Ulrichskapelle (Standorf)

Kirchengebäude in Standorf From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Ulrichskapelle nahe dem Creglinger Ortsteil Standorf ist eine der drei gut erhaltenen spätromanischen Oktogonkapellen im baden-württembergischen Frankenland. Die Verbundkirchengemeinde Herrgottstal und Rimbachtal gehörte bis Ende 2024 zum bisherigen Kirchenbezirk Weikersheim und gehört seit 1. Januar 2025 zum Teilgebiet Weikersheim im neuen Kirchenbezirk Hohenlohe der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Die Ulrichskapelle (2015)

Lage der Kapelle

Blick von der gegenüberliegenden Talseite

Die Ulrichskapelle befindet sich im südöstlichen Teil des Main-Tauber-Kreises oberhalb des zum Creglinger Stadtteil Niederrimbach gehörenden Dorfes Standorf in Richtung Münster. Sie ist rund 3,5 km von Creglingen entfernt. Direkt unterhalb der Kapelle entspringt die Ulrichsquelle, deren Wasser im Volksglauben eine Heilwirkung für Augenerkrankungen nachgesagt wird. Diese fließt in den Rindbach, einen linken Nebenfluss der Tauber. Sie ist im Besitz der Evangelischen Kirchengemeinde Creglingen.

Der Jakobsweg Main-Taubertal führt an der Ulrichskapelle vorbei.

Reste der Außenkanzel und Grabplatten

Baugeschichte

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Kapelle 1429, doch aufgrund großer baulicher Übereinstimmungen mit der Burg Brauneck, deren Bau vor 1230 unter Konrad von Hohenlohe begonnen wurde, und stilistischer Gemeinsamkeiten mit den beiden anderen Oktogonkapellen des Taubergebiets, St. Sigismund in Oberwittighausen (um 1150) und St. Achatius in Grünsfeldhausen (um 1200) liegt ein Bau im frühen 13. Jahrhundert nahe. Auch im nahen bayerischen Gaurettersheim stand früher eine ähnliche Kirche aus gleicher Zeit. Ein dendrochronologisches Gutachten des Instituts für Botanik der Universität Stuttgart[1] belegt, dass eine Eichensäule, die im Innern der Kapelle steht, im Zeitraum 1209 bis 1229 gefällt wurde.

Baubeschreibung

Die Kapelle ist nicht ohne Weiteres als Achteckbau erkennbar. Zwei Ecken sind in der Doppelturmanlage aufgegangen. Von diesen Türmen steht nur noch der nördliche, an dem im Sockelgeschoss Reste einer Außenkanzel zu sehen sind. Derartige Kanzeln oder Austritte waren damals an von vielen Pilgern besuchten Wallfahrtskirchen durchaus üblich, da sie auch für Heiltumsweisungen benötigt wurden.[2] Vom Südturm ist nur noch das tresorartig ausgebaute Sockelgeschoss mit einem zierlichen Erkerchor erhalten. Es dürfte als Schatz- oder Reliquienkammer gedient haben, wie in anderen Kirchen ein gesichertes Turm-Obergeschoss oder eine Sakristei ohne Außenzugang.[3]

Im Inneren ist der achteckige Raum gut zu erkennen. Die flache Decke wird von einer ebenfalls achteckigen Holzsäule getragen. Sie ist zweihundert Jahre älter als die Kapelle und mag schon in einem Vorgängerbau gestanden sein. Die Chorapsis ist von einem Kreuzgratgewölbe überspannt, Flechtwerk- und Bildskulpturen zieren die Kapitelle.

Auseinandersetzungen um die Ulrichskapelle

Seit den 1920er Jahren wurden von völkischen Autoren wie dem Juristen Erich Jung und dem ersten Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz Karl Schumacher verschiedene Theorien zur Baugeschichte und Funktion der Ulrichskapelle publiziert. So soll sich an der Stelle der heutigen Kirche ein altes heidnisches Heiligtum befunden haben. Die Holzsäule in der Kapelle wurde dabei als Irminsul gedeutet. Auch soll über einen gewissen Zeitraum das Turiner Grabtuch in der Kapelle aufbewahrt worden sein. Nach der Kunsthistorikerin und Religionswissenschaftlerin Tanja Fischer wurde diese Theorie erstmals 1989 in Willi K. Müllers Buch Festliche Begegnungen: Die Freunde des Turiner Grabtuches in zwei Jahrtausenden publiziert, wobei dieses Buch für sie eher als „historischer Roman“ aufzufassen sei.[4] Historisch ließ sich keine der genannten Theorien belegen. Der Schriftsteller Gunter Haug benutzte Thema und Kirche 2002 als Hintergrund in seinem Kriminalroman Tauberschwarz. Als Gerhard Stammler, ein Nachbar der Kapelle, ab 2003 wiederholt gegenüber dem Kirchengemeinderat und den Verantwortlichen der Evangelischen Landeskirche Vorwürfe vorbrachte, in der Kapelle würden esoterische Seminare veranstaltet und Wünschelrutengänger ihr „Unwesen“ treiben, eskalierten die Meinungsverschiedenheiten.[5] Die folgenden Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Kirche, der Stadtverwaltung, Teilen der Medien und dem betroffenen ortsansässigen Kirchenführer und Heimatforscher Kurt Wagner fanden 2008 und 2009 ein reges Echo in der Presse[6] und führten zur zeitweiligen Schließung der Kapelle für Besucher. Auf einem Forum unter Beteiligung von Kirchenvertretern, Bürgermeister, Kunsthistorikern und Architekten im Creglinger Romschlössle wurde der Öffentlichkeit am 23. März 2009 bekannt gegeben, dass die Kapelle künftig wieder für Besucher nach Anmeldung geöffnet ist.[4][7]

Literatur

  • Ulrich Bernecker, Regine Burdinski: Unsere Kirchen – Ein Führer zu den Gotteshäusern des evangelischen Kirchenbezirks Weikersheim. (Hrsg.) Evangelisches Dekanat Weikersheim 2003, S. 107–109.
  • Michael Raisch: Eine Kirche mit heidnischem Ursprung. Die Ulrichskapelle in Standorf. In: Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Bd. 70 (2007), Nr. 11; EKD-Verlag, Hannover 2007, ISSN 0721-2402, S. 419–422.
  • Michael Raisch: Ein Heiligtum im Taubertal? Die Deutungen der Ulrichskapelle in Standorf. Jenaer Akademische Verlagsgesellschaft, Jena 2008, ISBN 978-3-9812008-2-9

Einzelnachweise

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