Victoria de Grazia

US-amerikanische Historikerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Victoria Frances de Grazia (geboren 1946 in Hyde Park, Chicago) ist eine US-amerikanische Historikerin.

Leben

Victoria de Grazia ist eine Tochter des US-amerikanischen Politologen Alfred de Grazia. Die Vorfahren ihrer Eltern waren Emigranten aus Sizilien. Sie ist die Nichte des Politologen Sebastian de Grazia und des Rechtsanwalts Edward de Grazia.

De Grazia studierte am Smith College und an der Universität Florenz. 1974 war sie Mitgründerin der Zeitschrift Radical History Review[1]. Sie wurde 1976 an der Columbia University in Geschichte promoviert. Ihre Dissertation erschien 1981 unter dem Titel The Culture of Consent: Mass Organization of Leisure in Fascist Italy bei der Cambridge University Press und wurde ins Italienische übersetzt.

De Grazia lehrte am Europäischen Hochschulinstitut, an der Rutgers University und am City College of New York bevor sie Professorin für europäische Geschichte an der Columbia University wurde. Von 1994 bis 2024 lehrte sie dort als Professorin für Geschichte.[2] Anfang 2024 hielt sie sich anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung ihres Buches Der perfekte Faschist im Berliner Wagenbach Verlag in Berlin auf.[2] Im selben Jahr erlebte sie, wie der Campus der Columbia University nach einer gewaltsamen Besetzung durch antiisraelische Protestgruppen im Frühjahr 2024 mit strengen Sicherheitskontrollen abgeriegelt wurde.[2] Die Kontrollen bezeichnete sie als Ausdruck „verrückter Zeiten“ und als peinlich, zugleich als Symptom der politischen Spannungen in den USA.[2]

Sie hatte 1999 eine Guggenheim Fellowship. Im Jahr 2005 wurde sie in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. Für ihr Buch The Perfect Fascist über Attilio Teruzzi erhielt sie 2021 den von der Modern Language Association vergebenen Scaglione Prize.

Wirken

In einem Interview 2025 mit der Berliner Tageszeitung taz analysierte de Grazia die politische Lage der USA nach der erneuten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten und die Entwicklungen in New York unter dem sozialistischen Bürgermeister Zohran Mamdani.[2] In der Begegnung mit ihrem langjährigen Kollegen Mahmood Mamdani auf dem Campus der Columbia University wurde sie von diesem aufgefordert, „weiter über Amerikas Kriege“ zu schreiben.[2] Sie betonte, das einzig Positive an Trumps Wiederwahl sei die Stärkung eines breiten Oppositionsgefühls gewesen, das sich in moralischer Empörung, zivilgesellschaftlichem Engagement und neuen Protestformen gegen seine Politik ausdrücke.[2] Wahlerfolge moderater Demokratinnen wie Mikie Sherrill in New Jersey und Abigail Spanberger in Virginia interpretierte sie als leichten Linksruck innerhalb der Demokratischen Partei und als Zeichen dafür, dass sich regionale politische Kulturen in den USA deutlich unterscheiden.[2]

De Grazia bezeichnet das von Trump geprägte Herrschaftssystem als „populistischen Despotismus“, mit dem er demokratische Institutionen schwäche, seine persönliche Macht zentralisiere und durch eine Kombination aus Polarisierung und Destabilisierung regiere.[2] Sie argumentiert, der historisch spezifische Begriff „Faschismus“ sei für die Analyse der Gegenwart nur begrenzt hilfreich, da er eher als moralisches Schimpfwort denn als präzise Kategorie fungiere und wenig darüber aussage, wie sich die aktuellen Machtverhältnisse im Kontext einer globalen Polykrise und veränderter Klassenzusammensetzungen entwickelten.[2] Im Zentrum ihrer Kritik steht unter anderem der Ausbau der Bundesbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE), die sie als eine Art paramilitärische Kontrollinstanz beschreibt, deren Militarisierung – etwa durch den Einsatz von Hubschraubern und militärischer Ausrüstung – das Verhältnis von zivilen und militärischen Kräften in den USA dauerhaft verschiebe.[2] Zugleich konstatiert sie eine gezielte Schwächung von Institutionen wie Anwaltskanzleien, Medien und Universitäten, die traditionell zur Begrenzung exekutiver Macht beitragen.[2] Vor diesem Hintergrund plädiert de Grazia für die Entwicklung neuer Formen des Widerstands jenseits der klassischen antifaschistischen Volksfrontmodelle des 20. Jahrhunderts, die auf einem genaueren Verständnis gegenwärtiger autoritärer Tendenzen beruhen sollen.[2]

Schriften (Auswahl)

  • The Culture of Consent: Mass Organization of Leisure in Fascist Italy. Cambridge University Press, 1981
  • How Fascism Ruled Women: Italy, 1922–1945. University of California Press, 1993
  • The Sex of Things: Gender and Consumption in Historical Perspective. University of California Press, 1996
  • Victoria de Grazia, Sergio Luzzatto (Hrsg.): Dizionario del fascismo. 2 Bände. Turin: Giulio Einaudi, 2002, 2003
  • Irresistible empire: America’s Advance through Twentieth Century Europe. Belknap Press, 2005
    • Das unwiderstehliche Imperium : Amerikas Siegeszug im Europa des 20. Jahrhunderts. Übersetzung Karl Heinz Siber. Stuttgart: Steiner, 2010
  • The Perfect Fascist: A Story of Love, Power, and Morality in Mussolini’s Italy. Belknap Press, 2020
    • Der perfekte Faschist : Eine Geschichte von Liebe, Macht und Gewalt. Übersetzung Michael Bischoff. Berlin: Wagenbach, 2024
  • Soft-Power Internationalism: Competing for Cultural Influence in the 21st-Century Global Order. Columbia University Press, 2021

Einzelnachweise

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