Veronica Dahl

argentinische-kanadische Informatikerin, Hochschullehrerin, Musikerin und Autorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Veronica Dahl (* 1951 in Buenos Aires, Argentinien) ist eine argentinisch-kanadische Informatikerin, Hochschullehrerin, Musikerin und Autorin. Sie war die erste Absolventin der Universität Aix-Marseille, die in Künstlicher Intelligenz promovierte und ist emeritierte Professorin für Informatik, Bioinformatik und Kognitionswissenschaften an der Simon Fraser University. Sie gilt als eine der 15 Begründerinnen des Gebiets der logischen Programmierung.[1][2][3]

Veronica Dahl, 2020

Leben und Werk

Dahl erhielt 1968 ihren Abschluss als Englischlehrerin an der Escuela Normal de Maestras en Lenguas Vivas John F. Kennedy und unterrichtete bis 1972 an verschiedenen Grund- und weiterführenden Schulen in Buenos Aires[4]. Während der politischen Unruhen der 1970er Jahre studierte sie Informatik an der Universität Buenos Aires, wo sie 1974 einen Bachelor-Abschluss in Informatik und ein Computador Cientifico erhielt. 1975 reichte sie ihre Masterarbeit in Informatik an der Universidad de Buenos Aires ein. Als eine Freundin bei dem Versuch die Universität zu betreten mit einem Maschinengewehr erschossen wurde, reiste sie im September 1975, nur wenige Monate vor dem Militärputsch in Argentinien 1976, nach Frankreich.[5]

An der Universität Aix-Marseille studierte sie mit einem Vollstipendium und erwarb 1976 das Diplome d'Etudes Approfondis. Sie promovierte bei Alain Colmerauer an der Université de la Méditerranée mit der Dissertation: Mathematical logic and foundations und gehörte 1977 zu den ersten weiblichen Absolventinnen des Doktoratsstudiengangs Künstliche Intelligenz.[6] Sie entwickelte das erste Programm, das mithilfe von Logikprogrammierung Anfragen und Befehle in einer menschlichen Sprache entschlüsseln konnte.

Von 1978 bis 1982 war sie als Lehrbeauftragte an der Universität Buenos Aires tätig und von 1979 bis 1982 forschte sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Adjunct Researcher) bei dem Argentinischen Nationalen Forschungsrat. An der Simon Fraser University in Burnaby in der kanadischen Provinz British Columbia war sie von 1982 bis 1991 Außerordentliche Professorin, wurde dort 1991 Professorin an der Fakultät für Informatik und 2013 emeritiert. Sie war Gastprofessorin 1982 an der Universität von Kentucky und 2014 an der Universität Ulm.[7]

Forschung

Gemeinsam mit 14 anderen Wissenschaftlern begründete sie das Forschungsgebiet der Logikprogrammierung und leistete Pionierarbeit in der Sprachverarbeitung, der computergestützten Molekularbiologie, der Constraintprogrammierung und wissensbasierten Systemen.[8]

Sprachkompetente Wissensdatenbanken und das World Wide Web

Sie leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der deduktiven Wissensbasen, indem sie in Prolog das erste wissensbasierte System und das erste relationale Datenbanksystem entwickelte. Gemeinsam mit Paul Tarau entwickelte sie fortgeschrittene Methoden zur Integration intelligenter Kommunikationsfähigkeiten in das Internet, z. B. für den mehrsprachigen Zugriff auf virtuelle Welten. Ihr Prototyp-System LogiMOO akzeptiert Interaktionen in verschiedenen Sprachen, übersetzt diese in eine kontrollierte, auf Englisch basierende Zwischensprache und reagiert in der jeweiligen Ausgangssprache. Diesem System liegt eine neuartige Logikprogrammierinfrastruktur für die Internetprogrammierung zugrunde. Unter der Betreuung von Manuel Zahariev trug sie zur Konzeptextraktion aus der menschlichen Sprache bei, indem sie die Bedeutung von Akronymen in Webtexten automatisch rekonstruierte. Dahl entwickelte außerdem HYPROLOG, eine deklarative neue logische Programmiersprache mit hypothetischen Schlussfolgerungsmöglichkeiten. Dazu erweiterte sie Prolog (PROgrammation en LOGique) um nicht-klassische Schlussfolgerungsansätze wie Abduktion und Annahmen und übernahm Syntaxelemente der Constraint Handling Rules (CHR) für Integritätsbedingungen. Annahmen und Abduktion sind besonders nützlich für die Sprachverarbeitung und ermöglichen es, die starren Grenzen der klassischen Logik zu überwinden. HYPROLOG war die erste Programmiersprache, die Anfragen und Befehle in einer menschlichen Sprache im Paradigma der logischen Programmierung interpretieren konnte.[9]

Intelligente Methodologien für die Lebenswissenschaften, insbesondere die Molekularbiologie

Gemeinsam mit André Levesque und Manuel Zahariev entwickelte sie eine Software zur Identifizierung von Pflanzenpathogenen anhand charakteristischer Oligonukleotide. Ihre Ergebnisse reduzierten den Arbeitsaufwand, der bei Agriculture and AgriFood Canada zuvor sechs Monate in Anspruch nahm, auf durchschnittlich 15 Minuten Rechenzeit. Die Software wurde außerdem zur Validierung eines Arrays für alle Phytophthora-Arten eingesetzt und findet Anwendung in der Landwirtschaft, in der Forstwirtschaft, in den Meereswissenschaften auf Hawaii, wo sie zur Überwachung der Biodiversität in Korallenriffen eingesetzt wird und in der Entomologie.

Gemeinsam mit Maryam Bavarian wandte sie die von ihr entwickelten Methoden zur Sprachverarbeitung auf die automatische Analyse biologischer Sequenzen und auf das Design von RNA-Sekundärstrukturen an. Aus dieser Arbeit entstand ein Modell der menschlichen Sprachverarbeitung, inspiriert von der Replikation biologischer Sequenzen und Nukleotidbindungen, das sie mit Erez Maharshak weiterentwickelte. Die Präsentation dieses Modells wurde mit dem Best Paper Award ausgezeichnet.[10]

Ihre wissenschaftlichen Beiträge in über 200 wissenschaftlichen Publikationen umfassen die Bereiche Bildungsentwicklung, Donut-Computing, Computerlinguistik, deduktive Wissensbasen und virtuelle Welten, computergestützte Molekularbiologie, nicht-klassisches Denken. Sie war Mitherausgeberin der Zeitschrift für Computational Intelligence und Mitglied des Redaktionsausschusses des International Journal of Expert Systems.[11]

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)

  • 1994: Calouste-Gulbenkian-Preis für Wissenschaft und Technologie
  • 1995: Women Scholars Award, Queen’s University
  • 1994–1995: Senior Industrial Fellowship Research Award, MPR Teltech Ltd., British Columbia
  • 1996/1997: MSTL-Preis für innovatives Lehrprogramm
  • 1999: CAGIS (Canadian Girls in Science) Distinguished Service Award
  • 2002–2007: Outstanding Achievement Award für Forschung, Lehre und Verwaltung, SFU
  • 2004: Calouste-Gulbenkian-Preis für Wissenschaft und Technologie
  • 2008–2011: Marie-Curie-Lehrstuhl für Exzellenz, Europäische Kommission
  • 2009: Best Paper Award, dritte internationalen Arbeitskonferenz über das Zusammenspiel von natürlicher und künstlicher Datenverarbeitung

Mitgliedschaft (Auswahl)

  • Von Januar 2001 bis Januar 2005: Präsidentin der Association for Logic Programming
  • Seit 2010: Mitglied des Beirats der International Federation for Computational Logic (IFCoLog)
  • seit 2008: Mitglied des IMDEA Software Advisory Board
  • 20067 bis 2010: Mitglied des Killam-Komitees (Canada Arts Council)[12]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • mit H. Abramson: Logic Grammars. Springer, 2013, ISBN 978-1461281887.
  • mit David S. Warren, Thomas Eiter, Manuel V. Hermenegildo, Robert Kowalski, Francesca Rossi: Prolog: The Next 50 Years: 50 Years of Future (Lecture Notes in Artificial Intelligence), Band 13900). Springer, 2023, ISBN 978-3031352539.

Literarische Werke

  • Love to Hide, Love to Invent.1999. (Erster Preis in der Kategorie Prosa, Cecilia-Lamont-Literaturwettbewerb).
  • Detour. 2000. (Erster Preis beim Literaturwettbewerb Crime55)
  • A Case of Possession. 2000. (Erster Preis in der Kategorie Prosa, Cecilia-Lamont-Literaturwettbewerb)
  • Wholeness. 2000. (Finalist des 11. jährlichen Lyrikwettbewerbs der Hope Writers Guild)
  • Life Tides. 2000. (Finalist des Millennium 2000 Poetry Contest)[13]

Einzelnachweise

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