Toni Pergelt
deutsche Verfolgte des Nationalsozialismus
From Wikipedia, the free encyclopedia
Toni Pergelt (geborene Hahlbohm 19. November 1893 in Hamburg; gestorben 29. August 1979 ebenda) war eine deutsche Verfolgte des Nationalsozialismus.
Leben
Toni Hahlbohm wurde am 19. November 1893 in Hamburg geboren. Sie besuchte die Volksschule und ab 1908 zwei Jahre die „Gewerbeschule für Mädchen“ an der Brennerstraße in St. Georg. Ihren Abschluss machte sie als eine der fünf besten Schülerinnen ihres Jahrgangs. Danach arbeitete sie bei Hamburger Im- und Exportfirmen und stieg zur leitenden Angestellten auf. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Toni Hahlbohm im Jahr 1919 bei der „Korsettfabrik Hinrichsen“. In dem Jahr heiratete sie Erich Pergelt aus Prag. Pergelt war sechs Jahre älter als sie und Jude. Nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Prag, dort arbeitete Toni Pergelt 20 Jahre in Lederwarenfirmen. Auch ihr Mann war kaufmännischer Angestellter.[1]
Nach der Machtergreifung Hitlers und der Zerschlagung der Tschechoslowakei übernahm der NS-Staat die Macht in der Tschechoslowakei. Die Pergelts planten die Auswanderung nach Angola. Sie hatten zwei Plätze in der Touristenklasse an Bord der „Watussi“ der „Hamburg-Amerika-Linie“ gebucht, das Schiff sollte am 27. April 1939 von Hamburg nach Luanda ablegen. Sie besaßen ein Visum der tschechischen Behörden, ihr Haushalt war bereits verpackt und nach Hamburg geschickt. Zu ihrem Besitz gehörten auch Schmuckstücke und eine goldene Omega-Armbanduhr. Sie hatten auch bereits Arbeitskontrakte bei einer Exportfirma in Luanda. Wenige Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Erich Pergelt dann nach Polen geflüchtet. Um nun zum Hamburger Hafen zu kommen, benötigte er einen „Durchlassschein“ der Gestapo. So ging Toni Pergelt in Prag mehrfach persönlich zur Gestapo und bat um diesen Schein. Dort wurde sie bedroht und beschimpft und gab schließlich auf, als ihr bei weiterem Erscheinen die Verhaftung angedroht wurde.[1]
Ghetto Kielce
Danach reiste auch Toni Pergelt nach Polen zu ihrem Mann. Nach dem deutschen Überfall auf Polen geriet das Paar zwischen die Kampfhandlungen und erlebte in Kielce den Einmarsch deutscher Truppen. Daraufhin versuchten sie zu Fuß die sowjetische Grenze zu erreichen. Sie irrten zehn Tage umher, schließlich blieb ihnen angesichts brennender Dörfer nichts anderes übrig, nach Kielce zurückzukehren, da sie inzwischen auch an der Ruhr erkrankt waren. Sie blieben in Kielce und schlugen sich bis zum 21. März 1941 durch. An dem Tag richteten die Nazis das Ghetto Kielce ein. Erich Pergelt musste am 5. April 1941 in das Ghetto einziehen und danach im Arbeitslager des Unternehmens „Ludwigshütte“ Zwangsarbeit leisten. Toni Pergelt versorgte ihn mit Lebensmitteln und kümmerte sich auch um andere Bewohner des Ghettos. Sie brachte Medikamente, kochte für Kranke und kümmerte sich um die Menschen. Zudem sorgte sie für Nachrichten von und nach draußen.[1]
Dadurch setzte sie auch ihr Leben aufs Spiel. In Kielce war Hans Gaier der deutsche Polizeichef, er trug später die Bezeichnung „Schlächter von Kielce“. Als Hauptmann der Schutzpolizei mordete er oder ließ bei jeder sich bietenden Gelegenheit morden. Gaier sorgte dafür, dass Toni Pergelt am 14. Oktober 1943 wegen „Sabotage und Staatsfeindlichkeit“ verhaftet wurde. Auch ihr Mann kam ins Gefängnis. Am 23. Dezember 1943 wurde er zusammen mit Polen und weiteren Juden auf einem Friedhof erschossen. Toni Pergelt wurde vermutlich nur gerettet, weil sie Deutsche war. Sie kam vermutlich auf Intervention ihrer Hamburger Geschwister im Februar 1944 frei und gelangte im Juli 1944 nach Hamburg. Nach der Räumung des Ghettos im August 1944 wurden die Kinder, Alten und Kranken erschossen, die anderen nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager verlegt.[1]
Nach dem Krieg

Toni Pergelt lebte nach dem Krieg in Hamburg. Sie hielt mit anderen Überlebenden des Ghettos Kontakt, so mit Leon Reitter, einem Arzt der 1946 Arzt der jüdischen Gemeinde Göttingen wurde. Sein Kind war auf Gaiers Befehl erschossen worden. Reitter bestätigte in einem Schreiben an Pergelt: „Ich, sowie alle Juden in Kielce, haben Frau Pergelt als zu uns gehörig betrachtet und sehr verehrt, weil sie jeden Tag ihr Leben eingesetzt hat, um ihren jüdischen Mann zu retten. Sie war die einzige deutsche Frau, die diesen Mut bewiesen hat.“ In der Nachkriegszeit versuchte sie eine Entschädigung für ihr Leid im Krieg zu erhalten, doch beim Hamburger Oberversicherungsamt bat sie darum vergeblich. Im Nachlass, der später auf einem Trödelmarkt zufällig vom Journalisten Thomas Hirschbiegel gefunden wurde, der ihn dann auch aufarbeitete, fanden sich entsprechende, ablehnende Schreiben. Durch die Jahre, in denen Toni Pergelt in ständiger Lebensgefahr lebte und schließlich auch ihren Mann verlor, war sie körperlich und psychisch schwer angeschlagen. Zunächst zog sie in eine Mietwohnung in Eppendorf, später in Alsterdorf. Viel ist über ihren Lebensweg nicht mehr bekannt, doch sie stand bis zu ihrem Tod in Kontakt mit anderen Überlebenden aus dem Ghetto. Der letzte Brief im Nachlass stammt von 1972.
Toni Pergelt starb am 29. August 1979 in Hamburg. Sie wurde auf dem Friedhof Ohlsdorf bestattet und ihr wurde ein Gedenkstein in der Erinnerungsspirale im Garten der Frauen gewidmet.[2]