Toshka-Projekt
Projekt das die Wüste im Südwesten Ägyptens durch Bewässerung für die Landwirtschaft nutzbar machen soll
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Als Toshka-Projekt (auch Südägyptisches Entwicklungsprojekt, englisch South Egypt Development Project) wird ein Vorhaben der ägyptischen Regierung bezeichnet, das die Wüste im Südwesten des Landes durch Bewässerung für die Landwirtschaft nutzbar machen soll. Es ist Teil des New Valley Project, das auch die Entwicklung von Oweinat und der New Valley-Oasen einschließt.[1] Große Wassermengen werden aus dem Nasser-Stausee in einen Kanal gepumpt und in einen Wüstenstreifen parallel zum Nil, nahe der Grenze zum Sudan geleitet.


Hintergrund
Bereits in den 1950er Jahren kündigte die ägyptische Regierung an, einige der ariden Regionen des Landes durch Umleitung der regelmäßigen Nilüberschwemmungen fruchtbarer zu machen und dadurch Siedlungsdruck vom Niltal zu nehmen, in dem fast die gesamte Bevölkerung Ägyptens auf nur etwa 3% der Landesfläche lebt. Durch das starke Bevölkerungswachstum und durch Erosion[2] wird dort die landwirtschaftliche Nutzfläche immer geringer.
Nach einer ersten Ankündigung 1960 wurde zwischen 1966 und 1978 ein über 22 Kilometer langer Überlauf am Westufer des Stausees gegraben, der den Assuan-Staudamm vor zu großem Wasserdruck bei Überschwemmungen schützen und Wasser in die Toshka-Senke ableiten sollte.[3] Der Bau der Infrastruktur für das spätere Toshka-Projekt begann allerdings erst Ende der 90er Jahre. Bereits damals waren einige der Herausforderungen bekannt, unter anderem das Vorkommen eines Gebirgszugs aus Granit und die teils schlechte Bodenqualität.[4]
Während der Flut von 1996 mussten die Schleusen zum ersten Mal geöffnet werden, um ein Zurückfluten des Nils in Richtung Sudan zu verhindern und gleichzeitig den Staudamm zu schützen. Die Regierung Mubarak wollte eine Verschwendung des Wassers durch Versickern im Wüstenboden verhindern und stellte das Toshka-Projekt als Teil einer Strategie zur Wüstenbegrünung vor,[5] analog zu Projekten wie Barrage vert und der Grünen Mauer. In diesem Rahmen wurden verschiedene Projekte zur Landgewinnung in den Wüstengebieten Ägyptens geplant.[6]
Die starken Regenfälle und Überschwemmungen im äthiopischen Hochland führten 1998 zu einem starken Anstieg des Nils und des Nasser-Stausees, der den Assuan-Staudamm mit einem Wasserspiegel von 183 Metern über Meereshöhe an seine Grenzen brachte.[7] Der Überlauf von 1978 funktionierte und die Wassermengen bildeten die heutigen Toshka-Seen, die ihre größte Ausdehnung zwischen 2001 und 2003 erreichten.[3]
Ziele
In Toshka sollten nach ursprünglichen Planungen bis 2017 auf einer Fläche von 420.000 Hektar Arbeitsplätze und Wohnungen für 3 Mio. Menschen entstehen und die Siedlungsfläche Ägyptens auf über 20% vergrößert werden.[8] Damit sollten auch Einwohner Kairos aus der völlig überlasteten Metropolregion[2] zum Umzug in die neu erschlossenen Gebiete motiviert werden; insbesondere junge Menschen, Hochschulabsolventen und Techniker sollten hier zusammenkommen und die Entwicklung der örtlichen Wirtschaft fördern.[6] Neben der prioritären Landwirtschaft und Viehzucht zur Förderung der Selbstversorgungskapazitäten des Landes sollen perspektivisch auch Bergbau und Metallindustrie hinzukommen, um die Ressourcen der Toshka-Region abzubauen.[9] Die Toshka-Seen sollten zudem Fischfang in industriellem Ausmaß ermöglichen, archäologisch interessante Stätten in der Umgebung Touristen anlocken.[10]
Abschnitte
Mubarak-Pumpstation

Die Mubarak-Pumpstation liegt etwa 30 Kilometer nördlich des bekannten Felstempels Abu Simbel und bildet das Herzstück des Toshka-Projekts, indem sie das Wasser des Nasser-Stausees über 50 Meter hoch in den Scheich-Zayid-Kanal pumpt. Zum Zeitpunkt ihrer Einweihung am 12. Januar 2003 durch den damaligen Staatspräsidenten Husni Mubarak, nach dem sie auch benannt ist, handelte es sich um die größte Anlage ihrer Art weltweit. In Betrieb genommen wurde die Pumpstation jedoch erst später, da der Bau des Kanals noch nicht abgeschlossen war.[8]
Die Anlage hat eine Nennleistung von 250 MW. Insgesamt 21 drehzahlgeregelte Pumpen (die um drei weitere Pumpen erweitert werden könnten) und pumpt täglich ca. 29 Mio. m³ Wasser aus dem Nasser-Stausee.[11]
Baulich besteht die Mubarak-Pumpstation aus einem Betonbauwerk von 140 Metern Länge, 45 Metern Breite und 60 Metern Höhe, das inmitten des Einlaufbeckens steht. Zur Verhinderung von Schäden bei Erdbeben wurden Kleinbohrpfähle an den Längsseiten der Anlage mit der Bodenplatte verbunden.[11] Um den Temperaturschwankungen der ägyptischen Wüste sowie dem hohen Druck des Wassers zu widerstehen wurde eine spezielle Betonrezeptur verwendet.
