Wilhelm Wostrack
deutscher Kolonialbeamter (1860-1919)
From Wikipedia, the free encyclopedia
Wilhelm Carl Friedrich Wostrack (* 1870; † 1919 in Leipzig[1]) war ein deutscher Kolonialadministrator in der deutschen Kolonie Neuguinea. Er war unter anderem in Zentral-Neuirland stationiert und betätigte sich auch als ethnografischer Sammler, unter anderem für das Linden-Museum in Stuttgart.
Biographie
Wostrack stammte aus Sachsen und hatte Medizin studiert.[1] In den 1890er Jahren ging er nach Deutsch-Neuguinea, um für die Neuguinea-Kompagnie zu arbeiten. 1896 war er in Herbertshöhe, dem damaligen Hauptort der Kolonie. Ab 1902 wurde er als Assistenzarzt am dortigen Militärhospital geführt und nahm zusammen mit Gouverneur Albert Hahl und dem Kolonialbeamten Franz Boluminski an einer Reise durch die Kolonie auf dem später verschollenen Stationsdampfer der Kolonie Seestern teil. Im April 1904 wurde er von Hahl zum Leiter (Bezirksamtmann) der neu eröffneten Kolonialstation in Namatanai in Zentral-Neuirland ernannt. Namatanai war nach Kavieng an der Nordspitze, wo Boluminski Stationsleiter war, die zweite Station, die auf dieser strategisch wichtigen Insel des Bismarck-Archipels eröffnet wurde.
Neben seiner Tätigkeit im Verwaltungsdienst der Kolonie betätigte sich Wostrack ebenfalls als ethnologischer Artefakte.[1] Seine Sammlerkarriere begann bereits vor seiner Ankunft in Namatanai. Er sammelte Briefmarken des Territoriums und naturwissenschaftliche Präparate zur Weitergabe an Museen in Deutschland und an private Sammler – möglicherweise, um sein karges Gehalt aufzubessern. So hatte er begonnen, ethnografische Artefakte und menschliche Überreste für das Berliner Völkerkundemuseum zu sammeln. Während seiner Zeit als Stationsbeamter in Namatanai geriet Wostrack dann auch ins Visier von Karl von Linden in Stuttgart. Eine 1906 von Wostrack und Albert Hahl zusammengetragene Sammlung von 87 Artefakten, die in Stuttgart eintraf und auch vier Uli-Figuren enthielt, machte Linden auf diese bemerkenswerten Fundstücke aufmerksam.[1] Während Franz Boluminski in Kavieng im Zentrum der Malagan-Festlichkeiten stand, befand sich Wostrack in Namatanai, unweit des Ortes, an dem die Uli-Festlichkeiten stattfanden, die die legendären Figuren als Hermaphroditen mit sowohl deutlich männlichen als auch weiblichen Zügen hervorbrachten. Die ethnografische Gemeinschaft im Deutschen Reich bezeichnete diese Figuren als „Zwitterfiguren“.[1]
Linden hatte in der Folge ein hohes Interesse, für sein Museum eine Art „Monopol“ auf diese Figuren zu erlangen und drängte Wostrack, weitere Exemplare nach Stuttgart zu senden. Trotz des Todes von Wostracks erster Frau Wilhelmine nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Erika, schickte Wostrack 1908 seine zweite Sammlung an Linden.[1] Sie umfasste 99 Artefakte, darunter acht Uli-Figuren und eine Reihe überdetaillierter Schädel. Die Sammlung machte ihre vergleichsweise kleine Anzahl an Objekten durch ihre Qualität und hervorragende Dokumentation durch Wostrack wett. Die – im Vergleich etwa zu Boluminski im Norden und anderen Sammlern – akribische Provenienzforschung Wostracks war ein bemerkenswerter Umstand, zumal Wostrack, was die Bedeutung seiner Arbeit anging, eher im Schatten Boluminskis stand, da dieser für seine Sammlung ethnografischen Schätze zahlreiche deutsche Staatsauszeichnungen erhielt.
Wostrack blieb bis 1912 auf seinem Posten in Namatanai. Nach einem Heimaturlaub wurde er 1913 zur Station auf der Insel Nauru versetzt, wo er ebenso Stationsleiter wurde. Sein Aufenthalt dort war jedoch kurz, da er nach Beginn der Ersten Weltkriegs im September 1914 gezwungen war, sich dem australischen Kriegsschiff HMAS Melbourne zu ergeben.[1] Die Melbourne wurde allerdings kurz darauf nach Sydney zurückgerufen, wodurch Wostrack auf Nauru zurückblieb und erneut seine Funktion als Stationsleiter ausübte.[2] Am 6. November erreichte eine weitere Streitmacht Australiens, diesmal Truppen der Australian Naval and Military Expeditionary Force, die Insel und Wostrack wurde nun endgültig seines Postens enthoben und gefangen gesetzt. Er wurde nach Rabaul und später nach Sydney gebracht und dort mit seiner Familie bis 1915 interniert. Erst dann durften sie in die noch neutralen Vereinigten Staaten ausreisen. Schließlich erreichte er Deutschland und schloss sich dem Sanitätsdienst für den Einsatz in den Balkanfeldzügen des Ersten Weltkriegs an. Nach Kriegsende erklärte sich Wostrack bereit, deutsche Kriegsgefangene bei ihrer Rückführung aus Russland zu begleiten. Auf dem Transport erkrankte Wostrack an Typhus und starb 1919 in Leipzig.[1]
Literatur
- Karl Baumann, Dieter Klein und Wolfgang Apitzsch: Biographisches Handbuch Deutsch-Neuguinea 1882–1922: Kurzlebensläufe ehemaliger Kolonisten, Forscher, Missionare und Reisender. 2. Auflage. Selbstverlag Baumann. Fassberg. 2002. Stichwort: Wilhelm Wostrack. S. 483–484.
- Rainer Buschmann: Anthropology’s Global Histories: The Ethnographic Frontier in German New Guinea, 1870–1935. University of Hawai‘i Press. Honolulu. 2008. ISBN 978-0-8248-3184-4.
- Gesa Grimme: Discomforting Heritage: Dealing with Colonial-Era Objects in Ethnological Museums. Provenance Research – Final Report. In englischer Sprache. S. 123–124. PDF. Abgerufen am 10. Dezember 2025.
- Chantal Knowles & Chris Gosden: A Century of Collecting: Colonial Collectors in Southwest New Britain. In: Records of the Australian Museum 56. 2004. S. 65–74.