Vorwerk (Unternehmen)

diversifizierter internationaler Konzern From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Vorwerk SE & Co. KG, kurz Vorwerk, ist ein Konzern mit Sitz in Wuppertal. Kerngeschäft sind Produktion und Direktvertrieb von Haushaltsprodukten (Küchenmaschine Thermomix und Zubehör sowie Staubsauger Kobold).

Schnelle Fakten
Vorwerk SE & Co. KG
Logo
Rechtsform Kommanditgesellschaft
Gründung 1883
Sitz Wuppertal, Deutschland
Leitung
  • Thomas Stoffmehl (Sprecher des Vorstands)
  • Hauke Paasch (Mitglied des Vorstands)
  • Thomas Rodemann (Mitglied des Vorstands)[1]
Mitarbeiterzahl 9.307 (2024)[2]
Umsatz 3,2 Mrd. € (2024)[2]
Branche Handel, Elektronik, Finanzdienstleistungen
Website vorwerk-group.com
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Neue Konzernzentrale in Wuppertal-Rauental (2025)

Das Unternehmen

Geschäftsbereiche (Auswahl)

Die Vorwerk Gruppe ist in folgenden Geschäftsbereichen tätig (Stand: 2025):[3]

  • Thermomix: Küchenmaschinen
  • Kobold: Staubsauger
  • akf-Gruppe: Finanzdienstleistungen zur Absatzfinanzierung und Kreditvergabe an Kunden und Vertriebspartner.[4]

Vertrieb

Vorwerk verkauft seine Produkte überwiegend über internationale Vertriebsgesellschaften und selbstständigen Vertriebspartnern hauptsächlich im Direktvertrieb.[2][5]

Zahlen und Leitung

Im Geschäftsjahr 2024 erzielte die Vorwerk-Gruppe einen Gesamtumsatz von rund 3,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigte im Jahresverlauf etwa 9.300 feste Mitarbeitende und war in mehr als 60 Ländern aktiv.[6]

Vorwerk ist über die Vorwerk-Stiftung sowie verschiedene weitere Initiativen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und soziale Projekte tätig.[7][8]

Unternehmensgeschichte

Anfänge

Vorwerk wurde 1883 in Wuppertal gegründet und begann mit dem Handel von Teppichreinigungsgeräten. Im 20. Jahrhundert erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette um Haushaltsgeräte, darunter Staubsauger und Küchenmaschinen. Ab den 1960er Jahren erfolgte die internationale Expansion.[9][10]

Im Ersten Weltkrieg stellte das Unternehmen Kriegsgeräte her, unter anderem Maschinengewehre und Granaten.[11][12]

Kobold und Direktvertrieb

Ein Kobold-Staubsauger um 1950

Das Aufkommen des Hörfunks in den 1920er Jahren führte zu einem Umsatzeinbruch bei Grammophonen, von dem auch Vorwerk als Hersteller entsprechender Motoren betroffen war. In dieser Situation entwickelte Vorwerk-Chefingenieur Engelbert Gorissen aus dem Grammophonmotor einen elektrischen Handstaubsauger, den Kobold.[13] Im Mai 1930 wurde das Patent für den Kobold „Modell 30“ erteilt. Der Absatz blieb zunächst gering, denn der relativ niedrige Preis des Geräts motivierte Einzelhändler nicht sonderlich zum Verkauf. Erst die Einführung des Direktvertriebs sorgte für den Durchbruch des erklärungsbedürftigen Produkts. Von 1930 bis 1935 wurden auf diese Weise 100.000 Exemplare des Kobold verkauft, 1937 eine halbe Million. 1938 gründete Vorwerk die erste Auslandsgesellschaft: Vorwerk Folletto in Italien.[14]

Zweiter Weltkrieg und Einsatz von Zwangsarbeitern

Während des Zweiten Weltkriegs stellte auch Vorwerk Rüstungsgüter für Hitlerdeutschland her.[15] In der Produktion wurden Zivilarbeiter, Ostarbeiter und Zwangsarbeiter eingesetzt. Das galt sowohl für das Stammwerk in Wuppertal und das Werk in Wipperfürth als auch für die Zweigniederlassung in Litzmannstadt.[16] Insgesamt arbeiteten 1944 im Schnitt 580 Zwangsarbeiter.[17] Ende Mai 1943 beschädigten Bombenangriffe das Hauptwerk in Wuppertal-Barmen schwer. Bald darauf übernahmen die Söhne von August Mittelsten Scheid, Werner und Erich Mittelsten Scheid, die Leitung des Unternehmens. Von 1943 an pausierte der Direktvertrieb.[18][19]

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende baute das Unternehmen die Produktion und den Vertrieb zunächst in Deutschland, dann in Europa und in Übersee wieder auf. 1949 war der Millionste Kobold verkauft.[20][18][21] In den 1950er Jahren wurde die Produktpalette um Haushaltsgeräte erweitert, darunter Staubsauger und Küchenmaschinen.[18]

