Sudipta Sengupta
indische Geologin und Antarktisforscherin
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Sudipta Sengupta (bengalisch সুদীপ্তা সেনগুপ্ত; * 20. August 1946 in Kolkata, Britisch-Indien) ist eine indische Geologin und Bergsteigerin. Ausgebildet von Tenzing Norgay war sie Teil der Ronti-Expedition, der ersten dokumentierten Bergsteigerexpedition Indiens, die ausschließlich aus Frauen bestand. Die sechs Frauen waren die ersten und einzigen Bergsteiger, die 1970 einen noch unbenannten Gipfel im Himalaya erklommen. Gemeinsam mit der Meeresbiologin Aditi Pant war Sudipta Sengupta als Teilnehmerin der dritten Expedition des Indian Antarctic Program eine der beiden ersten Frauen Indiens, die die Antarktis besuchten.
Leben
Herkunft und Ausbildung
Sudipta Sengupta war eine von drei Töchtern von Jyoti Ranjan Sengupta und Pushpa Sengupta. Ihre Eltern waren für die damalige Zeit sehr fortschrittlich und sorgten dafür, dass alle drei Töchter eine gute Ausbildung erhielten. Sengupta erzählte später, dass ihr Vater sich vor den Nachbarn rechtfertigen musste, warum er seinen Töchtern Mathematik beibrachte, obwohl sie, wie es damals die gängige Vorstellung war, ohnehin heiraten und anschließend nur noch Küchenarbeit verrichten würden.[1] Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen ihrer Generation erlebte Sengupta keinen Druck, zu heiraten.
Im Jahr 1952 wurde ihr Vater nach Nepal versetzt, um dort ein meteorologisches Büro zu eröffnen, und zog mit seiner Familie nach Kathmandu. Ihre Kindheit dort und die regelmäßigen Ausflüge in den Himalaya begründeten Senguptas Leidenschaft für Geologie und Bergsteigen.[2] Bereits 1960 hatte sie ihren ersten Bergsteigerkurs absolviert.[3]
1962 begann sie ihr Studium der Geologie an der Jadavpur University. Geologie galt in der damaligen Zeit als eine Männerdomäne, weshalb Sengupta lediglich eine von zwei Frauen ihres Jahrgangs war.[4] Dennoch schloss sie sowohl ihren Bachelor als auch ihren Master als Beste ab.[5] Selbst sieben Jahre später, als sie der Geological Survey of India beitrat, gab es unter den 2000 Mitgliedern lediglich fünf Frauen. Nach ihrem Abschluss in Geologie begann sie ein postgraduales Studium.
Bergsteigerin

In Tenzing Norgays Himalayan Mountaineering Institute (HMI) in Darjeeling absolvierte Sudipta Sengupta im Jahr 1965 das Bergsteigertraining sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene.[3] Insgesamt nahm sie an zwei Himalaya-Expeditionen teil. Dazu schloss sie sich mit den Bergsteigerinnen Kamala Saha, Nilu Ghosh, Shefali Chakraborty, Purnima Sharma und Sujaya Guha zur sogenannten Ronti-Expedition zusammen, die erste dokumentierte rein weibliche Bergsteigergruppe Indiens, um den Ronti zu besteigen. Für die Expedition wurde die Erlaubnis von Premierministerin Indira Gandhi benötigt, da das HMI keine Verantwortung dafür übernehmen wollte, vergleichsweise ungeübte Frauen auf die hohen Gipfel zu lassen.[6]
1970 fasste die Gruppe den Plan, vom Bara-Shigri-Gletscher aus einen noch unbenannten, 20.000 Fuß (ca. 6096 m) hohen Gipfel ⊙ zu erklimmen, den sie bei Erfolg Lalana nennen wollten.[7] Der Berg galt unter Kennern als zu gefährlich. Die Teilnehmerinnen der Ronti-Expedition waren die ersten und einzigen Bergsteiger, die bisher diesen Gipfel erfolgreich erstiegen.[4] Sie erreichten ihr Ziel am 21. August 1970 um 10:30 Uhr. Sengupta schrieb später:
„Wir umarmten einander und lachten, weinten und redeten. Endlich hatten wir den Gipfel erreicht! Wir hissten unsere Flagge und machten Fotos. Dann steckten wir ein Stück Papier mit unseren Namen darauf in eine Wasserflasche und vergruben sie im Eis, damit zukünftige Gipfelstürmer sie finden konnten. Wir saßen einfach schweigend da, um die atemberaubende Schönheit um uns herum in uns aufzunehmen.[7]“
