Vipassana

„Einsicht“ in die Drei Daseinsmerkmale des Buddhismus From Wikipedia, the free encyclopedia

Vipassana (aus dem Pali: Vipassanā, deutsch Einsicht, Sanskrit vipaśyanā) bezeichnet im Buddhismus die „Einsicht“ in die Drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen (dukkha) und Nicht-Selbst (anatta).[1]

Der Übungsweg zur Entfaltung dieser Einsicht wird „Vipassana-Meditation“ (vipassanā-bhāvanā), „Einsichtsmeditation“ oder „Vipassana-Praxis“ genannt.[2] Vipassana-Praxis ist ein Weg, um das durch Unwissenheit (avijjā) und Geistestrübungen (kilesa) verursachte Leiden (dukkha) zu überwinden bzw. im Leben die Befreiung des Nirwana zu erlangen. Er wird auf einen Kommentar (Visuddhi-Magga) zu den im Pali-Kanon überlieferten Lehrreden des historischen Buddha zurückgeführt.

Die „Vipassana-Bewegung“[3] ist eine lose geknüpfte Laien- und Ordiniertenbewegung, die im Theravada-Buddhismus ihren Ursprung hat. Sie umfasst heute zahlreiche Lehrer, Schüler, Kurse, Meditationszentren und Gemeinschaften.

Etymologie

Das Pali-Wort Vipassanā setzt sich aus dem Sanskrit-Präfix „vi-“ und der Verbalwurzel „√paś“ für „sehen“ zusammen. Es wird meist mit „Einsicht“, „Klarblick“ oder „Klarsicht“ übersetzt.

Das Präfix „vi-“ bedeutet in erster Linie „zwei Teile“ oder eine Bewegung „weg“ von etwas anderem. Dementsprechende Präfixe im Deutschen sind „auseinander-“ oder „ent-“. Wörtlich kann man Vipassanā auch als „Auseinander-Sehen“ übersetzen. Es bezeichnet demnach ein intuitiv unterscheidendes, tiefer durchschauendes und damit von Illusionen befreiendes „Sehen“ im Sinne eines unmittelbaren Erfassens. Das entspricht auch der anderen Bedeutung von „vi-“, die eine „intensive“ Qualität des Unterscheidens ist. Vipassanā meint also eine besondere Art des Tiefblickens, das direkt, ungetrübt oder wahrheitsgemäß alle inneren und äußeren Vorgänge erfasst.

Mit jenen „zwei Teilen“ von „vi-“ sind die Illusion oder Falschheit und die Realität oder Wahrheit gemeint. So bedeutet Vi-Passanā ein höheres Sehen, das mit Hilfe der intuitiven Unterscheidung der Achtsamkeit zunehmend jede Illusion, Manipulation oder Verblendung durchschaut und damit die jeweilige Realität oder Wahrheit direkt erfasst. Viele Vipassana-Lehrende vertreten die Sicht, dass, wenn diese Unterscheidung fortwährend kultiviert werde, sie zur „vollen Befreiung“ (Nirvāna), dem höchsten Ziel buddhistischer Praxis in allen ihren Formen, führe.

Historische Entwicklung

Scholastischer Theravada

In den Reden des Buddha im Pali-Kanon finden sich viele Zeugnisse, dass in der altindischen Urgemeinde die systematische Praxis von bloßer Achtsamkeit zum Zwecke der befreienden Einsichten weit verbreitet gewesen ist. Diese breite Praxisorientierung wirkte noch einige Jahrhunderte fort. Ab etwa dem 10. Jahrhundert scheint sie im Theravāda-Buddhismus keine Rolle mehr zu spielen. Jene breit angelegte, sich an Laien wie Ordinierte richtende frühbuddhistische Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis ist durch spätere buddhistische Entwicklungen – vor allem die Ausprägung von Scholastik, Philosophie und Institutionalisierung in Form buddhistischer Klöster, die einen Monopolanspruch auf den höchsten Befreiungsweg erhoben haben – zunehmend in den Hintergrund getreten.

