Verein für deutsche Geschichts- und Altertumskunde
Verein zur Erforschung und Vermittlung der Regionalgeschichte im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen
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Der Fürstliche Verein für deutsche Geschichts- und Altertumskunde in Sondershausen war der Erforschung und Vermittlung der Regionalgeschichte im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen gewidmet. Eine Neugründung von 1990 knüpft an diese Aufgabenstellung an.
Geschichte
Gründung

Anlässlich der Gründung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Alterthumsvereine im August 1852 in Dresden wurde Fürst Günther Friedrich Carl II. ersucht, Maßnahmen zur Erfassung, Aufbewahrung und Pflege von Kunstgut und Archivalien in seinem Fürstentum zu ergreifen.[1]
Der Fürst beauftragte seinen früheren Geheimrat Günther von Ziegeler (1775–1853), einen Verein mit dieser Aufgabe zu bilden, und berief den Baurat Carl Scheppig, den Gymnasialdirektor Wilhelm Kieser, den Gymnasiallehrer Ferdinand Göbel und den Pfarrvikar Friedrich Apfelstedt als Mitglieder unter von Ziegelers Vorsitz.[2] Eine erste Sitzung des Gremiums fand am 20. Dezember 1852 statt. Hier und in weiteren Sitzungen wurden korrespondierende Mitglieder hinzugewählt, u. a. der Justizrat Carl Einert, der Pfarrer Adolph Friedrich Magerstedt in Großenehrich, der Realschullehrer Heinrich Hoschke in Arnstadt und der Rektor Christian Wellendorf in Gehren,[3] und es wurden die künftigen Arbeitsgebiete und Vorgehensweisen erörtert, wobei Kieser für besonders umfassende und großzügige Zielsetzungen eintrat.
Aufgrund dieser Vorklärungen erließ der Fürst am 12. Mai 1853 eine „Instruktion“, durch die der Verein für deutsche Geschichts- und Alterthumskunde mit Sitz in Sondershausen förmlich gegründet und mit einer detaillierten Satzung ausgestattet wurde.[4] Der (gewöhnlich so genannte) „Alterthumsverein“ unterstand der Ministerialabteilung für Kirchen- und Schulsachen; seine Mitglieder wurden vom Fürsten ernannt.[5] Zusammen mit diesem Erlass wurde am 4. Juni 1853 auch eine Bestimmung vom 28. Mai veröffentlicht, in der die vom Fürsten nunmehr berufenen Vereinsmitglieder genannt wurden: F. Apfelstedt, F. Göbel, W. Kieser, C. Scheppig und, als Vorsitzender, C. Einert als ordentliche Mitglieder; außerdem als korrespondierende Mitglieder (die nicht verbunden waren, an den Vereinssitzungen teilzunehmen) weitere sieben Personen, darunter A. Magerstedt und die Lehrer H. Hoschke, August Hallensleben und Johann C. Uhlworm in Arnstadt.[6] Der Verein erließ sogleich (am 21. Juni) eine öffentliche Aufforderung, ihm alle relevanten Informationen und Fundstücke zukommen zu lassen.[7]
Am 5. August 1853 wurde der Gymnasiallehrer Thilo Irmisch als weiteres Mitglied berufen.[8] Als Einert seine Mitgliedschaft aus Gesundheitsrücksichten niederlegte, wurde am 24. Juni 1854 Scheppig an seine Stelle berufen;[9] er blieb Vorsitzender bis zu seinem Tod im Februar 1885.
Bedeutung

Im Verein konzentrierten sich knapp siebzig Jahre lang nahezu alle regionalgeschichtlichen Aktivitäten von Sondershausen. Folgende Aufgaben standen im Vordergrund:
- Oberaufsicht über alle ur- und frühgeschichtlichen Funde und über die Pfarr- und Gemeindearchive.
- Ausgrabung und Bearbeitung, Aufbewahrung und Präsentation der gemachten Funde.
- Veröffentlichung von wissenschaftlichen Arbeiten und informativen Publikationen.[10]
- Zusammenstellung der „Schwarzburgica-Bibliothek“ aus eigenen und übernommenen Beständen der Ministerialbibliothek.
Der Verein schloss sich 1896 dem Verband der Thüringer Geschichts- und Altertumsvereine und seinem Arbeitsprogramm an.[11]
Der Naturwissenschaftliche Verein und das Museumskränzchen
Neben dem regierungsamtlichen streng verfassten Alterthumsverein bildeten sich zwei informelle private Vereinigungen mit weitgehend ähnlicher Mitgliedschaft.
