Stratokles
athenischer Politiker
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Stratokles (altgriechisch Στρατοκλῆς Stratoklés, geboren bald nach 356 v. Chr.; gestorben nach 292 v. Chr.) war ein athenischer Politiker des späteren 4. und des frühen 3. Jahrhunderts v. Chr.
Herkunft und erstes Auftreten
Stratokles war der Sohn des Euthydemos aus dem relativ kleinen städtischen Demos Diomeia. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater Stratokles waren Trierarchen und – nach einer Reform im Jahr 410 v. Chr. – Syntrierarchen, was einen gewissen Reichtum voraussetzte.[1] Sein erstes öffentliches Auftreten ist mit dem Harpalos-Prozess gegen angesehene athenische Bürger wegen Bestechlichkeit im Jahr 323 v. Chr. verbunden. Der einstige Schatzmeister Alexanders des Großen, Harpalos, hatte sich durch Bestechung und Freigiebigkeit gegenüber dem Volk von Athen das Ehrenbürgerrecht erworben. Im Rahmen des Prozesses, in dem Stratokles als erster der Ankläger sprach, wurde unter anderem Demosthenes zur Zahlung von 50 Talenten verurteilt und wegen Zahlungsunfähigkeit ins Gefängnis gebracht, aus dem er fliehen konnte. Teile der Rede des Stratokles überliefert der Redenschreiber Deinarchos.[2]
Anekdotischen Charakters ist die Rolle, die Plutarch dem Stratokles im Zusammenhang mit der Seeschlacht bei Amorgos des Jahres 322 v. chr. zuschreibt. Tage, bevor die Nachricht vom Verlust der Schlacht Athen erreichte, die den Lamischen Krieg gegen die Hegemonie Makedoniens beenden sollte, habe Stratokles den Sieg der Stadt verkündet und ein Dankesfest initiiert. Als die Wahrheit ans Licht kam, soll er sich mit den Worten herausgeredet haben, der Stadt wenigstens zwei unbeschwerte Festtage bereitet zu haben.[3] Es ist unwahrscheinlich, dass Stratokles Tage vor der offiziellen Verkündung des Schlachtausgangs bereits über eigene Informationen verfügte und einen Beschluss zur Abhaltung des Festes durchsetzte.[4]
Politiker der Antigoniden
Für die folgenden Jahre, in denen ab 319 v. Chr. Kassandros durch seinen Statthalter Demetrios von Phaleron die Geschicke der Stadt im Rahmen eines oligarchischen Regimes bestimmte, tritt Stratokles nicht in Erscheinung. Erst als Demetrios I. Poliorketes, Sohn des Diadochen Antigonos I. Monophthalmos, im Zuge des 4. Diadochenkriegs im Jahr 307 v. Chr. die Herrschaft des Kassandros und des Demetrios von Phaleron beendet hatte, lässt er sich wieder im öffentlichen Leben der Stadt greifen. Demetrios setzte die alte, demokratische Verfassung Athens wieder inkraft und Stratokles war es, der für Antigonos und Demetrios zahlreiche außerordentliche Ehren beantragte, die bis zu gottähnlicher Verehrung als „Rettende Götter“ (σωτῆρες ϑεοί) reichten. Zudem wurde auf seine Anträge hin:[5]
- beiden der Königstitel zuerkannt,
- beiden ein Altar errichtet,
- jährliche Agone, ein Festzug und Opfer zu ihren Ehren ausgerichtet,
- sie in den jährlich neu angefertigten heiligen Peplos der Athena eingewoben,
- der Monat Munychion in Demetrion umbenannt,
- goldene Standbilder der beiden auf einem Wagen nahe der Tyrannenmördergruppe des Harmodios und des Aristogeiton auf der Agora von Athen aufgestellt
- ihnen goldene Kränze im Wert von 200 Talenten überreicht
- zwei Phylen eingerichtet, die ihren Namen trugen: Demetrias und Antigonis.
