Vicente Talanquer
mexikanisch-amerikanischer Chemiedidaktiker
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Vicente Augusto Talanquer Artigas (* 1962 in Mexiko-Stadt) ist ein mexikanisch-amerikanischer Chemiedidaktiker, Physikochemiker und Hochschullehrer.[1] Seit 2000 lehrt und forscht er als Professor an der University of Arizona.[2][3][4] In der Chemiedidaktik arbeitet er zu Lernprogressionen, Schülervorstellungen und dem Konzept des chemischen Denkens.[5][6][7] Er entwickelte das Lehrkonzept „Chemical Thinking“ und dokumentierte dessen Umsetzung in der universitären Allgemeinen Chemie.[8][9] Für seine Beiträge zur Chemiedidaktik erhielt Talanquer mehrere internationale Auszeichnungen, darunter den James Flack Norris Award for Outstanding Achievement in the Teaching of Chemistry (2012), den ACS Award for Achievement in Research for the Teaching & Learning of Chemistry (2021) und den Nyholm Prize for Education der Royal Society of Chemistry (2025).[10][11]
Leben
Talanquers Eltern flohen als Kinder während des Spanischen Bürgerkriegs aus Spanien nach Mexiko. Nach der Gewährung von Asyl durch die mexikanische Regierung ließ sich die Familie in Mexiko nieder. Talanquer besuchte in Mexiko-Stadt das Colegio Madrid (Grund- und weiterführende Schule).[1]
Talanquer studierte Chemie an der Nationale Autonome Universität von Mexiko (UNAM). Dort erwarb er 1985 den Bachelor of Science und 1987 den Masterabschluss. Seine Masterarbeit in Physikalischer Chemie zum Thema „Sublattice ordered phases of the Griffith’s three component model“ entstand unter der Betreuung von Carmen Varea. Anschließend war er bis 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Chemie der UNAM. Von 1989 bis 1992 promovierte er an der UNAM in Physikalischer Chemie unter der Betreuung von Alberto Robledo. Seine Dissertation trug den Titel „Bulk and interfacial properties of reacting and associating systems“. Im Jahr 1992 erhielt er den Grad Doctor of Philosophy (Ph.D.) in Chemie.[2][4] Bereits während des Master- und Promotionsstudiums unterrichtete er Physik und Chemie an der von ihm mitgegründeten Sekundarschule „Instituto Escuela“. Zudem war er von 1988 bis 1992 an der UNAM als Assistant Professor (Tenure-Track) in der Physik tätig.[1][4]
Von 1992 bis 2000 war Talanquer Associate Professor am Fachbereich Chemie der UNAM. In den ersten drei Jahren arbeitete er als Postdoktorand am James-Franck-Institute der University of Chicago unter der Betreuung von David W. Oxtoby. 1995 kehrte er an die UNAM zurück und lehrte und forschte dort in Physikalischer Chemie. Nach seiner Rückkehr nach Mexiko wirkte er an der Erstellung nationaler naturwissenschaftlicher Lehrbücher für Grundschulen mit.[4][12] Von 1996 bis 2003 war er Gastwissenschaftler am James-Franck-Institute. 2000 wurde er als Associate Professor an das Department of Chemistry and Biochemistry der University of Arizona berufen; seither ist er dort tätig. An der University of Arizona forscht er zur Chemiedidaktik und lehrt Allgemeine sowie Physikalische Chemie.[4] Ausgehend von seiner physikochemischen Spezialisierung entwickelte sich sein Schwerpunkt zunehmend in Richtung Bildungsforschung, unter anderem angestoßen durch seine Mitarbeit an Schulbüchern und sein Interesse an kognitionspsychologischen Fragen.[4] Er verlagerte seinen Forschungsschwerpunkt auf die Chemiedidaktik, insbesondere auf Denkweisen und Lernschwierigkeiten in den Naturwissenschaften.[1] 2013 wurde er zum Full Professor und 2015 zum Distinguished Professor ernannt.[2][3] Am College of Science der University of Arizona war er zudem von 2000 bis 2015 an der Ausbildung von Lehramtsstudierenden in den Naturwissenschaften beteiligt. Er unterrichtete dabei unter anderem Kurse zu Lehrplänen, Leistungsbewertung in der naturwissenschaftlichen Bildung sowie zu Methoden des Chemieunterrichts.[13] Seitdem liegt sein Schwerpunkt in der Lehre auf Allgemeine Chemievorlesungen für Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften.[2][3]
