Tell Knēdiğ

Fundplatz in Syrien From Wikipedia, the free encyclopedia

Reliefkarte: Syrien
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Tell Knēdiğ
Tell Knēdiğ[1]

Der Tell Knēdiğ (arabisch تل خنيدج, DMG Ḫnīdiğ; auch Kunaydij, Kneidej, Kunaidiğ) befand sich etwa 20 km südlich von al-Ḫasake, dem Verwaltungszentrum der gleichnamigen Provinz im Nordosten Syriens. Die Siedlung lag am westlichen Ufer des Ḫābūr, des größten Nebenflusses des Euphrat, in einer Entfernung von rund 300 m zum Flussbett. Infolge der Aufstauung des Ḫābūr erscheint die Fundstätte heute lediglich als Insel im südlichen Ḫābūrstausee. Im Jahre 1984 hatte die Direction Générale des Antiquités et des Musées Damas (DGAM) in einem internationalen Aufruf um Beteiligung an Rettungsgrabungen in künftigen Stauseegebieten nördlich und südlich von Ḫasake gebeten.[2]

Geografie und Morphologie

Agronomisch gesehen lag der Ort an der Grenze zwischen Regenfeldbau und Bewässerungslandwirtschaft mit einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge von 100–300 mm pro Jahr. Kulturhistorisch gehört das Gebiet zu Obermesopotamien.[3]

Das Siedlungsareal gliederte sich in zwei morphologische Einheiten. Die erste bildete ein annähernd ovaler, in Nord-Süd-Richtung verlaufender Hügel. Sein Plateau lag rund 15 m über dem Niveau der Ebene und wies eine leichte Neigung von Süden nach Norden auf. Die zweite Einheit bestand aus einer zungenförmigen Erhebung entlang der nordöstlichen Flanke des Hügels, die sich 4,5–5,0 m über das Umland erhob. Im Verlauf der Siedlungsentwicklung hatten sich die Aktivitäten auf den südwestlichen Bereich konzentriert, so dass dort ein etwa 15 m hoher Hügel entstanden ist.[4]

Geschichte

Am Tell Knēdiğ konnten insgesamt 16 Bauphasen nachgewiesen werden, die sich vier Bauperioden zuordnen lassen: die Frühe Bronzezeit (3. Jahrtausend v. Chr.), die Eisenzeit (8./7. Jahrhundert v. Chr.), die Epoche von den Seleukiden bis zu den Parthern und Römern (2. Jahrhundert v. Chr.–3. Jahrhundert n. Chr.) sowie die islamische Periode (8.–13. Jahrhundert n. Chr.). Der älteste Nachweis für die Nutzung des Ortes sind einige wenige, nicht stratifizierte Scherben aus dem späten Chalkolithikum am Ende des vierten Jahrtausends v. Chr., der späten Uruk-Zeit. Dabei handelt es sich um Schalen mit abgeschrägtem Rand oder Scherben von roter Uruk-Keramik. Entsprechende Architekturreste wurden jedoch nicht gefunden. Möglicherweise befand sich diese frühe Siedlung im zentralen Bereich des Tells.

Die ersten zusammenhängenden Architekturbefunde, stammen aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. Zu dieser Zeit umfasste die Siedlung etwa drei Hektar. Im Verlaufe der Frühen Bronzezeit verkleinerte sich die Siedlung auf etwa die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe und konzentrierte sich nur noch auf den südwestlichen Bereich. Dort entstand später ein etwa sechs Meter hoher Hügel. Ende des 3. Jahrtausends führte offenbar eine längere Trockenperiode in der agrargeografisch sehr instabilen Grenzregion zwischen Trocken- und Bewässerungsfeldbau zur Aufgabe der Siedlung.

Im zweiten Jahrtausend war der Ort nicht mehr bewohnt. Erst im 7. Jahrhundert v. Chr. in der neuassyrischen Zeit gab es wieder eine Siedlung und einen eisenzeitlichen Friedhof.[5]

In den südlichen Bereichen des Plateaus zeigten sich Gebäudestrukturen, die zwischen den eisenzeitlichen und den islamischen Besiedlungsphasen der seleukidisch-parthisch-römischen Zeit anzusiedeln sind. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die Reste eines einzigen, kontinuierlich genutzten Bauwerks. Ab der frühislamischen Epoche bis wahrscheinlich in die Zeit der Ayyubiden – vom 8. bis zum 13. Jahrhundert n. Chr. – erstreckte sich schließlich ein Dorf über das gesamte Plateau des südwestlichen Hügels. Diese letzte Ansiedlung hinterließ bis zu zwei Meter mächtige Schuttschichten.[6.1]

Forschungsgeschichte

Ein Antrag von Evelyn Klengel-Brandt, Direktorin des Vorderasiatischen Museums in Berlin in den Jahren 1992 bis 1997, auf finanzielle Förderung eines Projektes zur Beteiligung an den Rettungsgrabungen im Unteren Ḫābūrgebiet durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft wurde bewilligt. Im Zuge eines Surveys im Herbst 1992, an dem Ralf-Bernhard Wartke, stellvertretender Direktor des Vorderasiatischen Museums, sowie Lutz Martin und Christian Tietze von der Gruppe Archäologie und Bauforschung der damaligen Koordinierungs- und Aufbau-Initiative für die Forschung in den neuen Bundesländern (KAI e.V.) teilnahmen, fiel die Entscheidung, archäologische Ausgrabungen am Tell Knēdiğ durchzuführen.

