Thomas Heberer (Politikwissenschaftler)

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Thomas Heberer (* 13. November 1947 in Offenbach am Main) ist ein deutscher Politik- und Ostasienwissenschaftler. Er zählt zu den Vertretern einer sozialwissenschaftlich orientierten Chinaforschung, die gesellschaftliche Akteure und lokale Dynamiken in den Mittelpunkt der Analyse politischer Transformationsprozesse stellt. Von 1998 bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Ostasien an der Universität Duisburg-Essen.

Leben

Heberer studierte Ethnologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Sinologie in Frankfurt am Main, Göttingen, Mainz und Heidelberg. 1977 wurde er an der Universität Bremen im Fach Sozialwissenschaften promoviert.[1]

Von 1977 bis 1981 arbeitete er als Lektor und Übersetzer bei der staatlich-chinesischen Propagandazeitung Peking Rundschau in Peking.[2]

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er unter anderem am Übersee-Museum Bremen.

1991 wurde er auf eine Professur für Wirtschaftssinologie an der Hochschule Bremen berufen. Von 1992 bis 1998 lehrte er an der Universität Trier. 1998 wechselte er an die Universität Duisburg-Essen, wo er bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Politik Ostasiens innehatte. Anschließend wurde ihm eine Seniorprofessur für Politik und Gesellschaft Chinas verliehen.[1]

Forschung

Heberers Forschung befasst sich mit politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen in der Volksrepublik China. Schwerpunkte sind lokale Herrschaftsstrukturen, sozialer Wandel sowie die Rolle wirtschaftlicher Akteure im politischen System.

Ein zentrales Forschungsfeld ist die Analyse privater Unternehmer als gesellschaftliche Akteure. Heberer vertritt die Auffassung, dass diese nicht ausschließlich als ökonomische Akteure zu verstehen seien, sondern als soziale Gruppen, die innerhalb institutioneller Rahmenbedingungen eigene Handlungsspielräume entwickeln können.[3]

Gemeinsam mit Gunter Schubert entwickelte er den Ansatz der „strategischen Gruppen“, der kollektive Akteure innerhalb politischer Systeme als strategisch handelnde Einheiten analysiert.[4][5]

Seine Arbeiten beruhen auf langjährigen empirischen Feldforschungen in verschiedenen Regionen der Volksrepublik China seit den frühen 1980er Jahren.[6]

Seine erste Feldforschung erfolgte 1981 im Autonomen Bezirk Liangshan der Yi-Nationalität in der Provinz Sichuan.[6]

Zur Yi-Nationalität veröffentlichte er mehrere Studien, unter anderem zur Umwelt-Governance,[7] zur Rolle ethnischer Unternehmer[8] sowie zu Fragen des sozialen und institutionellen Wandels.[9]

1998 organisierte er an der Universität Trier die zweite internationale Konferenz zu Yi-Studien.[10]

2001 initiierte er die Einwerbung von Fördermitteln für die Errichtung einer Schule für die Yi-Minderheit im Kreis Meigu.[11]

Der Sozialanthropologe Stevan Harrell hob hervor, dass Heberer die Erforschung der Yi im Liangshan wieder in die westliche wissenschaftliche Literatur eingeführt habe.[12]

Öffentliche Debatten und Kritik

Heberer äußerte sich wiederholt zu Fragen der chinesischen Innen- und Außenpolitik sowie zu den deutsch-chinesischen Beziehungen. Seiner Ansicht nach sei China „nicht unser Feind“; den brutalen Diktator Xi Jinping ordnet er als „Löwenführer“ ein.[13]

2023 veröffentlichte er gemeinsam mit Helwig Schmidt-Glintzer einen Meinungsbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung zur Situation der Menschenrechte im chinesischen Landesteil Xinjiang, der unter Fachleuten auf breiten Widerspruch stieß.[14] Eine vom früheren China-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung Kai Strittmatter verfasste Analyse des Meinungsbeitrags ist überschrieben mit „Beschämend leichtgläubig“.[15] Der Politikwissenschaftler Andreas Fulda bezeichnete den Standpunkt von Heberer und Schmidt-Glintzer zu Xinjiang als „skandalös“.[16]

Rezeption

Heberers Arbeiten wurden in der internationalen Chinaforschung insbesondere im Zusammenhang mit der Analyse gesellschaftlicher Akteure und lokaler Herrschaftsstrukturen rezipiert.

Fachrezensionen in internationalen Zeitschriften wie The China Quarterly und Pacific Affairs heben hervor, dass seine Studien zur Rolle privater Unternehmer und lokaler Kader einen Beitrag zur empirischen Analyse gesellschaftlicher Transformationsprozesse in China leisten.[3][17]

In der Forschung wird diskutiert, in welchem Ausmaß akteurszentrierte Ansätze strukturelle Beschränkungen autoritärer Systeme berücksichtigen.[18]

Der Journalist Jürgen Bertram bezeichnete Heberer als einen „der führenden, stets um Differenzierung bemühten deutschen China-Experten“.[19] Der Sinologe und Xinjiang-Experte Björn Alpermann, der auch gemeinsam mit Heberer publiziert hat, weist darauf hin, dass dieser in den 1970er Jahren „als begeisterter Maoist“ nach China gegangen ist und sich nie von seiner positiven Sicht auf die Fortschritte des chinesischen Parteistaats distanziert hat, wiewohl „nicht alles Wissenschaftliche von ihm untauglich“ sei.[20]

Publikationen

Heberer ist Autor bzw. Koautor von über 50 Buchpublikationen sowie (Ko-)Herausgeber zahlreicher Sammelbände in deutscher, englischer und chinesischer Sprache.[21]

Auswahl:

  • 1989: China and Its National Minorities: Autonomy or Assimilation?
  • 1991: Korruption in China
  • 2003: Private Entrepreneurs in China and Vietnam
  • 2007: Doing Business in Rural China
  • 2013 (mit Christian Göbel): The Politics of Community Building in Urban China
  • 2020 (mit Gunter Schubert): Weapons of the Rich
  • 2023: Social Disciplining and Civilising Processes in China
  • 2026: China neu denken. Wie das Land sich verändert und unser Jahrhundert prägt

Einzelnachweise

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