kam es zum Diebstahl des geschmolzenen Metalls. Zwei etwa 30-jährige Männer tauchten kurz darauf bei einem Eisenhändler in Immenstadt auf, um Beute zu verkaufen. Im Visier der Ermittler standen damals auswärtige Bauarbeiter, „Tiroler Maurer“ oder Italiener, die beim Wiederaufbau halfen. Doch die Suche nach den Dieben blieb erfolglos und der Fall wurde nie gelöst, wie Akten aus dem Jahr 1867 belegen. Der Markt Oberstdorf musste sich zwei Jahre lang intensiv mit der Justiz und dem Finanzamt (Rentamt) herumschlagen. Es war ein zäher Rechtsstreit, bis die Gemeinde endlich wieder über ihr eigenes Metall verfügen durfte, um ein neues Geläut gießen zu lassen.[5]
Nachdem die rechtlichen Hürden überwunden waren, ging es an die Umsetzung. Mehrere Gießer gaben Gebote ab, doch letztlich erhielt Theodor Wolfart aus Kempten den Zuschlag für den Guss der vier neuen Glocken. Die offizielle Genehmigung hierfür erteilte die Bürgerversammlung kurz vor Weihnachten 1865. Die Finanzierung erfolgte aus drei Quellen, der staatlichen Förderung, die Regierung steuerte einen Zuschuss von 1855 Gulden bei, durch die Auszahlung der Brandversicherung und dem geschickten Deal mit dem Glockengießer Wolfart. Er nahm das alte, geborgene Metall für 70 Gulden pro Zentner in Zahlung und verrechnete dies mit dem Neupreis. Damit waren die Kosten für die neuen Glocken und die Turmuhr vollständig gedeckt. Für den Wiederaufbau von Kirche und Turm wurden die Weichen gestellt, die Gemeinde vertraute auf Fachkräfte aus der Nachbarschaft. Die Meister Josef Blanz (Zimmermann) und Johann Kaufmann (Maurer) aus Hindelang übernahmen das Projekt. Um die Qualität zu garantieren, mussten sie eine Kaution von 3800 Gulden hinterlegen, eine Art Sicherheitsleistung, die sie erst nach erfolgreicher Abnahme inklusive Zinsen zurückerhielten. Der Wiederaufbau nahm im Sommer 1866 Fahrt auf. Das benötigte Bauholz für die Kirche und den Turm wurde direkt vor Ort in den Wäldern geschlagen. Am 28. September 1866 konnte das Richtfest für die Turmspitze gefeiert werden, als der Turmknopf und das Kreuz feierlich aufgesetzt wurden. Parallel dazu bereitete Glockengießer Wolfart den Guss vor und machte der Gemeinde ein außergewöhnliches Angebot. Er hatte Zugriff auf fünf ausgemusterte Kanonen erhalten. Das Militär stellte damals auf moderne Gussstahl-Kanonen um, wodurch die alten Bronzegeschütze überflüssig wurden. Wolfart versicherte der Gemeinde, dass chemische Analysen die höchste Qualität des Materials bestätigten – bestehend aus feinstem Kupfer und reinem englischen Zinn. Er reservierte dieses „Kanonen-Metall“ exklusiv für das neue Oberstdorfer Geläut. Trotz des Materialglücks gab es Verzögerungen bei der musikalischen Abstimmung. Der Glockengießer musste die Gemeinde mehrfach mahnen, sich endlich auf eine Tonfolge festzulegen. Am 21. März 1866 entschied man sich für eine h-Moll-Stimmung. Die Alternative (b-Moll) wäre zwar klanglich anders gewesen, hätte die Gemeindekasse aber zusätzlich 750 Gulden gekostet.[5] Pünktlich zum Jahresende kam die erlösende Nachricht: Am 13. Dezember 1866 teilte Meister Wolfart dem Gemeindevorsteher mit, dass der Guss perfekt gelungen war. In der Christnacht am 25. Dezember 1866 erklang das neue Geläut zum ersten Mal. Nach den Geschäftsbüchern der Glockengießerei Wolfart hatte die Große Glocke „H“ ein Gewicht von 2399 kg, die zweite Glocke in „d“ 1503 kg, die dritte Glocke in „fis“ gestimmt 1030 kg und die vierte Glocke „h“ 493 kg.[6]
