Usagara (Rubeho-Berge)

historische Landschaft um die Rubeho-Berge Tansanias From Wikipedia, the free encyclopedia

Usagara (auch Ussagara) ist eine historische Landschaft in Ostafrika, die während der deutschen Kolonialzeit einen zentralen Teil des Schutzgebietes Deutsch-Ostafrika bildete. Die Region erlangte besondere Bedeutung, da hier im Jahr 1884 die deutsche Kolonialherrschaft ihren Anfang nahm. Heute ist das Gebiet zwischen den Verwaltungsregionen Dodoma und Morogoro aufgeteilt.

Geografie

farbige Landkarte mit einem Teil der Küste und es Hinterlandes des heutigen Tansanias
Historische Karte von Usagara (Mitte oben) und Nachbarregionen mit Reiserouten von Joachim von Pfeil, 1886

Usagara umfasste einen Teil des Ostafrikanischen Randgebirges und lag etwa zwischen 6° und 8° südlicher Breite sowie 36° bis 38° östlicher Länge.[1] Die Fläche wurde auf 12.000 Quadratkilometer und die Ost-West-Ausdehnung auf umgerechnet 190 Kilometer geschätzt.[2][3] Die Landschaft wurde durch den Fluss Mukondokwa (den Oberlauf des Wami) in einen kleineren nördlichen und einen größeren südlichen Teil getrennt. Weiter im Süden fließt der Ruaha.[2]

Den geografischen Kern bildet das Rubehogebirge, dessen zentrale Teile Höhen von über 2.000 Meter erreichen: für den Guruiberg wurde eine Höhe von 2.110 Metern und für den Pala-Ulanga 1.950 Metern gemessen.[4] Geologisch handelt es sich überwiegend um Gneisland mit Vorkommen von Granit und anderen kristallinen Gesteinen.[5] Im Osten wurde die Landschaft durch die Makatasenke begrenzt, während sie im Westen an das Land Ugogo und die Halbwüste Marenga Mkali stieß.[2][1]

Klimatisch herrscht ein kontinentales Passatklima.[2] In den Niederungen der Talgründe galt es als ungesund und sumpfig, während es in den höheren Lagen als kühler und für Europäer geeigneter erachtet wurde. Die Regenzeit dauert von Januar bis April.[1]

Geschichte

Schwarz-weiß-Skizze einer Hütte mit Flaggen, Zelten und einem Pferd
Die Station Sima in Usagara (nach einer Zeichnung von Joachim von Pfeil, April 1885)
Zeichnung einer mit Steinmauern, Dornbüschen und Weidezäunen bestigten Gebäudegruppe
Das deutsche Fort in Mpwapwa (um 1890)

Usagara lag im Hinterland der Mrimaküste, die durch die arabisch geprägte Swahili-Kultur gekennzeichnet war. Die Art des afrikanisch-arabischen Verhältnisses ist in der Forschung umstritten: während frühere Autoren eine tiefe Trennung sahen, betonen neuere Ansätze die Verflechtung zwischen Küste und Hinterland.[6] Vergleichsweise unstrittig ist hingegen der Verlauf von Karawanenrouten durch die Region.[7] In den Jahren 1857 und 1860 durchreisten die britischen Forscher Richard Francis Burton und John Hanning Speke die Berglandschaft Usagaras.[3] 1871 besuchte Henry Morton Stanley Mpwapwa (auch Mpuapua), das im 19. Jahrhundert als Hauptort Usagaras und Zugang zum Hinterland galt.[4] In den 1920er-Jahren wurde hingegen Kilosa als Hauptort genannt.[8]

