Thomas Gartmann
Schweizer Musikwissenschaftler, Germanist, Historiker und Publizist
From Wikipedia, the free encyclopedia
Thomas Gartmann (* 1961 in Chur) ist ein Schweizer Musikwissenschaftler, Germanist, Historiker und Publizist. Er leitet die Forschung an der Hochschule der Künste in Bern, ist Mitglied der Departementsleitung und verantwortet zahlreiche Projekte des Schweizerischen Nationalfonds.
Leben
Gartmann studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich bei Ernst Lichtenhahn, Max Lütolf, Peter von Matt sowie Peter Stadler und schloss 1988 sein Lizentiat mit einer Arbeit zur historischen Aufführungspraxis ab.[1] Daneben nahm er Violinunterricht bei Rudolf Bamert, Elemer Glanz und Daniel Zisman dazu Komposition bei Hans Ulrich Lehmann.[2] 1982 bis 1988 war er Konzertmeister des Akademischen Orchesters Zürich, 1988 bis 1992 des Orchestervereins Meilen. 1987 gründete er das Ensemble Miramis.[3] 1989–1994 war er Mitglied des Bündner Kammerorchesters, für das er unter anderem eine Orgel-Passcaglia von Jürg Brüesch orchestrierte.[4] 1982 bis 1994 arbeitete er als Assistent am Musikwissenschaftlichen Seminar. Daneben unterrichtete er an den Universitäten Bern und Basel sowie an der Akademie für Kirchenmusik Luzern, am Conservatorio della Svizzera Italiana, an der Hochschule für Musik Basel und am Konservatorium Bern, war Musikredaktor des Schweizer Lexikon, Mitarbeiter bei der Neuen Zürcher Zeitung und bei Schweizer Radio DRS2 sowie in der Musikdramaturgie des Tonhalleorchesters Zürich[5] und kuratierte dort eine Mozart-Ausstellung.[6] 1994 promovierte er bei Ernst Lichtenhahn zum Instrumentalwerk von Luciano Berio.[7]
1994 wurde er zum Leiter der Musikabteilung bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia berufen.[8] Hier stellte er die Komponistenförderung neu auf[9] und begründete die Prioritäre Jazzförderung.[10] 1994–2004 war er Vorstandsmitglied der Schweizer Musikforschenden Gesellschaft, Zürich, 1995–2012 wirkte er als Stiftungsrat der Fondation SUISA pour la musique.[11] Als Präsident der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung schweizerischer Musik 1996–2011 revitalisierte er das Label Grammont.[12] 2000–2003 war er Stiftungsrat des Schweizer Nationalfonds, 2005–2011 Stiftungsrat im Künstlerhaus Boswil, 2007–2008 stellvertretender Direktor von Pro Helvetia.
2011 wechselte er als Gastprofessor an die Hochschule der Künste Bern, wo er 2012 die Leitung der neu geschaffenen Forschungsabteilung übernahm.[13][14] 2012–2015 war er Vorstandsmitglied des Vereins Kulturvermittlung Schweiz,[15] 2013–2017 Präsident vom Gönnerverein der Zeitschrift «Dissonance», 2014 Co-Leiter der Summer School "Forschung und Kunstwissen" von HKB und ZHdK, 2014–2026 Vorstandsmitglied der Schweizer Musikedition,[16] die er 2014–2015 auch präsidierte, 2014–2024 Stiftungsrat des Klingendes Museums Bern, das er 2017 mitgegründet hat. 2014–2025 verantwortete er das gemeinsame interdisziplinäre Doktoratsprogramm Studies in the Arts (SINTA, vormals Graduate School of the Arts) von HKB und Universität Bern, das auch ohne Universitätsabschluss erstmals in der Schweiz eine künstlerisch-wissenschaftliche Promotion ermöglichte.[17] 2015 war er Präsident des Internationalen Kirchenmusikkongresses Bern,[18] 2016–2019 Gründer und Leiter BFH-Zentrum Arts in Context[19] und 2020 Initiant des HKB-Business Lab.[20] 2021 initiierte er eine weitere Kooperation für ein künstlerisch-wissenschaftliches Doktorat, diesmal mit der Anton Bruckner Privatuniversität Linz.
Gartmann leitete sieben Forschungsprojekte des Schweizerischen Nationalfonds zu den Themen Musik und Politik, Librettistik, Jazz in der Schweiz, Musik und Medien, Ontologie der Musik, Interpretationsforschung,[21] historisches Klavierspiel insbesondere bei Beethoven,[22] Musikdiskurse, Musik und Bild sowie Musikinstrumente des Mittelalters und der Renaissance. Auf internationale Beachtung stiess dabei insbesondere die von ihm initiierte Neufassung von Othmar Schoecks letzter Oper (gemeinsam mit Francesco Micieli und Mario Venzago),[23] die wegen ihrer politischen Dekontaminierung auf ein sehr gemischtes Echo stiess.[24][25][26] Weitere Forschungen beschäftigten sich mit Hochleistungsteams in der Musik und Wirtschaft,[27] mit künstlerischer Forschung,[28] mit Improvisation und deren Konservierung, mit Raubkunst/Fluchtgut[29] und mit dem Smartphone als Musikinstrument.[30] Auch wissenschaftspolitisch engagiert sich Gartmann, etwa indem er sich gegen populistische Kritik an der Forschungsförderung wehrt.[31]
Schriften
Als Autor
- Mozart und die Schweiz, Ausstellungskatalog: Zürcher Mozart‑Tage 1991, Zürich, Musik Hug 1991.
- 10 Jahre Jubiläumsstiftung «Kind und Musik», Zürich: Musik Hug 1992.
- Werkverzeichnis Jürg Brüesch. Zürich, Schweizerisches Musikarchiv 1994.
