Stephan Poglayen-Neuwall
Kunsthistoriker
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Stephan Poglayen-Neuwall, auch Stefan Poglayen-Neuwall, eigentlich Stephan Poglayen, (geboren am 25. Dezember 1888 Pola, Istrien; gestorben am 15. März 1951 in Zürich) war ein italienisch-österreichischer Kunsthistoriker.
Leben
Poglayen war ein Sohn des italienischen Marineoffiziers Arthur Poglayen (4. März 1850 – 28. Dezember 1890) und dessen Frau Gabriele (geborene Freiin von Neuwall; April 1853 – 10. Februar 1889) und wurde im Januar 1889 römisch-katholisch getauft. Bereits im Alter von drei Jahren hatte er beide Eltern verloren und wurde von seiner Tante Henriette Freiin von Neuwall (1835–1906) aufgenommen und adoptiert. Er studierte nach Abschluss der Schulausbildung Kunstgeschichte an der Universität Wien und wurde mit seiner Dissertation Ein altchristlicher Hochzeitsschrein aus dem Silberschatz vom Esquilin 1913 zum Doktor promoviert. Er verfasste Beiträge für unterschiedliche Kunstzeitschriften in Deutschland, Italien und Österreich. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm er die italienische Staatsbürgerschaft an und erhielt am 3. August 1926 zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft. Poglayen-Neuwall war Mitglied der Archäologischen Gesellschaft zu Berlin und ab 1931 bis zum 1. Mai 1938 als Autor für die deutsche Zeitschrift Die Weltkunst in Österreich tätig.
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich befürchtete Poglayen-Neuwall aufgrund seiner Abstammung von jüdischen Großeltern, dass sein Besitz und sein Vermögen beschlagnahmt werden könnte. Er löste seinen Wohnsitz in Wien auf und bot im Dezember 1938 Karl Wagner (1881–1958), dem Direktor des Historischen Museums der Stadt Wien, seine Schlafzimmermöbel aus der Zeit des Biedermeiers zum Erwerb für das Museum an. Er musste die Möbel zu einem unangemessen niedrigen Preis verkaufen und begab sich im April 1939 nach Italien, kehrte jedoch mehrmals nach Wien zurück. Vor seiner Abreise verkaufte er dem Staatlichen Kunstgewerbemuseum (später Museum für angewandte Kunst) zwei Bilderrahmen. Er arbeitete in Rom als Sprachlehrer und Übersetzer, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Poglayen-Neuwall im Mai 1947 zurück nach Österreich und lebte ab dem 28. Dezember 1948 in Wien. Er versuchte über den Kulturstadtrat Viktor Matejka eine Entschädigung für die unter Wert verkauften Möbel zu erlangen, was jedoch an der Aussage Karl Wagners scheiterte, der weiterhin als Direktor des Historischen Museums tätig war. Erst im Jahr 2003 wurden die Möbel im Zuge der systematischen Provenienzforschung im Wien Museum mit Beschluss der Wiener Restitutionskommission an den Rechtsnachfolger Poglayen-Neuwall zurückgegeben. Auch die beiden Bilderrahmen und weitere Gegenstände wurden 2012 als unrechtmäßig oder unter Zwang erworben beurteilt:
„Stephan Poglayen-Neuwall ist nach der Rechtsprechung der Rückstellungskommissionen trotz italienischer Staatsangehörigkeit und seiner Flucht ins Ausland dem Kreis der verfolgten Personen zuzurechnen […] Die von ihm vorgenommenen Verkäufe sind daher grundsätzlich als Entziehungen zu beurteilen, auch wenn die Initiative zum Verkauf von ihm ausgegangen wäre und er einen angemessenen Preis erhalten hätte.“[1]
Familie
Poglayen-Neuwall war seit dem 4. September 1920 mit der Kinderärztin Gabriele Ella (geborene Brüll; * 24. Februar 1893) verheiratet, einer Tochter von Moriz Brüll und dessen Frau Ernestine. Die Ehe wurde im März 1927 geschieden.
- Heinz Ivo Poglayen-Neuwall (16. Januar 1921 – 19. März 2003), Zoologe, ⚭ 9. August 1950 mit der Zoologin Ingeborg Maria (geborene Nedwed).[2]
Sein Großvater mütterlicherseits Albert Sebastian Freiherr von Neuwall (* 6. November 1807 – 1870) war im Alter von zwölf Jahren vom Judentum zum Christentum übergetreten. Die Familie hatte ihren Namen Leidesdorfer 1817 abgelegt und nannte sich seither nur noch unter dem Adelsprädikat von Neuwall. Der Jurist und Abgeordnete Leopold von Neuwall (1810–1867) war sein Onkel.
Publikationen (Auswahl)
- Das Wunder der Brot- und Fischvermehrung in der altchristlichen Kunst. In: Monatshefte für Kunstwissenschaft. Band 1. Klinkhardt & Biermann, Leipzig 1920, S. 98–107 (Textarchiv – Internet Archive).
- Ein heidnisches Elfenbeinrelief des Triestiner Museo di Storia et Arte im Spiegel der spätantiken Kunst Ägyptens. In: Monatshefte für Kunstwissenschaft. Band 2. Klinkhardt & Biermann, Leipzig 1921, S. 174–180 (Textarchiv – Internet Archive).
- Der Miniaturmaler G. D. Bossi. In: Der Cicerone. Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers. 18. Jahrgang, Heft 7, 1926, S. 209–215 (Textarchiv – Internet Archive).
- Ein wiederaufgetauchtes Frühwerk Tizians? In: Der Cicerone. Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers. 21. Jahrgang, Heft 19. Klinkhardt & Biermann, Leipzig 1927, S. 591–596 (Textarchiv – Internet Archive).
- Über die ursprünglichen Besitzer des spätantiken Silberfundes vom Esquilin und seine Datierung. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 45, 1930, S. 125–136.
- Deutsche Bilder in römischen Galerien. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft. Band 7, 1940, S. 249–259.
Literatur
- Martin Dennert: Poglayen-Neuwall, Stephan. In: Stefan Heid, Martin Dennert (Hrsg.): Personenlexikon zur Christlichen Archäologie. Forscher und Persönlichkeiten vom 16. bis zum 21. Jahrhundert. Band 2: K–Z. Schnell & Steiner, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7954-2620-0, S. 1028–1029.
- Stefan Kurz: Der Kunsthistoriker Stephan Poglayen-Neuwall und das Heeresmuseum. In: Viribus Unitis. Jahresbericht 2023 des Heeresgeschichtlichen Museums. Wien 2024, S. 9–22 (hgm.at PDF).
Weblinks
- Gerhard Milchram: Poglayen-Neuwall, Stefan. In: Lexikon Provenienzforschung. 2. April 2020 (lexikon-provenienzforschung.org).
- Heeresgeschichtliches Museum Wien: Die Verfolgung der österreischischen Jüd:innen – Der Restitutionsfall Stephan Poglayen-Neuwall. 7. November 2024 (hgm.at).