Wiederbelebung ab dem 18. Jahrhundert

Ab Anfang des 18. Jahrhunderts kam es jedoch in Burma (dem heutigen Myanmar) zu einer Wiederbelebung der frühbuddhistischen Orientierung an einer befreienden Meditationspraxis für alle, Laien wie Ordinierte, durch eine systematische Achtsamkeitsschulung – ausgehend von den zentralen Achtsamkeitsreden des Buddha im Pali-Kanon. Diese Bewegung wurde schließlich vom burmesischen Theravāda und dem Königshaus unterstützt. Sie gewann damit an Dynamik.[4]

Seit dem späten 19. Jahrhundert werden die Meditationsformen des Vipassanā dann im Zuge einer großen Reformbewegung, die vor allem von dem wohl gelehrtesten und renommiertesten Meister der Geschichte Burmas, Ledi Sayadaw, geprägt worden ist, wieder breit angelegt an die (burmesische) Bevölkerung vermittelt. Hier hat die moderne Vipassanā-Bewegung ihren Ausgang genommen. Bald danach hat sie Thailand, Sri Lanka und in den letzten Jahrzehnten die westliche Welt erfasst, wo sie mit ihrer starken Rückorientierung an der frühbuddhistischen Situation, das heißt ihrer relativen Freiheit von den späteren kulturbedingten Formen der „Religion“ Buddhismus, zunehmend populär wird.

Dazu tragen inzwischen zahlreiche westliche Meditationslehrende bei, die in der Mehrheit Laien – entweder frühere Ordinierte oder niemals Ordinierte – und manchmal prägende Mönche wie etwa Ajahn Brahm[5] sind. Auch gibt es unter diesen Vermittlern viele Frauen.

Der deutsche Vipassana-Lehrer und theravādabuddhistische Mönch Bhikkhu Vivekananda.

Was die Neuzugänglichmachung der alten Quellen des Pali-Kanons als der Grundlage der Vipassanā-Bewegung für einen breiteren, an der Praxis interessierten Kreis angeht, spielen jedoch westliche Theravāda-Ordinierte die Hauptrolle – vor allem Bhikkhu Bodhi[6], Bhikkhu Thanissaro[7], Bhikkhu Analayo.[8] Aber auch einige Laiengelehrte sind hier zu nennen, wie etwa Maurice Walshe. Analayo und Ajahn Sujato erforschen außerdem die kanonischen Fragmente anderer frühbuddhistischer Schulen, die im chinesischen buddhistischen Kanon erhalten geblieben sind.

Ledi Sayadaw und andere reformorientierte burmesische Mönche wandten sich ursprünglich gegen die kulturellen und scholastischen Überformungen der Muttertradition Theravāda, gegen den Monopolanspruch der Klöster auf den höchsten Befreiungsweg und gegen die christliche Missionierung im Rahmen der britischen Kolonialherrschaft in Burma. Die befreiungspragmatische, das heißt Befreiung hier und jetzt im Leben bezweckende Praxislehre des Vipassanā war die buddhistische Antwort auf die Glaubensreligion der Kolonialmacht bzw. ein besonders effektives Mittel, die burmesische Bevölkerung gegenüber den christlichen Missionierungsversuchen unempfänglich zu machen.

Diese Neuausrichtung der Vipassanā-Bewegung ist ebenfalls der Grund, dass in den meisten Formen dieser Bewegung die Glaubenselemente des traditionellen Theravāda in den Hintergrund getreten sind (etwa die Wiedergeburtslehre in einem wörtlichen Sinne). Mit ihrer Skepsis gegenüber glaubensreligiösen Aspekten knüpft die Reformbewegung des Vipassanā an die Lehre des historischen Buddha an, der sich etwa von der spekulativen Religion der Brahmanen und den Theorien der altindischen Asketen bzw. Waldeinsiedler abgrenzte.

