Terry A. Davis

amerikanischer Computerprogrammierer From Wikipedia, the free encyclopedia

Terrence „Terry“ Andrew Davis (* 15. Dezember 1969 in West Allis, Wisconsin; † 11. August 2018 in The Dalles, Oregon) war ein US-amerikanischer Elektroingenieur, Computerprogrammierer und Videoblogger. Bekannt wurde Davis als alleiniger Entwickler des frei verfügbaren Betriebssystems TempleOS, einschließlich Kernel, Compiler und der eigens entworfenen Programmiersprache HolyC.[1][2]

Terry A. Davis (2017)

Ab Mitte der 1990er Jahre lebte Davis mit einer schweren psychischen Erkrankung. Zunächst wurde eine bipolare Störung, später Schizophrenie diagnostiziert. Diese Diagnosen prägten sowohl seine Biografie als auch die öffentliche Wahrnehmung seines Werks.[2]

Leben und Ausbildung

Davis wurde als siebtes von acht Kindern in eine katholische Familie geboren. Sein Vater arbeitete als Industrieingenieur.[2] Bereits als Kind kam Davis in der Grundschule mit einem Apple II in Berührung. Später brachte er sich auf einem Commodore 64 Assemblersprache bei und entwickelte frühe Programme.[2][1]

Davis studierte Elektrotechnik an der Arizona State University und schloss das Studium Mitte der 1990er Jahre mit Bachelor- und Masterabschluss ab.[2] Anschließend arbeitete Davis mehrere Jahre als Softwareentwickler bei Ticketmaster, wo er unter anderem an Betriebssystem-Komponenten auf VAX-Rechnern beteiligt war.[2]

Ab 1996 kam es bei Davis in etwa halbjährlichem Abstand zu manischen Episoden, die zu wiederholten stationären Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führten.[2] Zunächst wurde eine bipolare Störung, später eine Schizophrenie diagnostiziert[2][3]. In Interviews und auf seiner Webseite beschrieb Davis diese Phasen später als religiöse Offenbarungen. Er sah darin den Ursprung seiner Überzeugung, Gott gebe ihm konkrete Anweisungen für seine Arbeit an TempleOS.[2][1]

Nach dem Ende seiner Tätigkeit bei Ticketmaster lebte Davis überwiegend von Sozialleistungen und größtenteils bei seinen Eltern in Nevada und Arizona.[2] Einen Großteil seiner Zeit widmete er von Anfang der 2000er Jahre an der Entwicklung seines eigenen Betriebssystems. Parallel dazu veröffentlichte Davis umfangreiche Texte, Quellcode und später Video-Blogs und Livestreams, in denen er Programmiersitzungen, technische Erklärungen und persönliche Monologe verband.[2]

In den letzten Lebensmonaten war Davis zeitweise obdachlos und hielt sich im Raum The Dalles (Oregon) auf. Anhänger und Online-Bekannte versorgten ihn nach Medienberichten mit Lebensmitteln und Ausrüstung. Angebote für dauerhafte Unterkünfte lehnte Davis jedoch ab.[4][3]

Am Abend des 11. August 2018 wurde Davis beim Gehen entlang von Gleisen in The Dalles von einem Zug erfasst und tödlich verletzt.[4] Die Polizei konnte laut Bericht nicht abschließend klären, ob es sich um einen Unfall oder um Suizid handelte.[4]

Werk

TempleOS

Logo von TempleOS

Davis begann in den frühen 1990er Jahren, in seiner Freizeit an einem eigenen Betriebssystem zu experimentieren, wobei er auf Erfahrungen aus seiner Arbeit an Betriebssystemsoftware für Ticketmaster zurückgriff.[2][1] Etwa ab 2003 entwickelte Davis dieses Projekt systematisch weiter. Frühe Versionen trugen die Namen „LoseThos“ und „SparrowOS“, bevor er das System letztendlich in „TempleOS“ umbenannte.[1] Davis interpretierte das Betriebssystem als einen digitalen Tempel Gottes und sah es als religiös motiviertes Projekt an.[2][3]

Technisch ist TempleOS ein 64-Bit-Betriebssystem für x86-64-PCs mit kooperativem Multitasking, Mehrkern-Unterstützung und einem einzigen Adressraum im Ring-0-Modus.[1] Es verzichtet bewusst auf Netzwerkfunktionen und moderne Sicherheitsmechanismen und ist als Umgebung für Freizeitprogrammierung und Experimente gedacht. Die Benutzeroberfläche kombiniert Text- und Grafikmodus, arbeitet mit 8-Bit-ASCII und einer festen VGA-Auflösung von 640 × 480 Pixeln bei 16 Farben. Davis begründete diese Beschränkung damit, dass dies direkte Anweisungen von Gott seien.[1] TempleOS enthält eine selbst entwickelte 2D- und 3D-Grafikbibliothek, ein Dateisystem namens „RedSea“ neben Unterstützung für ISO-9660 und FAT32 sowie integrierte Werkzeuge wie Editor, Assembler, Compiler und Debugger.[1]

