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Walterichskirche

Kirchengebäude in Baden-Württemberg From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Walterichskirche ist eine evangelische Kirche in der Stadt Murrhardt im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis. Die Kirchengemeinde Murrhardt gehört zum Kirchenbezirk Backnang der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das gotische Gotteshaus ist nach dem seligen Walterich, dem Gründer und ersten Abt des Klosters Murrhardt benannt. Bis 1867 diente sie als Pfarrkirche und seitdem als Friedhofskirche.

Die Walterichskirche mit dem vorgelagerten Armenhaus

Name

Ansicht aus dem 17. Jahrhundert (Forstlagerbuch von Andreas Kieser, 1686)

Die Kirche war ursprünglich dem Patrozinium Marias anvertraut. Eine Benennung nach Walterich war vor der Reformation nicht möglich, da dieser von der katholischen Kirche nur selig, jedoch nie heiliggesprochen wurde. Im Volksmund setzte sich jedoch im 17. Jahrhundert der Name Walterichskirche durch.[1] Weitere Bezeichnungen waren Stadtkirche und Obere Kirche (im Gegensatz zu der unterhalb liegenden Klosterkirche).

Lage

Die Kirche liegt auf einem etwa zehn Meter hohen Hügel – erhöht über dem Ort und seinem ehemaligen Kloster – im Murrhardter Stadtgarten, einem parkähnlichen Gelände zwischen den Ausläufern des Waltersbergs im Südwesten und der Murrhardter Innenstadt im Nordosten.

Geschichte und Baubeschreibung

Tympanon und Löwenrelief der romanischen Kirche
Innenraum

Einer Legende zufolge soll Walterich als Eremit in Murrhardt gelebt und seine Klause an der Stelle der heutigen Walterichskirche erbaut haben. Vor dem Limesfall diente der Hügel, auf dem die Kirche liegt, als Begräbnis- und Kultplatz für die römischen Soldaten des Kastells Murrhardt und der Zivilbevölkerung. Dafür sprechen Funde von Fragmenten römischer Bestattungsurnen und Grabmälern. Bei Grabungen unter Leitung von Bodo Cichy und Rolf Schweizer wurde 1963 in der untersten Schicht die Reste eines antiken Tempels entdeckt. Pfostenlöcher und Verfärbungen des Bodens könnten darauf hinweisen, dass auf dem Hügel um 750 eine merowingische hölzerne Kirche gebaut wurde, um 820 die erste Steinkirche, ein karolingischer Bau, um 1100 eine romanische und schließlich um 1450 die heutige gotische Kirche. 1340 kam an der Ostseite ein Chorturm hinzu. Der vergrößerte Chor ist rechteckig und eingezogen, das Schiff ein einfacher Rechtecksaal. Im ersten Bau aus Steinen befand sich das Grab Walterichs. Im 11./12. Jahrhundert entstand auf dem Hügel dann die kleine romanische Kirche, die nur ein wenig größer war als der Vorgängerbau. Diese Kirche verfügte über eine runde Apsis und soll im 13. Jahrhundert eine neue Chorbogenwand erhalten haben. Aus dieser Zeit haben sich nur wenige Bauteile erhalten, etwa das Tympanon und das Löwenrelief. Im frühen 14. Jahrhundert wurde die Kirche geringfügig vergrößert und der Chorraum erneuert. Bodo Cichy vermutete, dass ein vollständiger Umbau geplant war, jedoch wegen fehlender Mittel nicht zustande kam. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde die Kirche dann doch im gotischen Stil umgestaltet. Am Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Kirche nochmals vergrößert und erhielt ihre heutige Form. Darauf scheint die Jahreszahl 1489 hinzuweisen, die über alle Portale eingemeißelt wurde. Sie hat einen rechteckigen Grundriss und einen quadratischen Chorraum. Die Mauern des Schiffs bestehen aus verputzten Bruchsteinen. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Kirche erneut umgebaut. 1786 wurden die Emporen neu errichtet. Weiterhin wurde eine Sakristei angebaut und der Kirchturm mit neuen Schallöffnungen versehen. An die Stelle des Westgiebels trat ein Walmdach.

