Villa Beer
Villa in Hietzing (41613)
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Die Villa Beer (auch: Haus Beer) ist ein viergeschoßiges Villengebäude in der Wenzgasse 12 im 13. Wiener Gemeindebezirk, Hietzing, mit rund 800 m² Wohnfläche.[1][2] Das von Josef Frank und Oskar Wlach von Sommer 1929 bis September 1930 errichtete Gebäude gilt als wichtiger architektonischer Vertreter der Moderne in Wien.

Geschichte
Die Bauherren der Villa Beer waren das Ehepaar Julius Beer, Mitinhaber der Berson Kautschuk Gummisohlenfabrik, und Margarete Beer (geb. Blitz). Beide gehörten dem liberalen Judentum an und werden als kunstsinnig beschrieben. Die Beers ließen das Haus errichten, um einen geeigneten Ort für Empfänge und musikalische Abendveranstaltungen zu schaffen.[3][4] Bereits 1925 hatten Julius Beers Bruder Robert und seine Frau Elisabeth den Architekten Josef Frank mit der Einrichtung ihrer Wohnung am Schwarzenbergplatz beauftragt.[5][6] Nachdem Julius Beer 1931 als Hauptgeschäftsführer ausgeschieden war und es zu Streitigkeiten mit den Hauptgesellschaftern Berson gekommen war, vermieteten er und seine Familie das Haus aufgrund der daraus resultierenden finanziellen Schwierigkeiten ab 1932.[5][7] Die Familie Beer mit den Kindern Helene, Hans und Elisabeth bewohnte das Haus nur ein Jahr.[5][8] Zwischenmieter des Hauses waren – während ihrer Aufenthalte in Wien – unter anderem Richard Tauber, Jan Kiepura mit Marcel Prawy sowie Marta Eggerth.[9][7] 1935 leitete die hypothekenfinanzierende Allianz und Giselaverein-Versicherungs-AG ein Versteigerungsverfahren ein und erwarb 1936 die beiden unbebauten Grundstücke an der Lainzer Straße. 1937 wurde das Versteigerungsverfahren für die restliche Liegenschaft eröffnet, wobei die Versicherung 1938 den Zuschlag für das Haus samt mitverpfändeter Einrichtung von „Haus und Garten“ erhielt. 1941 erwarb der Textilunternehmer Harry Pöschmann zusammen mit seiner Frau Herta das Haus von der Versicherungsanstalt.[7]
Rezeption
Das Haus steht seit 1987 unter Denkmalschutz (Listeneintrag).[10] Laut Bundesdenkmalamt (BDA) stellt es einen Höhepunkt in der Entwicklung der modernen Architektur in Österreich dar und steht in einer Reihe mit Adolf Loos’ Haus Müller in Prag, Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn und Le Corbusiers Villa Savoye in Poissy bei Paris.[11]
Laut der Kunsthistorikerin Maria Welzig stellen alle diese Einfamilienhäuser Manifeste für eine neuartige Architektur dar. Beim Bau der Villa Beer sei Architekt Frank mithilfe von z. B. unterschiedlichen Raumhöhen und Bodenniveaus auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner eingegangen. Das Haus sollte nicht einengen, sondern Freiheit zur Selbstentfaltung bieten.[12]
Friedrich Achleitner nannte das Haus „das wohl bedeutendste Beispiel der Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit“. Josef Frank stelle sich hier in die Tradition Adolf Loos’, gestalte aber freier als dieser. Das Haus sei horizontal und vertikal entlang eines „räumlichen Rückgrats“ organisiert. Die Kontur des Grundrisses ähnle eher einem englischen Landhaus und erzeuge vielfältigere Ausblicke und Berührungspunkte zum Garten als es für Loos typisch wäre. Die vielen Terrassen seien Zeichen einer intensiven Innenraum-Außenraum-Beziehung. Vor allem lasse Franks Umgang mit Raumbegrenzungen den Bewohnern mehr Freiheiten für „sich frei entfaltende und ändernde Möblierung“. Auch die Fassaden wirkten frei komponiert. Die Mauerflächen dagegen bezögen sich streng auf die Form des Quadrats und seine Teilungen. Das Haus stelle in seiner Gesamtkonzeption eine „Meisterleistung in den Beziehungen von Regel und Freiheit“ dar und nehme zudem Einflüsse aus der angelsächsischen und asiatischen Kultur auf.[13]
Wolfgang Born zählte das Haus bereits 1931 zu „jenen Meisterwerken der Architektur […], in denen über die Lösung einer speziellen Aufgabe hinaus ein künstlerisches Bekenntnis seinen vollkommenen Ausdruck gefunden hat.“[14]
Museum
2016 forderte die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) in einer Petition die „Entwicklung eines Konzepts zur öffentlichen Nutzung unter Einbeziehung aller rechtlich Beteiligten und der kompetentesten Persönlichkeiten und Institutionen der Fachwelt, sowie die Einleitung eines Restaurierungsprozesses für das Haus und den Garten“.[15][16] 2021 erwarb die Villa Beer Foundation gemeinnützige GmbH unter der Leitung von Lothar Trierenberg das Haus.[17][9][18] Zuvor war das Haus von der Immobilienfirma Knight Frank LLP für 5,3 Millionen Euro zum Verkauf angeboten worden.[19][20][21] Darauf folgte eine umfassende, mit dem Bundesdenkmalamt und Fachleuten abgestimmte Sanierung.[22] Die Stadt Wien unterstützt die Sanierung der Villa Beer mit 500.000 € und fördert die museale Öffnung des denkmalgeschützten Gebäudes.[23][24]
Im Frühling 2022 organisierte die ÖGFA gemeinsam mit Docomomo Austria und der Villa Beer Foundation ein internationales Symposium zur Zukunft der Villa Beer: Offene Moderne, Zur Zukunft der Villa Beer.[25]
Seit dem 8. März 2026 ist die Villa Beer im Rahmen von Führungen sowie am Wochenende mit Zeitfenster-Tickets öffentlich zu besichtigen.[26]
Literatur
- Josef Frank: Das Haus als Weg und Platz erschienen in: Der Baumeister, Jahrgang 29, 1931, Heft 8, S. 316–323. Aufsatz mit Fotos der Villa Beer.[27]
- Martin Düchs, Christian Prasser (Hg.): Eine menschliche Moderne: zum Menschenbild der Villa Beer von Josef Frank. Springer, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-658-48482-8
- Franziska Leeb: Villa Beer. Villa Beer Foundation Non-profit GmbH, Wien 2026, ISBN 978-3-200-10999-5
Weblinks
- Villa Beer (Website der Villa Beer Foundation)
- Fotos und Abbildungen von Möbelentwürfen für das Haus, sowie sein Grundriss (digitale Sammlung des MAK)
- Hausbesprechung von Max Eisler mit Fotos von Julius Scherb in der Ausgabe 31 / 1932 der Zeitschrift »Moderne Bauformen«[28]
- Das neue Leben der großen Villa Beer auf ORF (2021)
- Zur Generalsanierung der Villa Beer in Wien auf Baunetz (2026)