Staatsstreich vom 2. Dezember 1851
erfolgreicher Putsch von Louis Napoléon und Ende der Zweiten Französischen Republik
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Beim Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 löste der französische Staatspräsident Charles Louis Napoléon Bonaparte gewaltsam die Nationalversammlung auf[1] und ließ führende Oppositionspolitiker verhaften[2]. Am 4. Dezember kam es in Paris zu einem Aufstandsversuch unter der Beteiligung von Victor Hugo. Dieser wurde blutig niedergeschlagen, etwa 200 Menschen kamen ums Leben.

Nach der erfolgreichen Volksabstimmung vom 21. Dezember 1851 über eine neue Verfassung und dem Plebiszit vom 21. November 1852 über die Wiedereinführung des Kaisertums ließ sich Louis Napoléon am 2. Dezember 1852 (dem ersten Jahrestag des Staatsstreichs) unter dem Namen Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen ausrufen, was zum Ende der 1848 gegründeten Zweiten Französischen Republik und zum Beginn des Zweiten Kaiserreichs führte.
Im Mai 1852 veröffentlichte Karl Marx seine Analyse dieses Staatsstreichs unter dem Titel Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte.
Vorgeschichte
Die Julimonarchie unter König Louis-Philippe I. dauerte von 1830 bis 1848. Sie endete mit der Etablierung der Zweiten Französischen Republik nach der bürgerlichen Februarrevolution von 1848. Die Zweite Republik war ihrerseits nicht in der Lage, die schweren wirtschaftlichen Probleme zu lösen und sah sich einer Revolte ausgesetzt, als die Arbeiterschaft in Paris im Juniaufstand vom 22. bis zum 26. Juni 1848 gegen die Schließung der Nationalwerkstätten protestierte.
Motive für den Staatsstreich
Im Dezember 1848 wurde Louis Napoléon (der spätere Kaiser Napoleon III.) französischer Staatspräsident. Gemäß der damals gültigen Rechtslage konnte er bis zum Dezember 1852 im Amt verbleiben. Obwohl einem amtierenden Präsidenten verfassungsmäßig eine Wiederwahl untersagt war, strebte er eine zweite Amtszeit an. Um seine erneute Kandidatur zu ermöglichen, brachten die Bonapartisten am 31. Mai 1851 einen Antrag auf eine dementsprechende Änderung des Verfassungsartikels 45 ein, der dem Plan des Präsidenten im Weg stand. Im gleichen Sinn bearbeiteten sie landesweit durch Flugschriften die öffentliche Meinung. Mehr als 1,3 Millionen Wahlberechtigte unterschrieben eine Petition, dass Louis Napoléon durch eine Verfassungsänderung die Wiederkandidatur erlaubt werden sollte. Der Präsident selbst reiste quer durchs Land, um die Gewinnung der Bevölkerung für seine Absichten zu fördern. Demagogisch kritisierte er etwa in Dijon die Nationalversammlung, weil diese ihn immer wieder bei seinen Versuchen behindere, die Lage besonders der unteren Volksklassen zu verbessern.[3]
Auf der militärischen Ebene ließen die Bonapartisten neue Regimenter, auf deren Ergebenheit zu zählen war, nach Paris verlegen. Zahlreiche Beamte, die den Legitimisten und Orléanisten nahestanden, wurden entlassen und durch bonapartistische ersetzt. Förderlich für die Pläne Louis Napoléons war die Uneinigkeit der Legitimisten und Orléanisten, ihre Parteien auf der parlamentarischen Ebene zu vereinen. So fand die Aufstellung des Prinzen Joinville als Kandidat für die im März 1852 anstehende Neuwahl des Präsidenten bei den Legitimisten keine Unterstützung.[4]
