Walter Becher
deutscher Journalist, Politiker (Deutsche Gemeinschaft, GB/BHE, GDP, CSU), MdL, MdB und Lobbyist der Heimatvertriebenen
From Wikipedia, the free encyclopedia
Walter Becher (* 1. Oktober 1912 in Karlsbad, Österreich-Ungarn; † 25. August 2005 in Pullach) war ein deutscher Journalist, Vertriebenenfunktionär und Politiker (Deutsche Gemeinschaft, GB/BHE, GDP, CSU). Er gehörte nach 1945 zu den führenden Vertretern der Sudetendeutschen in der Bundesrepublik Deutschland, von 1950 bis 1980 war er Generalsekretär des Sudetendeutschen Rates und von 1968 bis 1982 Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Innerhalb der sudetendeutschen Verbände gehörte er zum völkisch-deutschnationalen Witikobund, dessen Bundesvorsitzender er 1956–1958 war. Von 1950 bis 1962 war Becher Mitglied des Bayerischen Landtags, von 1965 bis 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages.
Herkunft und Studium
Walter Becher stammt aus der Karlsbader Fabrikantenfamilie Becher, die dort seit 1530 ansässig war. Ihr bedeutendstes Produkt war der „Karlsbader Becherbitter“, der heute unter dem Namen „Becherovka“ vertrieben wird. Seine Eltern waren Anton Becher und dessen Ehefrau Anna, geb. Hauptmann. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie nahm die Familie die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an.[1]
Als Schüler gehörte Becher der sudetendeutschen Wandervogel-Bewegung an, innerhalb der er zu einer Untergruppierung um Heinz Rutha und Walter Heinrich gehörte, aus der Mitte der 1920er-Jahre der „Kameradschaftsbund“ hervorging (ab 1930 als Verein unter dem Namen Kameradschaftsbund für volks- und sozialpolitische Bildung). Nach der Matura am Karlsbader Realgymnasium studierte Becher 1931 bis 1936 Staatswissenschaften an der Universität Wien. Während des Studiums schloss er sich der Deutschen Gildenschaft an. Zudem trat er im Dezember 1931[1] unter der Mitgliedsnummer 896.129 in die Ortsgruppe Wien/Josefstadt der österreichischen NSDAP ein, was er später in seinen Memoiren leugnen sollte, und zahlte bis zum 25. April 1933 Mitgliedsbeiträge.
Während des Studiums in Wien arbeitete er von 1933 bis 1935 als wissenschaftliche Hilfskraft an der Lehrkanzel Othmar Spanns. Er gehörte zum sogenannten Spannkreis, in dessen Zeitschrift Ständisches Leben und Schriftenreihe Deutsche Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftslehre Becher publizierte. In seiner böhmischen Heimat wurde er im Oktober 1933 Mitglied der neugegründeten Sudetendeutschen Heimatfront (SHF) unter Konrad Henlein, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei umbenannte. Innerhalb der SHF/SdP gehörte Becher zum Flügel des „Kameradschaftsbundes“, der von der Staats- und Gesellschaftsphilosophie Spanns geprägt war. Aufgrund einer philosophischen und soziologischen Arbeit zu Platon und Fichte. Die königliche Erziehungskunst wurde Becher 1936 bei Othmar Spann zum Dr. rer. pol. promoviert.[1]
Becher blieb auch nach 1945 und nach dem Tod seines akademischen Lehrers Othmar Spann eng mit dem Spannkreis verbunden und engagierte sich in der von Walter Heinrich initiierten Gesellschaft für Ganzheitsforschung.[1]
Betätigung in der NS-Zeit
Nach dem Abschluss seiner Promotion arbeitete er als Redakteur, ab Dezember 1936 Kulturredakteur, der SdP-Tageszeitung Die Zeit in Prag und Reichenberg. Nach dem deutschen Einmarsch in das Sudetengebiet im Oktober 1938 wurde die Sudetendeutsche Partei in die NSDAP eingegliedert. Zum 1. November 1938 wurde Becher mit dem Aufnahmeort Reichenberg unter der Mitgliedsnummer 6.588.113 wieder in die NSDAP aufgenommen. Die Zeit wurde unterdessen zum amtlichen Organ der NSDAP im Gau Sudetenland. Becher war weiterhin Schriftleiter bzw. Redakteur für Kunst, Wissenschaft und Unterhaltung dieser Zeitung.[1]