Bis 1867 diente die Walterichskirche als Pfarrkirche und wurde dann von der Stadtkirche abgelöst. Um 1883 plante man eine Erhöhung des Turms, der jedoch nicht realisiert wurde. 1928 wurde der Innenraum renoviert. 1957 wurde der Kirchturm renoviert und das Fachwerk der Glockenstube freigelegt. Eine weitere Renovierung des Innenraums erfolgte 1963 bis 1965 durch den Plieninger Architekten und Denkmalpfleger Johannes Wetzel (1926–2006).[2] Im Rahmen der vorgesehenen Absenkung des Fußbodens von Chor und Kirchenschiff erfolgte eine archäologische Untersuchung des Untergrunds durch das Landesamt für Denkmalpflege. Die anschließende Renovierung erbrachte auch den Einbau einer neuen Holzdecke.

Ausstattung

Spolien

Inschrift

Von den archäologischen Steinfunden (Spolien) wurde einiges in die Wände eingelassen oder dort schon vorgefunden. Hier sind davon einige wichtige Teile zu nennen: Das Tympanon des romanischen Vorgängerbaus, heute innen an der Nordwand eingemauert. Dargestellt ist die Muttergottes (Maria). Die altgriechische Inschrift im Rund lautet: ΘΗΩΘΩΚΩΣ, offensichtlich fehlerhaft für Θεοτόκος, „Gottesgebärerin“. Unten rechts eine dreieckige Variante des sog. Knotens Salomons. Darunter zu sehen ein Löwenrelief – der starke Löwe ist in der Tradition der frühchristlichen Naturlehre des Physiologus ein Zeichen für Christus.

Außen an der Ostseite der Kirche (d. h. an der Turmbasis) ist eine lateinische Inschrift, eingemauert. Unten ein Kelch, wohl als Abendmahlssymbol, mit der Inschrift: A(n)no · d(omi)ni · MCCCLXXII · / o(biit) · Walterus † rector · / [h]uius · e[c]clesi(a)e, das heißt: „Im Jahre des Herrn 1372 starb Walterus, rector (Abt?) dieser Kirche.“ Diese Inschrift bezieht sich nicht auf Abt Walterich, den Gründer des Klosters Murrhardt, weil Walterich schon viel früher (wohl 850) starb.

Wandgemälde

Im Chorraum wurden an der Nordwand aus der Zeit um 1340 Reste von Wandmalereien aufgedeckt: Oben ein lockiges Haupt mit Nimbus und ein kleineres, ebenfalls mit Nimbus über der Schulter eines Mannes: die Reste eines heiligen Christophorus mit dem Kind. Links und rechts die Teile eines Teppichs, den Engel halten, von welchem noch Fragmente zu erkennen sind. Links unten ein einfaches Weihekreuz mit Segenshand zwischen zwei Blattmotiven. Darüber der untere Teil einer nicht mehr deutbaren figurenreichen Szene.[3]

Altar

Die in die Altarfront eingelassene Spolie ist der älteste Baufund Murrhardts: aus der Zeit um 750 eine Steinplatte mit einem stilisierten Baum des Lebens und einer Taube als Zeichen der Güte Gottes (Noah und die Sintflut (Gen 8,11 LUT)) oder des Heiligen Geistes. Der Altarkruzifixus stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Kanzel

Der Ambo wurde 1964 aus im Boden gefundenen Bruchstücken zusammengesetzt, die bei der Ausgrabung 1963 gefunden wurden. Die Einzelteile gehörten als Maßwerk-Brüstungsplatten zu einer steinernen Kanzel von 1434, die am Ende des 18. Jahrhunderts (1792/93) abgebrochen worden war.[4] Der ursprüngliche Standort der damaligen Kanzel ist nicht mehr nachvollziehbar.[5] Die Funde wurden auf einem modernen Sockel vor der südlichen Chorbogenwand als Ambo aufgestellt.

Opferstöcke

Zwei mächtige eisenbeschlagene Eichen-Opferstöcke von 1612 sind in den Boden eingelassen.

Taufstein

Die bronzene Abdeckung des modernen kreuzförmigen Taufsteins von 1964 wurde 1967 von der Künstlerin Gertrud Angelika Wetzel-Planck (1934–2011) geschaffen.

