Suizid in Grönland
Selbsttötung in der grönländischen Bevölkerung
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Suizid in Grönland ist ein wesentliches Problem. Das Land hat die höchste Suizidrate der Welt.
Geschichte
Eine Studie hat gezeigt, dass Suizid in der Arktis nicht nur in Grönland verbreitet ist. In Tschukotka ist die Suizidrate noch höher als in Grönland, Nunavut liegt auf dem dritten Platz.[1] Tatsächlich war Selbstmord bei den Inuit vor der Kolonialisierung gesellschaftlich akzeptiert und teilweise sogar verpflichtend, wenn man durch Alter oder Krankheit zur Last für seine Mitmenschen wurde. Es wird auch vermutet, dass Menschen in Hungerzeiten Selbstmord begingen, damit die sparsamen Ressourcen auf weniger Menschen aufgeteilt werden konnten. Eine weitere Ursache für den Selbstmord war Scham oder Liebeskummer, woraufhin die Menschen als qivittoq die Gesellschaft verließen und auf sich allein gestellt normalerweise umkamen. Dieses Konzept hat in modernerer Zeit mythische Aspekte angenommen und Qivittut gelten heutzutage als übernatürliche Fantasiewesen.[2]
In der Kolonialzeit änderte sich die soziale Akzeptanz des Selbstmords, der von den christlichen Missionaren als Sünde angesehen wurde. Der Arzt Alfred Bertelsen berechnete für die Zeit zwischen 1890 und 1930 eine Suizidrate von 3 bis 4 pro 100.000 Einwohner. Ab den 1960er Jahren stieg die Selbstmordrate plötzlich stark an und erreichte 1986 ihren Höhepunkt mit 125 Suiziden pro 100.000 Einwohner. Anschließend ging sie wieder etwas zurück und stabilisierte sich bei rund 100 Suiziden pro 100.000 Einwohner. Inge Lynge war die erste Psychologin in Grönland und beschäftigte sich ab etwa 1970 intensiv mit dem Phänomen.[2]
Verbreitung
Suizide sind vor allem bei der jungen Bevölkerung verbreitet. Männer sind häufiger betroffen als Frauen, allerdings überwiegen Frauen bei den erfolglosen Suizidversuchen und -drohungen. Während die Selbstmorde vor einigen Jahrzehnten noch primär in der Hauptstadt Nuuk auftraten, ist diese heute die Stadt mit der geringsten Selbstmordrate, während sich das Vorkommen heute auf die Dorfbevölkerung konzentriert, vor allem im abgelegenen Norden und Osten Grönlands.[2][1]
Im Jahr 2023 waren 20 von 27 Todesfälle (74 %) unter 10- bis 29-jährigen Grönländern auf Suizid zurückzuführen, bei den 30- bis 59-jährigen waren es 17 von 90 (19 %), bei den über 60-jährigen nur 3 von 400 (1 %).[3] Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs ist Suizid insgesamt die dritthäufigste Todesursache in Grönland und machte in den Jahren 2002 bis 2023 zwischen 6,9 % und 12,8 % und durchschnittlich 9,4 % der Todesfälle aus.[4] 2020 wurden neben 41 Suiziden 120 Suizidversuche und 1200 Suiziddrohungen bei einer Einwohnerzahl von rund 56.000 Personen registriert. Seit den 1990er Jahren unternehmen jedes Jahr rund 10 % der Grönländer zwischen 18 und 29 Jahren einen Selbstmordversuch. Laut einer Studie von 2021 haben knapp ein Drittel der 15- bis 34-Jährigen Erfahrung mit Selbstmordgedanken, wovon rund zwei Drittel diese in der Vergangenheit (erfolglos) in die Tat umgesetzt haben.[2]
2009 wurde von der Zeitschrift BMC Psychiatry ein Artikel veröffentlicht, der wiedergab, dass innerhalb von 35 Jahren (1968–2002) in Grönland 1351 Suizide vorgefallen sind. In dem Bericht konnte man erhebliche Saisonschwankungen der Suizidrate erkennen, gekennzeichnet durch Höchstwerte im Juni. Die Häufungen von Suiziden während der Sommermonate traten vermehrt in den Regionen nördlich des Polarkreises auf.[5]
Ursachen
Die hohe Suizidrate wird üblicherweise mit der Modernisierung Grönlands ab den 1950er Jahren im Rahmen der G50-Politik und der nachfolgenden G60-Politik in Verbindung gebracht. Der Übergang der kolonial beeinflussten verhältnismäßig inuitisch-traditionellen Lebensweise der Bevölkerung in eine verwestlichte industrialisierte Gesellschaft sorgte für das Entstehen sozialer Probleme wie Alkoholismus, sexueller Missbrauch, Depression und Armut.[6] Bei Personen, die ohne Alkoholmissbrauch, physischer Gewalt und sexuellem Missbrauch aufgewachsen waren, hatten 5 % der 15- bis 34-Jährigen einen Selbstmordversuch überlebt, bei solchen, die alles drei erlebt hatten, waren es 58 %, wobei bedacht werden muss, dass die erfolgreichen Selbstmorde hier nicht miteinbezogen sind.[7] Auch wenn die Modernisierung und die größten sozialen Probleme von der heute jungen Generation nicht mehr miterlebt wurde, wird vermutet, dass die Verbreitung von Suizid in den vergangenen Jahrzehnten Suizid noch heute zu einer akzeptableren und normalen „Lösung“ macht.[1] Alle Grönländer kennen Personen in ihrem nahen Umfeld, die mindestens ein Familienmitglied durch Selbstmord verloren haben.[8] Häufig sind diese anschließend selbst anfälliger für Selbstmordversuche.[2]
Die Häufung der Suizide in den Sommermonaten wurde mit Schlafstörungen infolge des ununterbrochenen Sonnenscheins begründet, was von anderer Seite zurückgewiesen wurde, da die Sonne in Grönland schon immer im Sommer scheint und nicht erst seit 1970.[9]
Präventive Maßnahmen
2004 beschloss die grönländische Regierung eine Präventionsstrategie gegen Suizide zu finden. Die erste Präventionsstrategie galt für die Jahre 2005 bis 2012. Die zweite Präventionsstrategie galt von 2013 bis 2019.[10] Die aktuelle Strategie mit dem Namen Qamani („dadrinnen“) wurde 2023 verabschiedet und soll bis 2028 genutzt werden.[11]
Die Strategie beinhaltet unter anderem eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern, Informationskurse für öffentlich Angestellte, Polizisten und Gesundheitspersonal im Umgang mit Selbstmord, die Enttabuisierung von Suizid, der Betrieb der Beratungshotline Tusaannga („hör mir zu“), Studienberatung, die Behandlung von sowohl Tätern und Opfern in Zusammenhang mit Sucht, Gewalt und sexuellen Übergriffen.[11]
Rezeption
Die hohe Suizidrate ist ein wiederkehrendes Motiv in der grönländischen Literatur. Maaliaaraq Vebæks 1981 erschienener Debütroman Bussimi naapinneq handelt vom Leben einer Grönländerin in Dänemark bis zu ihrem Suizid. Niviaq Korneliussens 2020 veröffentlichter Roman Naasuliardarpi behandelt ebenfalls Suizid, diesmal in Ostgrönland. Das Buch gewann als erstes grönländisches den Literaturpreis des Nordischen Rates.