Václav Neumann

tschechischer Dirigent, Violine- und Viola-Spieler From Wikipedia, the free encyclopedia

Václav Neumann (* 29. September 1920 in Prag; † 2. September 1995 in Wien) war ein tschechischer Dirigent, Violinist und Bratschist. Er galt als hervorragender Interpret der Werke von Leoš Janáček, Gustav Mahler und Antonín Dvořák sowie der neueren tschechischen Musik (Josef Suk, Bohuslav Martinů u. a.). Neumann war international auch als ein Spezialist für klassische tschechische Opern bekannt und nahm unter anderem Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček 1962 erstmals auf.

Leben

Wiener Flötenuhr 1982, Pavel Štěpán, Václav Neumann, Tschechische Philharmonie

Václav wurde als zweites von drei Kindern in die Familie des Eisenbahn-Ingenieurs Josef Neumann und seiner Ehefrau Ida (geb. Kratochvílová) geboren. Er begann im Alter von zehn Jahren Geige zu spielen, was er während seines Gymnasiumbesuches in Smichov und danach per Privatunterricht fortsetzte, nebenbei in einem Schüler-Streichquartett spielend. Zu seinen wichtigsten musikalischen Eindrücken gehörten aber die Opern-Aufführungen mit Václav Talich: Dvořáks Rusalka im Jahr 1936 und vor allem die Uraufführung der Inszenierung von Janáčeks Oper Káťa Kabanová im September 1938.[1]

Neumann studierte 1940–1945 am Prager Konservatorium Violine bei Josef Micka sowie Orchesterleitung bei Pavel Dedeček und Metod Doležil. Während des Studiums war er Mitbegründer, Erster Geiger und später Bratschist des Konservatoriumsquartettes, das ab Herbst 1945 seine Auftritte offiziell als Smetana-Quartett gab; Neumann blieb bis 1948 dessen Mitglied.

1945 bekam er eine Anstellung als Bratschist in der Tschechischen Philharmonie und vertrat am 7. März 1948 für Rafael Kubelík erstmals das Dirigat in der Philharmonie. Nach Kubelíks Auswanderung im Juli 1948 teilte er sich für zwei Jahre die Interimsleitung der Tschechischen Philharmoniker mit dem Zweiten Dirigenten und Kontrabassisten Karel Šejna. Unter Neumanns Leitung spielte das Orchester das Eröffnungskonzert des Prager Frühlings 1949 und war auf einer Tournee durch die DDR und Ungarn. Nachdem er schon 1950 das Symphonieorchester Karlsbad (Karlovarský symfonický orchestr, zuvor Karlsbader Kurorchester) dirigiert hatte, übernahm er 1951–1954 hauptamtlich dessen Leitung und folgend 1954–1956 die des Regionalen Symphonieorchesters Brünn[2] (Symfonický orchestr kraje Brněnského; 1956 aufgegangen in der (Státni) Filharmonie Brno, Philharmonie Brünn). 1956–1963 wechselte er als Chefdirigent zum Symphonie-Orchester Prag (gegr. 1936 als Symphonisches Orchester FOK Film, Oper Konzert; seit 1946: Symfonický orchestr hlavního města Prahy FOK).

Auf Wunsch von Walter Felsenstein wirkte er gleichzeitig von 1956 bis 1964 als Dirigent an der Komischen Oper in Berlin. Felsensteins Neuinszenierung des Schlauen Füchsleins von Leoš Janáček (Příhody lišky Bystroušky, nach dem Märchenbuch Liška Bystrouška von Rudolf Těsnohlídek und dem deutschen Libretto von Max Brod, überarbeitet von W. Felsenstein)[3] war Neumanns Operndebüt und wurde mit seiner Unterstützung bei 213 Aufführungen auch international ein Erfolg. 1965 wurde eine Studiofassung als Film durch den Deutschen Fernsehfunk erstellt. Die tschechische Fassung am Prager Nationaltheater mit Neumann hatte wiederum 1959 als Schallplatte den renommierten Grand Prix du Disque de l'Académie Charles Cros erhalten, den ersten für die Firma Supraphon überhaupt[4]

Ab 1962 übernahm er zusätzlich die Funktion als Zweiter Dirigent der Tschechischen Philharmonie. Nachdem Franz Konwitschny 1962 verstorben war, wurde Neumann 1964 als 17. Gewandhauskapellmeister Chefdirigent des Gewandhausorchesters in Leipzig. Zu seinen Verdiensten gehörte hier unter anderem, nicht nur die tschechischen Komponisten des 19./20. Jahrhunderts aufzuführen, sondern auch seit 1960[5] die damals noch in Deutschland weitgehend ungewohnten Werkaufführungen von Gustav Mahler[6] in Konzerten durchzusetzen und mittels Eterna erfolgreich auf Schallplatten[7] zu verbreiten. 1968 kam für ihn das Amt als Generalmusikdirektor der Oper Leipzig hinzu. Im selben Jahr war Neumann jedoch nicht bereit, sich von der politischen Bewegung des Prager Frühlings zu distanzieren und obendrein per Ergebenheitsadresse[8] den Einmarsch der „Waffenbrüder“ des „Warschauer Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“ (sogenannter Warschauer Pakt) zur Beseitigung der tschechischenKonterrevolution“ zu begrüßen. Stattdessen legte er seine Ämter in der DDR nieder und kehrte in sein Heimatland zurück.[9]

