Vaterland (2026)
Film von Paweł Pawlikowski
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Vaterland (internationaler englischsprachiger Titel: Fatherland) ist ein Spielfilm von Paweł Pawlikowski aus dem Jahr 2026. Das Drama in Schwarzweiß-Bildern stellt den deutschen Schriftsteller Thomas Mann und seine Tochter Erika in den Mittelpunkt, die gemeinsam ins Nachkriegsdeutschland zurückkehren. Die Hauptrollen übernahmen Hanns Zischler und Sandra Hüller. Die europäische Koproduktion zwischen Polen, Deutschland, Italien und Frankreich wurde im Mai 2026 im Hauptwettbewerb des Filmfestivals von Cannes uraufgeführt und gewann dort den Preis für die beste Regie. Der Kinostart in Deutschland war am 3. September 2026.
Handlung
Im Sommer 1949 betritt Thomas Mann nach 16-jährigem Exil erstmals wieder deutschen Boden. Der Anlass seines Besuchs ist ein kultureller: Goethes 200. Geburtstag. Politische Brisanz erhält er durch die sich anbahnende Teilung Deutschlands vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges. Beide Seiten, West und Ost, feiern „ihren“ Goethe, beide an historisch würdiger Stätte (Frankfurt am Main und Weimar), und beide wünschen sich als Festredner und Empfänger eines Goethepreises[2] einen Ehrengast von größtmöglichem Ansehen. Beide wählen Thomas Mann, er sagt beiden zu.
Begleitet wird der 74-Jährige von seiner ältesten Tochter Erika, die ihn chauffiert, berät, unterstützt und schützt. So fängt sie in Frankfurt anonyme Briefe ab, die ihn des Vaterlandsverrats bezichtigen. Auf die Frage, wie er mit derlei Anfeindungen umgehe, reagiert er in der Pressekonferenz allerdings ebenso souverän wie auf die Warnung, ihm drohe Ungemach bei Rückkehr ins US-amerikanische Exil, wenn er daran festhalte, auch im sowjetisch besetzten Ostdeutschland aufzutreten. Auf dem Bankett nach der Preisverleihung kommt es zu zwei Begegnungen, bei denen Günstlinge des Naziregimes um die Gunst beider Manns buhlen. Der Wagner-Clan, der sich um das Wiederaufleben der schwer belasteten Bayreuther Festspiele müht, hat mit Wieland und Wolfgang (Enkeln von Richard und Söhnen von Winifred Wagner) zwei Bittsteller gesandt, um Thomas Manns Fürsprache – als „berühmtester lebender Wagnerianer“ – zu erwirken. „Nach dem Ableben eines gewissen Adolf Hitler“, kontert dieser und lässt die Brüder mit einer verbalen Ohrfeige abblitzen: „Meiner Ansicht nach sollte man Bayreuth dem Erdboden gleichmachen und Ihre Mutter vor Gericht stellen.“ Eine tatsächliche und öffentliche Ohrfeige verpasst Erika ihrem Ex-Gatten Gustaf Gründgens dafür, dass er behauptet, im Dritten Reich nur als Schauspieler agiert und keine Karriere gemacht zu haben, obwohl er bekanntermaßen als Favorit Hermann Görings bis zum Generalintendanten der Preußischen Staatstheater aufgestiegen war.
Noch am gleichen Abend trifft die Nachricht vom Suizid Klaus Manns ein, Erikas fast gleichaltrigem Bruder. Über viele Jahre aufs Engste mit ihm verbunden, hatte sie ihn vor Beginn der Deutschlandreise gebeten mitzukommen. Er zögerte. Am Haupthinderungsgrund, dem zeitlebens angespannten Vater-Sohn-Verhältnis, ändert auch sein Tod nichts. Erika ist schockiert, wie kalt ihr Vater diesen aufnimmt und Klaus einen „lebensmüden Drogensüchtigen“ nennt. Seine Entscheidung, die Reise am nächsten Morgen wie geplant fortzusetzen, nimmt sie jedoch hin.
