Thomas Oberender
deutscher Autor und Dramaturg
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Werdegang
Ausbildung
Thomas Oberender ist Sohn einer Psychoanalytikerin und eines Tierarztes. Parallel zum Besuch des Gymnasiums absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur in Weimar, wo er erste Begegnungen mit dem Nationaltheater Weimar hatte. Nach dem Abitur 1985 diente er drei Jahre der Nationalen Volksarmee. Ab 1988 studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin Theaterwissenschaften und parallel an der Universität der Künste Berlin Szenisches Schreiben. An der Humboldt-Universität promovierte er 1999 mit einer Arbeit über Botho Strauß.[1]
Salzburger Festspiele (2007–2011)
Von 2007 bis 2011 leitete Oberender das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele.[1] Er öffnete das Schloss Leopoldskron wieder für Festspielproduktionen[2] und war unter anderem verantwortlich für die Programmreihen Dichter zu Gast,[3] Blicke ins innere Österreich sowie Young Directors Project.[4][5][6][7][8] Im Zuge seiner Beschäftigung kam es zu Auseinandersetzungen mit dem dortigen Intendanten Jürgen Flimm. Oberender bezeichnete Flimm als Despot, Flimm nannte die Vorwürfe haltlose Diffamierungen.[9]
Berliner Festspiele (2012–2021)
Von Januar 2012 bis Ende 2021 war Oberender Intendant der Berliner Festspiele. In dieser Funktion leitete er seit 2016 die von ihm gegründete Programmreihe Immersion.[10] Oberender regte die Entstehung der interdisziplinären Formate Schule der Distanz (2016),[11] Limits of Knowing (2017)[12] und Into Worlds – Das Handwerk der Entgrenzung (2018)[13] an. Die von ihm in Kooperation mit dem Planetarium Hamburg konzipierte Reihe The New Infinity[14] öffnete seit 2018 Planetarien für Künstler des digitalen Zeitalters.[15] 2018 konzipierte Oberender mit Tino Seghal die Ausstellung Welt ohne Außen. Immersive Räume seit den 60er Jahren.[16] Ebenfalls 2018 berief er, zusammen mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Stephanie Rosenthal zur neuen Direktorin des Martin-Gropius-Baus in Berlin.[17] 2019 erinnerte Oberender anlässlich des dreißigsten Jubiläums der Maueröffnung gemeinsam mit weiteren Kuratoren an den Palast der Republik durch die Verwandlung des Hauses der Berliner Festspiele in einen „Palast der Gegenerzählungen“.[18] Im Herbst 2020 konzipierte Thomas Oberender zum Thema Klimawandel die Ausstellung „Down to Earth“ im Gropius-Bau.[19] Dem Thema entsprechend wurde erstmals vollständig auf den Verbrauch von Strom und den Ausstoß von CO2 verzichtet.[20] Für diese Ausstellung erhielt er 2021 in New York einen der Segal center awards for civic engagement in the arts.[21]
Oberender arbeitete im Rahmen seiner Tätigkeit für die Berliner Festspiele mit Künstlern wie Ed Atkins,[22] Vegard Vinge/Ida Müller,[23] Jonathan Meese,[24] Ilya Khrzhanovsky[25] und Philippe Parreno[26] zusammen. Die von Thomas Oberender am Gropius-Bau initiierte Ausstellung von Philippe Parreno «Erinnerung an eine Ausstellung» wurde 2018 in London zur „Exhibition oft the Year“ gewählt.[27]
Während einer Aufführung des Theaterstückes 89/90 durch das Schauspiel Leipzig sorgte Oberender 2017 offenbar kurzfristig für die Streichung des Wortes „Neger“, das ein Neonazi sowohl in Peter Richters Romanvorlage wie auch in der Bühnenfassung benutzt und von der Hauptfigur kritisiert wird. Ein Schauspieler sagte statt des Wortes „beep“ (Anspielung auf Bleeping).[28] Regisseur Roger Vontobel sprach daraufhin von Zensur.[29]
Im Juni 2021 gab Oberender bekannt, den im November 2020 geschlossenen Vertrag zur Verlängerung seiner Intendanz für weitere fünf Jahre ab 2022 aus persönlichen Gründen nicht anzutreten.[30][31] Als sein Abschlussprojekt initiierte er im September 2021 im Rahmen des 70. Jubiläums der Berliner Festspiele das 10-tägige Festival „The sun machine ist coming down“ im stillgelegten, sonst der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglichen ICC Berlin.[32][33][34][35]
Von Dezember 2021 bis Mai 2022 berichteten verschiedenen Medien über von Mitarbeitern der Berliner Festspiele geäußerte Kritik am Führungsverhalten Oberenders sowie von Arbeitsüberlastung der Mitarbeiter.[36][37][38] Oberender bestritt die Vorwürfe; über den Betriebsrat hätten ihn nie Beschwerden über seinen Führungsstil erreicht, zudem wäre er bei Überlastungen nicht untätig gewesen.