- «… dass nichts an sich jemals vollendet ist.» Untersuchungen zum Instrumentalschaffen von Luciano Berio. 2. Auflage. Bern, Paul Haupt 1997, ISBN 978-3-258-04998-4.
- Cadenza – Pro Helvetia und die Musik. Zürich, Pro Helvetia 1999.
Als Herausgeber
- Giuseppe Colombi: Triosonaten. Continuo-Aussetzung und Edition. Winterthur, Amadeus 1986, ISMN 979-0-01507080-8 (Suche im DNB-Portal).
- Kongressbericht des 3. Internationalen Musikwissenschaftsstudenten-Treffens. Zürich 1988.
- Benedikt Reindl: Messe in Es, 1790. Continuo‑Aussetzung und Edition, Luzern, Cron 1992.
- Meinrad Schütter: Ausgewählte Lieder für mittlere Stimme und Klavier. Aarau, Musikedition Nepomuk 1992.
- mit Andres Briner und Felix Meyer: Rudolf Kelterborn. Komponist, Musikdenker, Vermittler. Bern, Zytglogge 1993, ISBN 978-3-7296-0452-0.
- mit Christoph Ballmer: Tradition und Innovation in der Musik. Festschrift für Ernst Lichtenhahn. Winterthur, Amadeus 1993.
- mit Victor Ravizza und Annette Landau: Evaluation der Geisteswissenschaftlichen Forschung in der Schweiz. Grundlagenbericht für die Musikwissenschaft. Bern, Schweizerischer Wissenschaftsrat 1996.
- mit Erica Benz, Michael Guggenheimer und Barbara Suthof: Chronologie der Orte 1990–1997 (= Festschrift Rosemarie Simmen). Zürich, Pro Helvetia 1997.
- mit Michael Kunkel: Musik – Buchstaben – Musik. Kunst und Forschung an der Hochschule für Musik Basel. Saarbrücken, Pfau 2013, ISBN 978-3-89727-481-5.
- mit Jean-Jacques Dünki und Anette Müller: Schumann interpretieren. Bericht des Symposiums Basel 11.–14.12.2010. Sinzig: studiopunkt 2014, ISBN 978-3-89564-155-8.
- «Der Kunst ausgesetzt», 5. Internationaler Kongress für Kirchenmusik Bern 2015, Programmbuch, Bern 2015.
- mit Marc Kilchenmann. Urs Peter Schneider: Konzeptuelle Musik, eine kommentierte Anthologie. Bern, aart verlag 2016, ISBN 978-3-9524749-0-7.
- mit Andreas Marti: Der Kunst ausgesetzt. Beiträge des 5. Internationalen Kongresses für Kirchenmusik. Bern, Peter Lang 2017, ISBN 978-3-0343-2387-1.
- mit Angelika Güsewell, Olivier Senn und Britta Sweers: Growing Up. Jazz in Europa 1960–1980 (European Journal of Musicology Vol. 16/1) 2017, https://bop.unibe.ch/EJM/article/view/5774.
- mit Simeon Thompson: «Als Schweizer bin in neutral». Othmar Schoecks Oper «Das Schloss Dürande» und ihr Umfeld. Schliengen, Edition Argus 2018, ISBN 978-3-931264-90-1.
- Zurück zu Eichendorff! Zur Neufassung von Othmar Schoecks historisch belasteter Oper «Das Schloss Dürande». Zürich, Chronos 2018, ISBN 978-3-0340-1439-7.
- mit Michaela Schäuble: Beiträge der Graduate School of the Arts II. hg. von Thomas Gartmann mit Michaela Schäuble. Bern, Universität 2018.
- mit Daniel Allenbach: Rund um Beethoven. Interpretationsforschung heute. Schliengen, Edition Argus 2019, ISBN 978-3-931264-94-9.
- Von der Fuge in Rot bis zur Zwitschermaschine. Paul Klee und die Musik. Basel, Schwabe 2020, ISBN 978-3-7965-4255-8.
- mit Christian Pauli: Arts in Context – Kunst, Forschung, Gesellschaft. hg. von Thomas Gartmann und, Bielefeld, transcript 2020, ISBN 978-3-8376-5322-9 / ISBN 978-3-8394-5322-3.
- mit Michaela Schäuble: Studies in the Arts – Neue Perspektiven auf Forschung über, in und durch Kunst und Design. Bielefeld, transcript 2021, ISBN 978-3-8376-5736-4 / ISBN 978-3-8394-5736-8.
- mit Cristina Urchueguía und Hanna Ambühl-Baur: Studies in the Arts II – Künste, Design und Wissenschaft im Austausch. Bielefeld, transcript 2023, ISBN 978-3-8376-6954-1 / ISBN 978-3-8394-6954-5.
- mit Thilo Hirsch und Marina Haiduk: Rabab, Rubeba, Rubāb. Fellbespannte Streichinstrumente im historischen und kulturellen Kontext. Baden-Baden, Ergon 2025, ISBN 978-3-9874022-9-6.
- mit Doris Lanz, Raphaël Sudan und Gabrielle Weber: Musik-Diskurse nach 1970. Baden-Baden, Ergon 2025, ISBN 978-3-9874022-7-2 / ISBN 978-3-9874022-8-9.
- mit Doris Lanz: Im Brennpunkt der Entwicklungen. Der Schweizerische Tonkünstlerverein 1975–2017. Chronos, Zürich 2025, ISBN 978-3-0340-1819-7.
Weblinks
- Thomas Gartmann in der Forschungsdatenbank des Schweizerischen Nationalfonds
- Thomas Gartmann in Musinfo
- Thomas Gartmann an der Hochschule der Künste Bern
- Thomas Gartmann auf dem Repositorium der Berner Fachhochschule