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Vestervig Kirke

Kirchengebäude in Thisted Kommune, Dänemark From Wikipedia, the free encyclopedia

Die romanische Vestervig Kirke, auch S. Thøger Kirke, liegt bei dem gleichnamigen Ort im äußersten Südwesten der Insel Thy im nördlichen Dänemark. Sie wurde im frühen 11. Jahrhundert erbaut und gilt als größte Dorfkirche Skandinaviens. Von 1060/70 bis 1134 war sie vermutlich Bischofskirche. Ihr Turm diente als Landmarke für die Seefahrt. Heute gehört sie zusammen mit der Kirche von Agger zum Vestervig-Agger Pastorat in der Sydthy provsti der evangelisch-lutherischen Volkskirche Dänemarks.

Vestervig Kirche (Nordseite)

Lage und Umgebung

Die Kirche liegt etwa einen Kilometer vom Ort entfernt auf einer Anhöhe, so dass der weiße Kirchturm vom Meer aus gut zu sehen ist. Sie ist umgeben von einem Friedhof.

Nördlich der Kirche wurde ein eisenzeitlicher Byhøj ausgegraben. Die aus drei Gebäuden bestehende Hofsiedlung entstand etwa 150 n. Chr., wobei die Häuser in der Folgezeit mehrfach neu errichtet wurden. Anfang des 5. Jahrhunderts brannten die Häuser nieder und wurden nicht an selber Stelle wieder aufgebaut. Es ist aber anzunehmen, dass der spätere Kirchort kontinuierlich besiedelt war.[1]

In der Nähe befindet sich auch die 1860 errichtete Klostermølle, eine Mühle holländischer Bauart.

Geschichte

In Vestervig befand sich der Königshof, von dem aus Knut der Große 1015 zu seiner Eroberung Englands aufbrach.

Die erste Kirche gründete um 1040 Theodgarus oder Thøger, ein der Legende nach aus Thüringen stammender englischer Missionar. Er war Kaplan des später als heilig verehrten norwegischen Königs Olav II. Haraldsson gewesen und kam nach dessen Tod 1028 nach Vestervig. Dort starb er an einem 24. Juni eines unbekannten Jahres. Unter Ulfrik, seinem Nachfolger als Priester der Vesterviger Kirche, begann 1067 Thøgers Verehrung als Heiliger. Seine Gebeine wurden in einem Schrein auf dem Altar aufgestellt. Die päpstliche Genehmigung für die eigenmächtige Heiligsprechung erfolgte erst 1117.[2] Thøgers kleine Kirche, von der noch die Ruine erhalten ist, liegt südwestlich der jetzigen Kirche.

Dänische Bistümer im Mittelalter

Der Bau der jetzigen, romanischen Kirche datiert in die Zeit um 1100, als Vestervig Bischofssitz des Vendel Stifts war. Der letzte von vier bekannten Bischöfen, Ketil von Vestervig, fiel 1134 in der Schlacht bei Fodevig auf Seiten von König Niels. Der Bistumssitz wurde daraufhin nach Børglum verlegt, auch weil um diese Zeit Vestervig seine Bedeutung als Hafen verlor durch die Versandung des Limfjords bei Agger Tange. Die ehemalige Bischofskirche wurde Augustiner-Chorherren übergeben. Dieses Augustinerstift wurde erstmals in den 1180er Jahren erwähnt, als Wilhelm von Æbelholt die Unmoral der Kanoniker tadelte. Die Bischofs- und spätere Klosterkirche war vermutlich Thøger und Maria geweiht.[3]

Im Spätmittelalter wurde die Kirche im gotischen Stil umgestaltet. Die ursprüngliche Choranlage mit Apsis und Sakristei sowie die Querschiffe mit Kapellen und Seitenapsiden wichen einem schlichteren Chor. Dabei wurde auch das Kirchenschiff im Westen verkürzt und stattdessen der Turm errichtet.[4] Nördlich an die Kirche schloss sich ein Kreuzgang an, um den sich die Konventgebäude anordneten.

