Theater Rampe
Theater in Stuttgart
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Das Theater Rampe ist ein Produktionshaus für zeitgenössisches Theater, Performance, Tanz und Musik in Stuttgart. Es wurde 1984 als freies Theater gegründet. Seit 1992 nutzt es das ehemalige Depot der Stuttgarter Zahnradbahn an der Filderstraße. 2019 erhielt das Theater Rampe den Theaterpreis des Bundes.
| Theater Rampe | |
| Lage | |
| Adresse: | Filderstraße 47, 70180 Stuttgart |
| Stadt: | Stuttgart |
| Koordinaten: | 48° 45′ 50″ N, 9° 10′ 15″ O |
| Architektur und Geschichte | |
| Eröffnet: | 1984 |
| Internetpräsenz: | |
| Website: | theaterrampe.de |
Geschichte
Gründung und frühe Jahre (1984–1992)
Das Theater Rampe wurde 1984 von Regula Gerber und Alexander Seer als freies Theater in Stuttgart gegründet.[1] Regula Gerber hatte zuvor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart studiert und als Schauspielerin unter anderem am Badischen Staatstheater Karlsruhe gearbeitet. Alexander Seer kam nach seiner Tätigkeit als Regieassistent und Regisseur am Wiener Burgtheater nach Stuttgart.[2]
Gerber und Seer bauten in den ersten sechs Jahren ein Ensemble von rund 20 Mitgliedern auf. Das Repertoire umfasste klassische Werke und neue deutsche Dramatik.[3]
Das Zahnradbahnhof-Depot (ab 1992)
1988 verlor das Theater seine damalige Spielstätte, da der Eigentümer das Gebäude selbst nutzen wollte. Das Kulturamt Stuttgart und das Baden-Württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst ermöglichten eine neue Spielstätte: den alten Zahnradbahnhof in der Filderstraße. Dr. Roland Batzill, Vorstandssprecher der Stuttgarter Straßenbahnen AG, und Oberbürgermeister Manfred Rommel initiierten den Umbau zum Theater.[4]
Seit 1992 nutzt das Theater Rampe das Depot der Stuttgarter Zahnradbahn, die im Volksmund „Zacke“ genannt wird. Das 1907 im neubarocken Stil erbaute Gebäude diente ursprünglich als Talstation der Zahnradbahn. Die gelben Züge fahren jeden Abend ins Foyer des Theaters ein und parken dort über Nacht.[5]
Das Gebäude war schon vor dem Theater Rampe mit Theater verbunden: In den 1970er Jahren drehten Gudrun und Werner Schretzmeier dort die SWR-Fernsehserie „Die kleine Heimat“. Das Depot diente als Kulisse für ein fiktives Privattheater. Unter den Mitwirkenden waren Hanns Dieter Hüsch, Heidemarie Rohweder und Mathias Richling. Das fiktive Theater aus der Fernsehserie wurde Jahre später mit der Rampe real.[6]
Ära Hosemann (1998–2013)

Von 1998 bis 2013 leitete Eva Hosemann das Theater Rampe künstlerisch, bis 2004 gemeinsam mit Stephan Bruckmeier. In dieser Zeit wurde das Haus als Autorentheater auf zeitgenössische Dramatik ausgerichtet. Zu den gezeigten Autoren gehörten unter anderem Felicia Zeller, Sibylle Berg, Lutz Hübner und Andreas Sauter. Das Theater erweiterte sein Programm zudem um ortsspezifische Inszenierungen im Wohnumfeld.[7][8]
Ära Bues/Grohmann (2013–2023)
2013 übernahmen Marie Bues und Martina Grohmann die künstlerische Leitung des Theater Rampe. Bues, Regisseurin und Schauspielerin, und Grohmann, Dramaturgin mit Stationen am Theater Basel, Staatstheater Kassel und anderen Bühnen, erweiterten das Spektrum des Hauses zu einem Produktionshaus für freies Theater aller Sparten.[9]
2019 erhielten Marie Bues und Martina Grohmann für ihre Arbeit am Theater Rampe den Theaterpreis des Bundes. Der mit 75.000 Euro dotierte Preis wurde am 27. Mai 2019 in Gera verliehen. Die Jury würdigte die Entwicklung zu einem „überregional beachteten Produktionshaus für das freie Theater aller Sparten“. Die beiden Leiterinnen hätten dies „binnen weniger Jahre“ erreicht. Das Theater wirke „weit über die Bühne hinaus bis ins Herz der Stadtgesellschaft“. Es verkörpere „ein neues Stadttheater im besten Sinne“. Es war das erste Mal, dass der Theaterpreis des Bundes nach Baden-Württemberg ging.[10][11]