Er profilierte sich in den Jahren seiner journalistischen Arbeit als, so die Historikerin Heike Amos, „wütend antisemitischer, extrem nationalsozialistischer Hetz-Schreiber […] Walter Becher war ein nationalsozialistischer Schreibtischtäter, der mit seiner Propaganda sich der ‚Entjudung des Sudetengebietes‘, wie es im NS-Jargon hieß, verschrieben hatte.“[2] Bechers späterer Umgang mit seiner NS-Vergangenheit – Verschweigen, Leugnen, Lügen, Verantwortung abschieben – mache es laut Amos unmöglich, ihm ernsthafte Reue und ein politisches Umdenken nach 1945 zu attestieren.[3]
Einer Reihe von Führern des „Kameradschaftsbundes“ machte man 1939/40 den Prozess wegen angeblicher Vergehen gegen § 175 Strafgesetzbuch (gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern), die sogenannten Dresdner Prozesse. Hintergrund war eine ideologische Säuberung gegen den innerparteilichen, dem Spannkreis nahestehenden Flügel der ehemaligen SdP, der sich gegen einen Anschluss des Sudentenlands an das Deutsche Reich ausgesprochen hatte. Im Zuge dessen wurde auch Becher am 1. Juli 1939 verhaftet und sechs Monate lang in Dresden in sogenannter Ehren- bzw. Schutzhaft festgehalten.[1] Am 20. März 1940 wurde er wegen der Vorwürfe aus der NSDAP ausgeschlossen. Sein Wiederaufnahmeantrag wurde 1942 abgelehnt. Mit diesem Ablehnungsbescheid stilisierte sich Becher in seinen 1990 veröffentlichten Memoiren zum Gegner und Opfer der NSDAP, obwohl er tatsächlich ein früher NS-Anhänger gewesen war.[4]
Nach seiner Freilassung im Dezember 1939 meldete sich Becher freiwillig zur Wehrmacht und trat im Mai 1940 seinen Dienst an. Nach der Grundausbildung wurde er zunächst beim Nachschub in Frankreich und in Polen eingesetzt. Ab Juli 1942 war er als Kriegsberichterstatter bei verschiedenen Propagandakompanien in der Sowjetunion vor Moskau und bei Minsk im Einsatz. Die Art seiner Frontpropaganda ist noch ungeklärt. Bechers Ausführungen in seinen Memoiren sind nach Einschätzung der Historikerin Heike Amos unglaubwürdig und peinlich.[5] Er wurde im August 1944 in Polen schwer verwundet und geriet zu Kriegsende in amerikanische Kriegsgefangenschaft.[1]
Vertriebenenfunktionär
Nach der Freilassung aus der Gefangenschaft im Juli 1945 kehrte Becher zunächst in seine Heimat zurück. Er gehörte zu den Initiatoren der Sudetendeutschen Hilfsstelle, die sich als Kern einer neuen „sudetendeutschen Volksgruppenführung“ verstand. Kurz darauf floh er aber nach Bayern und lebte ab Oktober 1945 in München, wo er sich in der Vertriebenenbewegung engagierte. Die Sudetendeutsche Hilfsstelle wurde 1946 von der US-Militärregierung aufgelöst.[1]
Stattdessen beteiligte sich Becher 1947 an der Gründung des Sudetendeutschen Rates, dessen Generalsekretär er von 1955 bis 1982 war. Zusätzlich war er von 1956 bis 1958 Vorsitzender des Witikobundes, der deutschnationalen und völkisch geprägten „Gesinnungsgemeinschaft“ innerhalb der sudetendeutschen Vertriebenenorganisationen. Außerdem war bis 1968 stellvertretender Vorsitzender, anschließend bis 1982 Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft sowie von 1976 bis 1982 zugleich deren Bundesvorsitzender.[1]
Parteimitgliedschaften und politische Mandate nach 1945
Becher beteiligte sich 1949 an der Parteigründung der Deutschen Gemeinschaft. Bei den Landtagswahlen 1950 wurde er auf der Liste Deutscher Gemeinschaftsblock der Heimatvertriebenen und Entrechteten, einem Wahlbündnis von DG (6 Mandate) und Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE; 20 Mandate) in den bayerischen Landtag gewählt und zunächst stellvertretender Vorsitzender der DG-Fraktion.[1] Kurz vor den Landtagswahlen 1954 trat er von der zunehmend rechtsextremen DG zum Gesamtdeutschen Block / Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) über.
