Polarität (Internationale Beziehungen)
wenn Gruppen oder Parteien besonders die Gegensätze zueinander hervorheben, um sich gegeneinander zu profilieren
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Als Polarität wird im politischen Sprachgebrauch die Verteilung von Macht zwischen Staaten im internationalen System beschrieben. Polarität ist ein Schlüsselbegriff in der politikwissenschaftlichen Theoriebildung in der Teildisziplin Internationale Beziehungen. Besonders relevant ist sie für die neorealistische Denkschule in der Analyse von Strukturen in den internationalen Beziehungen.[1]
Begriffsgeschichte
Ausgehend von US-amerikanischen Autoren wie William T. Fox zog Polarität seit den 1940er-Jahren allmählich in den Sprachgebrauch ein. Verwendung fand der Begriff vor allem seit den 1960er-Jahren sowohl im akademischen Kontext der politikwissenschaftlichen Erforschung und Systematisierung internationaler Beziehungen als auch in Politik und Publizistik. „Multipolarität“ stand z. B. im deutschen Sprachgebrauch zunächst neben bestehenden Begriffsangeboten wie „Pluralismus“ und Polyzentrismus, konnte sich aber wie „Bipolarität“ schließlich dauerhaft etablieren, ausgehend von Fachkreisen. Ihre Verwendung steht in einer längeren diskurshistorischen Tradition des „weltpolitischen Denkens“ seit dem 19. Jahrhundert.[2] Als sozialwissenschaftlicher Analysebegriff wird Polarität seitdem auch zur Beschreibung historischer Ordnungsmodelle von Staatensystemen verwendet.
Varianten
Polarität tritt primär in drei Varianten auf. Gibt es einen Staat, dessen Macht alle anderen überragt, ist die Rede von Unipolarität. Gibt es weltweit zwei ähnlich starke Staaten, spricht man von Bipolarität. Die bekannteste Verwendung ist die Beschreibung der Sowjetunion und der USA als strukturprägende Mächte einer bipolaren Welt im Kalten Krieg. Beim Vorhandensein von mehr als zwei Staaten mit ähnlichen Machtpotentialen spricht man von Multipolarität.
Auf historische Phasenmodelle übertragen, wird die Abfolge verschiedener internationaler Ordnungen zwischen dem Westfälischen Frieden von 1648 und dem Zweiten Weltkrieg als Folge von Multipolaritäten beschrieben. Nach dieser Lesart führten ständige Versuche des Machtausgleichs zwischen den Staaten oftmals zu Kriegen. Es gab aber auch friedliche Perioden des Mächtegleichgewichts, die auf vereinbarten Regeln und Prinzipien beruhten, wie denen des Wiener Kongress’ (1814/15). Die Multipolarität wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Bipolarität des Ost-West-Konfliktes abgelöst. Diese war von atomarer Abschreckung und den Militärbündnissen NATO und Warschauer Pakt geprägt. Die ersten Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts werden als Phase der Unipolarität verstanden, mit den Vereinigten Staaten als einziger Supermacht.[3]
Polarität im neorealistischen Denken
Aus Sicht von Kenneth Waltz, dem Begründer der neorealistischen Denkschule, neigen bipolare Systeme mit zwei besonders mächtigen Staaten am wenigsten zu Kriegen und erweisen sich langfristig als besonders stabil. Bipolare Machtverhältnisse seien besonders übersichtlich. Die Wahrscheinlichkeit von Fehleinschätzungen der Macht anderer Staaten, die eine eigene Reaktion (wie etwa Aufrüstung) erforderten, sei gering. Eine kriegshemmende Machtbalance sei relativ leicht herzustellen, wie der Kalte Krieg empirisch beweise. Die Situation in einem multipolaren System sei dagegen deutlich problematischer, da sich jeder Staat durch eine Vielzahl anderer Staaten bedroht fühlen müsse, deren Machtausstattung und Intention nur ungenau einzuschätzen sei. In einem unipolaren System stelle der Hegemon für alle anderen Staaten eine eindeutige Bedrohung dar, was zu Bemühungen zur Bildung von Gegenmacht-Bündnissen führe, womit die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Auseinandersetzungen steige.[4] Letzteres wurde 1999 von William C. Wohlforth, der ebenfalls der neorealistischen Schule zugerechnet wird, bezweifelt.[5] Er hielt die Unipolarität der Vereinigten Staaten nach Ende des Kalten Krieges nicht für ein relativ kurzfristiges Momentum bis zum Entstehen weltpolitischer Konkurrenz. Die Gründe dafür sah er in den übergroßen Machtpotentialen der USA, die andere Staaten und auch Staaten-Koalitionen entmutigen würden, Gegenmachtbildung zu betreiben.[6]
