Wilhelm Schmid (Philosoph)

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Wilhelm Schmid (* 26. April 1953 in Billenhausen) ist ein deutscher Philosoph, Sachbuchautor und Publizist mit dem Schwerpunkt Lebenskunst.

Wilhelm Schmid (2025)

Leben

Wilhelm Schmid wurde am 26. April 1953 in Billenhausen bei Krumbach in Bayerisch-Schwaben geboren.[1] Er wuchs als eines von sechs Kindern auf einem Bauernhof auf.[2] Nach der Mittleren Reife absolvierte er auf Wunsch seiner Mutter eine dreijährige Lehre als Schriftsetzer in Augsburg.[3] Anschließend diente er vier Jahre bei der Bundeswehr. Danach verweigerte er den Kriegsdienst. 1980 holte Schmid am Bayernkolleg Augsburg das Abitur nach.[1]

Während seiner Zeit in Augsburg schloss sich Schmid der 1969 gegründeten Künstlergruppe Der Kreis an, deren Spiritus rector der Grafiker, Drucker und Schriftsteller Michael Tonfeld war.[4] Von 1977 bis 1980 war er Vorsitzender der Augsburger Jungdemokraten, der damaligen Jugendorganisation der FDP.[1]

Ab 1980 studierte Schmid Philosophie und Geschichte an der Freie Universität Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen. 1991 promovierte er in Tübingen mit einer Arbeit über Michel Foucault. 1997 habilitierte er sich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit seiner Arbeit Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst. 2004 erfolgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Erfurt,[5] wo er bis zur Altersgrenze unterrichtete. Er lehrte zudem als Gastdozent (u. a. DAAD-Kurzzeitdozenturen) an der Universität Lettlands in Riga[5] und an der Staatlichen Universität Tiflis (Georgien).[5]

Von 1998 bis 2007 arbeitete Schmid regelmäßig als philosophischer Seelsorger am Spital Affoltern am Albis bei Zürich, worüber er in seinem Buch Das Leben verstehen (2016) berichtet.[6]

Neben seinen akademischen und seelsorgerischen Tätigkeiten entfaltet Schmid eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Von 2002 bis 2004 verfasste er die wöchentliche Kolumne „Lebenskunst“ für die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, deren Beiträge 2005 im Buch Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst gesammelt wurden.[7] Zudem erscheinen regelmäßig Essays und Artikel von ihm in überregionalen Medien wie Die Zeit[8] und Psychologie Heute[9]. Er ist häufiger Gast in Hörfunk- und Fernsehsendungen, beispielsweise bei SRF,[10] SWR2,[11] BR[12] und Deutschlandfunk,[13] und war mehrfach als Experte in der Talkshow Nachtcafé zu Gast.[14]

Schmid lebt in Berlin, ist verwitwet und hat vier Kinder.[15]

Werk und Wirken

Philosophie der Lebenskunst

Schmids Schwerpunkt ist eine Philosophie der Lebenskunst.[16] In diesem Rahmen setzt er sich mit der menschlichen Suche nach Sinn sowie mit Themen wie Glück, Unglück, Liebe und Gelassenheit auseinander.[17][18][19] Schmid knüpft an die antike Ethik der Lebensführung an (Eudaimonia), stellt aber die Frage nach der Möglichkeit von Lebenskunst unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft in den Vordergrund. In der Moderne fehlten, so Schmid, die traditionellen Vorgaben für ein gelungenes Leben, weshalb sich Individuen bewusst für eine der vielen möglichen Lebensformen entscheiden müssten; als Anregung hierfür schlägt er 55 Beispiele vor.[20]

Ein zentraler Begriff in Schmids Denken ist die Sorge um das eigene Selbst. Schmid grenzt sich dabei jedoch von einem übersteigerten Individualismus ab und warnt vor einer Ideologisierung der Autonomie. So kritisiert er in seinem Buch Selbstfreundschaft (2018) den „Ichismus[21] und betont, Selbstverwirklichung bleibe ohne „Beziehungsverwirklichung“ unvollständig.[22] Jeder Mensch sei „eine Mischung aus eigener Gestaltung und einem Gestaltetwerden durch Andere und Anderes“.[23]

