Straton von Lampsakos
griechischer Philosoph der Antike
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Straton von Lampsakos (griechisch Στράτων Strátōn; * um 340 v. Chr.; † um 268 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph.


Leben
Straton leitete nach dem Tod seines Vorgängers Theophrastos von Eresos ab 288/287 das von Aristoteles begründete Athener Lyzeum (Peripatos) und war Erzieher des späteren Königs Ptolemaios II. Philadelphon in Alexandria. Im Unterschied zu den meisten zeitgenössischen Philosophen, bei denen die Ethik im Zentrum des Interesses stand, beschäftigte er sich vor allem mit physikalischen Fragen, was ihm den Beinamen „der Physiker“ eintrug. Von ihm sind mehr als 40 Schriften überliefert, aber nur wenige Fragmente oder Berichte sind erhalten. Zu seinen Schülern zählte u. a. Aristarchos von Samos.
Werk
Straton bemühte sich um die Verbesserung und Erweiterung der Werke von Aristoteles und Theophrastos zu verschiedenen Themen. Seine bedeutendsten Beiträge leistete Straton zur Bewegungstheorie und zur Frage der grundlegenden physikalischen Struktur der Welt. So erkannte er, dass sich fallende Körper beschleunigen, während Aristoteles noch von einer unbeschleunigten Bewegung ausgegangen war; damit näherte sich Straton bereits den von Galileo und Newton erkannten Gesetzmäßigkeiten des Freien Falls an, ohne sich mit seinen Ansichten allerdings gegen die Autorität des Meisters Aristoteles durchsetzen zu können. Straton führte – vermutlich unter dem Einfluss Epikurs – die Teilchentheorie der Materie in die Naturphilosophie der Peripatetiker ein und vertrat eine Teilchentheorie des Lichts.
Straton lehrte, dass alle Körper ein je nach Stoff unterschiedliches Maß an Leere (Vakuum) enthalten, woraus sich die jeweiligen Gewichtsunterschiede ergäben. Als Demonstration für die Existenz des Vakuums – das er gegen Aristoteles vertrat – führte er Experimente durch.
Während Aristoteles die Zeit als den zahlenmäßigen Aspekt der Bewegung definierte,[1] argumentierte Straton, dass die Zeit – da Bewegung und Zeit kontinuierlich sind, während Zahlen diskret sind – eine von der Bewegung unabhängige Existenz habe,[2] oder einfach, dass die Zeit eher der quantitative als der zahlenmäßige Aspekt der Bewegung sei. Simplikios überlieferte in seinem Kommentar zu Aristoteles’ „Physik“ das folgende Zitat:
„Denn wir sagen, dass wir ins Ausland reisen oder segeln oder auf einen Feldzug ziehen oder Krieg führen – sei es für lange oder für kurze Zeit –, und ebenso, dass wir sitzen und schlafen und nichts tun – sei es für lange oder für kurze Zeit: für lange Zeit in den Fällen, in denen die Dauer groß ist, für kurze Zeit, wo sie gering ist. Denn die Zeit ist das Quantitative in jedem dieser Fälle. Und deshalb sagen manche Menschen, dass ein und dasselbe langsam kam, andere, dass es schnell kam, je nachdem, wie das Quantitative darin jeder Gruppe erscheint. Denn wir haben gesehen, dass das schnell ist, worin die Menge von seinem Beginn bis zu seinem Ende gering ist, aber in diesem [Zeitraum] viel geschehen ist. Langsam ist das Gegenteil, wenn die Menge darin groß ist, aber das, was geschehen ist, gering ist. Und aus diesem Grund gibt es in der Ruhe kein Schnell und Langsam, denn alles entspricht seiner eigenen Quantität, und weder viel in einer kleinen Quantität noch wenig in einer großen. Und deshalb sprechen wir von mehr und weniger Zeit, aber nicht von schnellerer oder langsamerer Zeit. Denn eine Handlung und eine Bewegung können schneller oder langsamer sein, aber die Dauer, in der die Handlung stattfindet, ist nicht schneller oder langsamer, sondern länger oder kürzer, wie die Zeit. Tag und Nacht sowie Monat und Jahr sind keine Zeit oder Teile der Zeit, sondern erstere sind Licht und Dunkelheit, letztere der Lauf von Mond und Sonne, während die Zeit die Dauer ist, in der diese stattfinden.“
Straton wird auch nachgesagt, eine atheistische Naturphilosophie vertreten zu haben, die die Natur als Mechanismus begriff, in der transzendente Einflüsse wie Gottheiten keine Rolle spielten. Daher lehnte er philosophische Vorgaben für die Wissenschaft und metaphysische und theologische Erklärungen von Naturphänomenen ab. Methodologisch vertrat er einen strikten Empirismus, also Beobachtung, Experiment und Einfachheit der Theorie, die sich nur auf das „Wie“ der Naturvorgänge bezieht und nicht auf ein hinter den Dingen verborgenes „Warum“. Straton nimmt damit zentrale Eigenschaften des modernen Wissenschaftsverständnisses vorweg. Die Naturforscher des 17. und 18. Jahrhunderts, die eine von Metaphysik befreite Wissenschaft vertraten, wurden daher „Stratoniker“ genannt.
Ingeborg Hammer-Jensen und Léon Robin vermuten Straton als Autor des vierten Buchs der Meteorologica und bezweifeln Aristoteles’ Urheberschaft. Im Gegensatz zu den ersten drei Büchern, die vorwiegend meteorologische und geologische Phänome behandeln, befasst es sich mit Grundsatzfragen der Chemie. Aufgrund der Darstellungsweise könnte es sich um ein Jugendwerk Stratons handeln.[4][5]
Ausgaben
- Fritz Wehrli (Hrsg.): Straton von Lampsakos (= Die Schule des Aristoteles. Texte und Kommentar. Heft 5). 2. Auflage, Schwabe Verlag, Basel 1969.
- Marie-Laurence Desclos, William W. Fortenbaugh: Strato of Lampsacus. Text, translation, and discussion (= Rutgers University studies in classical humanities. Band 16). Transaction Publishers, New Brunswick (NJ) 2011, ISBN 978-1-4128-1127-9.
Literatur
- Matthias Gatzemeier: Straton. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 4, Metzler, Stuttgart, S. 103–104.
- Jean-Pierre Schneider: Straton de Lampsaque. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 6, CNRS Éditions, Paris 2016, ISBN 978-2-271-08989-2, S. 614–630.
- Fritz Wehrli, Georg Wöhrle, Leonid Zhmud: Der Peripatos bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 3: Ältere Akademie – Aristoteles – Peripatos. 2. Auflage, Schwabe, Basel 2004, ISBN 3-7965-1998-9, S. 493–666, hier: 604–611.