Naturwissenschaftlicher Verein
Im Januar 1863 beschlossen Karl Chop, Thilo Irmisch, Hermann Töpfer, Adolf von Wolffersdorff und der Hofapotheker Adolf Funke, sich einmal wöchentlich in einem öffentlichen Lokal zu treffen, um sich über wissenschaftliche Themen auszutauschen. Für ihren Naturwissenschaftlichen Verein verabredeten sie betont informelle Grundsätze; jeder, der sich für diese Art der Unterhaltung interessierte, konnte beitreten.[12] Als Vorsitzender fungierte zeitweise Chop, nach dessen Tod Töpfer, anschließend der Studienrat (und frühere Schüler von Irmisch und Kieser) Edmund König.[13]
Museumskränzchen
Gegen Ende der 1890er Jahre fanden sich ortsgeschichtlich interessierte Sondershäuser zu einem Museumskränzchen zusammen, „von dem aus manche Anregung in die Wirklichkeit und Öffentlichkeit trat, die im Altertumsverein Ursprung und Pflege hätte finden müssen.“[14] Die Anregung dazu ging von dem Altertumskränzchen und der Museumsgesellschaft in Arnstadt aus, bei der Döring bis 1895 Mitglied war.[15] Förmlich gegründet wurde das Museumskränzchen am 9. Oktober 1899[16] von Döring und Günther Lutze zusammen mit Otto Fleischhauer und Ernst Schedensack; es bestand bis 1923.[17] Dort entstand der erste Kern der Sammlungen, die zum Städtischen Museum Sondershausen weiterentwickelt wurden.[18] Das Museum existierte spätestens ab 1910, mit Döring als Leiter (Kustos),[19] und nahm die Sammlungen des Altertumsvereins auf, später auch das Fürstliche Naturalienkabinett.[20] Die Entwicklung und Pflege der Sammlungen wurde im Wesentlichen von Lutze und Döring geleistet.
Das Museumskränzchen stiftete einige Gedenktafeln für namhafte Einwohner der Stadt: für Cannabich, Irmisch und Bruch. (Die Kosten der Anbringung wurden jeweils von der Stadtverwaltung getragen.)[21][22]
Reformierung und Ende

Nach dem Ende der Monarchie im November 1918,[23] dem Aufgehen des Freistaats im Land Thüringen im Mai 1920 und schließlich dem Ende der Gebietsvertretung Ende März 1923[24] verlor der Altertumsverein seine regierungsamtliche Funktion.[25] Er war nun in der üblichen Weise für Beitrittswillige offen, und es gab Ortsgruppen („Pflegschaften“) in mehreren Orten der Unterherrschaft wie auch eine in Arnstadt[26] (in der Oberherrschaft). Dort blieb sie jedoch nicht erhalten. Das Mitgliederverzeichnis vom Ende 1928 nennt 9 Ortsgruppen mit insgesamt 148 Mitgliedern, aber nur in der Unterherrschaft.[27] Der reformierte Verein realisierte den alten Wunsch, eine eigene Zeitschrift herauszugeben: Ab Dezember 1922 erschienen die Mitteilungen des Vereins für deutsche Geschichts- und Altertumskunde mit Döring als Schriftleiter,[28] zunächst mit dem Zusatz „Abteilung Unterherrschaft“, ab 1926 stattdessen „in Sondershausen“. 1925 wurde der Altertumsverein förmlich ins Vereinsregister eingetragen.[29] Döring, der noch von der Gebietsregierung als Leiter eingesetzt[30] und später durch Wahlen[31] bestätigt worden war, legte in einer Sondersitzung im Juni 1932 den Vorsitz nieder, wobei seine Nachfolge zunächst ungeregelt blieb.[32] Erst Monate später wurde Erich Caemmerer zum neuen Vorsitzenden gewählt.[33] Er führte die zeitgemäße Gleichschaltung mit demonstrativer Deutlichkeit durch; im Juli 1935 wurde die entsprechend modifizierte Satzung angenommen.[34] Die Mitgliederzahl hatte sich inzwischen auf 87 vermindert; in den nächsten Jahren sank sie auf 70.[35] Nach Dörings Tod 1938[36] kam 1940 noch ein Heft der Mitteilungen heraus,[37] und noch im November 1942 fand eine öffentliche Sitzung statt.[38] Für die folgenden Jahre sind jedoch keine Belege bekannt. Der Verein wurde 1949 aus dem Vereinsregister Sondershausen gestrichen.[39]
