Victorine Brocher

französische Kommunardin und Anarchistin From Wikipedia, the free encyclopedia

Victorine Brocher (geboren als Marie Victorine Malenfant am 4. September 1839 in Paris; gestorben am 4. November 1921 in Lausanne), auch als Victorine Rouchy bekannt, war eine französische Journalistin, Anarchistin und Kommunardin.

Victorine Brocher

Leben

Anfänge

Victorine Malenfant wurde in eine republikanische Familie hineingeboren; ihr Vater war ein Schuhmacher, der sich als Sozialist und Freimaurer engagierte.[1] Zwei Jahre später ließen sie sich in Orléans nieder. Ihr Vater floh wegen des Staatsstreichs vom 2. Dezember 1851 durch Louis-Napoléon Bonaparte nach Belgien.[2] Sie wurde von ihrer Mutter, einer Wäschearbeiterin, in Orléans und später in Paris großgezogen.[3] Sie arbeitete im Laden ihres Vaters und näht Knöpfe an Damenschuhen an.[1]

Am 13. Mai 1861 heiratete sie Jean Charles Rouchy[4], einen ehemaligen Schuhmacher und Soldaten der Kaiserlichen Garde im Krimkrieg und im Sardinienkrieg.[4] Das Paar hatte zwei Kinder, die beide im Kindesalter starben. Rouchy war alkoholabhängig und schlug Victorine.[3]

Die Rouchys waren Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation, wobei Victorine zu den ersten Französinnen gehörte, die dieser beitraten.[2] 1867 beteiligte sich das Ehepaar an der Gründung einer Bäckerei-Genossenschaft.[1] Victorine Brocher gab später an, in dieser Zeit durch die Lektüre von Victor Hugos Die Elenden inspiriert worden zu sein.[5]

Krieg und Kommune

Jean Charles Rouchy wurde während des Deutsch-Französischen Kriegs gefangen genommen, konnte jedoch fliehen und kehrte in den Kampf zurück; auch Victorine diente als Kantinenfrau und führte den Kampf später als Freischärlerin fort.[4]

Weniger als einen Monat später führte ein Aufstand zur Ausrufung der Pariser Kommune, an der Victorine und ihr Ehemann teilnahmen.[6] Beide schlossen sich dem Bataillon der „Verteidiger der Republik“ als Kantinenpersonal an.[2] Victorine beteiligte sich zudem an der Verteidigung der Stadtmauern.[6] Auch als Sanitäterin war Victorine insbesondere während der Schlacht um das Fort d’Issy aktiv, wo sie kämpfte und Verwundeten half.[7]

Am 28. März nahm sie an den Feierlichkeiten zur Ausrufung der Kommune teil.[8]

Victorine und Gustave Brocher

Sie wurde für ihre Tapferkeit im Journal officiel vom 17. Mai gewürdigt: „Das Bataillon gratuliert unserer Kantinenfrau, der Bürgerin Victorine Rouchy, zu dem Mut, den sie bewiesen hat, indem sie dem Bataillon ins Feuer folgte, und zu der Menschlichkeit, die sie den Verwundeten in den Tagen vom 29. und 30. April entgegenbrachte.“[9]

Victorine Rouchy unterhielt keine Beziehungen zu den Frauengruppen der Kommune.[10] Ein entsprechendes Angebot Louise Michels lehnte sie ab.[3] Am 22. Mai, dem zweiten Tag der Rückeroberung von Paris durch die Regierungstruppen, wurde Charles Rouchy in seiner Kantine gefangen genommen und interniert.[4] Victorine wurde in letzter Minute von ihren Kameraden gerettet, die alle erschossen wurden.[3][6]

Victorine Rouchy sollte wegen Brandstiftung an der Mauer der Konföderierten erschossen werden und wurde dort auch (von ihrer Mutter) als Tote identifiziert, konnte aber tatsächlich entkommen.[11] Ihr Mann verblieb im Gefängnis; Victorine versteckte sich. Danach floh sie zunächst nach Genf, dann nach Ungarn und kehrte 1874 nach Genf zurück, wo sie ihren Mann wiedertraf. In Genf war sie Teil der revolutionären Juraföderation.[3]

1880 wurde eine allgemeine Amnestie für Kommunarden erlassen. Jean Rouchy verstarb vermutlich um diese Zeit herum; Victorine kehrte nach Paris zurück und wurde Delegierte beim Londoner Anarchistenkongress.[A 1] Dort lernte sie Gustave Brocher[12] kennen.[13] Sie heirateten und zogen mehrere Adoptivkinder groß. Victorine Brocher schrieb in dieser Zeit für die anarchistische Zeitung La Révolution sociale[14], für Le Cri du peuple, La Lutte[15] und Le Drapeau noir[16].

Victorine Brocher war Mitbegründerin der Internationalen Schule Louise Michel in London und unterrichtete dort ab 1886.[2]

1892 zogen Victorine und ihr zweiter Ehemann nach Lausanne, wo sie eine Buchhandlung betrieben. Von 1891 bis 1912 führten sie zudem eine Jugendherberge namens La Clochette.[6] 1909 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Victorine B. ihre Memoiren, in denen sie ihre Beteiligung an der Pariser Kommune erwähnt. Das Paar lebte zwei Jahre lang in Rijeka, wo ihr Mann unterrichtete, sowie in Levallois-Perret. Als Victorine 1921 erkrankte, kehrten sie nach Lausanne zurück, wo sie im Kantonsspital starb.[2]

Werke

Victorine Brocher, Souvenirs d’une morte vivante, 1909

Als Hauptwerk Victorine Brochers gelten ihre Memoiren, die 1909 erschienenen Souvenirs d’une morte vivante (Erinnerungen einer lebenden Toten). Der Titel wurde prägend für den Nachruhm Brochers; so verwendete ihn Louise Bodin für ihren Nachruf auf L’Humanité.[3] Das Werk erschien zunächst bei Lapie in Lausanne[17]; weitere Ausgaben folgten im gleichen Jahr bei Paul Delesalle in Paris, 1976 bei den Éditions Maspero (ISBN 2-7071-0847-2), 2002 bei La Découverte (ISBN 2-7071-3679-4), 2017 bei Libertalia[18], 2020 bei Hachette (ISBN 978-2-329-52394-1) und 2021 bei Theolib (ISBN 978-2-36500-195-3).

Literatur

  • Carolyn Jeanne Eichner: Franchir les barricades; les femmes dans la Commune de Paris. Éditions de la Sorbonne, 2020, ISBN 979-1-03510522-8.
  • Michèle Riot-Sarcey: La Mémoire des vaincus : l’exemple de Victorine B. In: Philippe Régnier, Roger Bellet: Ecrire la Commune; témoignages, récits et romans (1871–1931). Du Lérot, 2008.
Commons: Victorine Brocher – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Siehe zu diesem weiterführend den Artikel 1881 London Social Revolutionary Congress in der englischsprachigen Wikipedia.

Einzelnachweise

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