Erst nach sechs Wochen begannen am 14. Juli 1851 die Verhandlungen der Nationalversammlung über den Antrag für die vom Präsidenten gewünschte Verfassungsänderung. Bei der Abstimmung am 19. Juli sprach sich eine Majorität von 446 Abgeordneten für den Antrag aus, während 278 dagegen votierten. Dennoch war der Antrag damit gescheitert, weil für seine Annahme eine Dreiviertelmehrheit nötig gewesen wäre. Die Gegenstimmen kamen von Monarchisten, die auf die Wahrung der Chancen für die Restauration des Bourbonen-Königtums bedacht waren, und von linken Republikanern, die nach der unbedingten Beibehaltung der republikanischen Staatsform strebten.[5]
Louis Napoléon gelangte nun endgültig zur Überzeugung, dass ihm nur noch der schon seit Längerem angeratene Staatsstreich eine Verlängerung seiner Amtszeit ermöglichen würde. Gegenüber seinem Halbbruder Charles de Morny, der ihm Anfang August 1851 einen Putsch empfahl, äußerte der Präsident, dass er dessen Meinung teile und ernstlich darüber nachdenke. Allerdings hatte er sich noch nicht entschieden, wann er losschlagen sollte.[5][6]
Vorbereitungen
Im August 1851 begab sich die Nationalversammlung in die bis zum 4. November dauernden Parlamentsferien, ließ aber zu ihrer Vertretung eine Permanenzkommission in Paris zurück, damit sie im Fall eines Staatsstreichs rasch handeln konnte. Am 20. August weihte Louis Napoléon seine engsten Getreuen in seine Absichten zur Durchführung des Staatsstreichs ein. Ebenso wie Morny riet auch der General Saint-Arnaud, dessen Karriere durch den Präsidenten sehr gefördert wurde, den ursprünglich für den 17. September geplanten Putsch zu verschieben, bis alle Abgeordneten wieder nach Paris zurückgekehrt waren. Solange die Parlamentarier nämlich in ihren heimatlichen Départements weilten, war es ihnen leichter möglich, massiven Widerstand zu organisieren. Wenn sie wieder alle in Paris versammelt waren, konnten sie durch Androhung von Militärgewalt eingeschüchtert und ihre wichtigsten Anführer verhaftet werden. Zur Realisierung dieses Plans war für die Bonapartisten die Kontrolle der militärischen Befehlskette notwendig.[7][6]
Eine von Louis Napoléon, der sich seit einiger Zeit Prinz-Präsident nennen ließ, im Oktober 1851 – noch vor dem Ende der Parlamentsferien – veranlasste Kabinettsumbildung trug den genannten Überlegungen Rechnung. Dabei war vor allem die Ernennung Saint-Arnauds zum Kriegsminister von Bedeutung. In seiner Rede am 4. November anlässlich der Eröffnung der neuen Sitzungsperiode kündigte der Präsident an, eine Verfassungsänderung zur Wiedereinführung des uneingeschränkten allgemeinen Männerwahlrechts zu beantragen. Dieses wäre ein geeignetes Instrument zur Bekämpfung der tiefen Wirtschaftskrise und steigenden Armut der unteren Volksschichten. Mit diesem Schachzug hoffte Louis Napoléon seine Popularität zu erhöhen und zudem drohte er hierdurch den Abgeordneten indirekt, dass er im Fall der Ablehnung seines Antrags putschen würde.[7][6]