In Ostdeutschland werden sie von Johannes R. Becher empfangen, Dichter, Parteisoldat und ranghoher Kulturfunktionär. Er trägt dem Gast das Amt des Präsidenten der Akademie der Künste an, was dieser mit Verweis auf seinen Bruder Heinrich ausschlägt. In Weimar übernimmt Oberst Tjulpanow, Chef der Propaganda-Abteilung der sowjetischen Besatzungsmacht (SMAD), die Regie. Ein straffes Programm ist vorbereitet; mehrmals wird getafelt, stets musikalisch begleitet, darunter ein Kinderchor, der Bechers Auferstanden aus Ruinen singt, konzipiert als gesamtdeutsche Nationalhymne mit dem zweifachen Deutschland…Vaterland. Der unsichtbare Kokon, der die Besucher abschirmt, wird nur einmal durchstoßen, als ein Mann in ihr Hotelzimmer vordringt mit dem Appell, in der bevorstehenden Rede öffentlich zu machen, dass im ehemaligen KZ Buchenwald nun politische Gefangene der SMAD festgehalten werden. Noch bevor eine Reaktion darauf möglich ist, wird der Mann abgeführt. Thomas Mann vermeidet den erbetenen Affront, bemerkt aber sehr wohl, dass Erika seiner Rede nicht bis zum Ende gefolgt ist. Spätabends, als er sie in ihrem Zimmer findet, zurückgezogen trauernd, gesteht er ihr, von Klaus geträumt zu haben.
Auf der Rückfahrt in ihrem schwarzen Buick wieder unter sich, lösen sich die Manns von dem sowjetischen Begleitfahrzeug, um an einem vom Krieg oder Verfall gezeichneten Repräsentativbau noch einmal innezuhalten. Im Innenraum finden sie eine Orgel vor, die von zwei Männern repariert oder gestimmt wird. Als diese die Anwesenheit der beiden Besucher bemerken, spielen sie eine Orgelversion des Chorals Wohl mir, dass ich Jesum habe bzw. Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach. Thomas Mann ist ergriffen; Erika, die ihm auf der Hinfahrt erzählt hatte, Klaus habe zuletzt nur noch Bach hören können, fasst seine Hand, und er gibt dem Drang zu weinen vollends nach.
Hintergrund
Vaterland ist der siebte Spielfilm des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski (Alternativtitel: Fatherland oder 1949).[3] Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit dem deutschen Filmemacher Hendrik Handloegten. Nach seinen preisgekrönten Werken Ida (2013) und Cold War – Der Breitengrad der Liebe (2018) nahm sich Pawlikowski wieder der Themen „Identität, Schuld, Familie und Liebe inmitten der Turbulenzen und moralischen Verwirrung des Nachkriegseuropas“ an.[4] Die Geschichte hält sich nicht an historische Fakten – tatsächlich wurde Thomas Mann bei der dargestellten Reise von seiner Ehefrau Katia begleitet und nicht von seiner Tochter Erika,[5] und Klaus Mann hatte sich bereits Monate vor dem Zeitraum der Filmhandlung das Leben genommen.[6]
Die Hauptrollen als Thomas Mann und dessen Tochter Erika übernahmen die deutschen Schauspieler Hanns Zischler und Sandra Hüller. Für Hüller seien die Szenen am schwierigsten gewesen, in der es um die tiefe Trauer der Figuren ging. „Und zwar nicht nur über den Verlust des Familienmitglieds Klaus Mann, sondern auch über den Verlust der Heimat. Das ist etwas, das mich persönlich die ganze Zeit begleitet hat“, so die Schauspielerin.[7] Zum Darstellerensemble gehörten unter anderem August Diehl als Klaus Mann, Devid Striesow als Dichter und SED-Politiker Johannes R. Becher, Joachim Meyerhoff als Erikas Ex-Ehemann Gustaf Gründgens sowie die Geschwister Enno und Theo Trebs als Wieland und Wolfgang Wagner.[8]