Im Dezember 1884 bereiste Carl Peters zusammen mit Joachim von Pfeil, Karl Ludwig Jühlke und August Otto die Landschaft. Das Ziel dieser „Usagara-Expedition“[9] waren sogenannte Schutzverträge mit Lokalherrschern, um Land für die Gesellschaft für deutsche Colonisation (die spätere Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, DOAG) zu erwerben. Graf von Pfeil, der einzige Expeditionsteilnehmer mit eigener Afrikaerfahrung, kannte Usagara und dessen Beschreibung durch Stanleys Buch.[10][11] Am 4. Dezember kamen sie nach „Muinin Sagara“,[12] im Zentrum der Region und schlossen mit dem Herrscher Muinye Sagara die gewünschte Vereinbarung zur Landabtretung.[13] Zurück in Deutschland wurde am 27. Februar 1885 für Usagara und die benachbarten Gebiete ein kaiserlicher Schutzbrief ausgestellt. Der Sultan von Sansibar, Barghasch ibn Said, erkannte die Besitznahme von Usagara zunächst nicht an und bezeichnete sie als Usurpation. Nach einer deutschen Flottendemonstration und einem kolonialpolitischen Ausgleich zwischen Großbritannien und Deutschland musste er sie aber im August 1885 akzeptieren.[14] Dies war die Keimzelle der Kolonie Deutsch-Ostafrika, deren Ausdehnung noch beträchtlich wuchs. Die DOAG soll daher nachfolgend von Ostafrikanern auch Usagara genannt worden sein.[2]

Von Pfeil und der Kaufmann Otto blieben in Usagara zurück, um eine erste Station aufzubauen, doch Otto starb kurze Zeit später an einer Tropenkrankheit. Von Pfeil legte im Januar 1885 die Station Sima (auch Simatal oder Simathal) an. Einige Monate später wurde von Pfeil von dem durch die DOAG engagierten Gärtner Karl Schmidt abgelöst.[15] Dieser erhielt den Auftrag, den Standort zu einer landwirtschaftlichen Versuchsstation weiterzuentwickeln. Eine weitere Station der DOAG in Usagara wurde im Juni 1885 gegründet und lag etwas südlicher in Kiora. Beide Stationen bewirtschaftete die DOAG nur wenige Jahre.[16]

Die historische Forschung bewertet diese Vertragsabschlüsse und vermeintlichen Besitztitel kritisch: Peters inszenierte die Vertragsunterzeichnungen mit militärischem Pomp, Flaggenhissungen, Salutschüssen, um Stärke zu demonstrieren, obwohl die rechtliche Gültigkeit dieser Verträge schon nach damaligem Recht zweifelhaft war.[17][18] Die lokalen Herrscher wurden in den Verträgen oft willkürlich als Sultane mit absoluter Verfügungsgewalt über Gebiete eingesetzt, um die Landabtretungen formal zu legitimieren. Der Historiker Michael Pesek gelang zu dem Schluss, dass Usagara – so wie Peters es sehen wollte – gar nicht existierte, sondern sein Konstrukt war:

„Erst Peters hat Usagara zu einer politischen Landschaft, zu einem Herrschaftsterritorium und die einzelnen Herrscher, mit denen er Verträge über die Abtretung dieser Territorien schloss, zu deren Herrschern gemacht.“

Michael Pesek: Eine Gründungszene des deutschen Kolonialismus[19]

Allerdings verfolgten die Afrikaner mit den Kontrakten auch eigene Absichten, da sie sich von den Europäern u. a. Schutz vor Hungersnöten,[20] Sklavenjagden und Viehdieben versprachen.[21] So hatte Muinye Sagara bereits im September 1877 durchreisende Vertreter der London Missionary Society vergeblich um die Anlage einer Missionsstation gebeten.[22]

Administrativ gehörte Usagara als Teil Deutsch-Ostafrikas größtenteils zum Bezirk Morogoro, ein kleinerer Teil zum Bezirk Dodoma. Wichtige Stationen und Handelsplätze der Kolonialzeit waren Kilosa und Mpwapwa. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Tanganjikabahn durch die Region gebaut.