2021 wurde das Theater Rampe mit dem Martin Linzer Theaterpreis des Verlags Theater der Zeit ausgezeichnet. Der nicht-dotierte Preis ehrt Theaterarbeit über einen längeren Zeitraum. Die Jury des Martin Linzer Theaterpreises würdigte die langjährige Arbeit des Theaters zur Erweiterung des Autorenbegriffs mit Fokus auf neue Dramatik sowie die innovative Leitungskultur.[12][13]
2021 zog sich Marie Bues aus der Leitungsfunktion zurück, um sich verstärkt auf Regie- und Kurationsarbeit zu konzentrieren. Martina Grohmann führte die künstlerische Leitung gemeinsam mit der Geschäftsführerin Franziska Stulle bis 2023 fort.[14]
Aktuelle Leitung (ab 2023)
Ab der Spielzeit 2023/24 leiteten Ilona Schaal, Bastian Sistig und Lisa Tuyala das Theater Rampe gemeinsam. Schaal und Sistig wurden 2022 berufen, Tuyala stieß im Mai 2023 dazu. Die drei übernahmen gleichberechtigt künstlerische Leitung und Geschäftsführung. Schaal ist Theaterproduzentin und Kuratorin, Sistig Regisseur, Autor, Performer und Kurator, Tuyala Kulturmanagerin und Jazzsängerin.[15][16]
Lisa Tuyala verließ das Theater Rampe zum 31. Januar 2025. Seitdem wird das Theater von Ilona Schaal und Bastian Sistig gemeinsam geleitet.[17]
Ausrichtung / Programm
Künstlerisches Profil
Das Theater Rampe versteht sich als Produktionshaus für Theater, Performance, Tanz und Musik. Es produziert Uraufführungen zeitgenössischer Texte, entwickelt kollektiv Stücke und experimentiert mit neuen Formaten. Autoren können im Haus als Residents arbeiten.[18]
Seit der Übernahme durch Marie Bues und Martina Grohmann 2013 entwickelte sich ein verstärkter Schwerpunkt auf gesellschaftspolitisch relevante Produktionen und die Öffnung ins Stadtquartier. Mit dem Projekt „Volks*theater“ etablierte das Haus ein Ensemble aus Nachbarn des Stuttgarter Marienviertels. Unter dem aktuellen Leitungsteam werden Themen wie soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt behandelt. Die performative Stadttour „AR-Mut“ des citizen.KANE.kollektivs zeigt Armutserfahrungen. Die Produktion „Geld ist Klasse“ mit Regisseur Volker Lösch und Millionenerbin Marlene Engelhorn thematisiert Vermögensverteilung. Sistig und Schaal bauen internationale Kooperationen und Gastspiele aus. Im Sinne eines Produktionshauses der freien Szene treiben sie die Öffnung für Tanz und Performance weiter voran.[19]
Das Theater fördert gezielt den künstlerischen Nachwuchs. Absolventen der umliegenden Hochschulen erhalten Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Präsentation ihrer Arbeiten.[19]
Festival „6 TAGE FREI“
Seit 2015 richtet das Theater Rampe alle zwei Jahre das Festival „6 TAGE FREI“ aus – das Festival der freien darstellenden Künste in Stuttgart und Baden-Württemberg. Das Festival entwickelte sich aus dem Stuttgarter Theaterpreis, der mehr als 25 Jahre zuvor gegründet worden war. Vom 13. bis 18. April 2015 veranstalteten das Theater Rampe und OST – Freie Szene im Depot die erste Ausgabe.[20][21]
Seit 2022 zeigt das Festival nicht nur kuratierte Gastspiele, sondern produziert auch eigene Stücke, veranstaltet eine Konferenz und bietet eine Arbeitsresidenz. So entstand eine Produktionsplattform für Künstler aus Tanz und Theater. Aufgrund des Sparhaushalts der Stadt Stuttgart ist die Zukunft des Festivals derzeit ungewiss.[22]
Bar Rakete
Die Bar Rakete ist seit 2013 die Gastronomie des Theater Rampe und fungiert als „popkultureller Hub für den Stuttgarter Süden“.[23] Sie dient sowohl als Pausengastronomie für Theaterveranstaltungen als auch als eigenständiger Veranstaltungsort. Die Rakete öffnet in der Regel eine Stunde vor Programmbeginn.
Zur Programmpalette gehörten Konzerte abseits des Mainstreams, Partys, DJ-Events sowie die Veranstaltungsreihe Montage – regelmäßige Vorträge und Diskussionen zu Popkultur und gesellschaftlichen Themen, organisiert von Piltz, Schäfer & Vogel.[24] Die Montage findet seit November 2015 im Theater Rampe statt, ist kostenlos zugänglich und wird teilweise live im Internet gestreamt.