Hatte Schmid bereits 1998 in Philosophie der Lebenskunst eine „Politik der Lebenskunst“ und „Formen des gesellschaftlichen Umgangs“ skizziert,[24] widmete er sich erst 2025 mit dem Buch Die Suche nach Zusammenhalt explizit dem „schönen und schwierigen Leben in Gesellschaft“. Gesellschaft entstehe durch „Geselligkeit“, um die sich die Mitglieder aus Eigeninteresse bemühen müssten: „Im Verbund mit Anderen ist das Leben besser zu bewältigen, insbesondere wenn es schwer wird“.[25] Schmid beruft sich dabei auf Alice Salomon, die Begründerin der Sozialen Arbeit, für die es dabei explizit um Lebenskunst ging,[26] sowie auf Joseph Beuys und dessen Konzept der „Sozialkunst“ (im Film Beuys von Andres Veiel als „Soziale Plastik“ erläutert). In seinem Buch berichtet Schmid von den Erfahrungen einer jahrelangen „Reise durch die Gesellschaft“, deren Einsicht er so zusammenfasst: „Viele klagen darüber, nicht gesehen zu werden, aber nicht viele bemühen sich darum, Andere zu sehen, ein krasses Missverhältnis“.[27]

Schmid äußerte dabei wiederholt scharfe Kritik an der zeitgenössischen akademischen Philosophie. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche wirft er ihr vor, „ihren öffentlichen Auftrag“ zu verfehlen und zentrale Lebensthemen systematisch auszublenden.[28] Themen wie Lebenskunst, Gelassenheit oder die praktische Tätigkeit von Philosophen in Krankenhäusern, Gefängnissen und Unternehmen kämen in der akademischen Philosophie „nicht häufig vor“.[29] Stattdessen plädiert Schmid für eine Rückkehr zu den praktischen Grundfragen des Lebens, wie sie in der antiken Philosophie zentral waren.

Leben nach dem Tod

In seinem Buch Den Tod überleben (2024) vertritt Schmid die These, dass die Energie eines Menschen den Tod überdauere. Er begründet dies philosophisch mit dem Energieerhaltungssatz und verweist auf die durch EEG und EKG messbare physikalische Energie des Körpers.[30] Gleichzeitig betont er die Unmöglichkeit, endgültige Wahrheiten über den Tod zu finden. Schmid untermauert seine Überlegungen mit persönlichen Erlebnissen wie einer Nahtoderfahrung in seiner Jugend[31] und als Synchronizität gedeuteten Phänomenen, wie dem 11:11-Phänomen, nach dem Tod seiner Frau.[30]

Transhumanistische Bestrebungen, den Tod technologisch zu überwinden, sieht Schmid kritisch und warnt vor einer durch Unsterblichkeit drohenden Langeweile.[32] Die Rezeption seiner Thesen ist gemischt. Während das Buch oft als persönlich und trostreich gelobt wird,[33] kritisieren Rezensenten die Übertragung des physikalischen Energiebegriffs auf eine metaphysische Ebene als Kategorienfehler.[34] Die Betonung persönlicher, als esoterisch anmutender Erfahrungen wird zudem als eine Verwischung der Grenzen zur Ratgeberliteratur bewertet.[33][34]