Die Expedition kehrte am 23. August zu ihrem Lager zurück. Um ihre Maultiere aus Batal zu holen, entsandten die Bergsteigerinnen ihren Träger, der jedoch nicht zurückkehrte. Nachdem Senguptas Suche auf den umliegenden Hügeln keinen Erfolg zeitigte, machten sich Saha, Chakraborty und Guha auf den Weg nach Batal, begleitet von zwei Sherpas. Bei der riskanten Überquerung eines Flusses, der durch ungewöhnlich starke Regenfälle angeschwollen war, starben Saha und Guha, lediglich Chakraborty überlebte. Die tragischen Todesfälle nach ihrer erfolgreichen Gipfelbezwingung beschäftigten Sengupta noch lange Zeit. Noch im Alter von 75 Jahren berichtete sie:
„Jahrelang habe ich bereut, dass ich sie nicht zu diesem Fluss begleitet habe. Sujaya und ich standen uns sehr nahe. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich glaube, dass ich, wenn ich dabei gewesen wäre, sie und die Gruppe daran gehindert hätte, den Fluss zu überqueren. Ich denke, ich konnte mich besser durchsetzen als der Rest der Gruppe und ich konnte die Gefahren besser einschätzen. Man kann einfach nicht anders als denken, dass man etwas hätte ändern können.[8]“
2018 wurde ein weiterer Versuch gestartet, den Gipfel zu erklimmen. Aufgrund widriger Bedingungen wurde der Versuch jedoch abgebrochen; daher sind Teilnehmerinnen von Senguptas Gruppe bislang die einzig bekannten erfolgreichen Besteigerinnen des Gipfels.[6]
Akademische Karriere
Zwischen 1970 und 1973 arbeitete Sudipta Sengupta für die Geological Survey of India.[3] Im Rahmen ihrer Doktorarbeit führte sie Außeneinsätze in den Dschungeln Jharkhands durch. Als Postdoc erhielt sie 1973 von der britischen Royal Commission for the Exhibition of 1851 ein Stipendium für das Imperial College London[3] und forschte von 1974 bis 1975 in abgeschiedenen Gebieten der schottischen Highlands.
Von 1976 bis 1978 lehrte sie an der Universität Uppsala, zunächst als Gastdozentin für sechs Monate. Anschließend untersuchte sie für das Geodynamic Project norwegische Berge, um mehr über die Zusammenhänge der indischen Platte und Gondwana zu erfahren. Durch ihre Arbeit für Hans Ramberg vertiefte sie ihre Kenntnisse in Geologie und sammelte Erfahrungen in der arktischen Forschung.[3]
Im Jahr 1979 kehrte sie schließlich nach Indien zurück. Bis 1982 arbeitete sie wieder für die Geological Survey of India. Im Anschluss daran nahm sie eine Stelle an der Jadavpur University an. Nach wie vor gab es jedoch nur sehr wenige Frauen unter den Studierenden der Geologie, vor allem weil die Universität nicht auf die Unterbringung von Frauen während wissenschaftlicher Exkursionen vorbereitet war.[9] Erst nach 1996 erhöhte sich der Frauenanteil, um schließlich ein Drittel der Studierenden auszumachen. Im Rahmen ihrer Arbeit bereiste sie die Alpen, den Himalaya sowie weitere Gebirge in Indien und China. Im Jahr 2011 ging sie als Professorin in den Ruhestand, setzte ihre Forschungen aber bis 2016 als Senior Scientist der Indian Natural Scientist Academy fort. 2024 nahm sie an der Nationalkonferenz Women in Geosciences in Thiruvananthapuram teil.[2]
Antarktisforscherin
Sudipta Sengupta nahm an zwei Expeditionen in die Antarktis teil, zuerst an der dritten indischen Expedition von 1983 bis 1984, dann an der neunten von 1989 bis 1990. Ursprünglich hatte sie sich bereits im Jahr 1981 für die erste Expedition beworben. Damals wurde Sengupta nicht in Betracht gezogen, da Frauen als zu schwach galten, um Schiffe oder Helikopter zu entladen und schwere Ausrüstung zu tragen.[4]