Durch die Reformation 1536 wurde das Kloster zum Krongut, das an wechselnde Lehnsmänner vergeben wurde. Zwei silberne Armreliquiare mit Thøgers Überresten und die Monstranz, zusammen etwa 16 kg Silber, hatten die Reichsräte Knud Gyldenstjerne und Ove Lunge bereits 1535 verkauft,[5] vermutlich um damit König Christian III. in der Grafenfehde zu unterstützen.[6]

Die Kirche blieb bis 1915 im Besitz der Lehnsmänner und diente als Pfarrkirche für die Bevölkerung. Der deutsche Kaufmann Joachim Irgens, der in königlich dänischen Diensten reich geworden war, erhielt das Kloster 1661 als Lehen. Er wurde als Irgens von Westerwick geadelt und Vestervig zur Baronie erhoben. Irgens ließ die Klostergebäude zu einem Schloss umbauen. Dieses brannte 1703 ab, wobei auch die Kirche beschädigt wurde. Die Kirche wurde 1704 durch Gutsherrn Peder Nielsen Moldrup renoviert. Dreißig Jahre später errichtete Jens Moldrup einen Neubau des Schlosses, wofür er auch einen Teil der Kirche abtragen ließ und die Quadersteine verwendete.[7]

Bei Ausgrabungen 1868 konnten die verschwundenen Kreuzarme mit ihren Kapellen sowie die romanische Choranlage nachgewiesen werden. Die Ergebnisse der Grabung dienten teilweise der Rekonstruktion des romanischen Chores bei der Renovierung 1917–1921. Dabei fand Architekt Mogens Clemmensen einen Mittelweg zwischen der Wiederherstellung der romanischen Kirche und dem Erhalt des gotischem Umbaus. Für den neugeschaffenen Westeingang durch die Turmhalle verwendete er das Portal der mittelalterlichen St.-Thøger-Kirche.[8]

Gebäude

Die dreischiffige Basilika aus hochwertigem Granitquadermauerwerk war ursprünglich nach Westen 6 m länger. Der Chor mit halbrunder Apsis wurde 1917 bis 1921 rekonstruiert. Der Turm wurde erst im 15. Jahrhundert errichtet.

Die Südseite trägt eine gut erhaltene Sonnenuhr, die zu den ältesten in Nordeuropa gehört. Derartige kanoniale Sonnenuhren, die sich nur selten erhalten haben, dienten den Mönchen zur Feststellung der Gebetszeiten. Beim Vesterviger Ziffernblatt gibt es dreizehn Abschnitte, markiert sind die Gebetszeiten Terz, Sext und Non. Erhalten sind ebenfalls drei romanische Tympana, von denen sich eins, das Christus in der Mandorla zwischen zwei Engeln darstellt, heute am Südportal befindet, ein zweites mit dem Lamm Gottes über der neuen Priestertür und das dritte, das von dem Vorgängerbau stammt und drei Kreuze zeigt, über dem heutigen Haupteingang durch den Turm. Mehrere Steine mit bildlichen Darstellungen sind teilweise ins Nationalmuseum nach Kopenhagen überführt worden, teilweise im Rahmen der Renovierung 1917–1921 als Spolien in die Wände eingemauert worden.[4] Einer dieser Steine, auf dem vier Köpfe dargestellt sind, gilt als „Wahrzeichen von Vestervig“. Die Deutung der zwei Menschenköpfe und zwei Tier- oder Teufelsmasken ist nicht gesichert. Möglich wäre es, die Ornamente um die Menschenköpfe als Drachen anzusehen, so dass das Relief die Bedrohung der Menschen außerhalb der Kirche durch böse Mächte zeigte.[9]

Im Inneren ist das Gebäude eingewölbt, die Joche der Kirchenschiffe mit tiefen Kreuzgewölben, die beiden östlichen Joche des nördlichen Seitenschiffs, Reste des ehemaligen nördlichen Querschiffes, mit Sterngewölben. Die Ziegelwände sind weiß verputzt, an einigen Stellen haben sich ornamentale Kalkmalereien mit Fragmenten von Minuskel-Inschriften erhalten. Die ältesten Malereien stammen aus dem 15. Jahrhundert, die jüngste erinnert an den Brand der Kirche 1703 und die Renovierung im folgenden Jahr.[10]

Ausstattung

Der Taufstein aus norwegischem Gestein stammt schon aus dem Vorgängerbau.