Glasgemälde

Nacheinander, zuletzt im Jahre 2008, wurden die drei Chorfenster mit Farbverglasung ausgestattet. Von dem renommierten Glasmaler Hans Gottfried von Stockhausen (Remshalden-Buoch) sind es zunächst die Bildthemen Vaterunser (links), in der Mitte das Marien- oder Weihnachtsfenster vom Geheimnis der Menschwerdung Gottes (das Magnificat) und dann 2008 rechts das Jona- und Tauffenster.[6]

Grabmale

Altarraum mit Grabmalen

In der Walterichskirche befinden sich zahlreiche Grabmale.

Grabmale der Familie Hofsess

Grabmal des Otto Leonhard Hofsess und seiner Frau Magdalena (geb. Schmeck): Otto Leonhard Hofsess war der Sohn des 1570 nobilitierten Jakob Hofsess und der letzte katholische Abt des Klosters Murrhardt. Der Benediktiner wurde in jungen Jahren 1522 zum Klostervorsteher gewählt und trat kurz danach zur evangelischen Konfession über. In erster Ehe war Hofsess mit Anna Hofmann verheiratet. Nach ihrem Tode ehelichte er Magdalena Schmeck aus Cannstatt.

Das Grab trägt folgende lateinische Inschrift:

ECCE AGNVS DEI QVI TOLLIT PECCATA MVNDI. TVMVLVS / REVERENDI ET CLARISSIMI VIRI DOMINI OTTO[NIS] / LEONHARDI HOFFSASSII COENOBI MVRRHAR[DE(N)SIS] / AB AN(N)O CHRISTI 1552 PER AN(N)OS 22 ABB[ATIS] / DIGNISSIMI RVDE POSTMODVM PER AN(N)O[S 32 DO] / NATI AC DIE 18 (SEPTEM)BRIS AN(N)O 1607 PIE I[N CHRISTO] / DEFVNCTI AN(N)O AETATIS SVAE 72 CVI [DOMINVS] / LAETAM RESVRRECTIONEM LARGIATV[R AMEN] / INTEGRITAS RECTVMQVE TVVM ME CH[RISTE GVBERNAT]

Wappen der 1570 geadelten Familie Hofsess

Die Übersetzung lautet: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. – Grab des ehrwürdigen und hochberühmten Mannes, des Herrn Otto Leonhard Hofsess, hochwürdigen Abtes des Klosters Murrhardt ab dem Jahr Christi 1552 für 22 Jahre, anschließend Pensionärs für 32 Jahre, der am 18. September 1607 im Alter von 72 Jahren fromm in Christo verstorben ist. Gott schenke ihm eine fröhliche Auferstehung. Amen. – Deine Lauterkeit und Makellosigkeit, Christus, leiten mich.“

Grabmal der Anna Hofsess geb. Hofmann: Die erste Ehefrau von Otto Leonhard Hofsess starb 1567. Die Grabplatte zeigt das Wappen der Familie Hofmann mit einem Nachruf in lateinischer Sprache.

Grabmal der Margarethe Hofsess geb. Höch: Sandstein-Grabplatte mit dem Wappenschild der Familie Höch. Sie war die Ehefrau des wegen Betrügereien hingerichteten Klostervogts Jakob Hofsess und die Mutter des Abts Otto Leonhard Hofsess. Sie ist im Jahr 1542 verstorben.

Sonstige Grabmale

Grabmal der Maria Dorothea Stockmeyer: Südlich am Turm befindet sich die Grabplatte der Witwe des evangelischen Theologen Christoph Friedrich Stockmeyer, gestorben am 31. Juli 1791.

Grabmal des Georg Friedrich Wengert: Das von dem Bildhauer Konrad Ludwig Söhnle geschaffene Grabmal ist von einem weinrebenumwundenen Kruzifix bekrönt. darunter befinden sich zwei Eucharistie-Engel, die das Blut Christi mit Kelchen auffangen.

Grabmal des Heinrich Christoph John: Nach Rolf Schweizer wurde das Grabdenkmal aus Sandstein von Johann Ludwig Söhnle geschaffen. John war Klostervogt in Murrhardt und starb 1723.

Ölberg

Ölberg (um 1525 entstanden)

Im nördlichen Winkel von Kirchenschiff und Chor befindet sich der so genannte Ölberg, ein schreinartiges Holzbildwerk eines Außenaltars, das in Form eines Triptychons auf dem zentralen Bild und den Altarflügeln die Passion Jesu darstellt. Es ist vermutlich um 1525 entstanden. Der Künstler ist unbekannt. Aufgrund von stilistischen Übereinstimmungen könnte es sich um ein Spätwerk des Schnitzers des Bönnigheimer Ölbergs sein. Es ist unklar, wer die Ölberggruppe einst gestiftet hat. Möglicherweise wurde das Bildwerk von der Murrhardter Sebastiansbruderschaft angeschafft. Das Werk überstand die Reformation und den Bildersturm unversehrt.

Im 19. Jahrhundert wurde der Ölberg restauriert. 1864 wurden das Werk von einem Restaurator neu bemalt und fehlende Teile ersetzt. 1865 wurde der Schrein neu erbaut.

Orgel

1863 wurde eine kleine Orgel von der Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link (Giengen an der Brenz) mit sechs Registern angeschafft. 1967 wurde dieses Instrument durch eine neue Orgel der Firma Walcker aus Ludwigsburg ersetzt. Diese Orgel hatte 13 Register.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde beschlossen, eine neue Orgel anzuschaffen. Diese wurde 1992 durch die Firma Orgelbau Mühleisen (Leonberg) erbaut. Dabei wurden einige Orgelpfeifen aus der Walcker-Orgel übernommen. Das Instrument verfügt über 15 Register.[7]

Blick auf die Empore und die Mühleisen-Orgel (gebaut 1992)

Disposition der Orgel

Die Mühleisen-Orgel hat folgende Disposition:[7]

Manual
1. Prinzipal 8′
2. Viola da gamba 8′
3. Rohrflöte 8'
4. Suavial 8′
5. Gedeckt 8′
6. Oktave 4′
7. Querflöte 4′
8. Cornetttino 2 2⁄3′
9. Flautino 2′
10. Superoktave 2′
11. Mixtur 2′
Tremulant
Pedal
12. Contrabass 16′
13. Oktavbass 08′
14. Choralbass 04′
15. Trompete 08′

Glocken

In dem Glockenturm hängen zwei alte Glocken aus dem 15. Jahrhundert. Die älteste Glocke wurde von Konrad Gnoczhamer 1445 in Nürnberg gegossen; die zweitälteste Glocke (Apostelglocke) stammt von Hans Eger und wurde 1451 in Reutlingen hergestellt und trägt in gotischer Majuskelschrift die Namen der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Die neueste Glocke wurde 1978 bei der Glocken- und Kunstgießerei Rincker im hessischen Sinn (Lahn-Dill-Kreis) gegossen.

Weitere Informationen Glocke, Name ...
Übersicht[8]
Glocke Name Gießer, Gussort Gussjahr Schlagton Durchmesser Gewicht Inschrift
I. Evangelistenglocke (Betglocke) Hans Eger, Reutlingen 1451 b′ 92 cm 527 kg anno domini mccccli lvcas marcvs mathevs iohannes

(Im Jahre des Herrn 1451 Lukas, Markus, Matthäus. Johannes)

II. Kreuzglocke Conradvs Gnoczhamer, Nürnberg 1445 c″ 89 cm 445 kg anno domini m cccc xxxxv magister conradvs gnczhamer me fvsit ave maria grac.
III. Taufglocke Gebrüder Rincker, Sinn 1978 es″ 72 cm 245 kg WER MICH BEKENNET VOR DEN MENSCHEN, DEN WILL ICH BEKENNEN VOR MEINEM HIMMLISCHEN VATER (Matthäus 10,32 LUT)[9]
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Literatur

  • Karl Eduard Paulus: Beschreibung des Oberamts Backnang. Verlag H. Lindemann, Stuttgart 1871, S. 225.
  • Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Verlag Paul Neff, Stuttgart 1889, S. 58f.
  • Bodo Cichy: Murrhardt. Sagen, Steine, Geschichte. (Hrsg.) Stadtverwaltung Murrhardt 1963.
  • Adolf Schahl: Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises. Band 1. Deutscher Kunstverlag, München und Berlin 1983, ISBN 3-422-00560-9, S. 616–636.
  • Evangelische Klosterorte in Württemberg. Magazin in der Reihe „Spuren“. (Hrsg.) Evangelische Landeskirche in Württemberg, Ev. Oberkirchenrat; Stuttgart 2018, S. 66

Einzelnachweise

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