Wilfried Schlau
deutscher Soziologe und Hochschullehrer deutsch-baltischer Herkunft
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Wilfried Schlau (* 27. April 1917 in Weliki Ustjug, Russland; † 1. April 2010 in Friedrichsdorf) war ein deutscher Soziologe und Hochschullehrer deutsch-baltischer Herkunft.
Leben und Wirken
Herkunft
Wilfried Schlau stammte aus einer deutsch-baltischen Akademikerfamilie. Er war evangelisch und ein Sohn des Philologen, Pädagogen und Oberstudiendirektors Wilhelm Schlau (1886–1978) und dessen Frau Frieda Dorothea Schlau, geborene Neander (1888–1984), einer Schwester von Wilhelm Neander. Sein Großvater war der 1919 von den Bolschewiken in Riga ermordete Propst Karl Schlau. Karl-Otto Schlau war sein jüngerer Bruder.
Jugend, Studium und Kriegsdienst
Wilfried Schlau wurde in Nordrussland geboren, wohin seine Familie im Ersten Weltkrieg deportiert (im damaligen russischen Sprachgebrauch „evakuiert“) worden war. Jugend und Schulzeit verlebte er in Mitau (lettisch Jelgava) in Lettland, wo er 1934 sein Abitur auf dem von seinem Vater geleiteten Gymnasium machte. Anschließend ging Schlau zunächst für ein Jahr an die Heimvolkshochschule Jablonken im Landkreis Ortelsburg, Ostpreußen.
Nach einer Lehrzeit in der Landwirtschaft begann Schlau 1939 ein Studium der Agrarwissenschaften an der Latvijas Lauksaimniecības akadēmija (LLA, Lettische Landwirtschaftlichen Akademie) in Mitau (heute: Lettische Universität für Biowissenschaften und Technologie). Doch 1940 musste seine Familie als Folge des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags das Baltikum verlassen. Schlau wurde zum Kriegsdienst in der Wehrmacht eingezogen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Kriegsgefangenschaft setzte er sein Studium an der Universität Wien und der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim fort und schloss es 1949 mit dem Diplom ab.
Tätigkeit in der Erwachsenenbildung
Ab 1950 war Schlau in der Erwachsenenbildung an der Hessischen Landvolkshochschule in Neustadt bei Marburg/Lahn, später in Friedrichsdorf/Taunus tätig, von 1952 bis 1968 als Leiter der Heimvolkshochschule. In Neustadt war er im Oktober 1950 Gastgeber der Gründungsversammlung der von ihm stets geförderten Vereinigung Heimatvertriebener Deutscher Studenten e. V. (VHDS), in Friedrichsdorf Gastgeber mehrerer VHDS-Tagungen. In Friedrichsdorf begründete Schlau zusammen mit Persönlichkeiten aus der VHDS das Studentenbildungswerk Bad Homburg v.d.H.
Schlau leitete das Internationale Expertenkomitee Soziologie der 1950 gegründeten Association Européenne pour l’Étude du Problème des Réfugiés (AER, Europäische Forschungsgruppe für Flüchtlingsfragen), die 1961 in der Association for the Study of the World Refugee Problem (AWR, Forschungsgesellschaft für das Weltflüchtlingsproblem) aufging.[1] 1952 wurde Schlau zum Dr. agr. promoviert. Von 1968 bis 1070 war er in der Kulturpflege tätig.
Akademische Laufbahn
1969 habilitierte Schlau sich an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim, erhielt die Lehrberechtigung für das Fachgebiet politische Soziologie und neuere Sozialgeschichte und begann 1970 seine Lehrtätigkeit an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Nach kurzer Tätigkeit von 1970 bis 1971 als Dozent der Stabsakademie bzw. Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg wurde er 1971 ordentlicher Professor für Soziologie an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz (Abteilung Worms) und ab 1979 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er forschte unter anderem zur Agrarsoziologie, zur Migrationsgeschichte und zur Sozialgeschichte der Deutschbalten.
Neben seiner Lehrtätigkeit engagierte er sich im Studentenbildungswerk und entwickelte über dieses mit Hilfe einer industriellen Stiftung zum Beispiel das „Mainzer Modell“ zur Ermöglichung des Erlernens der Sprachen Ostmitteleuropas für Studierende aller Fachrichtungen. Von 1965 bis 1967 hatte er bereits in der Hessischen Landesvolkshochschule unter anderem Studientagungen mit Universitätsprofessoren zu Themen wie „Ukrainer, Weißrussen und Deutsche“ geleitet.
Neben Deutsch sprach Schlau auch Russisch und Lettisch. Wie sein Vater und sein Bruder war Schlau in deutsch-baltischen Organisationen aktiv.
Familie
Wilfried Schlau heiratete 1948 Ruth Beritz.
Schriften (Auswahl)
Als Verfasser
- Heimatvertriebenes ostdeutsches Landvolk. Ergebnisse einer Untersuchung im Kreise Mergentheim. Elwert, Marburg 1955.
- Politik und Bewußtsein. Voraussetzungen und Strukturen politischer Bildung in ländlichen Gemeinden. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1971.
- mit Gerhard Schadwill: Lehrer in Rheinland-Pfalz. Gesellschaftlich-sozialer Wandel einer Berufsgruppe in den Jahren 1927–1976. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. Kolb-Verlag, Karlstein am Main 1984, ISBN 3-924669-00-7.
- Gegen den Mahlstrom der Zeit. Ausgewählte Beiträge zur politischen Soziologie und neueren Sozialgeschichte. Anlässlich des 70. Geburtstages herausgegeben von Herbert Brichta und Hans-Günther Parplies. Steiner, Stuttgart 1990, ISBN 3-515-04915-0, darin S. 309–315: Bibliographie Wilfried Schlau.
- Die Deutsch-Balten (= Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche, Band 6). Langen Müller, München 1995, ISBN 3-7844-2524-0.
- Die Ostdeutschen. Eine dokumentarische Bilanz 1945–1995 (= Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche, Band 12). Langen Müller, München 1996, ISBN 3-7844-2561-5.
Als Herausgeber
- Bedingungslose Heimkehr. Der Prozeß der Dekolonisation und seine demographischen und sozialen Folgen für Europa. Bericht über das erste wissenschaftliche Symposion des Internationalen Expertenkomitees Soziologie im Johann-Gottfried-Herder-Institut in Marburg a.d. Lahn, vom 13.–15. März 1978. R. G. Fischer, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-88323-096-0.
- Das Mainzer Modell. 1983.
- Tausend Jahre Nachbarschaft. Die Völker des baltischen Raumes und die Deutschen. Bruckmann, München 1995, ISBN 3-7654-2404-8.
- Sozialgeschichte der baltischen Deutschen (= Bibliothek Wissenschaft und Politik, Band 61). Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, 2. Aufl. 2000, ISBN 3-8046-8876-4.
Literatur
- Claudia Rogall: Das Heimvolkshochschulwerk – Theorie und Praxis eines pädagogischen Konzepts: eine Bildungsinitiative Wilfried Schlaus (Übergänge. Studien zur Evangelischen und Katholischen Theologie/Religionspädagogik, Band 9), Peter Lang 2007, ISBN 3-631-55870-8.
- Schlau, Wilfried. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1078.
Weblinks
- Literatur von und über Wilfried Schlau im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Schlau, Wilfried. In: Ostdeutsche Biografie (Kulturportal West-Ost)
- Näheres zum Studentenbildungswerk:
- Zum „Mainzer Modell“, später „Mainzer Polonicum“ siehe: https://web.archive.org/web/20100611042946/http://www.slavistik.uni-mainz.de/179.php