Trautes Heim (Film)
Film von Benoît Lamy (1973)
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Trautes Heim (Home sweet Home) ist ein belgisch-französischer Spielfilm von Regisseur Benoît Lamy aus dem Jahr 1973. In den Hauptrollen spielen Claude Jade, Jacques Perrin, Marcel Josz und Ann Petersen. Der französische Titel ist La fête à Jules.
| Film | |
| Titel | Trautes Heim |
|---|---|
| Originaltitel | Home Sweet Home |
| Produktionsland | Belgien, Frankreich |
| Originalsprache | Französisch |
| Erscheinungsjahr | 1973 |
| Länge | 91 Minuten |
| Stab | |
| Regie | Benoît Lamy |
| Drehbuch | Benoît Lamy, Rudolph Pauli |
| Produktion | Jacqueline Pierreux, Jacques Perrin |
| Musik | Walter Heynen, Wannes van de Velde |
| Kamera | Michel Baudour |
| Schnitt | Guido Henderickx |
| Besetzung | |
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Handlung
Das Brüsseler Altenheim „St. Marguerite“ wird von der herrischen Direktorin Yvonne (Ann Petersen) mit eiserner Hand geführt. Die junge Krankenschwester Claire (Claude Jade) fungiert zu Beginn des Films als ihre loyale Unterstützerin und setzt die strengen Regeln im Alltag resolut durch; so verbietet sie beispielsweise der neuen Heimbewohnerin Flore (Jane Meuris) strikt, die Möbel in ihrem Zimmer zu verrücken. Obwohl Claire im Grunde liebevoll zu dem älteren Insassen Jules Claas (Marcel Josz) ist, reagiert dieser zunehmend ungehalten, da sie ihn wie ein unmündiges Kind behandelt.
Sozialhelfer Jacques (Jacques Perrin) bildet durch seine nahbare Art einen Gegenpol zum strengen Regiment bildet. Als sich die Heimbewohner im Speiseraum um Jules solidarisieren und demonstrativ den Nachtisch verweigern, so dass Claire ihnen hilflos verbietet, die Plätze zu verlasseb, löst Jacques den Konflikt diplomatisch Claire, die eifersüchtig auf Jacques’ Erfolg blickt, denunziert ihn bei der Heimleiterin, woraufhin Jacques mit der Begründung, seine Art passe nicht zum Führungsstil des Hauses, fristlos entlassen wird. Yvonne empfindet Jacques’ demokratischen Umgang mit den Senioren jedoch als Bedrohung für ihren Führungsstil, den sie auch mit Hilfe des Polizeichefs (Jacques Lippe) durchsetzt.
Von Reue gepackt, eilt Claire dem entlassenen Jacques hinterher und gesteht, sich im Umgang mit den Heiminsassen ungeschickt verhalte und sie hofft, dass er eines Tages in das Heim zurückkehren möge.
Unter der repressiven Führung der Direktorin, die das Altenheim nach Jacques’ Abgang mit einer Flut von bürokratischen Formularen und Schikanen überzieht, wandelt sich Claires Einstellung nun auch im Alltag grundlegend. Als die Alten im Kaufhaus stehlen, werden sie von der Polizei gedemütigt. Als Jules nach einem heimlichen Tunesien-Urlaub mit seiner besten Freundin Anna (Elise Mertens) und der Mitbewohnerin Marguerite durch den Verrat zweier anderer Insassinnen – Sidonie und Mlle Hernotte – von der Polizei zurückgebracht wird und in eine Nervenheilanstalt abgeschoben werden soll, eskaliert die Situation: Die betagten Bewohner verbarrikadieren sich auf dem Dach des Heims und zetteln eine Revolte gegen das System und die kooperierende Polizei unter Führung von Polizeichef Van Brom an. Claire bricht endgültig mit der Heimleitung und solidarisiert sich offen mit den Aufständischen.
Während des Protests kommt die im Rollstuhl sitzende Coba bei einem Löscheinsatz der Feuerwehr ums Leben. Auf Cobas Beerdigung übergibt Claire dem Bürgermeister Beweisfotos, die Yvonne und den Polizeichef der Korruption überführen, was zu deren Entlassung führt. Jacques kehrt als neuer, von den Bewohnern gewählter Direktor zurück, und das Heim wird fortan demokratisch verwaltet. Der Film, den Claire auch als Erzählerin im Off-Monolog begleitet, endet mit der Hochzeit von Jules und Flore direkt im Heim, flankiert von Claire, Jacques sowie den anderen Bewohnern, während Claire sich im Off Hoffnung auf ein privates Glück mit Jacques macht.