- Paweł Pawlikowski (2015)
- Hanns Zischler (2017)
- Sandra Hüller (2023)
Die Dreharbeiten fanden ab Mitte August 2025 in Polen, Deutschland und Italien statt.[8] Dabei vertraute Pawlikowski auf sein langjähriges polnisches Filmteam um Kameramann Łukasz Żal, Kostümbildnerin Aleksandra Staszko, Editor Piotr Wójcik, die Szenenbildner Katarzyna Sobańska und Marcel Sławiński sowie Komponist Marcin Masecki.[9] Wie bei früheren Werken Pawlikowskis drehte Żal in schwarzweiß im „engen Academy-Format (1:1,37)“.[10]
Produziert wurde Vaterland vom Streaminganbieter Mubi, den Italienern Mario Gianani und Lorenzo Mieli (Our Films) sowie Lorenzo Gangarossa (Circle One), der Polin Ewa Puszczyńska (Extreme Emotions), der Britin Jeanne Tremsal und dem Deutschen Edward Berger (Nine Hours) sowie dem Franzosen Dimitri Rassam (Chapter2).[4][9] Die ungefähren Produktionskosten werden mit 10 Millionen Euro angegeben.[11]
Rezeption
Veröffentlichung
Die Uraufführung von Vaterland fand am 14. Mai 2026 im Hauptwettbewerb des 79. Filmfestivals von Cannes statt.[12] Auch beim australischen Sydney Film Festival einen Monat später wurde die Produktion mit weiteren Berlinale- und Cannes-Beiträgen in den Hauptwettbewerb aufgenommen.[13]
Ein regulärer Kinostart in Polen fand ab 19. Juni 2026 statt.[14]
Die Deutschlandpremiere erfolgte als Eröffnungsfilm des am 26. Juni 2026 gestarteten 43. Filmfests München.[10] Ein offizieller Kinostart im Verleih von Neue Visionen folgte am 3. September 2026.[15]
Kritiken
Im zum Festival von Cannes herausgegebenen Kritikenspiegel des Branchenmagazins Screen International schnitt Pawlikowskis Regiearbeit mit 3,3 von 4 möglichen Sternen unter allen 22 gezeigten Wettbewerbsbeiträgen am besten ab. Höchstnoten erhielt der Film unter anderem von Nt Binh von der französischen Filmzeitschrift Positif und Peter Bradshaw vom britischen The Guardian.[16] Auch der amerikanische Branchendienst IndieWire zählte Vaterland zum Favoriten auf den Hauptpreis.[17] In einem rein französischsprachigen Kritikenspiegel der Website Le film français sah mit Éric Neuhoff von der Tageszeitung Le Figaro nur einer von 15 Kritikern den Film als Palmen-Favoriten an.[18]
Auf der Website Metacritic erhielt Vaterland eine Bewertung von 90 von 100 möglichen Punkten, basierend auf über einem Dutzend ausgewerteter englischsprachiger Kritiken. Das Echo der Rezensenten wurde mit „einhelligem Beifall“ („universal acclaim“) beurteilt und es wurde eine eindeutige Filmempfehlung („must-see“) ausgesprochen.[19] Von den auf der Website Rotten Tomatoes nach der Premiere aufgeführten über 30 Kritiken wurden 94 Prozent als positiv („fresh“) eingeschätzt.[20]
Maria Wiesner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung machte „Kunst und Identität“ als Themen des Films aus und lobte das Zusammenspiel von Sandra Hüller und Hanns Zischler. Der Kritikerin blieb vor allem eine Szene mit der Schauspielerin in Erinnerung, in der Erika versucht, der Mutter per Telefon in den USA Trost zu spenden. Was „sich dabei in wenigen Sekunden“ in Hüllers „Gesicht an Gefühlskomplexität“ abspiele, böte „Stoff für ganze Schauspielseminare“. Regisseur Pawlikowski gehe aber auch der Frage nach, „was Künstler tun müssten, wenn der Faschismus an die Macht kommt“.[21]