Nachreformatorisch ist die Renaissance-Kanzel von 1608–1610 mit Akanthusdekoration. Die sieben Felder des Kanzelkorbes sind mit Ornamenten ausgemalt, in den Postamentfeldern darunter stehen Bibelverse. 1718 wurde ein neuer Schalldeckel angeschafft und wohl in diesem Zusammenhang die ursprünglichen Reliefs vom Kanzelkorb entfernt.[11] Auch das Gestühl stammt zum großen Teil aus dem 17. Jahrhundert.

Das spätbarocke Altarretabel von 1729/30 war ursprünglich für den Dom zu Viborg gedacht gewesen, der nach einem Brand 1726 wiederaufgebaut wurde. Als Rahmen wurde ein renaissancezeitliches Retabel, vermutlich aus dem alten Dom, wiederverwendet und durch die beiden auf den Voluten sitzenden Figuren Aaron und Mose und nicht mehr vorhandene Bekrönung mit Engeln ergänzt. Da man es aber als zu klein für den neuen Dom empfand, wurde es unvollendet nach Vestervig verkauft. Gutsherr Jens Moldrop beauftragte den Maler Mogens Chr. Thrane mit der Anfertigung der drei Gemälde – links Jesus in Getsemane, in der Mitte seine Kreuzigung und rechts seine Auferstehung –, die erst 1740 fertiggestellt waren, wie die Widmung an Moldrup und seine Frau Anna Margareta Lautrup in der Predella mitteilt.[12]

Die Kirche verfügt über eine Orgel von Marcussen & Søn aus dem Jahr 1978.

Das Grab von Liden Kirsten und Prinz Buris

Hexameterverse geben an, unter diesen Steinen ruhten Bruder und Schwester.

In der Kirche und auf dem Friedhof befinden sich mehrere romanische Grabsteine, darunter der älteste datierte Grabstein in Dänemark für den vor 1210 verstorbenen Priester Tue, sowie zahlreiche Grabdenkmäler adliger Familien aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.[13]

Ein ungewöhnliches Grab mit einer 3,40 m langen Grabplatte und Grabsteinen an beiden Enden wird auf die Zeit um 1200 datiert. Die verwitterte Aufschrift der Grabplatte, die Peder Hansen Resen in seinem Atlas Danicus 1677 wiedergab, teilte demnach in Hexametern mit, dass in diesem Grab ein vornehmes, inniglich verbundenes Geschwisterpaar ruhe.[14]

Die lokale Überlieferung verknüpfte das Grab indes mit dem unglücklichen Liebespaar im dänischen Volkslied, Liden Kirsten und Prinz Buris. Deshalb hat sich der Hochzeitsbrauch erhalten, dass die Braut nach der kirchlichen Trauung ihren Brautstrauß auf dem Grab ablegt, um ihn den Toten zukommen zu lassen. Liden Kirsten (dt. Klein Kirsten) soll eine Schwester des (späteren) dänischen Königs Waldemar I. gewesen sein, in die sich der Legende nach Buris, ein Bruder der Königin Sophia, verliebt habe. Auf Betreiben der Königin Sophia wurden Kirsten und Buris – gegen Waldemars Willen und während dessen Abwesenheit – ein Paar. Schließlich brachte Kirsten eine Tochter zur Welt. Am selben Tag kehrte der König aus England zurück und erfuhr sofort von der unerlaubten Beziehung seiner Schwester. Zur Strafe tanzte er mit der Frischentbundenen, bis sie tot zusammenbrach. Buris hingegen ließ er blenden und in einem Turm am Friedhof von Vestervig gefangenhalten. Die Eisenkette, die Buris fesselte, war gerade lang genug, dass er das Grab der Geliebten erreichen konnte. Zwölf Jahre später starb der Unglückselige und wurde neben Kirsten begraben. Die hasserfüllte Königin Sophia ritt eines Tages über das Grab hinweg. Doch der Grabstein war nicht so hart wie das Herz der Königin: Er trug Spuren von den Hufen des Pferdes davon.[14]

