System Coignet
Verfahren für die industrielle Herstellung von Betonfertigteilen
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Der Ausdruck System Coignet bezeichnet in erster Linie ein Verfahren für die industrielle Herstellung von Betonfertigteilen, das in den 1950er Jahren entwickelt wurde und im sozialen Wohnungsbau als Plattenbau angewendet wurde. Bereits im 19. Jahrhundert und in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts verwendete man den Ausdruck System Coignet. Damit war ebenfalls ein Stahlbeton-Herstellungsverfahren des Bauunternehmens Coignet gemeint.[1] Besonders war hier die Verflechtung von Bewehrungseisen als Leinwandbindung.[2]

Geschichte
Das System Coignet stammt aus Frankreich und wird dort als procédé coignet bezeichnet.[3.1] Der Bauingenieur Edouard Fougea arbeitete seit 1920 im Bauunternehmen Edmond Coignet et Cie.[4] Die Firma Edmond Coignet et Cie bestand schon seit dem 19. Jahrhundert und war eng verbunden mit der Entwicklung des Stahlbetons. Edmond Coignet war der Sohn von François Coignet. 1940 übernahm der Bauingenieur Edouard Fougea die Leitung des traditionsreichen Bauunternehmens.[4]
Today a building should be assembled, not built (dt.: Heute sollte ein Gebäude montiert und nicht gebaut werden.) – M. Edouard Fougea, President, Constructions Edmond Coignet, Paris, France.[5]
Im Verlauf der 1950er Jahre trieb Edouard Fougea die Entwicklung eines eigenen Plattenbauverfahrens voran. Das von Fougea erklärte Ziel lautete „préfabrication totale“.[6] Bereits 1955 meldete das Bauunternehmen Coignet ein Patent für mehrschichtige Betonfertigteile an. Schon in der Fabrik wurden Fenster in die Fassadenelemente eingebaut.[3.2] In den 1960er Jahren lizenzierte Coignet das Bauverfahren ins Ausland. In mehreren Ländern gründete die Firma Joint Ventures mit lokalen Bauunternehmen. In der DDR übernahm man vom System Coignet die hydraulisch kippbaren Gussformen.[7] Die Bauakademie der DDR „orientierte sich an dem dänischen System Larsen & Nielsen und an den französischen Systemen Coignet und Camus.“[8]
Internationale Anwendung

Bei der internationalen Konkurrenz hatten die französischen Bauunternehmen einen Vorteil, da sie einen großen Binnenmarkt in Frankreich hatten und das Bauprogramm für sozialen Wohnungsbau tendenziell wenige große Bauunternehmen beauftragte – anstatt viele kleine. So konnten die Bauunternehmen wie Camus, Balencey und Coignet europaweit eine Vormachtstellung etablieren.[9] In Deutschland gründeten Coignet und die Philipp Holzmann AG das Joint Venture Holzmann-Coignet Fertigbau GmbH.[10] In den Niederlanden war es das Joint Venture Indeco Coignet.[11] Zusammen mit Job Dura entwickelte man das Dura-Coignet bouwsysteem.[12] Beim Bau der Großwohnsiedlung Bijlmermeer kam das System Coignet zur Anwendung.[11][13] Weitere Länder waren Italien[14] und die USA.[15]
Das System Holzmann-Coignet kam in Frankfurt-Nordweststadt zur Anwendung.[16.1][17] In Berlin-Märkisches Viertel wurde System Coignet für den Bau der Wohnhausgruppen 911, 912 und 922 verwendet.[18.1] Es handelt sich dabei um die Wohnhäuser, die Georg Heinrichs und Hans Christian Müller geplant haben.[19][20] Berliner Fertigbau GmbH, die im Märkischen Viertel baute, war ebenfalls ein Joint Venture, an dem die Firma Coignet beteiligt war – gemeinsam mit der Firma Bauhütte.[18.2] Die High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln entstand ebenfalls mit System Coignet.[21]
Besonderheiten der Konstruktion
Lasten werden sowohl über innenliegende Wände und Außenwände abgetragen. Dieses System mit tragenden Außenwandplatten wird als Schachtelbauweise bezeichnet.[22] Aus den Rändern der Deckenplatten ragen Bewehrungseisen als Schlaufen heraus. Bei der Montage werden die Moniereisen-Schlaufen auf einen Ringanker aus Bewehrungsstahl aufgefädelt und die Schlitze zwischen den Platten mit Beton gefüllt, sodass die Elemente kraftschlüssig miteinander verbunden sind.[16.2] Im Gegensatz zu beispielsweise System Camus tragen die Außenwände nur senkrechte Lasten ab und sind nicht als Windscheiben ausgeführt. Die nebeneinander stehenden Außenwandelemente sind in der Fassadenebene waagerecht nicht zugfest miteinander verbunden, sondern nur mit Zement vergossen. Dies ermöglicht eine Fassadengestaltung, die größere Aussparungen erlaubt, als Systeme, bei denen die Außenwandelemente miteinander waagerecht zugfest verbunden sind.[16.3]
Bei den dreischichtigen Außenwandtafeln hat nur die innere, dickere Betonwand eine tragende Funktion. Der typische Aufbau einer Außenwandplatte bestand 1955 aus einer 19 cm starken, tragenden Innenschale (béton de gravillon), einer 2 cm starken Dämmschicht aus Styrodur-Hartschaum (polystyrène expansé) und aus einer 4 cm starken Außenschale.[3.3] Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte man mehrschalige Bauelemente, bei denen die tragende Innenschale 15 cm Beton stark war, die Dämmschicht 4 cm und die Außenschale 6 cm.[16.4]
Eine Besonderheit, worin sich der mehrschichtige Aufbau des System Coignet von den meisten anderen Plattenbausystem unterschied, war die Befestigung der Außenschale. Dies geschah bei System Coignet, indem äußere und innere Betonschicht miteinander am Rand fest vergossen waren. Die Hartschaum-Dämmschicht war auch an den Stoßkanten der Großtafeln von einer Schicht Beton geschützt. Der untere Rand einer Platte war mit Ankergruppen – die in den Beton eingegossen wurden – so stark ausgebildet, dass er das gesamte Gewicht der Außenschicht des Bauelements tragen konnte. Es waren keine Einzelanker in der Mitte des Bauteils notwendig.[23.1] Bei den mehrschichtig aufgebauten Außenwandelementen der meisten anderen Plattenbausysteme ist der Regelfall, dass die Dämmschicht ganz bis zum Rand des Bauelements reicht – sodass in der Kantenansicht der dreischichtige Aufbau sichtbar und klar zu erkennen ist. Systeme, bei denen – wie bei Coignet – die Dämmschicht allseitig von Beton umschlossen wurde, bilden die Ausnahme.[23] Allerdings führte auch diese Ausführung nicht dazu, dass die Verbindungsanker (broche de fixation) vor Korrosion geschützt waren. Anders als bei anderen Plattenbausystem verwendete System Coignet normalen Armierungsstahl – keinen rostfreien Stahl – für die Verbindungsanker.[23.2] Alle Elemente – sowohl Innen- als auch Außenwände – wurden in Betonfestigkeitsklasse B 300 ausgeführt.[16.4] B 300 entspricht der späteren Betonklasse B 25, somit also einer gebräuchlichen und günstigen Betonklasse.[24]
Literatur
- B. Campbell: The Coignet System In: Cement and Concrete Association (Hrsg.): Housing from the Factory – Proceedings of the Conference Held at Church House, London, on 4th and 5th October, 1962 Under the Auspices of the Cement and Concrete Association