Victory-Garden
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Victory-Gardens, auch Kriegsgärten oder Verteidigungsgärten genannt, waren Gemüse-, Obst- und Kräutergärten, die während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten,[1] Großbritannien,[2] Kanada,[3] Australien[4] und Deutschland[5][6][7] in Privathäusern und öffentlichen Parks angelegt wurden. In Kriegszeiten ermutigten die Regierungen die Menschen, Victory-Gardens anzulegen um ihre Rationen zu ergänzen und auch die Lebensmittelversorgung der Soldaten zu verbessern. Sie wurden zusammen mit Rationierungsmarken und -karten eingesetzt. Neben der indirekten Unterstützung der Kriegsanstrengungen galten diese Gärten auch als „Moral booster“ für die Bevölkerung, da die Gärtner sich durch ihren Arbeitseinsatz gestärkt und durch die angebauten Produkte belohnt fühlen konnten. Dies machte Siegesgärten zu einem Teil des täglichen Lebens an der Heimatfront. Für die meisten Bürger waren die Gärten allerdings primär ein Mittel zum Überleben. In Deutschland haben Kleingärten schon seit dem 19. Jhd. Tradition, u. a. als Schrebergarten oder für den Anbau von Heilkräutern.[8]


Erster Weltkrieg
Kanada

Victory Gardens wurden 1917 in Kanada populär. Im Rahmen der Kampagne „Ein Gemüsegarten für jedes Haus“ des Landwirtschaftsministeriums nutzten die Bewohner von Städten und Dörfern ihre Hinterhöfe, um Gemüse für den Eigenbedarf und für die Kriegsanstrengungen anzubauen. In Toronto holten Frauenorganisationen erfahrene Gärtner in die Schulen, um Schulkinder und ihre Familien für das Gärtnern zu begeistern. Zusätzlich zum Gärtnern wurden Hausbesitzer dazu ermutigt, Hühner in ihren Gärten zu halten, um Eier zu gewinnen. Das Ergebnis war eine große Produktion von Kartoffeln, Rüben, Kohl und anderem nützlichen Gemüse.[3]
Vereinigte Staaten von Amerika

Im März 1917 gründete Charles Lathrop Pack die US National War Garden Commission und startete die Victory-Garden-Kampagne. Die Nahrungsmittelproduktion war während des Ersten Weltkriegs dramatisch zurückgegangen, insbesondere in Europa, wo landwirtschaftliche Arbeitskräfte zum Militärdienst eingezogen worden waren und die verbleibenden Bauernhöfe durch den Konflikt zerstört worden waren. Pack und andere wollten so die Nahrungsmittelversorgung steigern, ohne die bereits in der Landwirtschaft eingesetzten Flächen und Arbeitskräfte zu beanspruchen und ohne auf die für die Kriegsanstrengungen erforderlichen Transportmittel zurückzugreifen. Die Kampagne förderte den Anbau auf verfügbaren privaten und öffentlichen Flächen, was zur Entstehung von über fünf Millionen Gärten in den USA führte. Der Chef der Lebensmittelverwaltung, Herbert Hoover, hatte das ehrgeizige Ziel, bis Juli 1919 20 Millionen Tonnen Lebensmittel an die Front zu liefern. 4 Millionen Tonnen wurden bis zum Kriegsende 1918 erreicht.[9][10] Die Kampagne war nichtsdestotrotz ein großer Erfolg, da die Lebensmittelproduktion bis zum Ende des Krieges einen Wert von über 1,2 Milliarden Dollar erreichte.[11]
Zweiter Weltkrieg
Deutschland
In den Kriegsjahren (und nach dem Krieg) galt ein Garten als ein überaus wertvolles Gut, hauptsächlich zum Lebensmittelanbau in Form von Nutzgärten. Während dem Krieg war die Versorgungslage in Deutschland äußerst angespannt, da es zu massiven Störungen in nahezu allen Lebensbereichen kam. Neben Städten wurden auch landwirtschaftliche Nutzflächen verwüstet; die Arbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen, wodurch die Felder nicht mehr optimal bestellt werden konnten. Viele Menschen litten unter Hunger, Elend und Tod. Die Lebensmittelversorgung wurde staatlich durch Lebensmittelkarten geregelt, deren Rationen in den meisten Fällen jedoch kaum zum Überleben ausreichten.[8][12]
Vor diesem Hintergrund gewann der Anbau von Nahrungsmitteln in Gärten für die Bevölkerung stark an Bedeutung. Ein Nutzgarten ermöglichte es, sich zumindest teilweise selbst zu versorgen und nicht ausschließlich auf die knappen Zuteilungen angewiesen zu sein. Allerdings verfügte nicht jeder über einen eigenen Garten. Um dennoch eine möglichst ausgewogene Ernährung sicherzustellen, wurden insbesondere in den Städten Kleingartenanlagen eingerichtet. Vor allem Frauen waren die Trägerinnen dieser als kriegswichtig erachteten Tätigkeit.[6][13]
Australien
1942 startete der australische Premierminister John Curtin die Kampagne „Dig for Victory“ (Graben für den Sieg), als Rationierungen, Dürre und ein Mangel an Farmarbeitern die Lebensmittelversorgung zu beeinträchtigen begannen. Damit wurden Hausbesitzer in ganz Australien dazu ermutigt, Feldfrüchte anzubauen, um die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Die Kampagne wurde sowohl in den Medien als auch von der breiten Bevölkerung positiv aufgenommen, da viele Australier bereits selbst Obst und Gemüse anbauten und sich damit selbst versorgten. Die „Garden Army“ wurde ins Leben gerufen, die sich ausschließlich für die Landwirtschaft und den Anbau von Nutzpflanzen einsetzte. Mit dem Nachlassen der Angst vor einer Invasion entspannte sich die Lage ab 1943, doch die Hausgärten blieben während des gesamten Krieges bestehen.[4]
Großbritannien