Damit begann das erste eigenständige Grabungsprojekt des VAM nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Gesamtleitung lag bei Evelyn Klengel-Brandt, die die örtliche Grabungsleitung Lutz Martin übertrug. Zu den ständigen Projektmitarbeiterinnen gehörten Sabina Kulemann-Ossen und Katrin Bastert-Lamprichs.

Auf eine Vermessungskampagne im Frühjahr 1993 folgten zwischen August desselben Jahres und Oktober 1997 fünf jeweils achtwöchige Grabungskampagnen im Herbst. Im Frühjahr 1996 wurde zusätzlich eine weitere Kampagne durchgeführt. 1998 fanden zudem zwei jeweils vierwöchige Aufarbeitungskampagnen im Frühjahr und im Herbst statt.[7]

Befunde und Funde

Im nordöstlichen Bereich des Ruinengeländes wurden auf einer Fläche von rund 3.200 m² insgesamt 14 frühbronzezeitliche Wohn- und Wirtschaftseinheiten freigelegt und untersucht. Die Bauwerke und Speicheranlagen waren aus luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet. Die Untersuchungen zeigen, dass die Nutzung dieser Komplexe nicht gleichzeitig erfolgte: einzelne Bereiche wurden aufgegeben, während an anderer Stelle neue Gebäude entstanden. Ein Großteil der Haushalte verfügte über Speicher, die den Eigenbedarf sicherten, z. T. existierten aber auch Gebäude mit darüberhinausgehenden Kapazitäten, wie Rundspeicher oder mehrräumige Speicheranlagen, sogenannte „multicellular buildings“.

In den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden fanden sich kaum vollständige Inventare, wie sie in Siedlungen vorkommen, die durch plötzliche Ereignisse, wie Katastrophen, Naturgewalten oder kriegerische Auseinandersetzungen, zerstört werden. Die aufgefundene Keramik und die wenigen Geräte und Werkzeuge deuteten vielmehr auf ein „planmäßiges“ Verlassen der Siedlung hin. Ein weiteres Indiz dafür war das Zusetzen von Zu- und Durchgängen. Die Wohn- und Wirtschaftseinheiten wurden mit der Option verlassen, wieder zurückkehren zu können. Denkbar wäre, dass bestimmte Gebäude nur saisonal genutzt wurden, was für eine „dimorphe Gemeinschaft“ sprechen würde. In diesen Gesellschaften bedingt die starke Ausrichtung auf einen viehwirtschaftlichen Lebenserwerb einen häufigeren saisonbedingten Ortswechsel zumindest eines Teils der Bewohner.[6.2]

In der Viehhaltung dieser Zeit dominierten am Tell Knēdīğ Schaf und Ziege. Rinder gehörten ebenfalls zum Haustierbestand, dienten aber offenbar vorrangig der Fleischversorgung. Im archäozoologischen Material konnte festgestellt werden, dass ältere, männliche Rinder, die vorwiegend bei der Feldarbeit eingesetzt wurden, nur selten vorkamen. Daraus könnte man schließen, dass die Größe der Anbauflächen den Einsatz von Zugtieren offenbar nicht erforderte. Neben der Landwirtschaft spielte auch die Jagd auf Gazellen und Onager eine Rolle. Diese in Steppengebieten vorkommenden Tierarten und die Analyse weitere Tierknochen lassen im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. auf eine Wald-Steppenlandschaft mit fruchtbaren Ackerböden in der Ḫābūrregion schließen.[8]

Innerhalb der frühbronzezeitlichen Siedlungen konnten oftmals in Räumen oder Höfen Kindergräber freigelegt werden. Bei einem Sterbealter von einem Jahr bis zu 10 Jahren wurden Kinder häufig in Lehmziegelkistengräbern beigesetzt. Gefäß- und Schmuckbeigaben gehörten dabei zur Grab- und Totenausstattung. Für Bestattungen von Föten und Neugeborenen, die in Töpfen erfolgten, konnten keine Grabbeigaben festgestellt werden. In der untersuchten Fläche kamen nur wenige Erwachsenenbestattungen zu Tage. Anzunehmen ist, dass diese Nekropolen sich möglicherweise außerhalb der Siedlungen befunden haben.