Ein halbes Jahrhundert lang begleiteten die Wolfart-Glocken die Oberstdorfer bis in das Jahr 1917, als im Zuge des Ersten Weltkrieges ein folgenschwerer Ablieferungsbefehl den Markt erreichte. Das Metall wurde für die Rüstungsindustrie benötigt und musste als sogenannte „Metallspende" abgegeben werden. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die Glocken, die einst aus Kanonenbronze gegossen worden waren, nun wieder eingeschmolzen werden sollten, um erneut als Kriegswerkzeug zu dienen. Am 18. Juni 1917 wurden die drei kleineren Glocken, im Dorf liebevoll „Zwölfare“, „Bemmare“ und „Fuierglogge“ (Feuerglocke) genannt, aus dem Turm herabgelassen. Nur die große Glocke blieb einsam zurück. Doch der Verlust beschränkte sich nicht nur auf die Pfarrkirche: Auch die Nikolauskapelle sowie die Kapellen in Jauchen, Gerstruben und St. Loretto mussten jeweils eine Glocke abgeben. Die letzte Reise des Geläuts führte nach Kall in der Eifel. In der dortigen Bleihütte fand die prachtvolle Handwerkskunst ihr Ende und wurde zu Rohbronze umgeschmolzen. Ein kleiner Rest dieser Geschichte ist jedoch bis heute greifbar: Zwei der vier Engelsköpfe, die einst die Krone der „Zwölfare“ schmückten, blieben erhalten. Sie können heute im Heimatmuseum Oberstdorf besichtigt werden.[6]
Nach dem offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs litt Oberstdorf immer noch unter einer massiven Knappheit an Lebensmitteln und Rohstoffen. Doch trotz dieser Entbehrungen gab es bereits 1919 eine Gruppe engagierter Bürger, die nicht länger auf das Schweigen im Kirchturm hinnehmen wollten. Sie begannen bereits in diesem frühen Stadium mit den ersten Vorbereitungen, um ein neues Geläut zu beschaffen. Am 25. Februar 1922 wurde der Auftrag für eine neue, dreißig Zentner schwere Glocke vergeben. Sie sollte pünktlich zum Kirchweihfest das erste Mal erklingen. Unter den Bewerbern setzte sich Georg Wolfart aus Lauingen durch. Dass er den Zuschlag erhielt, lag nicht nur an seinem attraktiven Angebot – es war auch eine emotionale Entscheidung, denn Georg war der Sohn jenes Theodor Wolfart, der bereits 1866 das legendäre (und im Krieg verlorene) Geläut gegossen hatte. Materialengpässe, Streiks und die allgemeinen Unruhen der Epoche verzögerten das Projekt immer wieder, erst am 8. Dezember 1922 konnte die Glocke schließlich ausgeliefert werden. Während das Probeläuten im Dezember klanglich alle Erwartungen erfüllte, sorgte die Rechnung für einen Schock. Man hatte einen Preis von 90 Mark pro Kilogramm vereinbart. Wegen der galoppierenden Inflation wurde ein „Teuerungszuschlag“ von weiteren 90 Mark pro Kilo fällig. Am Ende wog die Glocke 1448 kg und schlug mit 267.252 Mark zu Buche. Am 27. Juni 1924 wurden die drei neuen „ehernen Stimmen“ feierlich geweiht und vervollständigten das Oberstdorfer Ensemble. Zur Abnahme kam Paul Kuen aus Sulzberg als einer der angesehensten Glockenprüfer seiner Zeit galt, er war voll des Lobes. Laut seinem Gutachten von Paul Kuen setzte sich das nun komplette Geläut wie folgt zusammen: erste Glocke c' mit einem Gewicht von 2399 kg aus dem Jahre 1866 und die zweite Glocke (1922) es′ mit 1448 kg. Die dritte Glocke, genannt Kriegerglocke, f′ (824 kg), die vierte Glocke g′ (568 kg) und die fünfte Glocke b′ (338 kg) waren 1924 gegossen worden.[6]
Die Geschichte wiederholte am 21. April 1942 sich auf tragische Weise. Die vier kleineren Glocken, die die Bürger Jahre zuvor unter großen persönlichen Opfern finanziert hatten, wurden abmontiert und der Rüstungsindustrie übergeben. Während der restlichen Kriegsjahre versuchte man, die Stille im Turm mit einer Ersatzglocke aus Stahl zu füllen. Doch der Versuch scheiterte am Klang: Ihre harte, blecherne Stimme wollte so gar nicht zur tiefen Melodie der verbliebenen großen Glocke passen. Dieser klangliche Missklang ist der Grund, warum diese Stahlglocke ein unbeachtetes Dasein in einer Ecke der Glockenstube fristet. Nach der Währungsreform stabilisierte sich die Wirtschaft und die Rohstoffknappheit gehörte endlich der Vergangenheit an. In bewährter Familientradition goss die Firma Kuhn-Wolfart aus Lauingen bereits in der dritten Generation für die Gemeinde. Den Anfang machte eine 16,6 Zentner schwere Glocke (gestimmt auf den Ton F), die am 25. September 1949 feierlich geweiht wurde. Der Abschluss folgte am 21. Mai 1950 wurden zwei weitere Glocken direkt auf dem Marktplatz geweiht, die größere Glocke wiegt stolze 1320 kg und die kleine Ergänzung 460 kg.[6]