Deshalb gelten die Praxisformen des Vipassanā als die ältesten buddhistischen Meditationsformen bzw. werden auf den historischen Buddha selbst zurückgeführt. Die Hauptquellen aller Richtungen des Vipassanā finden sich im Pali-Kanon, der Textgrundlage des Theravāda-Buddhismus, welche die ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddha enthält. Jene Hauptquellen sind das Satipatthāna-Sutta, die „Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“ (MN 10 und DN 22), sowie das Ānāpānasati-Sutta, die „Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen“ (MN 118).

Im Satipatthāna-Sutta wird die Achtsamkeitspraxis als der „Einzige Weg“ oder „Direkte Weg“ (ekāyana magga) bezeichnet. Dieser Begriff erscheint im Pali-Kanon lediglich an dieser einen Stelle und begründet damit den hohen Stellenwert des Vipassanā in der frühbuddhistischen Lehre.[9]

Die moderne Vipassanā-Bewegung ist vor allem vom „Erlösungspragmatismus“[10] der alten Praxislehre Buddhas – keine Glaubensreligion, Spekulation, Metaphysik oder Philosophie und keine extreme Askese – geprägt. Damit entspricht sie dessen Kernlehre oder -absicht, nämlich: „Nur eines lehre ich, jetzt wie früher: Das Leiden (dukkha) und das Ende des Leidens.“[11]

Vipassanā-Bewegung im Westen

Das Vipassanā-Zentrum „Buddhayana“ bei Ingolstadt.

Vipassanā ist weltweit die einflussreichste Form des heutigen Theravāda-Buddhismus und bildet neben dem Zen und dem tibetischen Buddhismus die dritte Hauptströmung des Buddhismus im Westen. Die Ausgangsländer und hauptsächlichen Hochburgen der Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassanā sind Myanmar und Thailand.

Aber auch aus anderen Ländern des Theravāda kommen einflussreiche Lehrende des Vipassanā im Westen, zum Beispiel der Amerikaner Yogavacara Rahula und der Singhalese Bhante Gunaratana, die seit Jahrzehnten ordinierte Theravāda-Mönche sind. Sie leiten gemeinsam beide die amerikanische „Bhāvanā Society“[12] und haben ihre spirituellen Ausbildungen vorwiegend unter Meistern auf Sri Lanka erfahren. Das Gleiche gilt für die bekannte deutsche Nonne Ayya Khema. Yogavacara Rahula ist auch ein Meister des Yoga, das er auf seinen Kursen in Verbindung mit dem Vipassanā lehrt. Bhante Gunaratana ist ein bekannter Gelehrter und Autor.

Im Westen gibt es seit den Sechzigern eine wachsende Zahl von männlichen wie weiblichen Vipassanā-Lehrenden. Beide Geschlechter sind unter den Lehrenden dieser Tradition ähnlich stark vertreten. Sie führen entweder die traditionellen Methoden als Vertreter einer bestimmten Richtung fort oder sie verknüpfen die Ansätze miteinander (manchmal auch mit anderen buddhistischen Praktiken, wie Joseph Goldstein mit dem Dzogchen des tibetischen Buddhismus). Klassische Vipassanā-Kurse werden in Form von kürzeren oder längeren Retreats abgehalten. Gemäß dem traditionellen Spendenprinzip Dāna werden die Unterweisungen des Lehrenden auf Basis von freiwilligen Spenden angeboten.

Es gibt viele Verbindungen des Vipassanā mit der Psychologie und Gebieten helfenden Engagements, zum Beispiel dem Einsatz in Justizvollzugsanstalten[13], der Abhängigkeitsbehandlung oder der Komplementärmedizin.

Buddhistische Achtsamkeitspraxis

Sammā Sati – Treffliche Achtsamkeit

Dhammahalle des Vipassanā-Meditationszentrums in Prachenburi, Thailand (Goenka-Tradition)

Die Traditionen des Vipassanā mit ihren unterschiedlichen methodischen Ansätzen dienen alle der Entwicklung einer höheren, sogenannten „Trefflichen Achtsamkeit“ (sammā sati)[14], die über die einfache Konzentrationsfunktion von Aufmerksamkeit hinausgeht.

