Ussollag
Gulag-Lager in Solikamsk, Region Perm, Sowjetunion
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Ussollag (russisch: Усольлаг, Akronym für Усольский лагерь, deutsch: Ussolski-Lager) war ein bedeutendes Besserungsarbeitslager (Исправительно-трудовой лагерь, ITL) des sowjetischen GULag-Systems. Das Lager befand sich in der Region um die Stadt Solikamsk in der Oblast Perm (damals Oblast Molotow) im Ural.
Das Ussollag wurde hauptsächlich zur wirtschaftlichen Ausbeutung durch Zwangsarbeit in der Forstwirtschaft betrieben.[1] Es ist besonders bekannt für die Inhaftierung von politischen Gefangenen aus den 1939/1940 von der Sowjetunion besetzten baltischen Staaten, Polen sowie von Ukrainern und Tausenden Angehörigen der sogenannten Trudarmee (Zwangsarbeiter, darunter viele Russlanddeutsche).[2]
Das Ussollag ist nicht zu verwechseln mit dem kleineren Ussolski ITL, das in der Oblast Irkutsk beim Bau eines Bergbauausrüstungsbetriebs eingesetzt wurde.
Gründung und Zuständigkeit
Das Ussollag wurde offiziell am 5. Februar 1938 im Zuge der stalinistischen Repressionspolitik gegründet. Es unterstand zunächst dem NKWD und später dem MWD. Das Lager war dem Gulag-Hauptdirektorat administrativ unterstellt und wurde als eines der größten Lager für Forstwirtschaft (GULLP) geführt.
Wirtschaftlicher Zweck
Der Hauptzweck des Ussollag war die massive Gewinnung von Rohstoffen. Die Häftlinge wurden zur Zwangsarbeit in der Holzwirtschaft eingesetzt:
- Holzeinschlag und -ernte in der Taiga.
- Flößerei auf lokalen Flüssen zur Holzverfrachtung.
- Betrieb von Sägewerken und Holzverarbeitungsbetrieben.
- Bau und Unterhaltung der nötigen Infrastruktur (Eisenbahnschienen, Straßen und Lagergebäude).
Lagerstruktur und Belegung
Der Lagerkomplex bestand aus einer Vielzahl von über die Oblast Perm verteilten Lagerabteilungen. Jede Abteilung war streng durch Zäune, Wachtürme und bewaffnete Wachen gesichert.
Die Belegungszahlen waren hoch und unterlagen starken Schwankungen. Zu Spitzenzeiten, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, wurden bis zu 37.000 Häftlinge gleichzeitig im Ussollag festgehalten (Stand 1. Januar 1942).[3]
Die Insassen setzten sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen:
- Politische Gefangene (58er): Personen, die wegen „konterrevolutionärer Verbrechen“ gemäß Artikel 58 des russischen Strafgesetzbuches verurteilt wurden.
- Angehörige der Trudarmee: Tausende von Russlanddeutschen und anderen ethnischen Gruppen, die während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit mobilisiert wurden.
- Kriegsgefangene und ausländische Internierte.
- Gewöhnliche Kriminelle (Bytowiki).
Besonders hervorzuheben ist die große Zahl der politischen Häftlinge aus den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen), und Polen, die nach den sowjetischen Besetzungen deportiert wurden, sowie viele Ukrainer.[4] Dazu gehörten Intellektuelle, Offiziere, Regierungsbeamte und kirchliche Würdenträger.[5]
Die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Ussollag waren inhuman. Die Häftlinge litten unter chronischer Unterernährung, mangelhafter Kleidung und fehlender medizinischer Versorgung. Die übermenschlichen Arbeitspensen in der extrem kalten sibirischen Witterung führten zu einer hohen Sterblichkeitsrate. Todesursachen waren hauptsächlich Erschöpfung (Duchodit), Tuberkulose und Typhus.[6]
Auflösung und Nachnutzung
Nach dem Tod Josef Stalins (1953) und den darauffolgenden Amnestiewellen begann die schrittweise Auflösung des Ussollag als politisches Lager.
Die meisten politischen Gefangenen wurden amnestiert oder bis etwa 1955 in strengere Sonderlager nach Mordwinien verlegt.
Die Lagerstruktur wurde nicht vollständig aufgelöst, sondern in ein reines Kriminellen-Lager umgewandelt und blieb unter der Verwaltung des MWD (später der Strafvollzugsbehörden). Das Ussollag gilt in seinen Nachfolgeeinrichtungen als eines der ältesten, kontinuierlich genutzten Haftsysteme in Russland.
Gedenken und Erinnerung
In den baltischen Staaten, der Ukraine und unter den Nachkommen der Trudarmee gilt Ussollag als ein zentraler Ort der Repression.
Ehemalige Häftlinge wie Hilda Sabbo (Estland) und Eduards Berklavs (Lettland) haben durch Memoiren und Berichte zur Aufarbeitung der Lagergeschichte beigetragen.
Die Recherche und Dokumentation über das Ussollag erfolgt heute vor allem durch die Menschenrechtsorganisation Memorial und Einrichtungen in den betroffenen Ländern, die die Schicksale der Opfer der sowjetischen Gewaltherrschaft dokumentieren.