Zur Begegnung dieser Gefahr regte Adolphe Thiers an, einen Gesetzesentwurf einzubringen, der es dem Präsidenten der Nationalversammlung erlauben sollte, ohne Einwilligung des Kriegsministers eine eigene Parlamentstruppe aufzustellen. Diese Militäreinheit wäre verpflichtet gewesen, nur Befehlen der sog. Quästoren – d. h. Vertrauensleuten der Nationalversammlung – Folge zu leisten. Louis Napoléon war entschlossen, im Fall der Annahme dieses Antrags sofort den Staatsstreich durchzuführen. Als eigene Machtdemonstration lud er etwa 2000 Offiziere, darunter 9 Generäle, in den Élysée-Palast, die dem Präsidenten ihre Ergebenheit versicherten. Am 13. November 1851 wurde die Wiederherstellung des allgemeinen Männerstimmrechts mit einer geringen Mehrheit von 355 gegen 348 Stimmen verworfen. Für den Antrag hatten neben den Bonapartisten auch Abgeordnete der republikanischen Linken votiert. Am 18. November lehnten wiederum die Abgeordneten den Antrag bezüglich des Rechts des Präsidenten der Nationalversammlung zur Aufstellung einer bewaffneten Macht mit einer Majorität von 408 gegen 300 Stimmen ab. Dabei hatten erneut die Bonapartisten mit den linken Republikanern zusammengewirkt.[8][9]
Trotz dieses für ihn erfolgreichen Votums blieb Louis Napoléon bei seinen Putschabsichten und setzte mit seinen engsten Mitstreitern den 2. Dezember 1851 als Datum des Staatsstreichs fest. Es war der Jahrestag der Kaiserkrönung Napoleons 1804 und seines Siegs in der Schlacht von Austerlitz im Jahr 1805. Als Deckname für den geplanten Putsch wurde „Übergang über den Rubikon“ gewählt. Zu den wenigen Mitwissern gehörte neben Morny und dem Kriegsminister Saint-Arnaud u. a. der vom Präsidenten zum Polizeipräfekten von Paris ernannte Charlemagne-Émile de Maupas. Zur Sicherstellung des Erfolgs des Coups waren zwei solche Vertrauensleute an der Spitze von Militär und Polizei notwendig. Vorbeugend sollten die bedeutendsten Gegner am frühen Morgen des Putschtags im neueröffneten Gefängnis Mazas inhaftiert werden. Für die Bewerkstelligung dieser Maßnahme waren vom Präfekten Maupas ausgewählte kleine, zuverlässige Polizeieinheiten vorgesehen. Schlüsselpunkte in Paris wie das Palais Bourbon, das Rathaus und die Brücken über die Seine sollten vom Heer rasch besetzt werden. Von diesen Maßnahmen erhofften sich die Putschisten die sofortige Unterdrückung jeglichen Widerstands. Als Befehlshaber der Pariser Garnison fungierte der General Bernard-Pierre Magnan.[10] In den letzten Novembertagen 1851 musterte Louis Napoléon täglich Teile der Pariser Armee und sorgte für ihre reichliche Bewirtung. Am 30. November wurde ein entschiedener Bonapartist, der General Anatole de la Woestine, zum Kommandanten der Nationalgarde ernannt.[9]
Durchführung des Staatsstreichs

Um Mitternacht vom 1. auf den 2. Dezember 1851 versammelten sich die in den intendierten Putsch eingeweihten Personen im Arbeitszimmer von Louis Napoléon und erhielten von diesem u. a. Texte für Proklamationen ausgehändigt, die während der Nacht zu drucken und quer in Paris zu plakatieren waren. Der Inhalt dieser Schreiben war u. a. die Verkündigung der Auflösung der Nationalversammlung, der Wiedereinführung des allgemeinen Männerwahlrechts sowie eines anschließenden Plebiszits über Frankreichs Zukunft. Nach dem Treffen begab sich der Präsident zur Nachtruhe, Maupas hingegen ins Polizeipräsidium, um hier die Berichte seiner Sonderkommandos entgegenzunehmen.[11]
Um 4 Uhr morgens besetzten die Truppen das Palais Bourbon, Sitz der Nationalversammlung, und versperrten den Zugang. Polizeiagenten verhafteten etwa 60 Volksvertreter, darunter Nicolas Changarnier, Louis-Eugène Cavaignac, Marie-Alphonse Bedeau und Adolphe Thiers.[9] Viele der betroffenen Abgeordneten leisteten keinen Widerstand. So ergab sich Thiers nach einem Wortgefecht und verlangte nur im Polizeipräsidium einen Milchkaffee. Changarnier ließ sich nach kurzem Widerstand ebenfalls festnehmen und richtete dem Präsidenten ironisch seine Glückswünsche aus.[12]