Der Verein stiftete einige Gedenktafeln: am Geburtshaus von Stefanie Keyser[40] und am Wohnhaus von Ernst Ludwig Gerber;[41] im Alten Gottesacker für zehn Gelehrte, die dort zwischen 1578 und 1852 beigesetzt wurden;[42] sowie am und im Haus der Goethe-Vorfahren in Berka.[43]
Mitglieder des Vereins für deutsche Geschichts- und Altertumskunde
Direktoren/Vorsitzende
- Justizrat Carl Einert (1853–1854)
- Baurat Carl Scheppig (1854–1885)
- Regierungsrat Max von Bloedau (1885–1895)[44]
- Hofjägermeister Adolf von Wolffersdorff (1895–1901)[45]
- Schulrat Hermann Töpfer (1901–1913)[46]
- Kammerherr Curt von Bloedau (1913–1920)[47]
- Oberschulrat Karl Schnobel (1920–1921)
- Oberregierungsrat Ludwig Nockher (1921–1923)[48]
- Gymnasiallehrer Edmund Döring (1923–1932), 1930 Ehrenmitglied[49]
- Studienrat Erich Caemmerer (1933–1949 [?])[50]
Andere prominente Mitglieder
- Friedrich Apfelstedt, Pfarrer, Heimatforscher und Archivleiter
- Felix Bärwinkel, Landrat[51]
- Johannes Bärwinkel, Gymnasiallehrer und Archivleiter[52]
- Karl Chop, Rechtsanwalt und Naturkundler
- Emil Einert, Begründer des Stadtarchivs von Arnstadt, Heimatgeschichtler[53]
- Otto Fleischhauer, Pfarrer in Oberspier, Schriftsteller und Heimatforscher[54]
- Ferdinand Göbel, Gymnasiallehrer, Leiter des Fürstlichen Naturalienkabinetts (bis 1862)[55]
- Carl Gottschalck, Landrat und Regierungsmitglied
- Hermann Gresky, Studienrat und heimatkundlicher Autor[56]
- Wolfgang Gresky, Gymnasiallehrer und Regionalgeschichtsforscher[57]
- August Hallensleben, Gymnasiallehrer in Arnstadt[58]
- Heinrich Hoschke, Realschullehrer in Arnstadt
- Thilo Irmisch, Gymnasiallehrer, Botaniker, Heimatforscher, Leiter des Fürstlichen Naturalienkabinetts (ab 1862)
- Julius Kaiser, Seminardirektor[59]
- Stefanie Keyser, Heimatschriftstellerin
- Wilhelm Kieser, Gymnasialdirektor
- Samuel Kroschel, Gymnasialdirektor in Arnstadt[60]
- Günther Lutze, Realschullehrer, Botaniker und Heimatforscher; 1925 Ehrenmitglied[61]
- Adolf Magerstedt, Dr. phil. h. c., Konsistorialrat in Großenehrich, in Fragen der Landwirtschaft und der Agrarpolitik hochaktiv, 1840 Mitbegründer des Vereins zur Beförderung der Landwirtschaft in Sondershausen, langjähriges Landtagsmitglied[62]
- Karl Meyer (Nordhausen), Heimatforscher; 1931 Ehrenmitglied[63]
- Curt Mücke, Kunstmaler
- Albert Picard, Lehrer am Lyzeum und Schlotheim-Forscher[64]
- Karl Picard, Bürgerschulrektor, Paläontologe, Botaniker und Heimatforscher
- Ernst Richter, Archivar[65]
- Ernst Schedensack, Hofdekorationsmaler[66]
- Gerhard (Gerd) Schedensack, Zahnarzt[67]
- Karl Vollrath, Regierungsrat[68]
Neugründung Geschichts- und Altertumsverein für Sondershausen und Umgebung
Am 20. März 1990 traten Sondershäuser Bürger in den Räumen des Schlosses zusammen, um einen Geschichts- und Altertumsverein für Sondershausen und Umgebung mit Sitz in Sondershausen zu gründen.
Das Ziel war, geschichtliche Fragen aller Art im Gebiet der ehemaligen Unterherrschaft und der Region um Bad Frankenhausen zu bearbeiten und Ergebnisse dieser Forschung in Vorträgen und Publikationen zu veröffentlichen. Der Verein sollte eine Vereinszeitschrift Püstrich betreiben. Als Vorsitzender wurde Karl-Heinz Becker gewählt; Schriftleiter war Klaus Stollberg.[69] Der 83-jährige Wolfgang Gresky trat im selben Jahr bei; er wurde bald darauf zum Ehrenmitglied ernannt.