Bevölkerung

Landkarte eines Abschnitts der Küste und eines Teils des Hinterlandes des heutigen Tansania
Siedlungsgebiet der Wasagara auf einer Karte aus der Zeit um 1900

Die Region ist namensgebend für die Wasagara, eine zur Gruppe der Bantu gehörende Bevölkerung. Für das Jahr 1912 wurde ihre Zahl auf etwa 23.000 Personen geschätzt. Weitere ansässige Gruppen waren die Wadunda (circa 6.000 Personen), die Kissagara sprachen.[2]

Die soziale Struktur und Siedlungsweise der Bevölkerung wurde durch die jahrhundertelangen Sklavenjagden beeinflusst, weshalb die Kolonisten annahmen, dass viele Bewohner ihre Dörfer auf schwer zugänglichen Berggipfeln errichteten.[1] In Mpwapwa wurde die Bevölkerung als besonders traditionsreich beschrieben, mit charakteristischem Körperschmuck, Tätowierungen und kunstvoll geflochtenen Frisuren.[23] Die Sippe hatte eine hohe Bedeutung und die Stellung der Herrscher war wenig gefestigt. Ihr Machtbereich umfasste oft nicht mehr als einige Dörfer.[21]

Fauna und Flora

Die Vegetation Usagaras wurde als vielfältig beschrieben. Demnach reichte sie von trockener Baum- und Buschsteppe in den Ebenen bis hin zu immergrünem Höhenwald auf einigen Gipfeln.[2] Die Talgründe zeichneten sich durch einen üppigen Bewuchs mit Tamarinden, Wollbäumen sowie verschiedenen Palmenarten (Öl-, Fächer- und Doumpalmen) aus.[1]

Die Wälder boten wertvolle Holzarten wie den Teakbaum und verschiedene Meliaceen, die für die koloniale Wirtschaft als Ausfuhrartikel von Interesse waren.[23] Die Tierwelt bestand unter anderem aus Büffeln, Elefanten, Löwen, Giraffen und Zebras, insbesondere in Westusagara und der wildreichen Makataebene im Süden.[1]

Landwirtschaft

rechteckige dunkelblaue Verpackung
Historische Packung Tabak aus Usagara (mit DOAG-Wappen)

Die traditionelle Landwirtschaft der Bewohner basierte auf dem Anbau von:[1][2][8]

Während der Kolonialzeit unternahm die DOAG Anbauversuche, um die Region für die Plantagenwirtschaft zu erschließen. Dabei wurden europäische Gemüsearten (wie Kohl, Zwiebeln und Erbsen), Wein, Kartoffeln sowie tropische Kulturen wie Baumwolle, Kaffee, Tee und Zuckerrohr getestet.[23]

Die Viehzucht (Rinder, Schafe und Ziegen) galt als lohnend, war jedoch durch das Vorkommen von Tsetsefliegen begrenzt.[1] In tsetsefreien Gebieten wurde die Zucht von Rindern und Kleinvieh als erfolgreich erachtet.[2]

Rezeption

Der Kolonialist August Leue dichtete um 1890 das Ußagara-Lied, in dem er auf die „dunkelblauen Berge“ Usagaras Bezug nahm.[24] In dem Koloniallied Was ist des Deutschen Tochterland? von Emil Sembritzki wird Usagara als „wohlbekannt“ genannt.[25]

Literatur

  • Michael Pesek: Eine Gründungszene des deutschen Kolonialismus – Peters’ Expedition nach Usagara, 1884. In: Marianne Bechhaus-Gerst, Reinhard Klein-Arendt (Hrsg.): Die (koloniale) Begegnung – AfrikanerInnen in Deutschland 1880–1945, Deutsche in Afrika 1880–1918. Peter Lang, Frankfurt a. M./Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien 2003, ISBN 978-3-6313-9175-4, S. 255–267.
Commons: Usagara (Rubeho Mountains) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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