Vipassanā – Klare Sicht

Bei der Praxis dieser „Trefflichen Achtsamkeit“ geht es um das zunehmende Durchdringen oder „befreiende Sehen“ der über die sinnliche Erfahrung zwar immer und überall gegebenen, aber gewöhnlich durch Verblendungen bzw. „Nichtsehen“ (avijjā) verborgenen „Wahrheit“, „Höchsten Realität“ oder „Natur der Dinge“.

Vipassanā-bhāvanā – Einsichtsmeditation

Die Vertreter des Vipassanā lehren, dass der alleinige Schlüssel zu der „Höchsten Realität“ eine schlichte, jederzeit entwickelbare Achtsamkeit ist, nicht Konzepte oder Studien, die nur eine vorbereitende Funktion haben. Es handelt sich um eine methodisch entwickelte bloße Achtsamkeit, die weder über systematische Studien noch über starke Konzentrationszustände („Vertiefungen“ oder Jhānas) führt, sondern (als Betrachten der natürlichen Phänomene) unmittelbar vorgeht.

Der Zweck des traditionellen Vipassanā in allen seinen Formen ist eine ungetrübte, durchdringende „Klare Sicht“ (vipassanā), ein über diskursives Denken hinausgegangenes, unmittelbares Erfassen der vergänglichen, ungenügenden bzw. „Selbst“-losen Natur der Erscheinungen – nämlich der sinnlich wahrgenommenen Phänomene und der Körperempfindungen, Gefühlsreaktionen, Emotionen oder Gedanken. Mit diesem unmittelbaren Erfassen soll das unbewusste Ergreifen bzw. Sichidentifizieren mit den vergänglichen Phänomenen als „Ich (bin das)“ oder „mein“ und damit alle Ängste und Leiden schwinden. S.N. Goenka (s. u.) resümiert Vipassanā mit „die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“.[15]

Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Fortschritt in der Vipassanā-Meditation ist immer auch die Entwicklung der „Herzqualitäten“, das heißt von Ethik – insbesondere die Praxis der „Fünf Verhaltensrichtlinien“ (Silas).[16]

Vipassanā-Nyāna – Der Stufenweg

„Vipassanā“ wird gewöhnlich mit „Achtsamkeitspraxis“ oder „Einsichtsmeditation“ wiedergegeben. Der Entwicklungsprozess der Einsicht verläuft meist in Stufen. Deshalb gibt es in manchen einflussreichen Richtungen des Vipassanā die Lehre von den aufeinander aufbauenden Ebenen des „Einsichtswissens“, den sogenannten „Vipassanā-Nyānas“.

Vipaśyana – Sanskrit

Vipaśyana ist die Sanskrit-Schreibweise des Pali-Wortes vipassanā, womit aber nicht das hier beschriebene frühbuddhistische Vipassanā bezeichnet wird, sondern andere, nämlich ureigene Meditationsformen des Mahāyāna-Buddhismus.

Das mahāyānische „Vipaśyana“ (tib. Lhagthong) beruht auf denk- bzw. konzeptbasierten Methoden, das frühbuddhistische „Vipassanā“ hingegen auf achtsamkeits- bzw. intuitionsbasierten Methoden.[17] Die Lehre und Praxis einer bloßen, nichtbegrifflichen bzw. intuitiv sehenden „Trefflichen Achtsamkeit“ hat im Mahāyāna keine vergleichbar zentrale Stellung wie im Theravāda. Allerdings bestehen gewisse Parallelen zwischen der Praxis des Vipassanā im Theravāda-Buddhismus und bestimmten Meditationsformen im Mahāyāna. Zu nennen sind hier insbesondere Zen, Mahamudra und Dzogchen, bei denen es auch um die Einübung einer nichtbegrifflichen Wahrnehmung der Dinge geht.

