The Leica Freedom Train
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Der Leica Freedom Train war eine Rettungsaktion, bei der Hunderte von Juden vor dem Holocaust aus NS-Deutschland geschmuggelt wurden. Initiiert wurde sie von Ernst Leitz II vom Unternehmen Ernst Leitz GmbH sowie seiner Tochter Elsie Kühn-Leitz.[1]
Hintergrund

Das Optikunternehmen von Ernst Leitz, gegründet 1869 in Wetzlar, blickte auf eine Tradition fortschrittlicher Sozialpolitik gegenüber seinen Beschäftigten zurück. Renten, Krankheitsurlaub und Krankenversicherung wurden früh eingeführt. Das Unternehmen war auf Generationen qualifizierter Arbeitskräfte angewiesen, von denen viele jüdisch waren.
Nachdem Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, erhielt Ernst Leitz II, Sohn des Firmengründers und von 1920 bis 1956 Unternehmensleiter,[2] zunehmend verzweifelte Anrufe von jüdischen Geschäftspartnern, die Hilfe suchten, um sich und ihre Familien außer Landes zu bringen. Als Nichtjuden waren Leitz und seine Familie von den Nürnberger Gesetzen, die die Bewegungsfreiheit von Juden einschränkten und ihre beruflichen Möglichkeiten begrenzten, nicht betroffen.
Rettungsaktion
Um seinen jüdischen Mitarbeitern und Kollegen zu helfen, richtete Leitz im Verborgenen ein System ein, das von Historikern vor allem im amerikanischen Sprachraum als „Leica Freedom Train“ bezeichnet wird. Es handelte sich um eine geheime Methode, Juden unter dem Vorwand ins Ausland zu schicken, sie würden als Mitarbeiter von Leitz versetzt. Angestellte, Händler, Familienmitglieder und sogar Freunde wurden offiziell in Auslandsfilialen in Frankreich, Großbritannien, Hongkong und den Vereinigten Staaten entsandt.
Nach den Novemberpogromen 1938 (der sogenannten Reichspogromnacht) intensivierten sich die Aktivitäten deutlich. Deutsche „Mitarbeiter“, die mit dem Ozeandampfer Bremen in New York ankamen, wurden in das Leitz-Büro in Manhattan gebracht, wo ihnen bei der Arbeitssuche geholfen wurde. Jeder Neuankömmling erhielt eine Leica-Kamera, und bis zur Arbeitsaufnahme wurde ihnen ein Stipendium gezahlt.
Aus dieser Emigration gingen unter anderem Designer, Techniker, Verkäufer, Marketingfachleute und Autoren für die Fotofachpresse hervor. Der „Leica Freedom Train“ erreichte seinen Höhepunkt 1938 und Anfang 1939, als alle paar Wochen Gruppen von Flüchtlingen nach New York gebracht wurden. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der anschließenden Grenzschließung endete die Aktion.
Die Marke Leitz genoss international hohes Ansehen und brachte dem nationalsozialistischen Staat Devisen ein. Das Unternehmen stellte unter anderem Entfernungsmesser und optische Systeme für das Militär her. Der wichtigste Absatzmarkt waren die USA. Dennoch litten Mitglieder der Familie und des Unternehmens unter ihren Hilfsaktionen. Ein leitender Angestellter, Alfred Turk, wurde wegen Unterstützung von Juden inhaftiert und erst nach Zahlung eines hohen Bestechungsgeldes freigelassen.
Elsie Kühn-Leitz wurde von der Gestapo verhaftet, nachdem sie an der Grenze beim Versuch erwischt worden war, jüdischen Frauen zur Flucht in die Schweiz zu verhelfen. Sie wurde später freigelassen, erlitt jedoch während der Verhöre schwere Misshandlungen. Auch geriet sie unter Verdacht, als sie versuchte, die Lebensbedingungen von 700 bis 800 ukrainischen Zwangsarbeiterinnen zu verbessern, die in den 1940er Jahren im Werk eingesetzt waren.[3]
Auszeichnungen und Gedenken
Nach dem Krieg erhielt Elsie Kühn-Leitz zahlreiche Auszeichnungen für ihr humanitäres Engagement, darunter 1965 den französischen Orden Officier d'honneur des Palmes Académiques, in den 1970er Jahren die Aristide-Briand-Medaille der Europäischen Akademie sowie den Courage to Care Award der Anti-Defamation League.
Laut dem Autor Norman Lipton wünschte die Familie Leitz keine öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Rettungsaktionen. Erst nach dem Tod des letzten Familienmitglieds wurde die Geschichte des „Leica Freedom Train“ bekannt. Sie ist Gegenstand des Buches The Greatest Invention of the Leitz Family: The Leica Freedom Train (American Photographic Historical Society, New York, 2002) von Frank Dabba Smith.
Im Jahr 2007 wurde Ernst Leitz II postum mit dem Courage To Care Award der Anti-Defamation League ausgezeichnet.[4]
Literatur
- Smith, Frank Dabba (2002): The Greatest Invention of the Leitz Family: The Leica Freedom Train. American Photographic Historical Society, New York.
- Colby, Sacha (2023): The Matryoshka Memoirs: A Story of Ukrainian Forced Labour, The Leica Camera Factory, and Nazi Resistance. ECW Press, Toronto.
- Kate Connolly: Behind the camera - secret life of man who saved Jews from Nazis In: The Guardian, 10. Februar 2007 (englisch).
- Chris Cheesman: Leica helped Jews flee Nazis: Fresh evidence uncovered In: Amateur Photographer, 27. April 2011 (englisch).
- Simone Gilgenkrantz: Grandeur et vicissitudes de deux grandes Compagnies d'optique allemandes: II. La firme Leitz. In: Médecine/Sciences. 27. Jahrgang, Nr. 4, April 2011, S. 421–424, doi:10.1051/medsci/2011274019, PMID 21524408 (französisch).
- Paul R. Bartrop: Resisting the Holocaust: Upstanders, Partisans, and Survivors. ABC-CLIO, 2016, ISBN 978-1-61069-879-5, Leitz, Ernst II (1871–1956), S. 157–159 (englisch, google.com).
Weblinks
- Leica Freedom Train carried more than cameras von James Auer, Milwaukee Journal Sentinel, 8. Oktober 2002
- Andrew Nemeth: Leica FAQ — Leica and the Nazis. In: nemeng.com. (englisch).