Seit März 2020 sendet die Rakete als Webradio unter dem Namen Raketenradio.[23] Das Projekt entstand während der Corona-Pandemie zur wirtschaftlichen Unterstützung des Kulturbetriebs und bietet ein vielfältiges popkulturelles Radioprogramm mit Musiksendungen, Podcasts und Live-Übertragungen.
Seit Herbst 2024 kann die Rakete aufgrund von Beschwerden lokaler Gewerbetreibender kein Musikprogramm mehr durchführen und bewirtet vorerst nur noch Theaterveranstaltungen der Rampe.[23] Das Theater arbeitet an mittel- und langfristigen Lösungen für die wirtschaftlich bedrohte Bar.
Netzwerke und Künstler
Künstler (Auswahl)
Am Theater Rampe haben zahlreiche Künstler und Kollektive aus den Bereichen Theater, Performance, Tanz und Musik gearbeitet. Zu den wichtigsten Kooperationen gehören die Tanzcompany backsteinhaus produktion (seit 2016 in fester Kooperation),[25] der Regisseur Volker Lösch (unter anderem mit „Geld ist Klasse“ mit Millionenerbin Marlene Engelhorn),[19] die Choreografin Lina Lapelytė („Study of Slope“, 2024), die Künstlerin Miet Warlop („After All Springville“ zur 40-Jahr-Feier 2024)[6] sowie die international tätigen Kollektive RIMINI PROTOKOLL, She She Pop und andcompany&Co.
Weitere Künstler und Kollektive sind unter anderem: Donya Ahmadifar, Tyler Cunningham & Emilia Dorr, La Fleur, Edan Gorlicki, Julian Hetzel, Herbordt/Mohren (Die Institution), Nana Hülsewig, Tanja Krone, Nicki Liszta, Ada Mukhína, Lulu Obermayer, Laura Oppenhäuser, Hendrik Quast, Milo Rau, Ülkü Süngün, Joana Tischkau, Michael Turinsky, Annika Tudeer (Oblivia), Julian Warner sowie die Kollektive citizen.KANE.kollektiv („AR-Mut“), Monster Truck und O-Team.
Netzwerke und Kooperationen
Das Theater Rampe ist Mitglied im Netzwerk Freier Theater (NFT), einem bundesweiten Zusammenschluss von elf professionellen Theatern und Produktionshäusern. Das Netzwerk ermöglicht überregionale Austausche von Produktionen und Know-how.[26]
Das Theater Rampe ist seit 2004 Partner der internationalen Austausch- und Produktionsplattform FREISCHWIMMEN, die junge darstellende Künstler an der Schwelle zur Professionalisierung unterstützt. Zur Plattform gehören acht Theater aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: brut (Wien), FFT (Düsseldorf), Gessnerallee (Zürich), HochX (München), LOFFT – DAS THEATER (Leipzig), Schwankhalle (Bremen), Sophiensæle (Berlin) und RAMPE (Stuttgart).[27] Im April und Mai 2024 kombinierte die RAMPE das FREISCHWIMMEN-Festival mit dem Festival 6 TAGE FREI. Die Zukunft der Plattform ist nach 20 Jahren gefährdet, da sie nicht für die weitere Förderung 2024–2025 ausgewählt wurde.[28]
Das Theater Rampe ist Kooperationspartner des Projekts Making a Difference, das sich für barrierefreie Produktions- und Präsentationsprozesse in den darstellenden Künsten einsetzt. Das Netzwerk entwickelt bundesweit Standards für Barrierefreiheit, faire Arbeitsbedingungen und langfristige Perspektiven in der künstlerischen Arbeit.[29]
Darüber hinaus ist das Theater Rampe in weiteren Netzwerken aktiv, darunter FESTIVALFRIENDS (Netzwerk unabhängiger Festivals der freien darstellenden Künste in Deutschland), DIE IRRITIERTE STADT, DIE VIELEN und DAS BÜNDNIS.[30] Als Mitglied des International Network for Contemporary Performing Arts (IETM) ist das Theater in internationale Austauschprozesse eingebunden.
Trägerschaft und Finanzierung
Das Theater Rampe wird als Privattheater vom Theater Rampe e.V. getragen. Es wird institutionell von der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg mit etwa 940.000 Euro im Jahr gefördert (Stand 2021).[31] Ein Förderverein unterstützt das Theater mit privaten Spenden.
Weblinks
- Offizielle Website
- Theater Rampe im Netzwerk Freier Theater
- Theater Rampe Stuttgart bei FREISCHWIMMEN