Samatha – Vertiefung

Generell vertreten die Lehrenden des Vipassanā auf ihren Kursen oder mit ihren Schriften die Ansicht, dass ein bestimmtes „flexibles“ Maß an Konzentration (samatha), das sich mit der fortwährenden Fokussierung auf die natürlichen Körper-Geist-Prozesse einstellt – nämlich die sogenannte „Augenblickliche Konzentration“ –, die beste Grundlage sei, um die befreienden, höheren Einsichten (vipassanā) zu verwirklichen.

Wenn die Konzentration durch die Fokussierung auf ein naturgemäß „statisches“ Konzept bzw. geistiges Konstrukt (wie Visualisierungen, innere Laute, Vorstellungen, Gedanken oder Reflexionen) zu stark werde, behindere sie die befreienden intuitiven Einsichten. Denn diese könnten sich lediglich aus einem zunehmenden Durchdringen der natürlichen, überall gegebenen Realitäten oder Prozesse durch sehende Achtsamkeit auf der Grundlage einer flexiblen, das heißt nicht zu starken oder statischen Konzentration ergeben. Die vier Hauptansätze des Vipassanā (s. u.) folgen diesem Weg, den auch bekannte einzelne Lehrende vertreten, die verschiedene Hauptansätze verbinden (etwa der Mönch Bhante Sujiva).

Wenn der Weg zu den befreienden Einsichten über die statischen Ruhe- bzw. Konzentrationszustände der Vertiefungen (Jhānas) genommen werde, was prinzipiell möglich sei, müsse man erst aus den Vertiefungen herauskommen und die mit ihnen verbundenen Faktoren oder Erscheinungen als gleichermaßen vergänglich, ungenügend bzw. als ein Nicht-Selbst wie alle anderen Phänomene auch durchschauen. Die zentrale, von den Vertretern dieses Vipassanā-Weges über die Vertiefungen häufig zitierte, Rede ist das Anupada-Sutta (MN 111) im Pali-Kanon. Bekannte Repräsentanten dieses Weges in Asien sind der burmesische Meister Pa Auk Sayadaw und im Westen (vor allem in Deutschland) die Lehrenden in der Tradition der deutschen Nonne Ayya Khema sowie einzelne Mönche wie der tschechische Bhikkhu Dhammadipa (ein Schüler Pa Auk Sayadaws).

Satipatthāna-Sutta – Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit

Die Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit[18] sind wie oben kurz erwähnt das Thema der grundlegenden Achtsamkeitsreden des historischen Buddha. Sie werden mit dem Satipatthāna-Sutta (Rede von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit) im Einzelnen erklärt.[19] In den grundlegenden Achtsamkeitsreden werden die ausgeprägten konzentrativen Vertiefungen „Jhānas“ nicht erwähnt. Hier wird wie bei den meisten Vipassanā-Methoden lediglich jene gewisse flexible Konzentration auf die wechselnden Augenblicke bzw. Prozesse vorausgesetzt, die sich mit der konsequenten Fokussierung auf die natürlichen Gegebenheiten von Körper und Geist entwickelt, um auf dieser Grundlage die befreienden Einsichten zu verwirklichen. Laut Satipatthāna-Sutta gibt es vier solche Vergegenwärtigungen:

  1. Vergegenwärtigung des Körperlichen (kāyānupassanā)
  2. Vergegenwärtigung der Empfindungen (vedanānupassanā)
  3. Vergegenwärtigung des Geistes und dessen wechselnder Zustände (cittānupassanā)
  4. Vergegenwärtigung der „Natürlichen Wahrheiten“ (dhammānupassanā)[20]. Andere argumentieren, dass diese Lesart zu inhaltlichen Widersprüchen führe, weil „Geistesobjekte“ explizit bloß einer von diversen Inhalten des Wortlautes zur vierten Vergegenwärtigung im Satipatthāna-Sutta seien und damit kein Überbegriff für diese vierte Vergegenwärtigung sein könnten. Klaus Mylius[21] übersetzt dammas hier als „Gegebenheiten“. Für Anālayo[22] sind diese dhammas „nicht das Meditationsobjekt selbst“. Sie bilden vielmehr – wie eine „Brille“ – einen „Rahmen“ oder „Referenzpunkte“, die während der Meditationspraxis auf das Erlebte angewandt werden. Hans Gruber[23] versteht die dhammas als „natürliche Wahrheiten“, da diese alle Inhalte des Wortlautes zur vierten Vergegenwärtigung im Satipatthāna-Sutta korrekt umfassen würden. Für Buddhadasa[24] sind sie dagegen nur Aspekte der Wahrheit des einen größten Dhamma.