Von 1954 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Landtag 1962 war Becher Vorsitzender der GB/BHE-Fraktion im Bayerischen Landtag. Diese war von 1954 bis 1957 Teil der Viererkoalition unter Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD). Am 8. Oktober 1957 (nach dem deutlichen Sieg der Unionsparteien bei der Bundestagswahl 1957) verkündete Becher als Fraktionsvorsitzender des GB/BHE dessen Austritt aus der Viererkoalition[1] und führte die Partei stattdessen in eine Regierungskoalition mit der CSU unter Hanns Seidel sowie der FDP, welche bis 1962 Bestand hatte.
1959 initiierte Becher das „Komitee zum Schutz der Bürger gegen Diffamierung durch die Linkspresse“. Im selben Jahr versuchte er mit der National-Demokratischen Union (NDU) eine konservative Sammlungsbewegung zu gründen, an der sich jedoch nur der BHE und der Witikobund sowie einige kleinere Organisationen beteiligten. Versuche, auch die DG und die FDP zu gewinnen, scheiterten. Durch die Fusion des BHE mit der Deutschen Partei wurde Becher 1961 Mitglied der Gesamtdeutschen Partei (GDP). Als diese 1962 ihre parlamentarische Repräsentanz in Bayern verlor, verhandelte er erfolglos über einen Anschluss der bayerischen GDP-Landesorganisation an die FDP.[1]
Aufgrund der Wahlbündnisse der GDP zur Bundestagswahl 1965 mit CDU, CSU und SPD kam Becher über die CSU-Landesliste in den Deutschen Bundestag, dem er bis 1980 angehörte. Zunächst als Gast in der CDU/CSU-Fraktion, trat er 1967 als Vollmitglied der CSU bei.[1] Im Bundestag profilierte er sich ab 1969 als strikter Gegner der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition.
Familie
Walter Becher lebte in Pullach im Isartal im Landkreis München. Er war in erster Ehe mit Elisabeth Haas verheiratet. Dieser Ehe entstammt der Sohn Peter Becher. 1973 heiratete Walter Becher Ditha Strallhofer.
Auszeichnungen
Becher wurde 1962 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet, 1972 mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. 1983 erhielt er den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft für besondere Verdienste um das Selbstbestimmungsrecht und die Völkerverständigung.
Film
1969 drehten die DDR-Regisseure Walter Heynowski und Gerhard Scheumann einen polemischen Dokumentarfilm über ihn unter dem Titel Der Präsident im Exil.[1]
Schriften (Auswahl)
- Zeitzeuge. Ein Lebensbericht, München 1990.
Literatur
- K. Erik Franzen: Der vierte Stamm Bayerns. Die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen 1954–1974. München 2010, ISBN 978-3-486-59150-7.
- Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 63.
- Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Schöningh, Paderborn 2010.
- Rudolf Vierhaus, Ludolf Herbst (Hrsg.), Bruno Jahn (Mitarb.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages. 1949–2002. Bd. 1: A–M. K. G. Saur, München 2002, ISBN 3-598-23782-0, S. 47.
- Wer war „Dr. W. B.“? In: Der Spiegel. Nr. 23, 1959, S. 27 f. (online – 3. Juni 1959).
- Mandat und Dynamit. In: Der Spiegel. Nr. 44, 1964, S. 59–61 (online – 28. Oktober 1964).
Weblinks
- Literatur von und über Walter Becher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek