Westergas
From Wikipedia, the free encyclopedia
Westergas ist eine ehemalige Gasfabrik im Amsterdamer Stadtteil West. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts wurde das ganze Areal saniert. Als Begegnungsstätte für Freizeit und Kultur wurde es unter dem Namen Westergasfabriek, später dann Westergas bekannt.

Gasfabrik
Im Auftrag der britischen Imperial Continental Gas Association wurde 1883 entlang der Haarlemmertrekvaart eine Gasfabrik errichtet. Damals war es die größte Steinkohlegasfabrik der Niederlande. Sie versorgte die Stadt Amsterdam bis in die 1960er Jahre mit Kohlegas, das hauptsächlich für die Beleuchtung von Straßen und Gebäuden verwendet wurde (Stadtgas). Die Anlage nahm eine Fläche von etwa 4 ha ein. Es gab mehrere Gasspeicher, Kohlenbunker, Kläranlagen, einen Wasserturm und Verwaltungsgebäude. Bei der Planung wurde viel Wert auf die Architektur gelegt. Der Architekt Isaac Gosschalk, der die meisten Gebäude des Komplexes entwarf, verwendete hier einen reichhaltigen Stil, der als holländische Neorenaissance bezeichnet wird. Die Gasfabrik wurde bewusst entlang des Kanals Haarlemmertrekvaart gebaut, damit Kohle sowohl per Schiff als auch per Bahn, leicht angeliefert werden konnte.
Damals wurde dem Umweltschutz noch weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das Waschen von Kohle und die Vergasen von Koks führten dazu, dass nach der Schließung der Fabrik in den 1960er Jahren ein stark verschmutztes Gelände zurückblieb. Der Komplex blieb jedoch als Gasverteilungsstation in Betrieb und wurde noch bis in die 1980er Jahre genutzt.[1][2]
Von den 1960er bis zu den 1990er Jahren wurde das Gelände zudem unter anderem als Lagerplatz für die städtischen Versorger Gemeente-energiebedrijf (GEB, Energie) und das Gemeentevervoerbedrijf (GVB, öffentlicher Personennahverkehr) genutzt, um außer Dienst gestellte Busse vorübergehend unterzustellen. Ein Teil der Gebäude (darunter der Wasserturm) wurde abgerissen, andere blieben erhalten. Das alte Bürogebäude der Gasfabrik wurde 1990 zum Bezirksamt des damaligen Stadtteils Westerpark.
Kulturpark


In den 1990er Jahren wurden Pläne entworfen, das Gelände der alten Gasfabrik zu einem Park umzugestalten. Diese wurden auch gleich für die Floriade 2002 eingereicht, hier entschied man sich jedoch für einen Standort im Haarlemmermeer. Danach hat Amsterdam die Pläne für das Westergasgelände in vereinfachter Form umgesetzt.
Das Gelände wurde saniert und ein Park angelegt. Zusammen mit dem alten Westerpark entstand so ein 13 Hektar großer Stadtpark mit Gaststätten, einem Veranstaltungsplatz (etwa für Musik), ein „Theaterdorf“ (Cultuurdorp), Sportgelegenheiten und diverse kleine Gärten beziehungsweise Grünanlagen.
Die noch vorhandenen historischen Gebäude wurden renoviert und werden von kreativen und kulturellen Unternehmungen genutzt. Ein Teil der Räume wird für temporäre Veranstaltungen wie Partys („Westerunie“), Festivals, Produktpräsentationen („Westerliefde“), Theateraufführungen (Jugendtheater de Krakeling) oder Ausstellungen vermietet. In der Zuiveringshal Oost (ehemalige Anlage zur Gasreinigung) wurde 2025 die Ausstellung Amsterdam in Motion eingerichtet. Im ehemaligen Kesselhaus („Het Ketelhuis“) befindet sich ein Kino, in dem hauptsächlich niederländische und europäische Filme gezeigt werden. Die „Fabrique des Lumières“ bietet ein Museum mit audio-visuellen, immersiven Ausstellungen. Außerdem gibt es auf dem Gelände verschiedene Gastronomiebetriebe wie etwa das WestWeelde („Westluxus“, vormals Westergasterras).[3]
Auf dem Gelände finden auch weitere Veranstaltungen statt. In der Vergangenheit waren dies das Drum Rhythm Festival und Triple X, heute sind es die Amsterdam International Fashion Week, das Holland Festival, Picnic Festival 2006 und 2007, die Techno-Partys von Awakenings sowie Open-Air-Konzerte großer ausländischer Künstler wie Peter Gabriel (2007), R.E.M. (2008), John Legend (2007), Nelly Furtado (Juli 2008) und Radiohead (2008). Die Open Airs tragen Namen wie „Live at Westerpark“, die „Wetenweek“, Cinekid und die „Kunstvlaai“ (bis 2012)[4]. Dazu regelmäßge Handwerkermärkte („Sunday Market“, mit Live-Musik). Darüber hinaus werden die Gebäude auch häufig für Firmenveranstaltungen vermietet. Die niederländische Heilsarmee feierte hier 2012 ihr 125-jähriges Bestehen.
Westergas ist ganz oder teilweise auch Produktionsort von Fernsehsendungen wie De Wereld Draait Door, The Voice of Holland, Pauw & Witteman oder Op1.
Villa
Im Herbst 2025 eröffnete in Westergas auch ein Museum für „speelse, ervaringsgerichte, hoogwaardige kunst, met een onderscheidende visie op kunstbeleving“ („verspielte, erlebnisorientierte, hochwertige Kunst mit einer unverwechselbaren Vision von Kunstwahrnehmung“): „Villa“. Das Museum ist im denkmalgeschützten Ingenieurshaus untergebracht.[5]
Auf dem Westergasgelände befindet sich die Skulptur Ohne Titel von Herman Makkink (1937–2013), welche im Volksmund Bolbewoners (Kugelbewohner) genannt wird.
Das Gelände und seine Gebäude tragen die Rijksmonument-Nummer: 337594.
Literatur
- Peter Cachola Schmal (Hrsg), Annette Becker (Hrsg), Herausgeber: Birkhäuser: Stadtgrün / Urban Green: Europäische Landschaftsarchitektur für das 21. Jahrhundert. Birkhäuser Verlag / Walter de Gruyter, Basel 2012, ISBN 978-3-0346-0313-3 (Online mit Übersichtplan und Bildern (deutsch/englisch) in der Google-Buchsuche).
- Olof Koekebakker: Cultuurpark Westergasfabriek, Transformatie van een industrieterrein, NAi Uitgevers, 2003
- Kees Somer: Westergasfabriek, het terrein en de gebouwen, een cultuurhistorische verkenning, Bureau Monumentenzorg Amsterdam, 1998
- Manuela Bastian: Wandel für die Menschen - mit den Menschen : ein internationaler Kongreß über den Umbau von Industrieregionen, 16.–18. Mai 1994. Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA), Gelsenkirchen 1994, OCLC 227278342.
Weblinks
- Offizielle Website (niederländisch und englisch)