In der ČSSR wurde er als Nachfolger von Karel Ančerl, der seinerseits aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings nach Kanada emigrierte, Erster Dirigent der Tschechischen Philharmonie. 1969, zwanzig Jahre nach seinem Debüt beim Musikfestival „Prager Frühling“, eröffnete er es wieder mit Smetanas Mein Vaterland (Má vlast) und ging im selben Jahr mit dem Orchester auf seine erste Japan-Tournee; zum 100. Jahrestag der Mein Vaterland-Aufführungen entstand 1982 in Tokio ein Livemitschnitt[10] für Nippon Columbia/Denon, es war nach 1967 und 1975 die dritte LP-Aufnahme durch Neumann. Im „Beethoven-Jahr“ 1970 (200. Geburtstag des Komponisten) dirigierte er dessen sämtliche Sinfonien und Klavierkonzerte. Ein Jahr später hatten sie ihren Gastauftritt bei den Salzburger Festspielen. Für Supraphon vollendete er 1973 die ersten vollständigen Aufnahmen von Antonín Dvořáks und 1978 die vielfach ausgezeichneten von Bohuslav Martinůs Sinfonien, dazu kam 1983 der Abschluss des ihm stets wichtig gewesenen Mahler-Zyklus. Sein Engagement galt auch dem zeitgenössischen Komponisten Miloslav Kabeláč, dessen Schaffen nach 1968 (Ende des Prager Frühlings) im eigenen Land weitgehend „vergessen“ wurde.

Zu seinen internationalen Aktivitäten gehörten die des Generalmusikdirektors am Württembergischen Staatstheater Stuttgart von 1970 bis 1972[11], zu den dortigen Erstaufführungen gehörte Janáčeks Oper Die Sache Makropulos (1970). 1982 gab er sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern während der Mozartwoche Salzburg.[12] In der Saison 1985/86 führte er eine Inszenierung von Janáčeks Oper Jenůfa an der Metropolitan Opera in New York durch (das Werk steht dort bis heute auf dem Spielplan[13]) und 1987 die von Dvořáks Oper Rusalka an der Wiener Staatsoper.

Gegen Ende seiner Karriere erlebte er nicht nur die samtene Revolution in Prag, sondern wurde auch deren künstlerisches Aushängeschild. Er und sein staatliches Orchester lehnten im Herbst 1989 einerseits demonstrativ die Teilnahme an weiteren Übertragungen im offiziellen Tschechischen Rundfunk und Fernsehen ab (was über Voice of America bekannt wurde), um andererseits in Zusammenarbeit mit dem Bürgerrechtsforum OF (Občanské fórum) zur Feier der Revolution am 14. Dezember 1989 selbst ein Festkonzert mit der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven zu veranstalten.[9][14] Am 29. Dezember 1989 leitete er im Prager Veitsdom das Konzert zu Ehren des neuen Staatspräsidenten Václav Havel. Siebzigjährig verabschiedete Václav Neumann sich von seinem Posten als Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie und wurde zu ihrem Ehrendirektor ernannt. Im Dezember 1993 trat er zum 100-jährigen Jubiläum von Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ (Z nového světa) auf, die auch bei seinem letzten Konzert mit der Tschechischen Philharmonie 1995 anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsendes zu hören war.

Lehre

Neumann lehrte Orchesterleitung an der Akademie der musischen Künste in Prag (Akademie múzických umění v Praze), wo seine Schüler unter anderem Oliver von Dohnányi und Vítězslav Podrazil waren.

Darstellung Neumanns in der bildenden Kunst (unvollständig)

Auszeichnungen

Zu seinen Ehren wurde der durch Lenka Šarounová von der tschechischen Sternwarte Ondřejov aus entdeckte Asteroid „1999 TC8“ am 26. Mai 2002 benannt in (21804) Václavneumann.[19]

Literatur

  • Vilém Pospíšil: Václav Neumann. Supraphon, Prag 1981; urn:nbn:cz:nk-0014cw (Anmeldung erforderlich).
  • Wolfgang Sandner: Neumann, Václav – In: Stefan Jaeger (Hrsg.): Das Atlantisbuch der Dirigenten. Eine Enzyklopädie. Vorwort von Wolfgang Stresemann. Atlantis Musikbuch, Zürich 1985, S. 287–290.
  • Alain Pâris: Klassische Musik im 20. Jahrhundert. Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten, Orchester, Chöre. 2. Auflage. dtv, München 1997, ISBN 3-423-32501-1, S. 559.
  • Nicolas Slonimsky (Hrsg.): Baker's Biographical Dictionary of Musicians. Centennial Edition, Vol. 4: Levy – Pisa. Schirmer Books, New York [u. a.] 2001.
  • Martin Elste: Neumann, Václav. – In Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG). Allgemeine Enzyklopädie der Musik, begründet von Friedrich Blume. Personenteil 12: Mer– Pai. Zweite, neubearbeitete Auflage. Bärenreiter, Kassel [u. a.] / Metzler, Stuttgart [u. a.] 2004, Sp. 1017–1018.

Einzelnachweise

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