Hintergrund
Der Arbeitstitel des Werks lautete Traité de savoir-vivre à l’usage des vieilles générations (Traktat über die Lebensart zum Gebrauch für die älteren Generationen). Dass sich der 27-jährige Regie-Debütant Benoît Lamy mit diesem unkonventionellen, sozialkritischen Stoff durchsetzen und ein großes Publikum erreichen konnte, lag maßgeblich an der adäquaten, humorvollen Form des Films. Hauptdarsteller und Koproduzent Jacques Perrin begründete den immensen Erfolg des kleinen Films später mit den Worten: „Es gibt keine schwierigen Themen. Wenn wir es schaffen, für sie die richtige Form zu finden, werden alle Filme für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt sein.“
Die Produktion setzte ganz gezielt auf den Kontrast zwischen ihren beiden jungen Stars Claude Jade und Jacques Perrin sowie einem Ensemble, das abseits einiger belgischer Berufsschauspieler zum Großteil aus betagten Laiendarstellern bestand. Lamy hatte die Senioren beim Brüsseler Tanztee rekrutiert.
In der zentralen Dessert-Szene bricht Regisseur Lamy mit filmischen Konventionen: Statt leiser Klaviermusik untermalt eine pathetische, wie ein „Faustschlag“ wirkende Revolutionsmusik Claires Marsch durch den Speiseraum. Begleitet von einer bedrohlichen Kamerafahrt steigert sich die Musik in ein wuchtiges Crescendo und stoppt im Moment ihres Stillstands abrupt. Dies verdeutlicht akustisch radikal Claires inneren Kampf um Autorität und das psychologische Kräfteverhältnis im Raum.
Die Inszenierung verzichtet bewusst auf eine larmoyante oder bemitleidende Darstellung der älteren Generation. Statt die Heimbewohner als reine, passive Opfer zu zeigen, werden sie als autonome Menschen porträtiert, die Würde und Respekt einfordern. Ihre Revolte ist kein trivialer Protest für bessere Rationen, sondern ein aktiver Kampf gegen die alltägliche Verachtung und Entmündigung. Der Film greift damit bewusste filmhistorische Motive des antiautoritären Aufstands auf, wie sie in Jean Vigos Zéro de conduite (1933) etabliert wurden, und überträgt den Geist der 1968er-Bewegung auf die ältere Generation.
Seine Weltpremiere feierte der Film 1973 auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau. Die regulären Kinostarts folgten am 9. Januar 1974 in Frankreich (unter dem Titel La fête à Jules) und am 22. Februar 1974 in Belgien. Die deutsche Erstausstrahlung fand am 1. September 1975 im ZDF im Rahmen der Reihe „Der besondere Film“ statt. Nach einer langen Ausstrahlungspause im deutschen Fernsehen wurde das Werk im Juni 2026 in der Arte-Mediathek für das Streaming zugänglich gemacht.
In Deutschland lief der Film wiederholt auf Filmfestivals, zuletzt 2025 beim Filmerbe-Festival in Berlin ,
Kritik
Der Film wird in der Filmkritik als gelungene Mischung aus humorvoller Unterhaltung und tiefgründiger Sozialkritik wahrgenommen, die das gesellschaftliche Dilemma alter Menschen ohne falsches Mitleid darstellt. Der Kritiker Guy Hennebelle zog in der Fachzeitschrift Ecran 75 Parallelen zu klassischen Revolutionsfilmen und bemerkte, dass Lamy diskret ein revolutionäres Element einführe, welches sich „langsam zu einem metaphorischen Bild der universellen Revolution aufbaut“, vergleichbar mit der Dynamik und dem unbedeutenden Ausgangsereignis in Panzerkreuzer Potemkin.
Das Lexikon des internationalen Films beurteilt das Werk als ein „[...] Unterhaltung und Sozialkritik geschickt verbindendes Erstlingswerk, ebenso ironisch und heiter im Stil wie originell im Stoff.“[1]
Auszeichnungen
Das Spielfilmdebüt des Belgiers Benoît Lamy wurde auf mehreren Festivals mit vierzehn Preisen, u. a. in Montreal, Moskau, Cannes und Teheran, ausgezeichnet, darunter dem Preis für die beste Regie in Budapest und dem Spezialpreis der Jury in Moskau.