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Tradwife

Kurzform für „traditional wife“, Bezeichnung für einen Lebensstil von Frauen From Wikipedia, the free encyclopedia

Tradwife (Plural: Tradwives; Kurzform für traditional wife, zu Deutsch „traditionelle Ehefrau“) ist ein Neologismus, der Ende der 2010er Jahre in den sozialen Medien aufkam. Mit ihm beschreiben sich Frauen selbst, die sich ausdrücklich für ein Leben in einer besonders konservativen Geschlechterrolle entscheiden und diesen Lebensstil auf Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram als Influencerinnen präsentieren.[1] Tradwives propagieren den Verzicht auf eine berufliche Karriere und werben stattdessen für ein Dasein als Mutter und Hausfrau. Sie sehen diesen Lebensstil in aller Regel als Akt der Selbstverwirklichung.

Diese Kühlschrank-Werbung von 1948 repräsentiert den von vielen Tradwives idealisierten Lebensstil.

Begriff und Inszenierung als Tradwife

Das Phänomen der Tradwives sowie der dazugehörige Hashtag in den sozialen Medien stammen ursprünglich aus den USA.[2] Zu Beginn der 2020er Jahre erlangten Tradwives auch in Europa Bekanntheit. In den Vereinigten Staaten ist der Social-Media-Trend am stärksten ausgeprägt, aber auch in Deutschland,[3] Großbritannien,[4] den Niederlanden[5] und Australien[6] gibt es mittlerweile einzelne Tradwives.

Tradwives orientieren sich stark an traditionellen Werten wie Ehe und Familie – Letzteres vor allem im Sinne der heterosexuellen Kleinfamilie.[2] In aller Regel geben sie an, selbst keine berufliche Tätigkeit auszuüben, sondern sich auf die Verrichtung von Sorge- sowie Haus- und Familienarbeit zu konzentrieren. Während der Inszenierung auf Social Media werden diese Arbeiten positiv dargestellt und erfahren so eine Ästhetisierung.[7] Darüber hinaus legen Tradwives viel Wert darauf, ihrem Ehemann zu gefallen und sich um ihn zu kümmern.[8] Die Selbstinszenierung der Tradwives erinnert damit stark an das Familien- und Frauenideal der 1950er.[9][10][11] Ein solches Leben lässt sich nur dann führen, wenn der Ehemann genug Geld verdient, um die Familie zu ernähren.[11]

Einige Tradwives beziehen sich auf den Feminismus und ihr Recht, sich den eigenen Lebensstil selbst aussuchen zu dürfen.[8][11] Von anderen von ihnen ist demgegenüber zu hören, dass Femininität besser als Feminismus und das Patriarchat zu begrüßen sei.[12] Die Philosophin Catherine Newmark mutmaßte, dass das Phänomen der Tradwives dadurch zu erklären sei, dass das gesellschaftliche Ideal der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Frauen kaum zu erreichen ist.[11] In einem Interview gab eine deutsche Tradwife an, ihren Lebensstil in den sozialen Medien zu präsentieren, weil sie nach der Elternzeit gemerkt habe, dass ein gesellschaftlicher Druck auf junge Mütter ausgeübt werde, direkt nach dem Ende der Elternzeit wieder einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Dies empfand sie als unangemessen, da sie als Hausfrau ebenfalls produktiv sei.[13]

In der Forschung galt lange der Konsens, dass Tradwives mehrheitlich weiß seien und vor allem die Vorstellungen traditioneller Weiblichkeit einer weißen Mittelschicht bedienen würden.[14][15] In einer Studie aus dem Jahr 2025, in der die TikTok-Accounts von insgesamt 61 Tradwives auf ihr Verhältnis zum Feminismus untersucht wurden, gehörte jedoch beinahe die Hälfte der Accounts People of Color. Laut den Autorinnen der Studie ist dies ein Hinweis darauf, dass Tradwives mittlerweile diverser sind als noch vor einigen Jahren.[16][17] So gibt es z. B. in den USA Schwarze Frauen, die ein traditionell geprägtes Ehe- und Familienleben als Mittel gegen Überarbeitung und ökonomische Unsicherheit sehen. Der Begriff Tradwife wird hier jedoch eher vermieden. Stattdessen sprechen diese Frauen oft davon, in einer „traditionellen“ bzw. „biblischen“ Ehe zu leben.[18]

Politische Einordnung

Ein Vorwurf gegenüber Tradwives lautet, dass sie ein sexistisches Familien- und Frauenbild propagieren würden. Die Kommunikationswissenschaftlerin Ashley A. Mattheis erkannte 2021 bei Tradwives das Bedürfnis, sich einem starken Mann unterzuordnen.[19] Der von vielen Tradwives propagierte Verzicht auf Erwerbsarbeit und finanzielle Eigenständigkeit sowie die von einigen behauptete vermeintliche Dichotomie zwischen Weiblichkeit und Feminismus werden ebenfalls kritisiert. Aufgrund dieser Aspekte wird Tradwives von mehreren Seiten vorgeworfen, antifeministisch zu sein, auch wenn sich die betroffenen Frauen selbst nicht so sehen oder äußern.[20][21][22] Zudem werten manche Tradwives andere Frauen ab, die nicht dem „Hausfrauenideal“ entsprächen, etwa weil sie keine Kinder haben oder nicht heterosexuell sind.[23]