Weitere Tätigkeiten
Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitete Oberender zunächst freiberuflich als Dramatiker, Kritiker, Essayist und Publizist.[39] Als Mitbegründer der Autorentheatervereinigung Theater neuen Typs (TNT) präsentierte er gemeinsam mit anderen ab 1997 neue Theatertexte deutschsprachiger Autoren in Berlin.[40][41] Ferner übernahm Oberender Lehraufträge, unter anderem an der Universität der Künste Berlin, der Ruhr-Universität Bochum und am Goethe-Institut Krakau.[42] Von 2000 bis 2005 wirkte er als Leitender Dramaturg am Schauspielhaus Bochum.[40] Für die Ruhrtriennale unter der Intendanz von Gerard Mortier entwickelte er das Literaturfestival „Wiedererrichtung des Himmels“,[43] gefolgt von dem Literaturfestival Schule der Romantik (2005).[44] Er übernahm die Co-Direktion am Schauspielhaus Zürich für die Spielzeit 2005/06.[45] Für die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 entwickelte er die „Odysseeprojekt“-Reihe „Die Erfindung der Freiheit“.[46] 2019 war er zusammen mit Isabel Pfeiffer-Poensgen für die Gestaltung der Strukturentwicklungsinitiative „Ruhrkonferenz 2019“ im Bereich „Künstler-Metropole Ruhr“ zuständig.[47] 2013 wurde Oberender zum Jurymitglied des Internationalen Ibsen-Preises in Oslo berufen.[48]
Seit Januar 2022 arbeitet Thomas Oberender als künstlerischer Projektentwickler für den deutschen Unternehmer und Stifter Jan Fischer. In dieser Funktion wurde er 2024 Geschäftsführer der KH BaursPark gGmbH.[49] Für das neue Kunsthaus Baurs Park in Hamburg, das 2028 eröffnen soll, entwickelte er das Programmprofil und Team und begleitet es als Leiter Konzept und Strategie.
Thomas Oberender ist seit Januar 2022 Mitglied im Präsidium des Goethe-Instituts.[50] Er ist Vorsitzender der Jury zur Verleihung der Goethe-Medaille, die jährlich vom Goethe-Institut als eine kulturelle Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland verliehen wird.[51] Seit 2025 ist er Mitglied im Advisory Board der Athens Biennale.[52] Thomas Oberender spricht regelmäßig in verschiedenen Formaten als Redner[53] und publiziert Texte zur politischen und künstlerischen Gegenwart, u. a. für die Berliner Zeitung[54][55][56][57], Die Zeit[58], Theater der Zeit[59] und die FAZ[60].
Privates
Seit 1997 ist Thomas Oberender mit der Dramaturgin Bettina Oberender verheiratet. Sie haben einen Sohn. Thomas Oberender lebt in Berlin.[1]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Steinwald’s (Theaterstück, Verlag der Autoren 1995)
- Übersetzung: Tim Etchells Quizoola! (Rowohlt Verlag, 1998)
- Der Gebärdensammler (Texte über das Theater von Botho Strauß, 1999)
- Nachtschwärmer (Theaterstück, Verlag der Autoren 2000)
- Gott gegen Geld (Hrsg., Alexander Verlag, 2002)
- Krieg der Propheten (Hrsg., Alexander Verlag, 2004)
- 100 Fragen an Heiner Müller. Eine Séance (mit Moritz von Uslar, Verlag der Autoren, 2005)
- Das Treffen / the other side (mit Sebastian Orlac, Verlag der Autoren 2005)
- Unüberwindliche Nähe. Texte über Botho Strauß (Hrsg., Theater der Zeit, 2005)
- Kriegstheater. Zur Zukunft des Politischen III (Hrsg., Alexander Verlag, 2005)
- Übersetzung: David Greig Timeless (Rowohlt Theaterverlag, 2006)
- Leben auf Probe. Wie die Bühne zur Welt wird (Hanser Verlag, 2009)
- Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit. Müry Salzmann, Salzburg 2011, ISBN 978-3-99014-036-9.
- Nebeneingang oder Haupteingang? – Gespräche mit Peter Handke über 50 Jahre Schreiben fürs Theater (Suhrkamp Verlag, 2014)
- Limits of Knowing, Katalog (Hrsg. mit Joanna Petkiewicz, Kerber Verlag, 2017)
- Gropiusbau 2018, Katalog Philippe Parreno (Hg. mit Angela Rosenberg, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2018)
- Occupy History. Decolonisation of Memory. The East German Revolution and the West German Takeover. Buchhandlung Walter König, Köln [2019], ISBN 978-83-66232-66-2.
- Occupy History. Gespräche im Palast der Republik 13 Jahre nach seinem Verschwinden. Vier Gespräche und ein Essay. (Gespräche mit Gabi Dolff-Bonekämper, Bénédicte Savoy, Bernhard Schlink und Gabriele Stötzer). Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 2019, ISBN 978-3-96098-721-5.
- Empowerment Ost. Wie wir zusammen wachsen. Tropen Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50470-5.
- CHANGES. Berliner Festspiele 2012–2021 (Hrsg., Theater der Zeit, 2021), ISBN 978-3-95749-398-9.
- The New Infinity. Visuelle Kunst und Musik in Planetarien. (Hrsg., VdB Walther König, 2019), ISBN 978-3-96098-664-5.
- Down to Earth. Entwürfe für eine Kultur der Nachhaltigkeit. (Hrsg., Spector Books, 2021), ISBN 978-3-95905-509-3.
- Julian Beck: Das Theater lLeben. (Hrsg., Verlag Theater der Zeit, 2021), ISBN 978-3-95749-343-9.
- Hybridtheater. Neue Bühnen für Körper, Politik und virtuelle Gemeinschaften. (gem. mit Arne Vogelgesang, Verlag Theater der Zeit, 2021), ISBN 978-3-95749-403-0.
- Die lebendige Ausstellung. (Hrsg. mit Paul Rabe, Spector Books, 2022), ISBN 978-3-95905-537-6.
- The living exhibition. (Ed. mit Paul Rabe, Spector Books, 2022), ISBN 978-3-95905-563-5.
Auszeichnungen
Weblinks
- Literatur von und über Thomas Oberender im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Thomas Oberender im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Website von Thomas Oberender