In Großbritannien wurden im Rahmen der Kampagne „Digging for Victory“ viele Flächen wie Brachland, Bahndämme, Ziergärten und Rasenflächen genutzt und Sportplätze und Golfplätze wurden für die Landwirtschaft oder den Gemüseanbau requiriert. Manchmal wurden Sportplätze nicht gemäht, sondern als Weide für Schafe genutzt. Schulen, wie das Winchester College, stellten ihre Felder für den Anbau von Gemüse für den Schulverbrauch zur Verfügung und glichen die geringe Bodenfruchtbarkeit durch die Aufzucht von Schweinen für deren Dünger aus.
Bis 1943 hatte sich die Zahl der Kleingärten, einschließlich ländlicher, städtischer und vorstädtischer Parzellen, etwa verdoppelt. C. H. Middletons Radiosendung „In Your Garden“ erreichte Millionen von Zuhörern, die an Tipps zum Anbau von Kartoffeln, Lauch und anderem Gemüse interessiert waren, trug dazu bei, ein gemeinschaftliches Gefühl der Beteiligung an den Kriegsanstrengungen zu schaffen und bot gleichzeitig eine praktische Antwort auf die Lebensmittelrationierung. „County Herb Committees“ (Kräuterkomitees der Grafschaften) wurden gegründet, um Heilkräuter zu sammeln, als deutsche Blockaden zu Engpässen führten, beispielsweise bei Digitalis purpurea (Fingerhut), das zur Regulierung des Herzschlags verwendet wurde.[14]

In Hinterhöfen und auf den Dächern von Wohnhäusern wurden Gärten angelegt, und gelegentlich wurden auch brachliegende Grundstücke „für den Kriegseinsatz requiriert“ und als Beete genutzt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Teile des Rasens im Londoner Hyde Park öffentlich umgepflügt, um die Bewegung zu fördern.[15] Sowohl im Buckingham Palace als auch im Windsor Castle wurden auf Veranlassung von König Georg VI. Gemüsegärten angelegt, um die Nahrungsmittelproduktion zu unterstützen.[16] Die Londoner waren kreativ darin, die Erträge zu maximieren, indem sie Abfälle als Dünger sammelten und ungewöhnliche Orte und Materialien für ideale Anbaubedingungen nutzten.[2]
Vereinigte Staaten von Amerika