Laut Sophia Sykes und Veronica Hopner vom Global Network on Extremism & Technology gibt es sowohl gemäßigt konservative Tradwives, die keine inhaltlichen Schnittmengen mit rechtsextremen Gruppierungen haben, als auch solche, die der Alt-Right und der White-Supremacy-Bewegung nahestehen.[24] So kommt es vor, dass einige Tradwives gegen die Gleichstellung der Geschlechter und Migration offen Position beziehen.[25] Außerdem argumentiert Ashley A. Mattheis, dass es rechtsextremen und faschistischen Akteuren sehr leicht gemacht werde, Tradwives für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.[26]

Die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg kritisierte vor der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2024 die Tradwife-Rollenmuster. Einige Tradwives hatten ihre Unterstützung für Donald Trump offen bekundet. Laut Lünenborg sind Tradwives Rollenvorbilder der extremen Rechten und in einem christlich-fundamentalistischen Milieu verwurzelt. Letztendlich würden sie das Patriarchat propagieren und Rassismus reproduzieren. Lünenborg warnte zudem davor, dass Frauen, die sich in vollständige finanzielle Abhängigkeit zu einem Mann begeben, aufgrund von Erwerbslosigkeit Altersarmut drohe.[27] Die Kulturwissenschaftlerin Heike Paul fragte hingegen, wie authentisch die Darstellungen in Sozialen Medien seien. Auch der Job der Influencerin erfordere Arbeit. Wer sich währenddessen um die Kinder kümmere, bleibe unklar.[23] Manche Tradwives verdienen viel Geld mit ihrer Tätigkeit als Influencerin, einige von ihnen produzieren ihre Videos mithilfe professioneller Filmteams.[28]

Weiterhin ist fraglich, inwieweit der von Tradwives propagierte Lebensstil wirklich traditionell ist, da historisch der Verzicht auf die Erwerbstätigkeit einer Frau meist nur den Familien der (weißen) Mittelklasse vorbehalten war.[29] Der Anthropologe Devin Proctor kritisiert daher, dass Tradwives den traditionellen Lebensstil einer bestimmten Gruppe unzulässigerweise verallgemeinern würden.[29]

Literarische Rezeption

In ihrem Roman Heimat aus dem Jahr 2025 greift Hannah Lühmann den Tradwife-Trend auf. Der Roman erzählt von der Protagonistin Jana, die mit ihrem Leben unzufrieden ist und von ihrem Mann mit der Care-Arbeit für die gemeinsamen Kinder alleine gelassen wird. Dann lernt Jana die ultrakonservative Tradwife Karolin kennen, unter deren Beeinflussung sich Jana selbst zunehmend radikalisiert.[30][31]

Literatur

  • Felix del Campo: New Culture Wars: Tradwives, Bodybuilders and the Neoliberalism of the Far-Right. In: Critical Sociology. Band 49, Nr. 4–5, S. 585–894, doi:10.1177/08969205221109169.
  • Zoe Hu: The Agoraphobic Fantasy of Tradlife. In: University of Pennsylvania Press (Hrsg.): Dissent. Band 70, Nr. 1, 2023, S. 54–59, doi:10.1353/dss.2023.0030.
  • Eviane Leidig: The Women of the Far Right. Social Media Influencers and Online Radicalization. Columbia University Press, New York 2023, ISBN 978-0-231-55830-3.
  • Ashley A. Mattheis: #TradCulture: Reproducing whiteness and neo-fascism through gendered discourse online. In: Shona Hunter, Christi van der Westhuizen (Hrsg.): Routledge Handbook of Critical Studies in Whitness. Routledge, London / New York 2021, ISBN 978-1-032-13934-0, S. 91–101.
  • Viktoria Rösch: Heimatromantik und rechter Lifestyle. Die rechte Influencerin zwischen Self-Branding und ideologischem Traditionalismus. In: GENDER: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft. Band 15, Nr. 2, 2023, S. 25–40, doi:10.3224/gender.v15i2.03.
  • Catherine Tebaldi, Dominika Baran: Of tradwives and TradCaths: The anti-genderism register in global nationalist movements. In: Gender & Language. Band 17, Nr. 1, 2023, S. 1–13, doi:10.1558/genl.25635.
  • Catherine Tebaldi: Tradwives and truth warriors: Gender and nationalism in US white nationalist women’s blogs. In: Gender & Language. Band 17, Nr. 1, 2023, S. 14–38, doi:10.1558/genl.18551.
Commons: Tradwife – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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