Verbotene Filme in der DDR

DDR-Film ohne Aufführungsfreigabe From Wikipedia, the free encyclopedia

Verbotene Filme in der DDR gab es von 1951 bis 1984. Insgesamt waren es über 30, darunter Spur der Steine (1966) und Geschlossene Gesellschaft (1978) von Frank Beyer, und Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig. Die meisten sind auf DVDs erhältlich.

Bezeichnungen

Für die verbotenen DEFA-Spielfilme gab es verschiedene umgangssprachliche Bezeichnungen

Geschichte

1951–1961

1951 wurde Das Beil von Wandsbek in der DDR als erster DEFA-Film verboten, weil der Hauptheld ein Henker und keine positive Figur war. Auch der aufwändige Propagandafilm Baumeister des Sozialismus – Walter Ulbricht, der anlässlich von dessen 60. Geburtstag Ende Juni 1953 gezeigt werden sollte, wurde nach dem Aufstand vom 17. Juni nicht aufgeführt.

1958/1959 wurden einige kritischere Filme, die unter dem Einfluss des Tauwetters seit 1956 entstanden waren, verboten (Sonnensucher von Konrad Wolf).

1961–1971

Anfang der 1960er Jahre wurden die Bedingungen für Filmemacher bei der DEFA liberalisiert, was dazu führte, dass einige Produktionen entstanden, die sich kritischer mit dem DDR-Alltag beschäftigten, dabei aber nicht offen oppositionell waren.[3]

Auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wurden die Filme Das Kaninchen bin ich von Kurt Maetzig und Denk bloß nicht, ich heule von Frank Vogel heftig kritisiert, obwohl sie vorher schon durch die Filmverantwortlichen der DEFA und der SED genehmigt worden waren.[4][5][6] Dieses führte dazu, dass zehn weitere Spielfilme der Jahre 1965 und 1966 nicht mehr gezeigt werden durften, darunter Spur der Steine von Frank Beyer mit Manfred Krug, der noch Anfang 1966 seine Premiere hatte, bald aber nach massiven Störaktionen von FDJ- und SED-Funktionären zurückgezogen werden musste.

Auch in den folgenden Jahren gab es Filmverbote (Die Russen kommen, von Heiner Carow, 1968).

1971–1989

Nach dem Machtantritt von Erich Honecker 1971, der zunächst eine liberalere Kulturpolitik einleitete, konnten einige bisher verbotene Filme aufgeführt werden (Der verlorene Engel, in gekürzter Fassung). Aber auch in den folgenden Jahren gab es gelegentliche Aufführungsverbote, etwa nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976, (Geschlossene Gesellschaft, 1978, mit Armin Mueller-Stahl).

Ab 1980 wurden nur wenige neue Filme verboten, etwa der DEFA-Spielfilm Jadup und Boel (1981) und die Polizeiruf 110-Folge Rosis Mann (1984). Ab 1987 konnten mehrere bisher verbotene Filme neu aufgeführt werden.

Seit 1989

Manfred Krug (links) und Egon Krenz (rechts) bei der Wiederaufführung von Spur der Steine am 23. November 1989 im Kino International in Berlin

In den Monaten nach der Maueröffnung 1989 wurden die meisten verbotenen Filme wieder gezeigt, als erstes Spur der Steine bereits nach zwei Wochen , einige dann bei der Berlinale im Februar 1990. Nach 2000 wurden die letzten zwei erhaltenen noch nicht veröffentlichten Filmfragmente aufwändig restauriert und uraufgeführt (Fräulein Schmetterling, Hände hoch oder ich schieße).

Einige der verbotenen Filme werden bis in die Gegenwart bei Retrospektiven und in Programmkinos gezeigt. Die bekanntesten 19 verbotenen DEFA-Spielfilme wurden in einer DVD-Box mit einem umfangreichen Begleitmaterial herausgegeben.[7]