In der Fachcommunity engagiert er sich unter anderem im Ausschuss für Chemiedidaktikforschung der American Chemical Society. Zudem gehört er Redaktionen der Fachzeitschriften International Journal of Science Education, Disciplinary and Interdisciplinary Science Education Research und Journal of Chemical Education an und wirkt an der Buchreihe Advances in Chemistry Education Series der Royal Society of Chemistry mit.[14][15][16][17] Außerdem ist er Mitprojektleiter des IUPAC-Projekts „Systems Thinking in Chemistry for Sustainability: Toward 2030 and Beyond (STCS 2030+)“.[4][18] Im Jahr 2019 war er Vorsitzender der Gordon Research Conference in Chemistry Education Research and Practice[19] und im Jahr 2022 Vorsitzender der American Chemical Society Division of Chemical Education (DivCHED).[20]
Talanquer ist mit Kent Burbank verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei adoptierte Söhne.[21]
Forschungsleistungen
Die American Chemical Society würdigte seine Arbeiten in 2021 und die Royal Society of Chemistry in 2025. Sie hoben hervor, dass seine Untersuchungen zum Denken von Lernenden neue Einsichten in konzeptuelle Schwierigkeiten ermöglichten, Aufschluss über entscheidende Faktoren gegeben haben, die das Lernen von Schülern beeinflussen, und zu innovativen curricularen Reformen beitrugen.[22][23]
Talanquers Forschung zielt auf Analyse und Weiterentwicklung des Chemieunterrichts. Im Zentrum steht, welche konzeptuellen Rahmen und Begründungsmuster Lernende verwenden, wenn sie chemische Phänomene qualitativ beurteilen (etwa klassifizieren oder vorhersagen), und wie sich diese Denkstrategien mit wachsender Expertise verändern. Er untersuchte unter anderem Schülervorstellungen zu emergenten und additiven Erklärungsmustern für Eigenschaften von Reaktionsprodukten,[24] zu intuitiven Heuristiken beim Beurteilen chemischer Substanzen[25] sowie zum Verständnis von Säure-Base-Konzepten.[26][27] Damit befasst er sich mit chemischen Präkonzepten und entwickelte darauf aufbauend ein Modell zur Erklärung verbreiteter Fehlvorstellungen im Chemielernen.[5]
Talanquer schärfte in seinen Arbeiten das Konzept des „chemischen Denkens“ als Zielkategorie der Chemiedidaktik. In Analysen zum Johnstone-Dreieck (Makro-/Submikro-/Symbol-Ebene) beschreibt er verschiedene Interpretationen der Darstellungsebenen und diskutiert die zugrunde liegenden Annahmen kritisch. Er schlug ein erweitertes Modell der Struktur chemischen Wissens vor, um Missverständnisse zu vermeiden und Forschung sowie Unterrichtspraxis zum Johnstone-Dreieck besser einordnen zu können.[28] In einem weiteren Modell charakterisiert er „chemical rationales“, also chemische Erklärungsansätze, die für begründende Erklärungen mit chemischem Wissen herangezogen werden. Diese unterscheidet er in drei grundlegende Arten chemischen Denkens: phänomenologische, mechanistische und strukturelle Erklärungsansätze.[29]
Auf dieser Basis entwickelte Talanquer Modelle zur Unterstützung von Lernprogressionen und curricularer Planung in der Chemie. Er beschreibt Lernstufen beim Verständnis des Aufbaus der Materie (Teilchenstruktur, Eigenschaften und Dynamik) und leitete daraus Lernpfade vom Alltags- zum Expertenverständnis ab. Diese Pfade dienen als Grundlage für Lernprogressionen, die typische Entwicklungsschritte beim Verständnis der Stoffstruktur antizipieren und im Unterricht berücksichtigt werden können.[6] Außerdem analysierte er, wie Lernende Struktur-Eigenschaft-Beziehungen von Stoffen im Verlauf ihrer Ausbildung verstehen, und zeigte, dass selbst fortgeschrittene Lernende häufig an vereinfachenden Denkschemata festhalten.[30] Aufbauend darauf entwarf er ein Rahmenkonzept für den Chemieunterricht, das wahrscheinliche Entwicklungspfade des chemischen Denkens von der 8. Klasse bis zur universitären Bildung beschreibt. Chemisches Denken versteht Talanquer als Fähigkeit, chemisches Wissen und wissenschaftliche Praktiken anzuwenden, um Materie zu analysieren, zu transformieren und Probleme zu lösen.[7] Mit dem Lehrkonzept „Chemical Thinking“ plädiert er dafür, Chemie so zu lehren, wie Expertinnen und Experten denken,[8] und dokumentierte die entsprechende Kursreform an der University of Arizona.[9][31] In dem Lehrkonzept beschreibt er ein alternatives Curriculum für die universitäre Allgemeine Chemie bei der sich der Schwerpunkt vom Auswendiglernen von Fakten hin zum Erwerb chemischer Denk- und Arbeitsweisen verlagert.[8] Die Umstellung des Großkurses führte zu kleinen, statistisch signifikanten Verbesserungen, war jedoch mit erheblichen Umstellungshürden verbunden.[9] Zudem verringerten sich Leistungsunterschiede zwischen Geschlechtern oder ethnischen Gruppen.[31]