Die „Dhammā“ (Plural von Dharma/Dhamma) in „Dhammānupassanā“ werden von einigen Lehrenden mit „Geistobjekte“ übersetzt. Der Begriff „Dhamma“ im Pali ist besonders vielschichtig und hat je nach seinem Kontext differierende Bedeutung. Aus der Beschreibung der vierten Vergegenwärtigung im Satipatthāna-Sutta geht die Bedeutung hervor. Es werden hier die verschiedenen Aspekte der grundlegenden Lehren des Buddha zur Fesselung und zur Befreiung von der Welt aufgezählt. Beispielsweise: „so weiß er, ob eine der ‚Fünf Hemmungen‘ in ihm anwesend ist oder nicht; weiß, wie sie entsteht, wie sie überwunden wird, wie sie künftig nicht mehr erscheint usw“.[25]

Nach dem Theravada-Buddhismus können wir in der Zeit von 5000 Jahren nach dem Parinirvana Buddhas immer noch Sotāpanna oder sogar Arhat durch das Praktizieren von Satipatthana (Vipassanā erreichen. Satipatthana ist der einzige Ausweg.[26]

Ānāpānasati-Sutta – Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen

Der andere Grundlagentext für die buddhistische Achtsamkeitspraxis ist die „Rede vom bewussten Ein- und Ausatmen“ (MN 118).[27] Hier geht es um einen Weg zur befreienden Einsicht durch eine systematisch entwickelte Atembewusstheit, deren einzelne Stufen in der Rede genau beschrieben werden. Im Verlauf dieser zunehmend entwickelten Atembewusstheit werden die „Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit“ und die Sieben Erleuchtungsglieder (bojjhanga) von alleine entfaltet, was schließlich in den befreienden Einsichten kulminiere.

Vertreter

Klösterliche Tradition & Waldtradition

Ajahn Chah ist der Hauptvertreter des „Weges der Ordensgemeinschaft“ in der buddhistischen Thailändischen Waldtradition, er lehrte das loslassen des Ichs.

Buddhadasa nahm eine Sonderstellung innerhalb der thailändischen Theravāda-Tradition ein. Sein Ansatz war weniger durch die strikte Einhaltung der klassischen scholastischen Kommentare geprägt, sondern durch eine radikale Rückbesinnung auf den Pali-Kanon (insbesondere die Suttas). Im Zentrum seiner Lehre steht die systematische Durchschauung der „Leerheit aller Dinge“ (suññatā) im täglichen Leben als Einsicht in die Wirklichkeit.

Ajahn Lee („Der Weg der Atemempfindungen im ganzen Körper“), der als das Geheimnis der Befreiung „Das Atmen im Gespür halten“ lehrt; sowie Ajahn Dhammadaro („Empfindungen an der Herz-Basis“), der als den Weg zur Befreiung lehrt, alle Sinneserfahrungen als „Klare Empfindungen“ zu durchschauen, „die an der Herzbasis entstehen und vergehen“. Zur Tradition von Ajahn Lee gehört etwa der besonders einflussreiche amerikanische Theravāda-Mönch Bhikkhu Thanissaro.