Für die dritte Expedition wurde sie hingegen zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und schließlich ausgewählt. Sie und die Meeresbiologin Aditi Pant waren die einzigen Frauen und somit die ersten beiden indischen Frauen, die die Antarktis betraten. Vor Ort führte Sudipta Sengupta Forschungen an den Schirmacher Hills durch. Während ihres Aufenthalts gab es einige Komplikationen wie einen Helikopterunfall im eisigen Wasser und die verzögerte Fertigstellung der Forschungsstation Dakshin Gangotri, an der sie sich beteiligte. In einem Interview berichtete Sengupta:
„Ich war zweimal in der Antarktis. Als wir das erste Mal dort waren, waren unsere Stationen noch nicht gebaut, also zelteten wir für fast zwei Monate im Eis. Es war ziemlich hart, besonders den Winden zu widerstehen. Wir nahmen verpackte Mahlzeiten mit, die wir auf einem Gasherd mit einem Schnellkochtopf oder einer Pfanne erhitzten und aßen. Es war ein einzigartiges Erlebnis. Das Leben war anstrengend, aber einfach. Ich genoss es, mit anderen Wissenschaftlern zu arbeiten. Obwohl die Arbeit unser einziger Fokus war, hatten wir bei der gemeinsamen Arbeit immer viel Spaß, scherzten und lachten. Als ich das zweite Mal dort war, lebten wir in der Station. Auch dieses Mal blieben wir für zwei Monate. Und es war um einiges leichter, weil wir in der Forschungsstation wohnten. Wir hatten gefrorenes Essen, das wir kochen konnten.[10]“
Durch die Vorreiterrollen von Sengupta und Pant waren bei allen folgenden indischen Expeditionen Frauen dabei.[9] Während der neunten Expedition im Jahr 1990 starben drei ihrer Kollegen, nachdem sie ihr Lager im Alexander-von-Humboldt-Gebirge aufgeschlagen hatten, im Schlaf an Kohlenmonoxidvergiftung.[6] Sengupta musste daher als einzige überlebende Geologin für mehr als einen Monat die gesamte Arbeit ihres Fachbereichs übernehmen.[5] Ihre Erlebnisse hielt sie in ihrem Buch Antarctica fest, das auf Bengalisch veröffentlicht wurde.
Ämter und Tätigkeiten (Auswahl)
- Ausschussmitglied der Arbeitsgruppe Tektonik und Strukturgeologie der International Union of Geological Sciences
- Fellow der Indian Science Academy und der West Bengal Academy of Science and Technology
- Autorin für das Magazin Desh
- seit 2002: Mitglied der Redaktionsleitung des Journal of Structual Geology.[11]
Würdigungen
- 1991: Shanti-Swarup-Bhatnagar-Preis für Strukturgeologie
- 1997: National Mineral Award
- 2001: Antarctica Reward[11]
- Geological Society of India Women Scientist Award
- D.N. Wadia Medal
Literatur
- Swati Nagar: In Conversation with Polar Maidens. In: Science Reporter. August 2020, Band 57, Ausgabe 8, S. 41–42
- Leading Ladies In The Earth Sciences In India. Book Rivers, 2022, ISBN 978-93-5515685-3 (englisch).
- Sudipta Sengupta: Breaking Rocks and Barriers. Harper Collins India, 2024, ISBN 978-93-6213085-3 (englisch).
Weblinks
- Unnikrishnan S: Interview: Sudipta Sengupta, the first Indian woman in Antarctica, sets the path of ascend. The New Indian Express, 3. September 2024, abgerufen am 27. November 2025.
- Srirupa Ray: I did the Antarctica grind, like any other male scientist on the team': Geologist Sudipta Sengupta. Times of India, 15. September 2024, abgerufen am 27. November 2025.
- Divya Sethu: Sexism & Tragedy: How India's 1st Woman Scientist to Antarctica Shattered Barriers. The Better India, 25. März 2022, abgerufen am 27. November 2025.
- Sudipta Sengupta: The ascent of Lalana: triumph and tragedy. Dialogue Earth, 17. September 2020, abgerufen am 28. November 2025.