1999 schloss sich der Püstrich (ISSN 0863-4025) mit den Sondershäuser Beiträgen des Schlossmuseums (ISSN 1439-5568) zu dem neuen Titel Sondershäuser Beiträge. Püstrich zusammen.
Literatur
- Der Deutsche. Zeitung für Thüringen und den Harz. Sondershäuser Tageblatt, General-Anzeiger und Amtlicher Anzeiger für das Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen. [Sondershausen: Eupel.] (unvollständiges) Digitalisat
- Adressbücher von Thüringen. Digitalisate.
- H. F. Th. Apfelstedt, Heimathskunde für die Bewohner des Fürstenthums Schwarzburg-Sondershausen. 3 Hefte. Sondershausen: Eupel. Heft 1, 1854, Heft 2, 1856 und Heft 3, 1856.
- Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Fürstenthums Schwarzburg-Sondershausen. Unter den Auspicien der Fürstl. Staatsregierung herausgegeben vom Fürstl. Schwarzburg. Alterthumsverein. Bearbeitet von F. Apfelstedt. Erstes Heft: Die Unterherrschaft. Sondershausen 1886. Zweites Heft: Die Oberherrschaft. ebenda 1887. Digitalisat.
- Edmund Döring, Der Verein für deutsche Geschichts- und Altertumskunde, ein Rückblick auf seine Entstehung und seine bisherige Wirksamkeit. In Mitteilungen des Vereins für deutsche Geschichts- und Altertumskunde usw. Heft 1, 1922. S. 5–13.
- Mitteilungen des Vereins für deutsche Geschichts- und Altertumskunde im ehemaligen Fürstentume Schwarzburg-Sondershausen, Abteilung Unterherrschaft. Sondershausen. Heft 1, 1922 bis Heft 3, 1924.
- Mitteilungen des Vereins für deutsche Geschichts- und Altertumskunde in Sondershausen. Sondershausen. Heft 4, 1926 bis Heft 10, 1940.[70]
- Jochen Lengemann (Mitarbeit: Karl-Heinz Becker, Jens Beger, Christa Hirschler, Andrea Ziegenhardt), Landtag und Gebietsvertretung von Schwarzburg-Sondershausen 1843–1923. Biographisches Handbuch. 1998, ISBN 3-437-35368-3.
- Sondershäuser Beiträge. Püstrich. Zeitschrift für Schwarzburgische Kultur- und Landesgeschichte. Hrsg. Schlossmuseum Sondershausen und Geschichts- und Altertumsverein für Sondershausen und Umgebung e.V. (ISSN 1439-5576). Heft 5ff., Sondershausen 1999ff.[71] (Inhaltsverzeichnis des GVK für SB.P und Püstrich.)
- Hanna Nagel: Das Städtische Museum in Sondershausen. Geschichte seiner Gründung und Entwicklung bis zum Jahre 1925. In: Sondershäuser Beiträge. Püstrich. Heft 8, 2004. S. 125–132.
- Jochen Lengemann: Edmund Döring. Dem Andenken des Lehrers, Museumsleiters und Begründer des modernen Geschichtsvereins in Sondershausen; und Bibliographie der landes- und heimatkundlichen Arbeiten von Edmund Döring. In: Sondershäuser Beiträge. Püstrich. Heft 11, 2010. S. 7–11; 12–14.
- Lebenswege in Thüringen. Vierte Sammlung. Hrsg. Felicitas Marwinski. Jena 2011, ISBN 978-3-939718-57-4.
- Jochen Lengemann: Hermann Töpfer. Dem Andenken des Schulmanns, Meteorologen, Phänologen, Landeskundlers, Geschichtsvereinsvorsitzenden und Ehrenbürgers der Stadt Sondershausen; und Bibliographie der Schriften von und zu Hermann Töpfer. In: Sondershäuser Beiträge. Püstrich. Heft 13, 2012. S. 7–23; 24–37.
- Jochen Lengemann: Erich Caemmerer. Dem Andenken des Pädagogen, Schwarzburgischen Heimatforschers und thüringischen Vor- und Frühgeschichtlers. Zugleich eine Erinnerung an dessen Vater, den Arnstädter Philologen, Archäologen und Namensforscher Bruno Caemmerer; und Bibliographie der landes- und stadtgeschichtlichen Arbeiten von Erich Caemmerer. In: Sondershäuser Beiträge. Püstrich. Heft 14, 2013. S. 7–20; 21–28.