Vipassana-Bewegung

U Ba Khin mit dessen prägendsten Schülern Satya Narayan Goenka und Mother Sayama mit Saya U Chit Tin vertreten eine Methode, in deren Zentrum das unmittelbare Verstehen der Vergänglichkeit durch die Betrachtung aller feinen oder groben körperlichen Empfindungen „Vedanā“ steht.[28] U Ba Khin hat verschiedene Asiaten und Abendländer zur Weitergabe seiner besonders körper- bzw. empfindungsorientierten Vipassanā-Methode autorisiert.

Mahasi Sayadaw ist der Vater der Technikmethode des Benennens oder Etikettierens „Labelling“. Er bezieht sich dabei nicht bloß auf die Reden des Buddha im Pali-Kanon, sondern auch auf die Kommentare, den Abhidhamma-Korb des Pali-Kanons, der umfangreiche Klassifizierungen psychologischer und erkenntnistheoretischer Art enthält, und das scholastische Werk Visuddhimagga.

Die bekannten amerikanischen Lehrer Jack Kornfield, Joseph Goldstein und Sharon Salzberg kommen ebenfalls aus dieser Tradition (sie sind noch von Mahasi Sayadaw selbst zum Lehren autorisiert worden; Jack Kornfield ist ebenfalls stark von Ajahn Chah geprägt worden).

Pa-Auk Sayadaw aus Burma entwickelte eine weitere wichtige, primär an Texten aus dem Abhidhamma orientierte Technikmethode. Er lehrt die klassischen Konzentrationsmethoden, um auf Grundlage der Ruhemeditation die befreienden Einsichten zu erwecken. Im Westen verbreitet vor allem der tschechische Mönch Dhammadipa, der fließend diverse Sprachen beherrscht, den Ansatz Pa Auk Sayadaws.

Achtsamkeitspraxis für Nicht-Buddhisten

Die Vipassana-Praxis und das Erreichen ihrer Ziele ist grundsätzlich an keine Religionszugehörigkeit gebunden. Vipassana-Meditation wird auch von Nicht-Buddhisten geübt und gelehrt. Wesentlicher Teil der verschiedenen Schulungsmethoden ist die Übung von Achtsamkeit (sati). In der psychologischen Literatur wird Vipassana-Meditation gewöhnlich „Achtsamkeitsmeditation“ statt Einsichtsmeditation genannt.[29]

Praktisch alle Vertreter des Vipassana betonen die weitgehende Unabhängigkeit des Vipassana von kulturbedingten Formen, indem sie sich darauf beschränken, die essenziellen Praxismethoden des frühen Buddhismus und die sie erläuternden Hintergrundlehren zu vermitteln. Das Vipassana ist vergleichsweise stark diesseitsorientiert, weil es in dieser Tradition immer um ein möglichst hohes Maß von Befreiung in diesem Leben bzw. die dementsprechenden Methoden und Lehren geht. Darin unterscheidet sich das Vipassanā von einer jenseitsorientierten Glaubensreligion. Darin unterscheidet es sich ebenfalls von vorbuddhistischen und manchen buddhistischen Glaubensvorstellungen, die in den Ursprungsländern vorhanden sind.

Die grundsätzliche Vipassanā-Methodik der systematischen Bewusstwerdung der natürlichen Gegebenheiten bzw. der fortwährend entstehenden und vergehenden Phänomene (im Unterschied zu den vom Geist gemachten, konzeptuellen, bloß vor-gestellten und damit relativ statischen Gegebenheiten), findet Eingang in unterschiedliche moderne Zusammenhänge – zum Beispiel in Achtsamkeitstherapien, neue psychologische Theorien, esoterische Strömungen oder ein an innerer Praxis orientiertes, reformiertes Christentum.

