Turnbewegung
Bewegung, um die deutsche Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung vorzubereiten
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Die Turnerbewegung war eine im 19. Jahrhundert aufgekommene Bewegung zur Förderung der allgemeinen Körperertüchtigung und des nationalen Bewusstseins im deutschsprachigen Raum.



Geschichte
In der (Schul-)Bildung des 18. Jahrhunderts spielte die körperliche Ertüchtigung praktisch keine Rolle. Lediglich in den Ritterakademien wurden Fechten und Tanzen gelehrt. Die Philanthropen der Aufklärung betrachteten dann den Geist und den Körper als eine Einheit,[1] weshalb körperliche Übungen zuerst in den 1770er Jahren am Philanthropinum in Dessau, bald darauf auch in Schnepfenthal eingeführt wurden, wo auch der erste Turnplatz entstand. Johann Christoph Friedrich GutsMuths systematisierte diese Übungen und entwickelte sie weiter. Nach seinem Tod erhielt er den Ruf, der „Groß- und Erzvater der deutschen Turnkunst“ zu sein[2].
Das organisierte Turnen indes wurde 1807 in Deutschland vom „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, einem Schüler von GutsMuths, initiiert. Dieser ließ mit elf Freunden am 13. November 1810 in der Hasenheide bei Berlin einen Turnplatz erbauen und gründete den geheimen Deutschen Bund zur Befreiung und Einigung Deutschlands. Dieser stand ausschließlich Männern „deutscher Abstammung“ offen. Juden waren, selbst wenn sie zum Christentum konvertiert waren, von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.[3] Den bereits bekannten, in der Gymnastik genutzten Geräten fügte er zahlreiche weitere hinzu, wie etwa den Barren und das Reck, und verwendete für den Umgang mit ihnen den Ausdruck Turnen.[4] Aus den ausgedehnten Wanderungen, die Jahn mit seinen Schülern unternahm, entwickelte sich schließlich regelmäßiges Turnen. Am 19. Juni 1811 begann er am Treffpunkt der Schüler- und Freundesgruppe mit dem öffentlichen Turnen. Dies gilt als Geburtsstunde der Turnbewegung. Die Hasenheide war der erste deutsche Turnplatz, der mit Geräten nach dem Vorbild von GutsMuths ausgestattet wurde. Ebenso entstammten die Leibesübungen, die Jahn Turnen nannte, dem Vorbild GutsMuths’, allerdings meinte Jahn mit Turnen die Gesamtheit aller Leibesübungen: Geräteübungen wurden weiterentwickelt und durch Spiele, Schwimmen, Fechten und Wandern ergänzt. 1811 gründete Jahn den Berliner Turnverein, der bis 1815 auf 778 Mitglieder anwuchs. Auf dieses Beispiel hin wurden Turnvereine in 150 Städten Deutschlands gegründet, die 1818 insgesamt 12.000 Turner vereinigten.[5]
Zweck der Turnbewegung war vordergründig der Sport. Wichtiger war zum einen die nationalistische Willensbildung, zum anderen die paramilitärische Ausbildung der Turner, um die „Feinde der Freiheit“ zu besiegen. Diese Feinde waren die Franzosen und die deutschen Fürsten, denen er vorwarf, Einheit und Freiheit der deutschen Nation zu verhindern. Jahn war gegen die Kleinstaaterei und für ein einheitliches Deutschland. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Jugend und wollte diese für einen eventuellen Kampf vorbereiten. Er erfand das Turnen als eine körperliche Betätigung für jedermann mit einem durchaus wehrpolitischen Nutzen. Infolge der Besetzung Europas durch Napoleon wurde das Turnen ab 1811 eine Schule der „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg“. Jahn strebte somit nicht, wie die Philanthropen der Aufklärung, die Erziehung des einzelnen Individuums, sondern die geistige Formung einer Nation an.
Daher bildeten sich im Zuge des „Erwachens nationaler Identitäten“ (Nationenbildung) ziemlich bald auch Ableger des Jahnschen Turnens in der Schweiz (im Jahr 1802 wurde der Telliring als erster öffentlicher Turnerplatz in der Schweiz angelegt).[6] Durch die erfolgreiche 1848er-Revolution gingen die liberal-national gesinnten Turner den gleichen Weg wie der Bundesstaat. In der Folge konnte sich der Eidgenössischen Turnverein rege in die Diskussion um die Gestaltung des Schulturnens mit einbringen (z. B. bei der Gestaltung des Lehrmittels). Einzelne Exponenten wie der Schweizer Turnvater Johannes Niggeler avancierten dabei zu direkten Beratern des Bundesrates.[7]
Die enge Verbindung mit dem frühen Burschenschaftswesen und die nationale Ausrichtung, welche die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei anstrebte, führte in den meisten Kleinstaaten Deutschlands von 1820–1842 zum Verbot des Turnwesens, der sogenannten Turnsperre. Die Geschichte des Turnens und das Leben und Wirken von Friedrich Ludwig Jahn sind im Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum in Freyburg (Unstrut) dargestellt.
Im Freikorps leistete er vor allem bei der Verwaltung, der Ermutigung und Anfeuerung der Freiwilligen sowie durch seine Ortskenntnis in Mittel- und Norddeutschland besondere Dienste. Er war auch zeitweise als Anführer eines Bataillons eingesetzt.
Mit der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde die Voraussetzung für die nationale Befreiung Deutschlands geschaffen, und Jahns Wunsch wurde somit in gewissem Sinn Wirklichkeit.