Rezeption

Die akademische Rezeption von Schmids Lebenskunst-Philosophie ist durch grundsätzliche Kritik an fehlenden Kriterien geprägt. Wolfgang Kersting und Claus Langbehn bemängeln in ihrem Sammelband Kritik der Lebenskunst (2007), dass sich bei Schmid nicht erschließe, „in welcher lebensethischen Gestaltungsweise Lebenskunst ihren unverwechselbaren Ausdruck finden“ könne. Gerade weil das Schicksal der Freiheit des Subjekts in der modernen Disziplinierungsgesellschaft auf dem Spiel stehe, benötige man Kriterien, mit denen man die ästhetische Selbstsorge identifizieren könne.[35] Ähnlich argumentiert Michael Höffner (2009) aus theologischer Perspektive: Schmids Behauptung, wonach wir zwischen verschiedenen Lebensformen beliebig wählen könnten, scheitere an der biografischen Gebundenheit des Menschen.[36]

In seiner Dissertation unterzieht Stephan Thiele Schmids Philosophie einer kritischen Würdigung und gelangt darin zu einer fundamentalen Ablehnung: „Sobald es ernst wird, verkümmert sein Schreiben zu harmonieseliger Zeitgeist-Poesie […] Im Kern von Schmids Lebenskunst-Lehre herrscht aber die Leere eines freien Willens, der nichts von sich weiß.“[37]

Konstruktiver setzen sich der Sammelband Philosophie als Lebenskunst sowie Beiträge von Christoph Hübenthal und Volker Caysa mit Schmids Ansatz auseinander, indem sie ihn in den zeitgenössischen eudaimonistischen und lebenskunstphilosophischen Diskurs einordnen.[38][39][40]

Im englischsprachigen Raum führte Christoph Teschers 2010 Schmids Lebenskunst-Konzept in die akademische Diskussion ein, da die Hauptwerke bislang nicht ins Englische übersetzt wurden.[41]

Schmids populärphilosophische Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt[42] und werden in Feuilletons ambivalent aufgenommen. Seit 2010 hält er regelmäßig Vorträge in China und Südkorea.[43] Während Steffen Graefe die Philosophie der Lebenskunst als allgemeinverständlich und fundiert lobt,[44] kritisiert Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung in seiner Rezension zu Schaukeln Schmids „solipsistisches Weltbild“, das in eine Welt unglücklicher Egomanen führe.[45]

Schmids persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod seiner Frau in Den Tod überleben erfährt überwiegend positive Resonanz. Tobias Becker lobt im Spiegel Schmids „Gabe, große Bedeutung in kleine Sätze zu stecken“ sowie seinen Witz, konstatiert aber auch ein Wandeln „an der Grenze zwischen Wissenschaft und Esoterik“.[46]

Ehrungen

Veröffentlichungen (Auswahl)

