Teatro Sociale di Sondrio

Theater in Sondrio, Italien From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Teatro Sociale di Sondrio (auch: Teatro Pedretti) ist ein 1824 eröffnetes Theater in Sondrio in Oberitalien. Die Fassade steht unter Denkmalschutz und ist der einzige Teil des Gebäudes, der unverändert geblieben ist.[1]

Teatro sociale di Sondrio (2026)

Entstehung und Bedeutung

Das Teatro Sociale wurde zwischen 1820 und 1824 nach Plänen des Tessiner Architekten Luigi Canonica errichtet, eines Schülers von Giuseppe Piermarini, dem Erbauer der Mailänder Scala. Er selbst hat das Mailänder Teatro Carcano entworfen. Auftraggeber war eine Società dei Palchettisti, eine Vereinigung von 26 wohlhabenden Familien Sondrios – darunter Bürger, Adelige und Kaufleute –, die das Theater durch den Erwerb von Logenanteilen (palchetti) finanzierten. Diese Organisationsform war typisch für die sogenannten „Teatri Sociali“, die sich von fürstlichen Hoftheatern durch ihre bürgerlich-kollektive Trägerschaft unterschieden. Der Bau markierte den Beginn der urbanen Entwicklung der zentralen Piazza Garibaldi, die bis dahin von Gärten geprägt war und durch das Theater zum neuen kulturellen Zentrum der Stadt wurde.[2]

Architektonisch folgte das Theater dem neoklassizistischen Stil mit einer schlichten, aber eleganten Fassade, die bis heute erhalten ist. Das Innere war ursprünglich als hufeisenförmiges Parkett mit drei Rängen und 26 Logen konzipiert – eine für die Zeit typische Anordnung, die sowohl die Akustik als auch die soziale Hierarchie der Zuschauer widerspiegelte. Nach der Eröffnung 1824 diente das Theater zunächst als Ort für Opern, Konzerte und gesellschaftliche Veranstaltungen, bis es im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend als Kino genutzt wurde. Heute ist es ein Veranstaltungsort verschiedener Bühnenperformances. Dies ist für die Stadt Brescia wie auch für viele andere Städte ähnlicher Größe dokumentiert.[3][4]

Società dei Palchettisti

Das Finanzierungsmodell durch eine Theatergesellschaft war im frühen 19. Jahrhundert weit verbreitet. Es ermöglichte die Finanzierung des Theaterbetriebs durch die Gesellschaftsform des Vereins oder der Genossenschaft. Die Gesellschafter hatten durch den Kauf von Logenanteilen (palchetti) nicht nur das Recht auf exklusive Nutzung einer Theaterloge, sondern auch Mitspracherechte bei der Verwaltung des Theaters. Das Modell war eine wirtschaftliche Innovation, folgte dem Kulturkapitalismus und versprach kulturelle Autonomie. Es entstand als Reaktion auf den Niedergang fürstlicher Hoftheater und die wachsende kulturelle Selbstbestimmung des Bürgertums im Zeitalter der Aufklärung.

Das Ende dieser privatwirtschaftlichen Einrichtung hatte mehrere Ursachen: Zunächst führte die italienische Einheit 1861 zu einer Stärkung kommunaler Strukturen und damit zur Verantwortung sozialer Dienstleistungen in den Städten. Zum anderen setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein sozialer Wandel ein im Aufkommen großer Theater mit Varieté und Operette, später dem Kino. So verlor das Teatro seine gesellschaftliche Exklusivität, die für die Società dei Palchettisti im Vordergrund gestanden hatte. Dazu gehörten die edlen Räumlichkeiten, separierte Räume wie Logen. Eine kaufmännische Abwicklung folgte als Konsequenz.[2]

Weitere Entwicklung

Eigentümerwechsel

Südwestecke der Piazza Garibaldi (2026)

Zur Einhundertjahrfeier im Jahr 1924 wurden große Feierlichkeiten veranstaltet. Doch zeichnete sich schnell das Ende dieses Erfolgsmodells ab, weil den Eigentümern kurz darauf einerseits klar wurde, „dass der neue Feind des Teatro Sociale nicht mehr die ausländische Armee war, sondern das Kino, welches mittlerweile zur Massenleidenschaft geworden war“.[2] Und andererseits würde der Umbau des Theaters, um dort auch Filmvorführungen stattfinden zu lassen, unerschwingliche Kosten verursachen. Nach dem Sturz Benito Mussolinis im Juli 1943 besetzte die Wehrmacht Oberitalien und requirierte zahlreiche öffentliche Gebäude, so auch das Teatro Sociale, um dort Soldaten einzuquartieren. Zahlreiche Gegenstände wurden zerstört oder entwendet. Dies begünstigte die Entscheidung, sich von dem Gebäude zu trennen, erheblich.[2]

So sahen sich die Eigentümer – die Società dei Palchettisti bzw. deren Rechtsnachfolger – veranlasst, das Gebäude an Cavaliere Celestino Pedretti zu verkaufen, der es 1948 nach einer umfassenden Renovierung als Cinema Teatro Pedretti wieder für die Stadt eröffnete. Die Wahl dieses neuen Namens sollte auf die neue Ausrichtung des Hauses als Kino aufmerksam machen. Pedretti wurde mit der Benennung des kleinen Saals nach dem erneuten Umbau 2010 nachträglich geehrt.

Renovierung in den 2010er Jahren

Als einer der wichtigsten Kulturorte der Stadt und der Provinz wurde das Teatro Sociale in Sondrio 2015 nach einer langwierigen Restaurierung wiedereröffnet. Dafür wurde das Haus 2010 zunächst von der Gemeinde erworben.[5]

Der Einbau neuer Technik samt neuer Bühne, Bühnenmaschinerie und neuem Unterbühnenbereich ermöglichte Aufführungen in einem historischen Gebäude sowie eine Anpassung aller Anlagen an die geltenden Vorschriften.

Die alte Stahlbetonkonstruktion wurde abgerissen und wiederaufgebaut, das Dach abgerissen und mit Stahlträgern und Fachwerk aus Brettschichtholz erneuert. Das Untergeschoss aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde saniert und mit eben diesem kleinen Saal Sala Pedretti mit 60 Plätzen unterhalb des Theaterparketts ausgestattet. Hinzu kam die Restaurierung der Fassade und Installation der gesamten Ausstattung für 600 Sitzplätze. Der Gesamtfinanzbedarf lag bei 10 Mio. Euro.[6]

Einzelnachweise

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