Außerdem sollten zwei zusätzliche, nach den beiden benannte Staatsschiffe gebaut werden, was allerdings zu den nicht umgesetzten Ehrungen zählte.[6]
Stratokles, der fortan der Phyle Demetrias angehörte, zählte in der Folge zu den einflussreicheren Politikern innerhalb der Bürgerschaft. Insgesamt 28 eingebrachte Anträge vor der Bürgerschaft sind von ihm allein aus epigraphischen Quellen bekannt, darunter nur 2 nach dem Jahr 301 v. Chr.; nicht mitgezählt sind hierbei die aus der literarischen Überlieferung bei Plutarch und Diodor bekannten Anträge.[7]
Einer der frühesten Anträge nach Wiederherstellung der Demokratie galt Ehrungen zugunsten des 325/324 v. Chr. verstorbenen Redners und Politikers Lykurg. Der Beschluss des Jahres 307/306 v. Chr. ist sowohl inschriflich als auch literarisch überliefert.[8] Sie umfasste unter anderem die Errichtung einer Statue des Lykurg auf der Agora, von deren Basisinschrift Teile erhalten sind.[9] Möglicherweise wählte Stratokles Lykurg als Symbol der wiederhergestellten Demokratie für seinen Antrag.[10] Zugleich mag er in der Zeit vor Kassanders Herrschaft ein Parteigänger Lykurgs gewesen sein. Zumindest deutet das gleichzeitige Wiedereintreten eines bekanntermaßen engen Verbündeten Lykurgs in das politische Leben der Stadt nach 307 v. Chr. darauf hin: Xenokles aus Sphettos, der noch im Jahr 307/306 v. Chr. zum Agonotheten gewählt wurde und im Folgejahr zur Gesandtschaft gehörte, die zu Antigonos geschickt wurde, um ein Geschenk über 200 Talente entgegenzunehmen.[11] Im Werk des Dichters Matron von Pitane aus dem späten 4. Jahrhundert v. Chr. aber treten Stratokles und Xenokles gemeinsam auf.[12] Diesem Umfeld mag daher Stratokles nach dem Ende des Demetrios von Phaleron angehört haben.[13]
Allein elf Beschlüsse, die auf Anträge des Stratokles gefasst wurden, galten der Ehrung von Freunden des Demetrios, teils auf Betreiben des Demetrios eingebracht.[14] Von sechs weiteren Beschlüssen sind nur die Kopfzeilen bekannt, während Inhalt und Datierung sich einer Beurteilung entziehen. Die vier oder fünf literarisch überlieferten Anträge oder Beschlüsse galten alle Ehrungen des Demetrios. So sollten zum Beispiel alle Wünsche des Demetrios als religiös unbedenklich und rechtmäßig eingestuft werden.[15] Gesandte an Demetrios oder Antigonos sollten mit dem Titel „Festboten“ bedacht werden, was sonst nur für die Gesandten in die großen panhellenischen Heiligtümer von Delphi und Olympia galt.[16] Ninon Luraghi urteilt, dass Stratokles wie das Alter Ego des Demetrios agierte.[17]
Späte Jahre
Als Athen nach der Schlacht bei Ipsos im Jahr 301 v. Chr. Demetrios der Stadt verwies, wurde es auch um Stratokles ruhig. Erst 294 v. Chr. gelang es Demetrios, Athen zurückzuerobern, und im Jahr 292 v. Chr. trat Stratokles ein letztes Mal auf der politischen Bühne auf, als er für Philippides aus dem Demos Paiania höchste Ehren beantragte.[18]
Über das weitere Schicksal des Mannes, den Christian Habicht den „von 307 bis 301 in Athen allmächtigen Stratokles von Diomeia“ nennt,[19] ist außer dem Urteil der Nachgeborenen nichts bekannt. Insbesondere Plutarch prägte das Bild des Stratokles in der Neuzeit,[20] und zwar als das eines radikalen Demokraten. Auf sein Betreiben hin wurde schließlich einer seiner Gegner, der sich gegen die Ehrungen der Antigoniden wendende Redner und Politiker Demochares, im Jahr 303 v. Chr. aus Athen verbannt – ein Zeuge, dem Plutarch genauso bereitwillig folgte wie dem Dichter Philippides, Zeitgenosse der Geschehnisse, der sich laut den erhaltenen Fragmenten seines Werks mehrfach spöttisch über Stratokles äußerte.[21] Für Plutarch stellte sich Stratokles damit in eine Reihe mit Demagogen des 5. Jahrhunderts wie Leon.[22] Im 21. Jahrhundert entwickelt sich das Bild von Stratokles differenzierter.[23]
Literatur
- Nino Luraghi: Stratokles of Diomeia and Party Politics in Early Hellenistic Athens. In: Classica et mediaevalia. Band 65, 2014, S. 191–226 (Digitalisat).
- Fredericomaria Muccioli: Stratocle di Diomeia e la redazione trezenia del „Decreto di Temistocle“. In: Studi Ellenistici. Band 20, 2008, S. 109–136 (Digitalisat).
- Uwe Walter: Stratokles 2. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 11, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01481-9, Sp. 1042 (Digitalisat).