Verbotene Filme

DEFA-Spielfilme

Weitere Informationen Jahr, Titel ...
Jahr Titel Regisseur Neuauf-
führung
Bemerkungen
(1950)Das Beil von WandsbekFalk Harnack1962/1981nach dem Roman von Arnold Zweig, am 7. Juli 1951 „wieder aus dem Vertrieb genommen“, 1962 Aufführung einer stark gekürzten Fassung
1957Die SchönsteErnesto Remani2002nach zahlreichen Änderungen 1959 endgültig verboten
(1958)SonnensucherKonrad Wolf1972
(1960)SommerwegeHans Lucke2014
(1961)Das KleidKonrad Petzold1991kurz nach dem Bau der Berliner Mauer verboten
1962Monolog für einen TaxifahrerGünter Stahnke1990 DEFA-Film für das Fernsehen Ende 1962 verboten
1965Der Frühling braucht ZeitGünter Stahnke1990am 26. November 1965 angelaufen, dann verboten
(1965)Das Kaninchen bin ichKurt Maetzig1989auf dem XI. Plenum kritisiert
1965Denk bloß nicht, ich heuleFrank Vogel1990Testaufführung, auf dem XI. Plenum kritisiert, dann Verbot
(1965)KarlaHerrmann Zschoche1990abgebrochen, rekonstruierte Erstaufführung 1990
(1965)Wenn du groß bist, lieber AdamEgon Günther1990vor Fertigstellung verboten, teilweise zerstört
(1965)Berlin um die EckeGerhard Klein1987Rohschnittfassung verboten, Erstaufführung der Schnittfassung 1987, Verleihfassung 1990
(1966)Hände hoch oder ich schießeHans-Joachim Kasprzik2009zunächst zurückgehalten, dann verboten
(1966)Fräulein SchmetterlingKurt Barthel2005im Rohschnitt abgebrochen, als Fragment rekonstruiert
1966Spur der SteineFrank Beyer1989mit Manfred Krug, Schnitt mehrfach verändert, Premiere, danach gezielte Störungen, dann verboten
(1966)Jahrgang 45Jürgen Böttcher1990Rohschnitt abgebrochen,
(1966)Der verlorene EngelRalf Kirsten1971nach Kürzungen 1971 in wenigen Kopien zugelassen
(1966)Ritter des Regenskein Filmmaterial mehr vorhanden
(1968)Die Russen kommenHeiner Carow1987nach Fertigstellung verboten, Szenen wurden in Carows Film Karriere verwendet, Rekonstruktion 1987
1968Wir lassen uns scheidenIngrid Reschke(spätestens) 2016kurze Zeit nach der Premiere aus dem Verleih genommen, wegen Republikflucht des Darstellers Reiner Schöne
(1973)Die Taube auf dem DachIris Gusner1990nach Fertigstellung nicht abgenommen, Farbfassung verschollen, Premiere der Schwarzweiß-Fassung 7. Oktober 1990
(1974)Die SchlüsselEgon Günther
(1977)Feuer unter DeckHerrmann Zschoche1979nach Ausreise Manfred Krugs in die BRD vor der Premiere verboten
(1978)Geschlossene GesellschaftFrank Beyer1990für das Fernsehen der DDR, mit Armin Mueller-Stahl und Jutta Hoffmann
(1981)Jadup und BoelRainer Simon1988mehrfach verändert, 1983 endgültig verboten, 1988 Kinostart mit wenigen Kopien
(1984)SchnauzerMaxim Dessau1996letzter verbotener DEFA-Spielfilm, vernichtet
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DEFA-Dokumentarfilme

  • 1953 Baumeister des Sozialismus – Walter Ulbricht, von Ella Ensink und Theo Geandy, Propagandafilm zum 60. Geburtstag Ulbrichts, Erstaufführung 1997
  • 1964 Barfuß und ohne Hut, von Jürgen Böttcher, nur eine Aufführung, Neuaufführung nach 1990
  • 1978 Heim, von Angelika Andrees, erst 1990 gezeigt
  • 1988/1989 Wer hat dich, du schöner Wald, von Günter Lippmann, nach neun veränderten Fassungen 1990 erstmals gezeigt, über Waldsterben im Erzgebirge

Fernsehfilme

  • 1970 Sonntag, den ... Briefe aus einer Stadt, mit Texten von Brigitte Reimann und Gesang von Manfred Krug, nach Erstsendung 1977 verboten, 1984 vernichtet, 2023 Kopie wiederentdeckt
  • 1974 Polizeiruf 110: Im Alter von …, von Heinz H. Seibert (Hans Werner, 2011). Wurde vernichtet, das später aufgefundene Kameranegativ neu bearbeitet. Premiere 23. Juni 2011.

Studentenfilme

Auch einige Filme von Studierenden an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg wurden in verschiedenen Stadien der Herstellung verboten.


Siehe auch

Literatur

  • Christiane Mückenberger (Hrsg.): Prädikat: Besonders schädlich. Henschel, Berlin 1990. Inhaltsverzeichnis; Filmtexte von "Das Kaninchen bin ich" und "Denk bloß nicht, ich heule"
  • Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-1992. Berlin 1994, mit Informationen zu den einzelnen Filmen
  • Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen. Ch. Links, Berlin 2002, (Auszüge, Inhaltsverzeichnis), mit Angaben zu den verschiedenen Perioden der DEFA-Filmpolitik

Ralf Schenk & Gudrun Scherp (Redaktion); Johannes Roschlau (Texte); Merle Bargmann & Philip Zengel (Gestaltung): Online Ausstellung: Verbotsfilme der DEFA. DEFA-Stiftung, 2015;.

Einzelnachweise

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