Auftragnehmer für den Bau der Pumpstation waren Egyptian European Japanese Consortium (EEJC), Arabian International Construction (AIC), Ägypten, Skanska Cementation International Ltd. (SCIL), Großbritannien sowie Hitachi Ltd., Japan.[11] Die Elektrik wurde vom schweizerischen Unternehmen ABB ausgeführt.[12] Insgesamt soll der Bau 450 Mio. $ gekostet haben.[13]
Scheich-Zayid-Kanal
Der Toshka- oder Scheich-Zayid-Kanal führt das Wasser von der Mubarak-Pumpstation zu den Toshka-Seen.[10]
Der Hauptkanal hat eine Länge von 50 Kilometern und verzweigt sich in insgesamt vier Nebenkanäle, die eine Fläche von knapp 80.000 Hektar Land bewässern können. Die Tiefe des Hauptkanals beträgt ca. 6 Meter, die Breite etwa 30 Meter. Das Bett besteht aus einer Zement-Sand-Mischung, die mit einer Beton-Schicht sowie einer Polyethylen-Schicht und zusätzlich einem Schutzanstrich versiegelt wurde. Dieser hohe Aufwand verhindert die Versickerung von Wasser weitgehend. Die Verdunstung durch den offenen Kanal soll ca. 0,7% betragen.[10]
Toshka-Seen
Bei den Toshka-Seen handelt es sich um endorheische Wasseransammlungen in der Toshka-Senke, einem Kalkstein-Plateau aus dem Eozän. Die Entwicklung der Seen im Zuge der periodischen Ableitung von Überschwemmungswasser aus dem Nasser-Stausee wurde das erste Mal 1998 von Astronauten auf der Raumstation ISS beobachtet.[14] Insgesamt entstanden fünf Seen, deren Ausdehnung und Menge allerdings aufgrund der periodischen Flutung, Verdunstung und Versickerung stark schwankt. Ihre zunächst größte Ausdehnung erreichten die Seen im Zeitraum von 2001 bis 2003[3] mit einer Oberflächengröße von 1587.71 Quadratkilometern.[15] 2019 war nur noch ein See mit einer Oberflächengröße von 69.92 Quadratkilometern übrig,[15] durch die sommerlichen Starkregen in Sudan und Südsudan in diesem und dem darauffolgenden Jahr füllte sich die Senke allerdings schnell wieder. 2023 betrug die Oberfläche der fünf Seen insgesamt 2321.64 Quadratkilometer, die gesamte Wassermenge umfasste 53.28 Milliarden Kubikmeter[16] und ging damit über die Ausdehnung von 2001 hinaus.[17]
Die regelmäßige Verdunstung großer Mengen der Wasserfläche führt zu temporären Salzkrusten, die die Bodenqualität und das Pflanzenwachstum negativ beeinflussen können. Allerdings führen sie gleichzeitig zu einem verstärkten Albedo-Effekt, der eine weitere Verdunstung des tiefer liegenden Wassers vermindern kann.[15] Eine Untersuchung des Grundwassers 2024 ergab eine größtenteils gute Qualität (mit Eignung für den menschlichen Verbrauch und Bewässerung), allerdings zeigten sich bei 25 bis 40% der untersuchten Brunnen höhere als von der WHO für den menschlichen Verzehr zugelassene Konzentrationen an Kalzium und Natron.[18]
Aktueller Stand
Das emiratische Unternehmen Masdar nahm 2017 ein Photovoltaik-Projekt in Toshka mit einer Gesamtkapazität von 10 MW in Betrieb.[19] Das Projekt ist Teil einer groß angelegten Regierungsinitiative, um private Investitionen in erneuerbare Energien voranzutreiben, die staatlich-fossile Stromproduktion zu entlasten und die Elektrifizierung und Erschließung ländlicher Gegenden zu fördern.[20]
Der Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 und die darauf folgenden Lieferausfälle von Weizen führten zu einer Nahrungsmittelkrise in Ägypten mit Steigerungen der Lebensmittelpreise um bis zu 70%[21], in deren Verlauf die Regierung von Präsident Abd al-Fattah as-Sisi das seit mehreren Jahren brachliegende Toshka-Projekt wieder aufgriff.[8] Dort waren bisher hauptsächlich Obst und Gemüse als Exportprodukte angebaut worden, um die Deviseneinnahmen des Landes zu stärken.[21] Allerdings ging der ursprüngliche Plan, Parzellen zur Bewirtschaftung an Hochschulabsolventen aus der Hauptstadt und aus Alexandria zu vergeben und dadurch auch den Wissenstransfer zu fördern, offenbar aufgrund der mangelhaften Infrastruktur (Bahn- und Flugzeuganbindung, Märkte und dezentrale Vertriebswege) nicht auf.[8]