Die Legende hat einen historischen Hintergrund. Königin Sophia hatte tatsächlich einen Bruder Burislev Sverkersson aus der letzten Ehe ihrer Mutter Rikissa mit dem schwedischen König Sverker I., der um 1170 im Kampf um den schwedischen Thron starb. Dieser wurde in der Legende mit Buris Henriksen verbunden, einem Urenkel des dänischen Königs Svend Estridsen, der selbst Ansprüche auf den dänischen Thron erhob. Sein Vater Henrik Skadelår hatte 1131 Knud Lavard, den Vater von Waldemar I. und damit auch von der Liden Kirsten der Legende, ermorden lassen. Henrik fiel 1134 in einer Schlacht, während Buris im folgenden Bürgerkrieg Waldemars Gegner Knut V. unterstützte und erst nach dessen Ermordung durch den dritten Thronprätendanten Sven Grate 1157 auf die Seite des siegreichen Waldemar I. überwechselte. 1161 ernannte Waldemar ihn zum Herzog von Schleswig. Buris erhoffte sich vermutlich einen weiteren Machtgewinn. Diese Hoffnung zerschlug sich, als Waldemar seinen dreijährigen Sohn Knut 1165 zum Mitkönig ernannte. Buris erhob sich gegen den König. 1167 wurde er festgenommen und starb geblendet und kastriert in seinem Gefängnis auf Søborg Slot.[15] Ein Beziehung zu Waldemars Schwester Kirsten/Kristina ist sehr unwahrscheinlich, denn Kristina Knudsdatter war bereits 1133 als Vierzehnjährige mit dem schwedischen König Magnus IV. verheiratet worden. Zwar kehrte sie schon bald nach Dänemark zurück,[16] wäre aber 1157, als ihr Bruder König wurde und Buris die Seiten wechselte, bereits etwa vierzig Jahre alt gewesen und damit zwölf Jahre älter als Buris.[14] Zudem ist unklar, ob sie damals noch lebte, denn sie wurde letztmals 1141 erwähnt.[16] Peder Laurits Hald spekulierte, ob Buris eine Beziehung zu einer anderen Prinzessin namens Kirsten/Kristina hatte, nämlich zu der Tochter von Margarete Knutsdatter, einer anderen Schwester von Waldemar. Diese Kristina Stigsdatter heiratete 1163/64 den schwedischen König Karl VII. Sverkersson, der 1167 ermordet wurde.[14]

Der Komponist Johann Peter Emilius Hartmann (1805–1900) griff das Thema in mehreren seiner Werke auf, unter anderem in der Oper Liden Kirsten (1849), deren Libretto von Hans Christian Andersen stammt. Der in Thy beheimatete Dramatiker Gunnar Iversen (* 1938) verfasste Spillet om Liden Kirsten og prins Buris, es wurde ganz in der Nähe der Kirche 1992 aufgeführt.

Unter dem Grabstein befinden sich hintereinander zwei nach Osten ausgerichtete gemauerte und mit Steinplatten bedeckte Gräber, wobei im westlichen Grab ein Mann liegt und zu seinen Füßen im östlichen Grab eine Frau.[17] Eine wissenschaftliche Untersuchung im Jahre 1962 kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Bestatteten um einen Mann zwischen 50 und 60 und eine zwischen 30 und 35 Jahre alte Frau gehandelt hat. Es fanden sich keinerlei Hinweise auf eine königliche Abstammung.[14]

Bilder

Außen

Innen

Literatur

  • Jette Kjær: Altertümer aus Thy. 23 Sehenswürdigkeiten aus dem Altertum und der Wikingerzeit der dänischen Landschaft Thy, 1976
  • Vestervig Kirke. In: Nationalmuseet (Hrsg.): Danmarks Kirker. Band XII/2, 1942, S. 609–658 (dänisch, natmus.dk).
Commons: Vestervig Kirke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Vestervig Kirke. In: vestervig-agger-kirke.dk. Abgerufen am 22. April 2026 (dänisch).
  • Frida Aagesen: Vestervig Kirke. In: lex.dk. Abgerufen am 22. April 2026 (dänisch).

Einzelnachweise

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