Monographien

  • Die Geburt der Philosophie im Garten der Lüste. Michel Foucaults Archäologie des platonischen Eros. Athenäum, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-610-09200-9. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-39715-X.
  • Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-58082-5. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-29087-8.
  • Was geht uns Deutschland an? Ein Essay. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11882-X.
  • Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung (= Suhrkamp-TB Wissenschaft. Nr. 1385). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-28985-3.
  • Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-41207-8. Neuauflage: Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-45664-4. Neuausgabe 2017, ISBN 978-3-518-46796-1.
  • Reinhold Messners Philosophie. Sinn machen in einer Welt ohne Sinn (= Edition Suhrkamp. Nr. 2242). 3. Auflage 2005. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-12242-8.
  • Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst (= Bibliothek der Lebenskunst). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41656-1. Neuauflage: Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-45882-2.
  • Leben und Lebenskunst am Beginn des 21. Jahrhunderts. Fink, Paderborn, München 2005, ISBN 3-7705-3955-9.
  • Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst (= Insel-Taschenbuch. Nr. 3120). Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2005, ISBN 3-458-34820-4.
  • Die Fülle des Lebens. 100 Fragmente des Glücks (= Insel-Taschenbuch. Nr. 3199). Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2006, ISBN 3-458-34899-9.
  • Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2007, ISBN 978-3-458-17373-1.
  • Ökologische Lebenskunst. Was jeder Einzelne für das Leben auf dem Planeten tun kann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-46034-4.
  • Die Liebe neu erfinden. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42203-8.
  • Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt. Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-17520-9.
  • Unglücklich sein. Eine Ermutigung. Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2012, ISBN 978-3-458-17559-9.
  • Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-42373-8.[49]
  • Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Insel, Berlin 2014, ISBN 978-3-458-17600-8.
  • Vom Glück der Freundschaft. Insel, Berlin 2014, ISBN 978-3-458-20505-0.
  • Sexout. Und die Kunst, neu anzufangen. Insel, Berlin 2015, ISBN 978-3-458-17646-6.
  • Vom Nutzen der Feindschaft (= Insel-Bücherei. Nr. 2509). Insel, Berlin 2015, ISBN 978-3-458-20509-8.
  • Das Leben verstehen: Von den Erfahrungen eines philosophischen Seelsorgers. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-42569-5.
  • Von den Freuden der Eltern und Großeltern (= Insel-Bücherei. Nr. 2513). Insel, Berlin 2016, ISBN 978-3-458-20513-5.
  • Vom Schenken und Beschenktwerden. Insel, Berlin 2017, ISBN 978-3-458-20517-3.
  • Selbstfreundschaft: wie das Leben leichter wird. Insel Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-458-17750-0.
  • Von der Kraft der Berührung. Insel, Berlin 2019, ISBN 978-3-458-20522-7.
  • Heimat finden. Vom Leben in einer ungewissen Welt (= suhrkamp taschenbuch. Nr. 5244). Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-47244-6.
  • Den Tod überleben. Vom Umgang mit dem Unfassbaren. Insel Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-458-64423-1.
  • Die Suche nach Zusammenhalt. Ich und Wir: Vom schönen und schwierigen Leben in Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-43236-5.

Herausgeberschaften

  • Wilhelm Schmid (Hrsg.): Wege zu Edgar Degas. Matthes & Seitz, München 1988, ISBN 3-88221-236-5.
  • Wilhelm Schmid (Hrsg.): Denken und Existenz bei Michel Foucault. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-11657-6.
  • Andreas Steffens, Christine Pries, Wilhelm Schmid (Hrsg.): Nach der Postmoderne. Bollmann, Düsseldorf 1992, ISBN 3-927901-21-0.

Literatur

  • Volker Caysa: Aktuelle deutschsprachige Konzeptionen einer Philosophie der Lebenskunst. In: Information Philosophie, Claudia Moser, Lörrach Dezember 2000.
  • Christoph Hübenthal: Eudaimonismus, Das Lebenskunstmodell. In: Marcus Düwell u. a. (Hrsg.): Handbuch Ethik. Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01749-4, S. 90–92.
  • Elke Schmitter: Den Schmerz ausloten. In: Der Spiegel, 17/2004, S. 177–179.
  • Wolfgang Kersting, Claus Langbehn (Hrsg.): Kritik der Lebenskunst. Suhrkamp-TB Wissenschaft 1815, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-29415-4.
  • Ferdinand Fellmann: Philosophie der Lebenskunst zur Einführung. Junius, Hamburg 2009.
  • Michael Höffner: Die „Philosophie der Lebenskunst“ und das Dilemma der Freiheit, in: ders., Berufung im Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit (Studien zur systematischen und spirituellen Theologie Band 47). Würzburg 2009, S. 95ff.
  • Peter Lückemeier: Die innige Liebe zu jedem einzelnen Wort. Ein Besuch bei Wilhelm Schmid. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 30. August 2015, S. 11.
  • Julia Witt: Claiming the right to be unhappy – Der Glücksbegriff bei Wilhelm Schmid und Aldous Huxley. In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, Jg. 38 (2016), Heft 1, S. 51–62.
  • Gerhard Ernst (Hrsg.): Philosophie als Lebenskunst. Antike Vorbilder, moderne Perspektiven, Suhrkamp TB Wissenschaft 2195, Berlin 2017, ISBN 978-3-518-29795-7.

Einzelnachweise

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