2025 wurde die größte Dattelpalmenfarm der Welt in der Gegend um Toshka eröffnet.[22] Zudem hat die ägyptische Nachhaltigkeitsinitiative SEKEM angekündigt, fast 10.000 Hektar in Toshka erwerben zu wollen, da das Gebiet nur unter wenig Umweltverschmutzung leide, sauberes Wasser biete und damit den ökologischen Anbau von Feldfrüchten ermögliche.[23] In diesem Zuge will die ägyptische Regierung auch eine eigene Logistikzone vor Ort aufbauen.[24]
Insgesamt sind - Stand 2025 - etwa 65.000 Hektar Land in Toshka landwirtschaftlich erschlossen.[25]
Kritik
Kritiker bemängelten bereits in der Planungsphase, dass die Regierung mit dauerhaften Überkapazitäten des Nilwassers plane, die angesichts der volatilen Wetterlage nicht zu erwarten seien[5]. Toshka reiht sich damit ein in viele wasserbezogene Großprojekte verschiedener ägyptischer Regierungen, die sowohl zur Beruhigung der eigenen Bevölkerung als auch zur Machtdemonstration vorgestellt, aber nie oder nicht in der angekündigten Größenordnung umgesetzt wurden.[1]
Sowohl die Bildung der Seen als auch die Einrichtung der landwirtschaftlichen Flächen und Infrastruktur führten zu Verdrängung von einheimischen Wüstenbewohnern, darunter auch vielen Mitgliedern der nubischen Minderheit.[5] Auch archäologische Funde wurden durch die Flutung und die Baumaßnahmen zerstört oder verschüttet.[26] Die hohe Verdunstungsrate der Seen soll durch die Bildung von Salzkrusten zudem zu einer negativen Entwicklung der örtlichen Bodenqualität beitragen[18] und eine Verschlechterung des örtlichen Mikroklimas mit stark steigenden Temperaturen begünstigen.[15]
Der hohe Wasserverbrauch für die Etablierung der landwirtschaftlichen Flächen in Toshka wird kritisiert, da es anderen (bereits vorhandenen) Siedlungsgebieten an Wasser mangelt.[2] Auch die Oberliegerstaaten des Blauen Nils Äthiopien und Sudan erhoben Einspruch gegen die Umleitung des Wassers nach Toshka und dem entsprechend höheren ägyptischen Verbrauch des Nilwassers; beide Länder werden durch die festgeschriebenen hohen Wassernutzungsquoten Ägyptens in verschiedenen, teils noch kolonialen Nutzungsverträgen (Anglo-Äthiopischer Vertrag 1902,[27] Nilwasserabkommen 1929,[28] Ägyptisch-Sudanesischer Nilwasservertrag 1959,[29] Framework for General Cooperation 1993[30]) benachteiligt. Beim Bau eigener Staudammprojekte der beiden Länder kam es zu politischen Konflikten mit Ägypten;[31] der Bau des Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) wurde von langjährigen juristischen Diskussionen und Verhandlungen begleitet und Ägypten kündigte die Gespräche 2020 auf, nachdem es 2015 zunächst eine Grundsatzerklärung mit Äthiopien und Sudan unterzeichnet hatte.[32] Der Staudamm wurde 2025 eingeweiht.
Während der Ausbau der Landwirtschaft in Toshka durch einheimische Bauern aufgrund der mangelnden Infrastruktur abseits der reinen Bereitstellung des nötigen Wassers behindert wird[8], werden entgegen der ursprünglichen Ankündigungen, die Hälfte der verfügbaren Parzellen zur Weiterentwicklung an Agrarstudenten der Universitäten Kairo und Alexandria zu vergeben, große Flächen ausländischen Investoren zur Verfügung gestellt, insbesondere aus den arabischen Ländern. Diese investieren in hohem Maße in afrikanischen Ländern, einerseits zur Förderung ihres politischen Einflusses, andererseits um ihre eigene Nahrungsmittelsicherheit zu fördern.[33] So baute der saudische Milliardär Prinz al-Walid Bin Talal in Toshka seine KADCO-Farm auf, die ursprünglich ca. 40.500 Hektar umfasste, von denen aber nach juristischen Unstimmigkeiten 75% an den ägyptischen Staat zurückgegeben werden mussten.[34] Der Produktionsfokus liegt auf Weizen, Mais, Gerste und Luzernen sowie Tafeltrauben für den Export nach Europa.[35] Auch die gewinnorientierte Beteiligung des ägyptischen Militärs an landwirtschaftlichen Projekten als Spekulationsobjekten wird kritisiert.[5]