Angesichts der regelmäßigen Lebensmittelrationierung in Großbritannien förderte das US-Landwirtschaftsministerium während des Zweiten Weltkriegs die Anlage von Victory-Gardens.[17] Etwa ein Drittel des in den Vereinigten Staaten produzierten Gemüses stammte aus Siegesgärten. Den amerikanischen Stadt- und Vorstadtbewohnern wurde klargemacht, dass die Erzeugnisse aus ihren Gärten dazu beitragen würden, die Preise für Gemüse zu senken, das das US-Kriegsministerium zur Versorgung der Truppen benötigte, wodurch Geld eingespart werden könnte, das anderweitig für das Militär ausgegeben werden könnte: „Unsere Lebensmittel kämpfen mit“, lautete die Botschaft eines US-Plakats. Zum Mai 1943 gab es in den Vereinigten Staaten 18 Millionen Siegesgärten – 12 Millionen in Städten und 6 Millionen auf Bauernhöfen.[18]
Eleanor Roosevelt legte 1943 einen Victory Garden auf dem Rasen des Weißen Hauses an. Die Roosevelts waren nicht die ersten Präsidenten, die einen Garten im Weißen Haus anlegten. Woodrow Wilson ließ während des Ersten Weltkriegs Schafe auf dem Südrasen weiden. Eleanor Roosevelts Garten diente als politische Botschaft der patriotischen Pflicht zum Gärtnern, auch wenn sie sich nicht selbst um ihren Garten kümmerte.[1] Während Victory Gardens als patriotische Pflicht dargestellt wurden, gaben 54 % der befragten Amerikaner an, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen Gärten anlegten, während nur 20 % Patriotismus als Grund nannten.[18]
Rasenflächen rund um das leerstehende „Riverside“ in New York City wurden für Victory-Gardens genutzt, ebenso wie Teile des Golden Gate Parks in San Francisco. Der Slogan „Grow your own, can your own“ (Anbaue dein eigenes, konserviere dein eigenes) entstand zur Zeit des Krieges und bezog sich darauf, dass Familien in Siegesgärten ihre eigenen Lebensmittel anbauten und konservierten.[19]
In japanischen Internierungslagern förderten Regierungsbeamte die Einrichtung von Victory Gardens, um die Selbstversorgung zu fördern und Ressourcen zu schonen. Personen, die vor ihrer Internierung als Bauern tätig waren, legten innerhalb der Lagergrenzen Gemüsegärten an. Die Bewegung diente nicht einem patriotischen Zweck für das japanische Volk, sondern die Gärten ergänzten die von der Regierung ausgegebenen Essensrationen mit frischem Gemüse und boten essbare Produkte, die an die Heimat erinnerten.[20][21]
Die Umsiedlung von japanisch-stämmigen Amerikanern führte auch zu einer verstärkten Nutzung von Victory Gardens von anders-stämmigen Amerikanern. An der Westküste befanden sich viele Obst- und Gemüsegärten in japanischem Besitz. In Vorbereitung auf die Massenumsiedlung dieser Personen wurden die Bürger der Vereinigten Staaten von Regierungsbehörden, Zeitungen und Radiosendern dazu ermutigt, städtische Landwirtschaft zu betreiben, um sich auf einen Mangel an frischem Obst und Gemüse vorzubereiten.[22][23]
Nachkriegszeit
21. Jahrhundert
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Interesse an Victory-Gardens wieder gewachsen. In den USA entstand eine Kampagne zur Förderung von Gärten in öffentlichen und urbanen Räumen, Websites und Blogs zum Thema[25][26] sowie Petitionen[27] zur Erneuerung einer nationalen Kampagne und zur Förderung der Wiederherstellung eines Gartens auf dem Rasen des Weißen Hauses. Im März 2009 legte First Lady Michelle Obama den ersten „Küchengarten“ seit Eleanor Roosevelt auf dem Rasen des Weißen Hauses an, um das Bewusstsein für gesunde Ernährung zu schärfen.[28]
Während des ersten Jahres der COVID-19-Pandemie gewannen Siegesgärten im Vereinigten Königreich wieder an Popularität, sowohl als Mittel zur emotionalen Bewältigung als auch als Möglichkeit, die Auswirkungen von Panikkäufen und globalen Lieferkettenproblemen, die zu Lebensmittelknappheit führten, abzumildern.[29]
Ukraine
Seit der Russischen Invasion in 2022 wurden vielfach Victory-Gardens in der Ukraine etabliert, um die kriegsbedingten Lebensmittel-Einschränkungen abzumildern.[30][31][32]
Resümee
Eine lokale Lebensmittel-Grundversorgung durch Victory-Gardens bzw. Kleingärten trägt zu einer erhöhten Resilienz der Bevölkerung gegenüber Katastrophen bei, die die Lieferketten unterbrechen (z. B. Pandemien oder Blackouts).[33] Gleichzeitig tragen sie zur Nachhaltigkeit und zum Umweltschutz bei und haben einen positiven Einfluss auf die Gärtner und Anwohnenden der Gärten.[34][35]