Louis Napoléon verließ um 10 Uhr das Élysée, begab sich in Begleitung zahlreicher Offiziere in den Hof des Tuilerien-Palasts und erließ vier Proklamationen. In ihnen wurde der Staatsstreich als zur Rettung Frankreichs notwendig dargestellt, das allgemeine Männerwahlrecht wiederhergestellt, das Volk zum späteren Votum für oder gegen das Verfahren des Präsidenten aufgefordert, die Soldaten zur Treue gegen den Präsidenten ermahnt und Paris in Belagerungszustand erklärt.[9]
Ab 8 Uhr hatte sich aber bereits parlamentarischer Widerstand geregt. Abgeordnete waren beim Palais Bourbon erschienen, das von Truppen umzingelt war. Einige von ihnen konnten dennoch in den Sitzungssaal eindringen. Der Präsident der Nationalversammlung, André Dupin, beugte sich der Militärgewalt, wurde von Soldaten nach Hause begleitet und zwei Tage lang bewacht. Die anderen Abgeordneten versuchten zu jenen Volksvertretern zu gelangen, die sich in den Häusern von Odilon Barrot und dem Vizepräsidenten der Nationalversammlung, Napoléon Daru, trafen. Von dort vertrieben begaben sich circa 300 Abgeordnete in die Mairie des 10. Pariser Arrondissements. Hier fassten sie einen Beschluss, wobei sie sich auf den Artikel 68 der damaligen französischen Verfassung stützten. Dieser besagte, dass jede Maßnahme, durch die der Staatspräsident die Nationalversammlung auflöst oder an der Ausübung ihres Mandats hindert, Hochverrat darstellt und dass der Präsident durch diesen Akt seines Amtes verlustig geht. Dementsprechend votierten die Volksvertreter einstimmig für die Absetzung und Anklage Louis Napoléons. Sie wollten mit Unterstützung loyaler Militärs wie dem General Oudinot gegen die Putschisten vorgehen. Bald erschienen jedoch Soldaten und verhafteten rund 220 der Abgeordneten.[13][14]
Odilon Barrot, Alexis de Tocqueville und andere oppositionelle Politiker mussten die folgende Nacht auf dem kalten Kasernenboden schlafen; viele von ihnen wurden nicht viel später gegen Auflagen wieder freigelassen. Louis Napoléon blieb dem abendlichen Empfang im Außenministerium unentschuldigt fern, nach Vermutung des österreichischen Botschafters Alexander Graf von Hübner wegen einer Migräne.[12]
Am 3. Dezember 1851 gründeten die noch nicht inhaftierten Abgeordneten der Linken ein Widerstandskomitee und versuchten die Bewohner jener Pariser Stadtteile, die ihre Hochburgen waren, zu Revolten anzustiften. Ihr Aufruf stieß auf geringes Echo. Im Faubourg Saint-Antoine wurden einzelne Barrikaden errichtet. Am 4. Dezember plädierten die Militärführer auf die Herbeiführung einer raschen Entscheidung. Auf Befehl von Magnan räumte das Heer die Innenstadt, sodass sich dort der Aufstand ausbreiten konnte. Anschließend attackierten die Soldaten energisch die rebellierenden Arbeiter bei den von diesen erbauten Barrikaden und errangen in der ganzen Stadt einen raschen Sieg. Auf dem Rückweg in die Unterkünfte schossen alkoholisierte Militärs auf der Höhe eines alten Boulevards in eine Menge Schaulustiger. Über 100 Tote und viele Verwundete waren zu beklagen. Auf die Nachricht von dieser Metzelei brachen in verschiedenen französischen Départements Unruhen aus. Vor allem im Südosten des Landes kam es zu Revolten. So besetzten aufgebrachte Bauern tagelang die Stadt Digne, Sitz der Präfektur des Départements Alpes-Maritimes. Die Streitkräfte gingen jedoch entschlossen gegen den unkoordinierten Widerstand der verschiedenen Zentren der Rebellen vor und schlugen den Aufstand in etwa einwöchigen Kämpfen nieder.[15]