An sogenannten Kleinfunden dominierten Reib- und Klopfsteine das Fundrepertoire. Der Fund eines Bronze-/Kupfermeißels belegt, dass es auch höherwertige Werkzeuge gab. Obsidian- und Hornsteingeräte sind nicht vor Ort hergestellt worden, d. h. es gab keine spezialisierte Rohling- oder Geräteproduktion. Die Artefakte sind Zeugnis für einen direkten oder indirekten überregionalen Austausch.[9]

Das frühbronzezeitliche Dorf nahm innerhalb der Siedlungshierarchie des Unteren Ḫābūr im 3. Jahrtausend v. Chr. eine besondere Stellung ein. Seine Bedeutung verdankte es sowohl seiner beachtlichen Größe als auch den außergewöhnlichen Speicheranlagen, insbesondere den charakteristischen Rundspeichern. Nach Tell Bdēri[10] bildete Tell Knēdīğ den zweitgrößten Ort dieser Region.[6.2]

Aus der neuassyrischen Zeit, dem 8./7. Jahrhundert v. Chr., sind die Bestattungen in den Räumen aufgelassener Häuser von besonderer Bedeutung. Neben Assur konnte am Tell Knēdīğ erstmals wieder ein größerer Komplex eisenzeitlicher Gräber untersucht werden. Die zahlreichen Grabbeigaben, u. a. Perlen aus sizilianischem Bernstein, eine Fibel aus Zypern, eiserne Pfeilspitzen und Messer sowie Rollsiegel, belegen einerseits florierende Handels- und Tauschgeschäfte und andererseits enge Verbindungen zum assyrischen Kernland.[6.3]

Literatur

  • Evelyn Klengel-Brandt et al., Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen des Vorderasiatischen Museums auf Tall Knēdīğ/NO Syrien. Ergebnisse der Kampagnen 1993 und 1994. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 128 (1996), 33–67.
  • Evelyn Klengel-Brandt et al., Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen des Vorderasiatischen Museums auf Tall Knēdīğ/ NO Syrien. Ergebnisse der Kampagnen 1995 und 1996. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 129 (1997), 39–87.
  • Evelyn Klengel-Brandt et al., Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen des Vorderasiatischen Museums auf Tall Knēdīğ/NO Syrien. Zusammenfassung der Ergebnisse 1993–1997. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 130 (1998), 73–82.
  • Evelyn Klengel-Brandt, Sabina. Kulemann-Ossen, Lutz Martin (Hrsg.), Tall Knēdīğ. Die Ergebnisse der Ausgrabungen des Vorderasiatischen Museums in Nordost-Syrien von 1993–1998, 113. Wissenschaftliche Veröffentlichung der Deutschen Orient-Gesellschaft, Saarwellingen 2005.
  • Sabina Kuleman-Ossen, Lutz Martin, Ausgrabungen am Tall Knēdīğ in NO-Syrien. In. Orient-Express (1997/1), 6–8.
  • Sabina Kuleman-Ossen, Lutz Martin, Tall Knēdīğ. In: Orient Express (1998/1), 6–8.
  • Sabina Kuleman-Ossen, Lutz Martin, Tall Knēdīğ – A Rual Site in the Iron Age. In: G. Bunnens (Hrsg.), Essays on Syria in the Iron Age, Ancient Near Eastern Studies, Supplement 7, Louvain, Paris, Sterling, Virginia 2000, 487–503.
  • Sabina Kuleman-Ossen, Lutz Martin, 75 Jahre nach Babylon. Die Ausgrabungen des Vorderasiatischen Museums am Tall Knedig in Nordost-Syrien. In: Das Altertum 55.1 (2010), 13–32.
  • Lutz Martin, Ausgrabungen auf dem Tall Knēdīğ in NO-Syrien. In: Orient-Express (1995/2), 46–50.
  • Lutz Martin, Tall Knēdīğ. In: B. Salje (Hrsg.), Vorderasiatische Museen, Gestern, Heute, Morgen, Berlin – Paris – London – New York – Eine Standortbestimmung, Kolloquium aus Anlass des Einhundertjährigen Bestehens der Vorderasiatischen Museums Berlin am 7. Mai 1999, Mainz 2001, 117–122.
  • Lutz Martin, Kuzey Suriye Tell Knedig’de Arkeolojik Kazilar. In: Haberler 12 (2001), 12–13.
  • Ralf-Bernhard Wartke, Knēdīğ. In: American Journal of Archaeology 101 (1997), 123–126.
  • Ralf-Bernhard Wartke, Tall Knēdīğ. In: L. Milano et al. (Hrsg.), Landscape, Territories, Frontiers and Horizons in the Ancient Near East (= History of the Ancient Near East Monographs III/2). Padua 1999, 243–254.

Einzelnachweise

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