Tatarisches Reich
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Das Tartarenreich bezieht sich auf eine Gruppe pseudohistorischer Verschwörungstheorien, darunter Vorstellungen von einer „verborgenen Vergangenheit“ und „Schlammlawinen“, die ihren Ursprung im pseudowissenschaftlichen russischen Nationalismus haben.

Die Tartarei oder Tartaria ist ein historischer Name für Zentralasien und Sibirien. Verschwörungstheorien behaupten, dass die Tartarei oder das Tartarenreich eine verlorene Zivilisation mit fortschrittlicher Technologie und Kultur gewesen sei. Dies ignoriert gut dokumentierte Berichte über die Tartarei in der Geschichte Asiens.[1] Heute umfasst die Region Tartarei Gebiete von Zentralafghanistan bis Nordkasachstan sowie Teile der Mongolei, Chinas und des russischen Fernen Ostens.[2]
Hintergrund
Die Theorie von Groß-Tartaria als unterdrücktes, verlorenes Land oder eine vergessene Zivilisation entstand in Russland, wobei erste Aspekte in Anatoli Fomenkos Neue Chronologie Mitte der 1970er- und frühen 1980er-Jahre auftauchten. Sie wurde später durch die rassistische okkulte Geschichtsschreibung von Nikolai Lewaschow popularisiert. In der russischen Pseudowissenschaft, die für ihren Nationalismus bekannt ist, wird Tartaria als der „wahre“ Name für Russland dargestellt, der im Westen böswillig „ignoriert“ worden sei.[3]
Die Russische Geographische Gesellschaft hat diese Verschwörungstheorie als extremistische Fantasie entlarvt und dabei die Gelegenheit genutzt, zahlreiche Karten von „Tartarei“ aus ihrer Sammlung zu veröffentlichen.
Verschwörungstheorie

Seit etwa 2016 haben Verschwörungstheorien über das angeblich verlorene Reich „Tartaria“ im Internet an Popularität gewonnen, losgelöst von ihrem ursprünglichen russisch-nationalistischen Rahmen.[4] 2024 schrieb Zach Mortice, mittlerweile verbreiteten sich Elemente dieser Theorie bereits in Mainstream-Diskursen.[5]
Die globalisierte Version der Verschwörungstheorie basiert auf einer alternativen Sichtweise der Architekturgeschichte. Anhänger behaupten, dass abgerissene Gebäude wie das Singer Building, die ursprüngliche New York Pennsylvania Station und das temporäre Ausstellungsgelände der Panama-Pacific International Exposition von 1915 tatsächlich Bauwerke eines riesigen Reiches mit Sitz in Tartaria waren, dessen Geschichte später verschleiert wurde. Prunkvoll gestaltete Gebäude aus dem Gilded Age werden oft als angebliche Werke Tartarias betrachtet. Darüber hinaus werden weitere Bauwerke wie bereits die Großen Pyramiden oder das Weiße Haus als tartarische Konstruktionen dargestellt.[6]

Die Verschwörungstheorie beschreibt nur vage, wie eine angeblich hochentwickelte Zivilisation, die den Weltfrieden erreicht haben soll, untergehen und verborgen bleiben konnte. Ein häufiges Motiv ist die Idee, dass eine „Schlamm-Flut“ große Teile der Welt entvölkerte und damit alte Gebäude teilweise unter der Erde verschwinden ließ. Dies wird mit dem Umstand begründet, dass viele Gebäude weltweit architektonische Elemente wie Türen, Fenster und Bögen aufweisen, die mehrere Meter unter dem heutigen „Bodenniveau“ liegen.[7] Verbreitet ist auch die Idee, vergangene Kriege seien ein Vorwand gewesen, um die Tartarei auszulöschen; der Erste und Zweite Weltkrieg hätten sie endgültig ausgelöscht.[8]
Zach Mortice, der für Bloomberg schreibt, führt die Theorie zurück auf eine kulturelle Unzufriedenheit mit der Moderne und die Annahme, dass traditionelle Baustile grundsätzlich gut und moderne Baustile schlecht seien. Er bezeichnet die Theorie als „das QAnon der Architektur“.[8] Der Religionswissenschaftler Moritz Maurer verbindet die Tartarenreich-Vorstellungen mit der „Riesige-Bäume-Theorie“, nach der riesige, flache Tafelberge als Überreste von ursprünglichen „Mutterbäumen“ interpretiert werden, die in ferner Vergangenheit von unbekannten, bösartigen Mächten gefällt wurden. Maurer führt das Fehlen einer klaren Erzählstruktur beider Verschwörungstheorien darauf zurück, dass sie von einer „Meme-Kultur“ in bildbasierten sozialen Medien diskutiert wird, und sieht ebenfalls Parallelen mit QAnon.[9]
Literatur
- Moritz Maurer: Conspirituality and meme culture: transgressive dynamics in right-wing esoteric social media discourse. In: Religion. Band 55, Nr. 1, 2025, S. 43–66, doi:10.1080/0048721X.2024.2317865.
- Moritz Maurer und Thierry Göckel: The Tartarian Empire: Conspirituality, Pop Culture, and the End of the Past. In: Nova Religio. Band 29, Nr. 1, 2025, S. 5–34, doi: https://doi.org/10.1353/nvr.2025.a967004
- Moritz Maurer: The Tartarian Empire. In: World Religions and Spirituality Project. 20. Januar 2026, The Tartarian Empire – WRSP