Ab den 1960er Jahren erfolgte die internationale Expansion, begleitet von der Gründung von Tochtergesellschaften wie der akf Bank zur Absatzfinanzierung. 1971 wurde der Thermomix eingeführt[22], später kamen Einbauküchen und Beteiligungen an Fertighausgesellschaften hinzu.[23][24] Das Unternehmen erreichte Ende der 1990er Jahre einen Umsatz von mehr als 2 Mrd. DM[25] Anfang der 2000er Jahre expandierte Vorwerk in den Kosmetikmarkt und nach Asien, einschließlich eigener Produktionsstätten.[26] Seit 2006 wird das Unternehmen von familienfremden persönlich haftenden Gesellschaftern geleitet. In den 2010er Jahren wurden einzelne Produktsortimente eingestellt, während das Geschäft insgesamt wuchs und neue Unternehmensteile, wie Vorwerk Ventures, gegründet wurden.[27][28][29]

Entwicklungen seit 2010

Ab 2011 erweiterte Vorwerk sein Vertriebsmodell durch Flagship-Stores und einen Onlineshop sowie organisatorische Anpassungen im Facility-Management. In den folgenden Jahren wuchs der Umsatz des Thermomix deutlich, während einzelne Produktlinien wie Twercs und Lux Asia Pacific eingestellt oder verkauft wurden. Zukäufe, darunter Neato Robotics, und neue Geschäftsfelder wie Temial wurden aufgebaut; einige wurden später wieder beendet. Im Jahr 2021 wurde die Unternehmensform in Vorwerk SE & Co. KG geändert.[30][31] Vorwerk ist seit 2023 Sponsor der Deutschen Fußballnationalmannschaft der Frauen, was teilweise auf Kritik und Spott stieß, denn ein Haushaltsgerätehersteller als Sponsor sende ein Signal, das einem „Geschlechterverständnis aus Hausmuttis Zeiten“ entspräche.[32][33]

Rezeption

Loriot setzte Vorwerk in den siebziger Jahren mit dem Sketch Vertreterbesuch ein filmisches Denkmal.“[34] Der Außendienst-Mitarbeiter und das Staubsauger-Modell „Heinzelmann“ stehen hier als Synonym für Vorwerk und sein Produkt.

1978 erschien eine Dissertation über Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern, in der ausdrücklich auf den damaligen Kobold Bezug genommen wurde.[35] 1985 prozessierte Vorwerk gegen den Chaos Computer Club (CCC), der auf seiner Btx-Seite Auszüge daraus veröffentlicht hatte. Vorwerk fürchtete um seinen Ruf und reichte eine Unterlassungsklage ein, konnte jedoch von der Seriosität der akademischen Schrift überzeugt werden und zog diese zurück.[36] Ab 2004 rezitierten Charlotte Roche und Christoph Maria Herbst die akademische Schrift in Lesungen. Einige Auftritte absolvierte Roche auch mit Heinz Strunk.[37]

Der seit 1930 praktizierte Kobold-Direktvertrieb ist Gegenstand des 1998 erschienenen Dokumentarfilms Die Blume der Hausfrau. Diese Produktion lief unter anderem in deutschen Programmkinos.

Kritik

Der Oberste Gerichtshof Österreichs verurteilte Vorwerk Austria 2008 zur Unterlassung unlauterer Vertriebsmethoden.[38] Vorwerk-Berater hatten wahrheitswidrige Angaben zu den Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Kosten der Reparatur gebrauchter Staubsauger gemacht, um Kobold-Neugeräte verkaufen zu können. Sie behaupteten, eine Reparatur sei nötig, obwohl das Gerät noch einwandfrei funktionierte, oder sie empfahlen einen Neukauf, obwohl eine Reparatur nachweislich zu geringen Kosten möglich war.[39]

Literatur

  • Jörg Mittelsten Scheid: Die diversifizierte Familien-Holding: Familienunternehmen wandeln sich – und mit ihnen die Beiräte. In: Christoph Achenbach, Frederik Gottschalck (Hrsg.): Der Beirat im Mittelstand. Erfahrungsberichte aus der Praxis. Fachverlag der Verlagsgruppe Handelsblatt, Düsseldorf 2012, ISBN 978-3-942543-28-6, S. 39–48.
  • Markus Plate: Vorwerk & Co. KG. In: Markus Plate, Torsten Groth, Volker Ackermann, Arist von Schlippe: Große deutsche Familienunternehmen. Generationenfolge, Familienstrategie und Unternehmensentwicklung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-40338-9, S. 423–434.
  • M. L. Cohen, updated by Helga Schier: Vorwerk & Co. KG. In: International Directory of Company Histories, Vol. 112. St. James Press, Detroit/New York [u. a.] 2010, S. 475–479.
  • Helge Pross: Der Geist der Unternehmer. 100 Jahre Vorwerk & Co. Claassen, Düsseldorf 1983, ISBN 3-546-47589-5.
Commons: Vorwerk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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