Folgen
Repressionsmaßnahmen
Der österreichische Botschafter in Frankreich, Graf Hübner, kommentierte den gewaltsamen Ablauf des Staatsstreichs in seinem Tagebuch mit der Feststellung, dass Louis Napoléon 1851 durch die Armee Meister Frankreichs geworden sei, während in der Julirevolution von 1830 die Bourgeoisie und in der Februarrevolution 1848 das Volk gesiegt habe.[16] Im Gegensatz zu früheren Unterdrückungsakten waren nun in ganz Frankreich Mitglieder aller Gesellschaftsklassen, die Kritik am neuen Regime übten, von strenger Bestrafung betroffen. Etwa 27.000 politische Häftlinge waren noch Monate nach dem Putsch unter desaströsen Verhältnissen eingekerkert. Zahlreiche dieser Gefängnisinsassen waren aufgrund eines vagen Verdachts oder Anklagen von Denunzianten festgenommen worden. Oft verloren sie auch ihr Vermögen und Ansehen. Die Polizei und Gerichte gingen aber nicht allerorts systematisch und mit der gleichen Härte bei ihren Repressionsmaßnahmen vor.[17]
Die Repressionswelle beruhte auf einem am 8. Dezember 1851 verkündeten Dekret, das den am Tag des Staatsstreichs verhängten Ausnahmezustand verlängerte. Auf Basis dieses Erlasses konnten unliebsame Personen ins Exil nach Cayenne oder Algerien gesandt werden. 218 inhaftierte oppositionelle Abgeordnete, die Widerstand gegen die Durchführung des Staatsstreichs geleistet hatten, wurden meist relativ mild behandelt. Viele von ihnen kamen bald wieder frei; manche von ihnen wie Victor Hugo und Adolphe Thiers wurden verbannt. Die Militärs unter den Deputierten wie Lamoricière galten als gefährlich und mussten alle – mit Ausnahme von Cavaignac – ins Exil gehen. In Paris waren bis zum 4. Dezember 1851 mehr als 2000 Aufständische verhaftet worden, und viele weitere Revoltierende kamen noch ins Gefängnis. Eine Reihe dieser Personen wurde standrechtlich erschossen. Noch härter verfuhren die staatlichen Organe der Repression in den ersten Wochen nach dem Umsturz der bisherigen Ordnung bei der Bekämpfung republikanischer Umtriebe in den Départements. Sondertribunale (sog. Commissions mixtes), deren Mitglieder jeweils ein Richter, ein General und ein Präfekt waren, wurden in allen Départements eingerichtet. Sie waren im Februar und März 1852 tätig und ordneten u. a. die Deportation von fast 10.000 Personen nach Cayenne oder Algerien an. Unter katastrophalen Bedingungen schmachteten die Verurteilten in Brest oder Toulon, wo sie auf ihre Verschiffung nach ihrem Verbannungsort warteten. Durch diese Vorgänge entwickelte sich Frankreich von einem Rechtsstaat zurück in einen Zustand der Willkürherrschaft. Zumindest versuchte Louis Napoléon, die Härte der Repressionsmaßnahmen abzumildern.[18]
Plebiszit zur Verfassungsfrage
Louis Napoléon konnte die von ihm angestrebte Unterstützung seiner Staatsmacht durch die anderen Parteien wegen des gewalttätigen Verlaufs des Umsturzes nicht gewinnen. Im Unterschied zu seinem Onkel Napoleon Bonaparte, dessen Putsch unblutig vonstattengegangen war, entfremdete er sich dauerhaft den Republikanern und Liberalen. Dazu trug auch bei, dass er von seiner ursprünglichen Absicht, eine schnelle und umfassende Amnestie zu gewähren, wieder abgebracht wurde.[19]
Verschiedene Maßnahmen Louis Napoléons deuteten auf die Wiedereinführung eines strafferen Militärregiments, wie unter dem Kaiserreich. So wurde die Zentralverwaltung des Innenministeriums durch ein Dekret vom 15. Dezember 1851 ganz im Sinn jener Zeit umgestaltet. Die Generäle Vaillant und Harispe wurden zu Marschällen von Frankreich ernannt.[9]
Nach der Wiederinkraftsetzung des allgemeinen Männerwahlrechts fand am 21. und 22. Dezember 1851 ein Plebiszit über die Frage statt, ob das französische Volk Louis Napoléon die nötigen Machtbefugnisse zum Entwurf einer neuen Verfassung erteilt, die den von ihm am 2. Dezember proklamierten Prinzipien entspricht. Die Fragestellung ließ Louis Napoléon im Fall der Zustimmung großen Spielraum zur Ausgestaltung des Inhalts der Verfassung, da in der Proklamation nur einige ihrer Leitlinien aufgezählt wurden. Zu diesen gehörte u. a. die Bestimmung, dass der Staatspräsident direkt vom Volk gewählt werden und seine Amtsdauer zehn Jahre betragen solle. Alle Männer über 21 Jahren waren zur Teilnahme am Plebiszit berechtigt.[20] Das am 31. Dezember 1851 publizierte Ergebnis der Volksabstimmung besagte, dass von 8.165.630 abgegebenen Stimmen 7.481.231 die gestellte Frage bejahten, 647.292 sie verneinten und 37.107 Voten ungültig waren. Damit hatten 92 % der Teilnehmer am Plebiszit Louis Napoléon die Vollmacht erteilt, eine ihm genehme Verfassung ausarbeiten zu lassen. 18,4 % der Wahlberechtigten waren der Abstimmung ferngeblieben.[9]
Übergang zum Kaiserreich
Den auswärtigen Mächten war die Verlängerung der Präsidentschaft Louis Napoléons durchaus erwünscht und von ihnen gefördert worden. Er wurde als Hort einer stabilen öffentlichen Ordnung betrachtet. Der österreichische Botschafter Graf von Hübner, ein überzeugter Monarchist, notierte Ende 1851 befriedigt in seinem Tagebuch, dass der Staatsstreich des Präsidenten den Untergang des Parlamentarismus in Frankreich bewirkt habe; und dies würde sich auch im politischen System Deutschlands bemerkbar machen, wodurch viel gewonnen sei. Der britische Außenminister Henry Temple, 3. Viscount Palmerston sprach ebenfalls seine Billigung des Staatsstreichs aus. Er rechnete mit der anhaltenden Freundschaft Frankreichs, wenn es von Louis Napoléon regierte würde, um gemeinsam die Machtposition Russlands im Orient zu beseitigen.[21][22]
Die große Zustimmung der französischen Wähler für eine neue Verfassung konnte Louis Napoléon auch im weitergehenderen Sinn als Blankovollmacht für ein von ihm zu schaffendes neues politisches System interpretieren. Die von einer kleinen Kommission ausgearbeitete neue Verfassung trat am 15. Januar 1852 in Kraft.[23] Der Name Republik wurde beibehalten und Louis Napoléon ihr Präsident auf zehn Jahre; er sollte mittels seiner Minister, des Senats und Gesetzgebenden Körpers (Corps législatif) mit allen Prärogativen eines Monarchen regieren. Die Mitglieder des Staatsrats wurden gemäß dieser Verfassung vom Präsidenten ernannt und waren absetzbar, wie die Minister, die im Staatsrat Sitz und Stimme hatten. Die höchstens 150 Senatoren wurden ebenfalls vom Präsidenten ernannt und die Abgeordneten des Gesetzgebenden Körpers nach dem allgemeinen Männerstimmrecht auf zehn Jahre gewählt.[22]
Der Präsident besaß die gesamte Exekutivmacht; alle Beamten und Abgeordneten mussten einen Treueeid auf ihn ablegen. Die Zahl der Abgeordneten der Legislative wurde von 750 auf zunächst 261 herabgesetzt. Das ländliche Stimmvolk war den Bonapartisten wegen seines politischen Analphabetismus deutlich genehmer als die kritischere urbane Bevölkerung. Unter anderem aufgrund neu zugeschnittener Wahlbezirke errangen die von der Regierung vorgeschlagenen Kandidaten bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper Ende Februar 1852 eine deutliche Mehrheit. Das neue Parlament hatte eingeschränkte Funktionen und stellte im Gegensatz zur vorigen aufgelösten Nationalversammlung kein Gegengenwicht zur Macht des Präsidenten dar. Monarchisten, Republikaner, Liberale und viele Intellektuelle empfanden das bald imperialistische Züge annehmende politische System Louis Napoléons als rückschrittlichen Anachronismus.[24][25]
Zur Festigung seiner Stellung gegenüber den Orléanisten ordnete Louis Napoléon durch zwei Dekrete im Januar 1852 die Konfiskation der Privatgüter des Hauses Orléans an. Diese Maßnahme stieß auf den starken Widerstand einiger seiner Minister, die sich aus Dankbarkeit dem früheren Herrschergeschlecht verpflichtet fühlten. Aus Empörung traten einige Minister, unter anderem sein Halbbruder Morny, zurück. Auch dies kam dem Präsidenten gelegen, da vor allem Morny eine sehr eigenständige Haltung gegenüber ihm eingenommen hatte, während Louis Napoléon willfährige Vertrauensleute brauchte, um sein neues Regime schnell zu konsolidieren.[26]
Louis Napoléon zog vom Elysée in den Tuilerien-Palast um. Bei Bällen und Festen wurde wieder die alte Hofetikette eingeführt. Ein am 16. Februar 1852 erlassenes Dekret erklärte den 15. August, den Geburtstag Napoleons I., zum Nationalfeiertag. Das Zivilgesetzbuch erhielt wieder den Namen Code Napoléon. Die Devise Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (französisch Liberté, Égalité, Fraternité), eine wichtige Parole der Französischen Revolution von 1789, wurde von allen öffentlichen Gebäuden entfernt. Am 21. November 1852 sollten alle Männer ab 21 Jahren in einem zweiten Plebiszit über die Wiedereinführung des Kaisertums abstimmen. Fast 8 Millionen Wähler befürworteten dieses Ansinnen Louis Napoléons, während etwa 254.000 Franzosen es ablehnten. Allerdings gab es auch über 2 Millionen Enthaltungen. Trotzdem stand angesichts dieser Zustimmungsrate der am 2. Dezember 1852 erfolgten Proklamation des Zweiten Kaiserreichs nichts mehr im Wege.[27]
Literatur
- Friedrich Heinrich Geffcken: Der Staatsstreich vom 2. December 1851 und seine Rückwirkung auf Europa. Leipzig 1870.
- Eugen Tenot: Paris im December 1851 Hist. Studie über d. Staatsstreich. Deutsch von Arnold Ruge. Leipzig und Heidelberg 1869.
- Versuch einer Darstellung neuester Geschichte 1815–1871: 1848–1863, Band 17. Oberhausen und Leipzig 1875. Seite 118 f.
- Briefe deutscher Bettelpatrioten an Louis Bonaparte. Braunschweig 1873. S. 32 f.
- Johannes Willms: Napoleon III. Frankreichs letzter Kaiser. 2. Auflage, C.H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-67166-1, S. 100–106.
- Klaus Deinet: Napoleon III. Frankreichs Weg in die Moderne. Kohlhammer, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-17-031852-6, S. 106–113.