Vor dem Hintergrund der Ziele nachhaltiger Entwicklung betont Talanquer die Bedeutung der Chemiebildung für deren Erreichung. Er argumentiert, Chemieunterricht solle Lernende dazu befähigen, ihre Lebenswelt kritisch zu reflektieren und chemisches Wissen auf gesellschaftliche und ökologische Fragen anzuwenden. Dazu zählt auch ein „ökoreflexives“ Denken und Handeln, bei dem chemische Probleme unter moralisch-philosophischen, gesellschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten betrachtet werden.[32]
Ehrungen und Auszeichnungen
Ein Schwerpunkt seiner öffentlichen Anerkennung liegt auf Beiträgen zur Chemie- und Naturwissenschaftsbildung, was sich in mehreren nationalen und internationalen Lehr- und Forschungspreisen widerspiegelt.[10]
- 2025: Nyholm Prize for Education (Royal Society of Chemistry)[22]
- 2021: ACS Award for Achievement in Research for the Teaching & Learning of Chemistry (American Chemical Society)[33]
- 2019: CSSP Educational Research Award (Council of Scientific Society Presidents)
- 2015: Arizona Professor of the Year (Carnegie Foundation)
- 2012: James Flack Norris Award for Outstanding Achievement in the Teaching of Chemistry (Northeastern Section of the American Chemical Society)[34]
- 2012: Henry and Phyllis Koffler Prize in Teaching (University of Arizona)
- 2007: Leicester & Kathryn Sherrill Creative Teaching Award (University of Arizona)
- 2006: Five-Star Teaching Award (University of Arizona)
- 2004: Early-Career Teaching Award (College of Science der University of Arizona)
- 1998: Outstanding Young Professor in Physical Sciences Education (UNAM)
Veröffentlichungen (Auswahl)
Talanquer veröffentlichte über 150 Fachartikel sowie mehr als zehn Lehrbücher; vier davon werden als naturwissenschaftliche Grundschullehrbücher in Mexiko eingesetzt.[4][13]
- Hannah Sevian, Vicente Talanquer: Rethinking chemistry: a learning progression on chemical thinking. In: Chemistry Education Research and Practice. Band 15, Nr. 1, 14. Januar 2014, ISSN 1756-1108, S. 10–23, doi:10.1039/C3RP00111C.
- Vicente Talanquer: Macro, Submicro, and Symbolic: The many faces of the chemistry “triplet”. In: International Journal of Science Education. Band 33, Nr. 2, 15. Januar 2011, ISSN 0950-0693, S. 179–195, doi:10.1080/09500690903386435.
- Vicente Talanquer, John Pollard: Let’s teach how we think instead of what we know. In: Chemistry Education Research and Practice. Band 11, Nr. 2, 14. Mai 2010, ISSN 1756-1108, S. 74–83, doi:10.1039/C005349J.
- Vicente Talanquer: Explanations and Teleology in Chemistry Education. In: International Journal of Science Education. Band 29, Nr. 7, 4. Juni 2007, ISSN 0950-0693, S. 853–870, doi:10.1080/09500690601087632.
- Vicente Talanquer: Commonsense Chemistry: A Model for Understanding Students' Alternative Conceptions. In: Journal of Chemical Education. Band 83, Nr. 5, 1. Mai 2006, ISSN 0021-9584, S. 811, doi:10.1021/ed083p811.
- Vicente Talanquer, David W. Oxtoby: Crystal nucleation in the presence of a metastable critical point. In: The Journal of Chemical Physics. Band 109, Nr. 1, 1. Juli 1998, ISSN 0021-9606, S. 223–227, doi:10.1063/1.476554.
Weblinks
- Arbeitsgruppe von Vicente Talanquer auf der Website der University of Arizona (englisch)
- Hommage an Vicente Talanquer von dem Fachbereich Chemie der UNAM auf YouTube (spanisch)
- Veröffentlichungen von und über Vicente Talanquer auf dem Dokumentenserver Researchgate
- ORCID ID von Vicente Talanquer: 0000-0002-5737-3313 (englisch)