Suat Derviş
türkische Schriftstellerin, Journalistin und politische Aktivistin
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Suat Derviş (* 1905 in Konstantinopel, Osmanisches Reich; † 23. Juli 1972 in Istanbul, Türkei) war eine türkische Schriftstellerin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Sie war die erste türkische Journalistin, die als Korrespondentin nach Europa ging, eine der fünf Gründerinnen und erste Präsidentin der ersten türkischen Pressegewerkschaft sowie Mitbegründerin der Türkischen Revolutionären Frauenvereinigung. Sie war eine der ersten türkischen Autorinnen, deren Bücher in Fremdsprachen übersetzt wurden.[1][2][3][4][5][6]
Leben und Werk
Derviş war das mittlere Kind des Arztes İsmail Derviş Bey und Hesna Hanım. Ihre Mutter war die Tochter einer Sklavin im Gefolge des osmanischen Sultans Abdul Aziz. Ihr Großvater war der Chemiker Müşir Derviş Pascha, der zu den ersten sechs Studenten gehörte, die nach Europa reisten, und Mitbegründer der Darülfünûn (Universität Istanbul) war. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem Herrenhaus in Küçük Çamlıca, das auf dem Gelände eines alten byzantinischen Klosters errichtet worden war. Zunächst erhielt sie gemeinsam mit ihrer Schwester Privatunterricht zu Hause und lernte Französisch und Deutsch. In ihren jungen Jahren trug sie eine Burka.[7] Nach ihrem Schulabschluss an der Kadıköy Numune Rüştiyesi und der Bilgi Yurdu begann sie ihr Studium an der Darülfünûn (Universität Istanbul). Ihr erstes Werk war ein Prosagedicht mit dem Titel Delirium, das 1918 erschien. Ohne ihr Wissen wurde es von ihrem Jugendfreund Nazım Hikmet in der Literaturbeilage der von Refi Cevat herausgegebenen Zeitung Alemdar veröffentlicht.[8] 1922 führte sie für die Zeitung Alemdar ihr erstes Interview mit Refet Bey, der als Vertreter der Regierung von Ankara nach Istanbul gekommen war. Nach einiger Zeit verließ sie die Zeitung Alemdar und wechselte zu der Zeitung İkdam, wo sie eine Frauenseite einrichtete.[9] Derviş war viermal verheiratet, mit Seyfi Cenap Berksoy, Selami İzzet Sedes, Nizamettin Nazif Tepedelenli und Reşat Fuat Baraner.[10]
Studium und literarische Tätigkeiten in Berlin
1919/1920 nahm sie gemeinsam mit ihrer Schwester Hamiyet Hanım Klavier- und Gesangsunterricht am Sternschen Konservatorium in Berlin. Nach einem kurzen Studium an dem Konservatorium wechselte sie aufgrund ihres Interesses an Literatur an die Fakultät für Fakultät für Philosophie und Literatur an der Universität Berlin. Während dieser Zeit veröffentlichte sie Geschichten und Anekdoten in verschiedenen Zeitungen. Ihre Artikel erschienen unter anderen in Der Querschnitt, einer der damals führenden Literatur- und Kunstzeitschriften, und in der Vossischen Zeitung, die als seriöseste politische Zeitung galt.[11][12][13]
Während ihres Aufenthalts in Deutschland verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit Tantiemen für einen Fortsetzungsroman, Buchrezensionen und diverse Interviews. Der Erfolg einer türkischen Schriftstellerin in Deutschland erregte Aufsehen und Zeitungen baten sie um Interviews. Sie vollendete ihren Roman Die Frauen des Sultans innerhalb von fünfzehn Tagen, nachdem sie von der Zeitung Tempo einen Romanvorschlag über das Leben am osmanischen Hof erhalten hatte. Als ihr Vater erkrankte, kam er zur Behandlung nach Berlin, wo er verstarb und auf dem muslimischen Friedhof begraben wurde. Sie verließ die Fakultät ohne Abschluss und da sich ihre wirtschaftliche Lage verschlechterte, kehrte sie 1933 in die Türkei zurück.[14]
Rückkehr in die Türkei
Nach ihrer Rückkehr in die Türkei arbeitete sie als Reporterin und Kolumnistin für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, darunter Son Posta, Cumhuriyet, Tan, Bugün, Haber und Vakit. Ihre Fortsetzungsgeschichten und Kurzgeschichten erschienen in mehreren Durchgängen. Die Zeitung Son Posta warb für ihren neuen Fortsetzungsroman mit Zeitungsausschnitten aus Deutschland und Ungarn, auf denen ein Foto von Suat Derviş abgebildet war.[15]
Ab 1936 berichtete sie für die Zeitung Tan über Frauenthemen und außenpolitische Ereignisse. Während ihrer Tätigkeit für die Zeitung Son Posta im Jahr 1936 reiste sie zur Konferenz in Montreux und war damit die erste türkische Journalistin, die beruflich ins Ausland reiste.
Von 1940 bis 1941 arbeitete sie für die Zeitschrift Yeni Edebiyat, die als Organ der türkischen Kommunistischen Partei gelten kann. In dieser Zeit heiratete sie den Generalvorsitzenden der Partei, Reşat Fuat Baraner, mit dem sie zusammen die Zeitschrift Yeni Edebiyat (Neue Literatur) herausgab, in der er Kunstartikel verfasste.[16] Mit der Schließung der Zeitschrift und den gegen sie eingeleiteten Ermittlungen war sie in Babıali (dem Istanbuler Verlagsviertel) nicht mehr als Journalistin gefragt. Am 10. März 1944 wurden sie und ihr Ehemann zusammen mit anderen Parteimitgliedern wegen illegaler kommunistischer Aktivitäten verhaftet und sie wurde zu acht Monaten Haft verurteilt. Während der Ermittlungen war sie schwanger, erlitt jedoch eine Fehlgeburt. Ihr Ehemann blieb bis 1950 in Haft und wurde 1951 erneut verhaftet. Aufgrund ihrer politischen Ansichten und ihrer Verhaftung hatte sie Schwierigkeiten, eine Anstellung zu finden, und veröffentlichte daher unter einem Pseudonym.[17]
Schriftstellerin in Frankreich
Von 1953 bis 1963 lebte sie in verschiedenen Ländern außerhalb der Türkei, vorwiegend in Frankreich. In dieser Zeit veröffentlichte sie Romane auf Französisch. Mit der Veröffentlichung von Ankara Mahpusu im Jahr 1957 war sie die erste türkische Autorin, die einen Roman in Europa veröffentlichte. Der Roman erhielt von Le Monde und der Literaturzeitschrift Les Lettres Françaises großes Lob und wurde elf Jahre später in türkischer Sprache veröffentlicht. Sie übersetzte Texte über den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg ins Türkische.
Erneute Rückkehr in die Türkei
Sie kehrte nach der Haftentlassung von Reşat Fuat Baraners in die Türkei zurück. In dieser Zeit schrieb sie Kindermärchen und verfasste auch weiterhin Kurzgeschichten und Theaterstücke, die unter anderen Namen veröffentlicht wurden.
1968 starben ihr Ehemann und 1970 ihre Schwester. Sie schrieb weiter, bis sie schwere Augenprobleme entwickelte. Nach einer Operation in Moskau, die das Sehvermögen eines Auges etwas verbesserte, beteiligte sie sich 1970 zusammen mit Neriman Hikmet an der Gründung der Türkischen Revolutionären Frauenvereinigung. 1971 wurde ihr Haus durchsucht und sie wurde wegen Beihilfe zur Aktivistenbewegung der damaligen Jugend verhaftet, nachdem bekannt geworden war, dass sie zahlreiche linke Jugendliche versteckt hatte.[18]
Derviş starb am 23. Juli 1972 im Militärkrankenhaus in Kasımpaşa.[19][20][21]
Sie hinterließ fast fünfzig Romane, über dreihundert Kurzgeschichten, viele Übersetzungen sowie Interview- und Gesprächsreihen.[22]Phosphorlu Cevriye gilt als Suad Derviş bekanntestes Werk. 1969 wurde der Roman verfilmt und 2016 als Theaterstück aufgeführt.[23]
Bücher (Auswahl)
- 1921: Kara Kitap
- 1923: Ne Bir Ses Ne Bir Nefes
- 1923: Hiçbiri
- 1923: Ahmed Ferdi
- 1923: Behire'nin Talibleri
- 1924: Fatma'nın Günahı
- 1924: Ben mi
- 1924: Buhran Gecesi
- 1928: Gönül Gibi
- 1931: Emine
- 1935: Hiç
- 1934: Çılgın Gibi
- 1958: Yalının Gölgesi
- 1968: Fosforlu Cevriye[24]
- 1968: Ankara Mahpusu (französisch 1957, English 2024: The Prisoner of Ankara. ISBN 978-1-59051-028-5.)
- Aksaraydan Bir Perihan. Ithaki Yayinlari, 2014, ISBN 978-6053753803.
- Yeniden Yaşayabilseydik. İthaki Yayınları, 2021, ISBN 978-6257442374.
- Fosforlu Cevriye – Özel Baskı (Ciltli). İthaki Yayınları, 2025, ISBN 978-6052655474.
Literatur
- Gisela Procházka-Eisl: The Lower End of the Economy: The Portrayal of Poverty in the Ottoman Magazin Press. In: Gisela Procházka-Eisl, Martin Strohmeier (Hrsg.): The Economy as an Issue in the Middle Eastern Press. Neue Beihefte zur Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. LIT Verlag, Wien, S. 151–171.
- Liz Behmoaras: Suat Derviş Efsane Bir Kadın ve Dönemi. Doğan Kitap, 2017, ISBN 978-6050941067.