Zu den populären modernen Anwendungen des Vipassanā gehört vor allem das komplementärmedizinische Behandlungsprogramm MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) des amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn, das primär auf den beiden größten technischen Vipassanāmethoden Bodysweeping und Benennen beruht. Ziel des Programmes ist die Schulung der Achtsamkeit. Dies fördert den Stressabbau und kann die Behandlung von psychosomatischen Leiden unterstützen.[30] MBSR wird heute an vielen amerikanischen Kliniken und auch zunehmend in Europa eingesetzt. Ein typisches MBSR-Programm dauert acht Wochen und besteht aus Atembetrachtung, „Body-Scan“ (Körperbetrachtung), Sitzmeditation und einfachen Körperübungen, wobei sich die Teilnehmer verpflichten, mindestens 45 Minuten pro Tag zu üben.[31] Der „Body-Scan“ beruht auf der Vipassana-Methode des Bodysweepings, die Sitzmeditation stammt aus der Vipassana-Methode des „Benennens“.[32] In das Programm sind neben diesen Vipassanā-Methoden auch Elemente aus anderen buddhistischen Richtungen eingeflossen. So ist beispielsweise die Schulung der Achtsamkeit bei Alltagsaufgaben vom vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh inspiriert (vgl. Samu). Die Körperübungen sind dem Hatha-Yoga entnommen.[32] Innerhalb des MBSR wird weitgehend auf buddhistische Fachbegriffe verzichtet. Die Schulung der Achtsamkeit kann so weitgehend unabhängig von kulturellen und religiösen Hintergründen der Teilnehmer erfolgen.[33]

Literatur

Hauptquellen

  • Hans Gruber: Kursbuch Vipassanā: Wege und Lehrer der Einsichtsmeditation. Fischer, Frankfurt; 2. Aufl. 2001, ISBN 978-3-596-14393-1.
  • Gil Fronsdal: Insight Meditation in the United States: Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness. in: Charles S. Prebish, Kenneth Ken'ichi Tanaka (Hrsg.): The faces of Buddhism in America. University of California Press, 1998, ISBN 978-0-520-21301-2, S. 163–180 (Google Books).
  • Gustaaf Houtman: Traditions of Buddhist practice in Burma. Dissertation, School of Oriental and African Studies, London University, 1990. (Google Books).
  • Jack Kornfield: Living Buddhist Masters. Unity Press, Santa Cruz 1977, ISBN 0-913300-03-9 (Google Books).
  • Andrew Rawlinson: The Book of Enlightened Masters, Western Teachers in Eastern Traditions. Open Court, Chicago, 1997, ISBN 0-8126-9310-8.

Weiterführende Literatur

Commons: Vipassana – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Englischsprachige Infoquellen:

  • "Access to Insight" – Umfassendste Sammlung der philologisch verlässlichsten (englischen) Neuübersetzungen der Reden des Buddhas im Pali-Kanon sowie von Beiträgen und Kommentaren bekannter Lehrender. Diese Website kann auch kostenlos heruntergeladen werden (auch als App).
  • "Dharma Seed" – Sehr großes Angebot von frei herunterladbaren Vorträgen vieler heutiger Vipassana-Lehrender (Ordinierter und Laienlehrender), primär aus dem englischsprachigen Raum.
  • "Audio Dharma" – Weitere größere Sammlung von Vorträgen bekannter englischsprachiger Vipassana-Lehrender.
  • Bhikkhu Bodhi – Der primäre Neuübersetzer der Reden des Buddhas im Pali-Kanon, mit seinem freien Angebot an Audios – voller Studienkurs zu diesen Reden, Übersichtskurse zu verschiedenen Kernlehren des Buddhas und Pali-Sprachkurs. Seine (generell meistzitierten) Redenübersetzungen sind als Bücher mit umfassenden Anhängen bei "Wisdom Publications" erhältlich.
  • Große Übersicht zu weiteren Infoquellen über Theravada und Vipassana mit den Links.
  • Andere, kleinere Übersicht mit den Links.

Deutschsprachige Infoquellen:

  • "Zugang zur Einsicht" – In den Anfängen stehender Versuch der deutschen Übersetzung der oben genannten, führenden und sehr umfassenden englischsprachigen Website "Access to Insight".
  • "Alles alles geht vorbei" – Reportage über 10 Tage Vipassana inkl. Interview mit Dr. Scholz über Vipassana in der Suchttherapie.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI