Stadtpfarrei
im Mittelalter entstandener Typus der Pfarrei in urbanen Gebieten
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Die Stadtpfarrei ist ein im Mittelalter entstandener Typus der Pfarrei in urbanen Gebieten, die sich historisch in ihrer Gestaltung, Finanzierung und Bedeutung von anderen Formen der Pfarreien wie Dorf- bzw. Landpfarrei oder Kloster- und Stiftspfarrei unterschied.[1]
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Anfänge

Eine der ältesten Stadtpfarreinteilungen in Deutschland ist für die Stadt Worms unter Bischof Burchard aus dem frühen 11. Jahrhundert belegt.[2] Im Zuge der Stadtentwicklung begann im frühen 12. Jahrhundert eine zunehmende Ausbildung der kirchlichen Versorgung im städtischen Raum, wobei die Organisation und rechtliche Stellung der neuen Pfarreien lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt sein konnte. In Dekretalen wurde häufig keine theoretische Differenzierung zwischen Landpfarrei und Stadtpfarrei vorgenommen. Für die Zuordnung der Pfarreingesessenen und die Einkünfte der Pfarreien war der Unterschied zwischen beiden Formen jedoch erheblich. In Landpfarreien bestand weitgehend eine stabile Einheit von Pfarrei, Sprengel und Zentbezirk, mit festen Einkünften aus dem Pfarrgut (dos), während Stadtpfarreien vor allem auf Oblationen zur Finanzierung angewiesen waren. Auch war es in den Städten oft möglich, kirchliche „Dienstleistungen“ wie Beichte, Taufe oder Bestattung, die mit Stolgebühren verbunden waren, in verschiedenen Pfarreien zu erhalten. Die eindeutige Zuordnung der Oblationen gilt als wichtige Motivation des auf dem Vierten Laterankonzil beschlossenen Pfarrzwangs.[3] Die Art der Einnahmen einer Pfarrei hatte Auswirkungen auf die Tätigkeit der zugeordneten Pfarrer. Dorfpfarrer waren häufig auch als Landwirte und Gutsverwalter der Pfarrländereien tätig, während für Stadtpfarrer ihre Einnahmen durch pastorale Versorgung und Zusammenarbeit mit den Stadtherren vorrangig waren. In Landpfarreien wurde der Pfarrer auch stärker als weltlicher Nachbar wahrgenommen; Schriften aus dem 15. Jahrhundert beklagen, dass die Bauern den Pfarrer als Dorfgenossen betrachten würden, weil er in einem Bauernhaus wohne und daher seinen herausgehobenen Charakter als Kleriker ignorierten.[4]
Stadtpfarreien waren dabei selbst in Reichsstädten manchmal bis ins späte Mittelalter rechtlich und wirtschaftlich von auswärtigen Dorfpfarreien abhängig oder lagen teilweise sogar außerhalb der wachsenden Stadt. So waren beispielsweise die »Stadtkirchen«, Sankt Lorenz und Sankt Sebald in Nürnberg auch lange nach Aufblühen der Stadt um die Reichsburg noch auswärtigen Pfarreien untergeordnet, was sich nur langsam umkehrte. In Stralsund waren Stadtkirchen im 14. Jahrhundert kirchenrechtlich nur Kapellen, während die volle pastorale Betreuung einer Landpfarrei oblag.[5] Ein möglicher Ursprung der Redewendung „Die Kirche im Dorf lassen“ geht darauf zurück, dass die Dorfpfarreien ihre kirchliche Autorität nicht an die wachsenden Städte abgeben wollten.[6]

Der Wunsch der Städte, die Verwaltung des Kirchenvermögens und die Vergabe der Pfründe an der Pfarrkirche und den ihr unterstellten Kapellen möglichst weitgehend unter die eigene Kontrolle zu bringen, spielte eine wichtige Rolle für den Bau der großen Stadtkirchen. Dabei war vor allem der Erwerb des vollen Kirchenpatronats von Bedeutung, da die Patronatsrechte auf die Stiftung der Pfarre durch den gründenden Stadtherren oder einen adeligen Territorialherren zurückgingen. Der fundator ließ nicht nur die Kirche selbst erbauen, sondern stiftete auch den Grundbesitz, aus dessen Erträgen die Kirche erhalten und der Pfarrer bezahlt werden konnte, wobei Oblationen, Stolgebühren, Ablass und Schenkungen hinzukamen. Ein Anteil des überschüssigen Gewinns ging an den zuständigen Diözesanbischof, der größte Teil stand jedoch dem Patronatsherrn zu.[7]
Literatur
- Bernd-Ulrich Hergemöller: Die hansischen Stadtpfarreien um 1300. In: Civitatum Communitas. Studien zum europäischen Städtewesen. Festschrift für Heinz Stoob, Hrsg. Helmut Jäger/Franz etri/Heinz Quirin, Städteforschung A 21, Köln-Wien 1984, S. 266–280
- Bernd-Ulrich Hergemöller: Pfarreien im mittelalterlichen Hanseraum – Entwurf einer Typologie. In: La parrocchia nel medio evo. Economia, scambi, solidarietà, a cura di Agostino Paravicini Bagliani e Véronique Pasche. Italia Sacra 53, Rom, 1995, S. 121–149.