Das System wurde vollständig von Davis allein entwickelt. Schätzungen zufolge umfasst der von ihm geschriebene Quellcode über 100.000 Zeilen.[1] Neben systemnahen Komponenten enthält TempleOS Spiele und Demos, darunter unter anderem das Programm „After Egypt“, in dem man als Moses den Berg Horeb besteigen kann.[2] Terry betrachtete solche Funktionen als ein Werkzeug zur Kommunikation mit Gott.[2]

TempleOS wird in der Public Domain veröffentlicht. Davis stellte sowohl Binär- als auch Quellcode frei zur Verfügung.[1][5]

Inoffizielles HolyC-Logo basierend auf dem C++ Logo

HolyC

Parallel zum Betriebssystem entwarf Davis die Programmiersprache HolyC, eine eigenständige, just-in-time compilierte Sprache, die Elemente von C, C++ und Assemblersprache zusammenführt.[1][6][7] HolyC ist Davis’ eigene Kreation. Obwohl die Sprache C im Namen trägt, verzichtet sie auf viele typische C-Sprachmittel wie typedef oder continue und nutzt stattdessen eigene Konstrukte.[7]

Die Sprache ist eng mit der Entwicklungsumgebung von TempleOS verzahnt. Quelltexte werden in einem eigens definierten Textformat („DolDoc“) gespeichert, das Hyperlinks, eingebettete Grafiken und 3D-Objekte innerhalb von ansonsten normalen ASCII-Dateien erlaubt.[1][6] Funktionen können während der Bearbeitung aus der IDE heraus kompiliert und sofort ausgeführt werden, was TempleOS zu einer integrierten Programmier- und Laufzeitumgebung macht.[6]

Rezeption und Wirkung

Fach- und Feuilletonpresse

TempleOS und Davis’ Arbeitsweise wurden in der Fachpresse häufig als außergewöhnliche Einzelleistung hervorgehoben. Das Online-Medium TechRepublic bezeichnete TempleOS als „Lehrwerkzeug für Programmier-Experimente“ und als Zeugnis für die Ausdauer und Leidenschaft eines einzelnen Entwicklers.[1] Auf OSNews und in Blogs wie „A Constructive Look at TempleOS“ wurde das System als „Legende in der Betriebssystem-Community“ beschrieben. Hervorgehoben wurde insbesondere, dass Davis sämtliche Komponenten, vom Kernel über Compiler und Editor bis zu Spielen, allein geschrieben habe.[6]

Der Journalist David Cassel zeichnete in einem längeren Essay für The New Stack ein ambivalentes Bild: Einerseits betonte er die Bewunderung vieler Programmierer für Davis’ technische Leistung, andererseits beschrieb er, wie Online-Communitys versuchten, mit den Folgen seiner psychischen Erkrankung sensibel umzugehen.[3]

2019 widmete BBC Radio 4 Davis und TempleOS eine halbstündige Dokumentation in der Reihe The Digital Human (Folge „Devotion“), in der sein Werk im Kontext von Hingabe, Glauben und Kreativität beschrieben wird.[8]

Online-Auftritt und Kontroversen

Davis’ Video-Streams und Beiträge in Foren und Kommentarsektionen waren häufig von religiösen Motiven, Verschwörungsvorstellungen über Geheimdienste und von Ausfällen gegen vermeintliche Gegner geprägt.[2][3] Wegen beleidigender und teils als rassistisch und homophob bewerteter Äußerungen wurde Davis von Plattformen wie Reddit, Something Awful und Hacker News wiederholt gesperrt.[2] In Medienberichten und Online-Diskussionen wurden diese Ausbrüche häufig mit Davis’ psychischer Erkrankung in Verbindung gebracht, und Teile der Community bemühten sich um einen verständnisvollen Umgang damit.[3]

Ein von Davis geprägter Ausdruck, „glowie“, wurde später in Teilen der extremen Rechten im Internet als Slangbegriff für vermeintliche Spitzel oder verdeckte Ermittler übernommen, wie eine Analyse in The Atlantic hervorhob.[9]

Nachwirkung und Forks

Nach seinem Tod wurde Davis von vielen Programmierern und Hobby-Entwicklern in Blogbeiträgen, Foren und sozialen Medien als „Programmierlegende“ oder „tortured artist“ gewürdigt.[3] Seine Familie rief über eine Spendenkampagne dazu auf, Davis’ Andenken durch Zuwendungen an Organisationen zur Erforschung und Behandlung psychischer Erkrankungen zu ehren.[10]

Das von Davis veröffentlichte Quellmaterial wird bis heute gepflegt und weiterentwickelt. Unter anderem entstanden mehrere Forks von TempleOS, darunter ZealOS, das sich als „modernisierte“ Version mit zusätzlicher Hardware-Unterstützung versteht,[11] Shrine, das Netzwerkfunktionen und Paketverwaltung ergänzt,[12] sowie TinkerOS, das sich stärker an der Originalversion orientiert und vor allem neue Hardware unterstützt.[13]

Auch in der Informatikforschung findet TempleOS zunehmende Beachtung, etwa in Analysen zu leichtgewichtiger Betriebssystementwicklung oder zur Verbindung von Kreativität, Religion und Programmierung.[14]

Einzelnachweise

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