Bis in das Jahr 2020 blieb eine Lücke im Glockenturm bestehen, doch Dank eines anonymen Spenders konnte die seit 1942 schmerzlich vermisste Friedensglocke gegossen und geweiht werden. Nach all den Wirren der Geschichte hat der Turm von St. Johannes Baptist damit seine volle Stimme zurückgewonnen. Den Ehrenplatz nimmt die große Glocke, der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht, ein. 1866 aus dem Schmelzmetall des großen Brandes gegossen ist sie die älteste und wertvollste im Turm. und, ist sie das klangliche Fundament der Pfarrei. Ihr zur Seite stehen die drei Glocken der Nachkriegszeit. Die Marienglocke trägt die Inschrift „Ave Maria“ und wurde als bleibendes Andenken an die Gefallenen der beiden Weltkriege gegossen. Die Johannesglocke ist etwas kleiner dimensioniert, ist sie dem Kirchenpatron Johannes dem Täufer gewidmet. Die Engelsglocke als kleinste im Bunde rundet sie das traditionelle Gefüge ab.[7]
Friedhof
Der historische Friedhof an der Kirche, auf dem seit 1951 keine Bestattungen mehr stattfinden, ist die letzte Ruhestätte vieler alteingesessener Oberstdorfer Familien. Den südlichen Abschluss zum Kurpark bildet der sogenannte „Ablass-Kreuzweg“. Dieser markante, offene Arkadenbogengang mit seinen sechs flachen Bögen beherbergt vierzehn Stationen des Kreuzwegs. Der Name rührt von der Tradition her, dass Gläubigen für das Gebet an diesem Ort früher ein Ablass, also ein Erlass zeitlicher Sühnestrafen, gewährt wurde.[8]
Seelenkapelle

Die im späten 15. Jahrhundert errichtete Seelenkapelle erhielt schon 1504 ein „Ewig Licht“, wurde später als Beinhaus genutzt und um 1550 als „Todten Capell“ bezeichnet. Besonders sehenswert sind die Wandmalereien und Nischenskulpturen an der Nordwand, die Mitte des 16. Jahrhunderts in der Renaissance mit Wandmalereien und Holzfiguren entstanden, das zentrale Gemälde gab Pfarrer Johannes Frey während des Dreißigjährigen Krieges in Auftrag. Als eines der wenigen Gebäude überstand die Kapelle den großen Brand von 1865. Heute findet man sie auf dem alten, aufgelassenen Friedhof westlich der Pfarrkirche, wo sie seit 1931 als Kriegergedächtniskapelle dient, bewacht von zwei markanten Soldatenfiguren des Künstlers Bernhard Bleeker. Somit dient die Kapelle als zentrales Mahnmal für die Opfer der Weltkriege. Vierzehn Gedenktafeln erinnern namentlich an die 289 Gefallenen und 87 Vermissten der Gemeinde. Im Zentrum des Innenraums steht die ausdrucksstarke Pietà, die Anfang der 1940er-Jahre von Hermine Goossens und Johanna Biehler geschaffen wurde. Sie zeigt Maria mit dem Leichnam Christi, begleitet von dem Schriftwort: „Sehet, ob Euer Schmerz dem meinen gleich sei“. Zudem wird hier Pater Rupert Mayer geehrt: Neben einer hölzernen Stele erinnert seit 1992 ein Standbild von Michael Vogler an den „Apostel Münchens“, der zu Lebzeiten mehrfach in Oberstdorf predigte. Die Nischen der Nordwand der Kapelle wurden in der Renaissance mit Wandmalereien und Holzfiguren gestaltet.[8]
Im unteren Teil der Wand wird das Gebet Jesu im Garten Getsemani thematisiert, während im Hintergrund bereits der Verrat durch Judas angedeutet ist. Flankiert wird diese Szene in markanten Stichbogennischen von den Kirchenpatronen Johannes der Täufer und der heiligen Agnes mit dem Lamm. Über dieser Darstellung thront die imposante, überlebensgroße Schnitzfigur des Erzengels Michael. In eine Dalmatik gekleidet, fungiert er hier als Seelenbegleiter und geleitet eine unter seinem Gewand Schutz suchende, betende Seele in den Himmel. Die seitlichen Fresken vervollständigen den Passionszyklus: Links ist die Bestechung des Judas durch den Hohepriester zu sehen, rechts das letzte Abendmahl.[9]
Literatur
- Werner Matthäus Schnell: Oberstdorf im Allgäu – Pfarrkirche St. Johannes Baptist und Kapellen. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2009, ISBN 978-3-89870-595-0, S. 1–25.