Die meisten Vertreter des Neorealismus, darunter auch John J. Mearsheimer, erwarten für die Zukunft eine neue Phase der Multipolarität mit wenigen, etwa gleich starken, globalen Akteuren. Für Mearsheimer würde China in einer solchen Welt der bedeutendste Herausforderer der USA. Die Rückkehr zur Multipolarität würde die Kriegsgefahr erhöhen.[7]
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer schlug 2023 in einem TED-Vortrag namens „The Next Global Superpower Isn’t Who You Think“ ein neues geopolitisches Modell einer derzeit entstehenden und für die nächsten 10 Jahre erwartbaren multipolaren Weltordnung vor. Darin geht er von drei parallelen und durch enge Wechselwirkungen verbundenen Weltordnungen aus:
- der politischen Weltordnung, die unipolar mit den USA als alleiniger Weltmacht sein werde,
- der ökonomischen Weltordnung, die multipolar werde, mit den USA und China als führenden Wirtschaftsmächten sowie der EU, Indien und Japan mit mittlerer Bedeutung; wobei die USA und China so eng verflochten seien, dass dies einen Krieg zwischen ihnen unmöglich mache, und die mittleren Mächte ihr möglichstes tun würden, um ein Gleichgewicht zwischen politischer und ökonomischer Weltordnung aufrechtzuerhalten,
- der digitalen Weltordnung, die die wichtigste werde – hier seien nicht Regierungen, sondern die Techindustrie aufgrund der Macht der von ihnen entwickelten sozialen Medien die Weltmächte. Als Begründung betonte er beispielsweise die Rolle der IT für die Ukraine im Russisch-Ukrainischen Krieg oder die Sperrung des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump auf der Plattform Twitter 2021.[8]
Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler geht 2024 davon aus, dass die Phase der unipolaren Weltordnung beendet ist und eine von fünf Großmächten dominierte Weltordnung am Entstehen sei; dies seien die USA, die EU, Russland, China und Indien. Dabei werde keine dieser Mächte eine unipolare globale Vorherrschaft anstreben, da allen die hohen Kosten dieser Position bewusst sei. Unsicher sei in dieser Konstellation die Rolle der EU, die von ihrer internen Einigkeit abhänge – wenn diese misslinge, steige die EU aus der Großmacht-Rolle ab.[9]
„Multipolarität“ als politisches Schlagwort im 21. Jahrhundert
Verstärkt seit den 1990er-Jahren wird Multipolarität nicht nur als gegenwartsdiagnostischer Begriff eingesetzt, sondern auch als politisches Gegenkonzept zu einer unipolaren US-amerikanischen Vormachtstellung oder einer westlich geprägten Ordnung. Die mit Multipolarität seitdem verbundenen Vorstellungen sind oft unvereinbar. Sie reichen von einem „auf Ordnungsmächte fokussiertem Großraumdenken“ hin zum Bild „einer netzwerkartigen, vielschichtigen Pluralität sektoraler Zentren in einer globalisierten Welt“.[10]
Von Russland und anderen autokratischen Staaten wird z. B. der Verweis auf Multipolarität auch benutzt, um ehemalige Kolonien zum gemeinsamen Kampf gegen Amerika und die als dekadent und globalistisch dargestellten westliche Werte aufzurufen, die diesen angeblich von Westen aufgedrängt würden. Von Seiten der russischen Propaganda wurde eine groß angelegte Kampagne zur Verbreitung des Schlagwortes Multipolarität ins Leben gerufen, an der zahlreiche prorussische Medien, Think Tanks, Journalisten usw. in diversen Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch und Arabisch beteiligt sind.[11]
Unklar bleibt, inwiefern die Europäische Union anstrebt, Europa zu einem eigenen geopolitischen Pol neben den USA, China und Russland auszubauen.[12][13] Die 2019 ausgerufene deutsch-französische Initiative einer Allianz für Multilateralismus umfasst weltweit 20 bis 50 Staaten, die als Gegengewicht zu einer neuen multipolaren Weltordnung konzipiert worden zu sein scheint.[14][15]
Mögliche regionale Mittelmächte in Asien, Lateinamerika und Afrika, wie Indien, Brasilien und Südafrika gewinnen an Bedeutung, was gegen eine erneute Bipolarität der Welt spricht.[12] Ob Indien als „Pol im Werden“ angesehen werden kann, bleibt ungewiss.[13]