David Steinitz von der Süddeutschen Zeitung pries Vaterland als erstes großes „Highlight des Festivals“, der trotz seiner Kürze „viel mehr“ erzähle, „als so manch andere Zwei- bis Dreistünder“ im Festivalprogramm. „Die große Kunst“ der Regie sei es, dass sie „diese komplizierte Gemengelage, dieses Durcheinander der Traumata und Ideologien, in kurzen, prägnanten Szenen zum Ausdruck“ bringe. Steinitz wies in seiner Kritik auch auf das kühle „Kalter-Krieg-Schwarz-Weiß“ und schmalere Bildformat hin, das Pawlikowski bevorzugte. Die „ästhetische Einengung“ übertrage sich auf den Gemütszustand der Figuren. Steinitz stimmte in das Lob über Hanns Zischler und Sandra Hüller mit ein. Ihre Darstellungen seien „Pawlikowskis größter Coup“ und „preisverdächtig“. Zischler spiele Thomas Mann „mit einer berührenden Mischung aus schwerer Melancholie und leichtem Schalk“, ohne ihn „zur Karikatur zu machen“. Hüller schaffe es ebenso, Erika „in ihrer ganzen, lebenslangen Tragik sichtbar zu machen, obwohl der Film nur einen sehr kurzen Ausschnitt ihrer Biografie“ präsentiere. Lebhaft in Erinnerung blieb Steinitz die Ohrfeige-Szene mit Joachim Meyerhoff als Gustaf Gründgens.[5]
Nach Matern von Boeselager vom Spiegel habe Vaterland beim Festival von Cannes „begeistert“ und werde als Oscar-Kandidat gehandelt. Das Werk sei „ein melancholisches Roadmovie durch die deutsche Seele“. Wie Steinitz lobte er die „knappen, prägnanten Szenen“, die zwei Tragödien umreißen würden: „die des zerstörten Landes der Verbrecher“ und den Suizid von Klaus Mann, mit dem seine Familie konfrontiert wird. Auch er lobte die Leistungen der beiden Hauptdarsteller.[22]
Aus Sicht von Renate Wagner (onlinemerker.com) ist der Film deshalb „so bemerkenswert“, weil Pawlikowski seine Aussage nie predige, jede Szene für sich selbst sprechen lasse, in jedem Detail immanent sei, was diese Reise für Thomas und Erika Mann bedeute und was sie über das Nachkriegs-Deutschland erzähle. Und natürlich sei auch die Frage nach dem „Vaterland“ der Manns immanent. – Nicht minder beeindruckt zeigt sich Wagner von der „inneren Wahrheit“ des Films. Dass er, um diese zu erreichen, sich einige Abweichungen von der historischen Wahrheit erlaubt, findet sie „begreiflich“ und verweist darauf, dass gerade im wichtigsten Punkt die Differenz zur Wirklichkeit – Thomas Manns Begleiterin war Ehefrau Katia – nicht eben groß war, da Tochter Erika „tatsächlich in seinen alten Jahren als so etwas wie die Sekretärin des Vaters fungierte“. In jedem Fall, so Wagners Fazit, erschließe Pawlowski die „Welt von einst“ auf eine Weise, wie sie „nicht richtiger erscheinen könnte“. Und nach diesem Film meine man Thomas und Erika Mann „regelrecht zu kennen“ und tue es „im Sinn einer höheren Wahrheit wohl auch“.[23]
Auszeichnungen

Vaterland war Paweł Pawlikowskis zweiter Film nach 2018, der in den Wettbewerb um die Goldene Palme eingeladen wurde. Dort wurde ihm gemeinsam mit Javier Calvo und Javier Ambrossi (La bola negra) der Regiepreis zuerkannt.[24]
| Festival | Kategorie | Resultat | Person |
|---|---|---|---|
| Cannes (2026) | Goldene Palme – Bester Film | Nominiert | Paweł Pawlikowski |
| Beste Regie | Gewonnen | Paweł Pawlikowski | |
| München (2026) | CineCoPro Award | Nominiert | Paweł Pawlikowski |
| Sydney (2026) | Sydney Film Prize – Bester Film | Nominiert | Paweł Pawlikowski |
Weblinks
- vaterland-der-film.de
- Neue Visionen Filmverleih: Vorschau auf YouTube
- Fatherland bei festival-cannes.com (englisch)
- Vaterland bei crew united
- Vaterland bei IMDb