William Damon
US-amerikanischer Psychologe
From Wikipedia, the free encyclopedia
William van Buren Damon (* 10. November 1944 in Brockton, Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Psychologe, Professor im Ruhestand an der Stanford University und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University, der zu den weltweit führenden Entwicklungspsychologen gehört.[1] Damon erforschte die Entwicklung von Sinngebung bzw. sinnstiftenden Zielsetzungen (purposes) im Leben und hat das verbreitete Buch The Path to Purpose geschrieben. Damon zeigt die intellektuelle und soziale Entwicklung über die Lebensdauer hin und hat zu Anwendungsbereichen wie Entrepreneurship-Bildung und philanthropischer Strategie beigetragen. Damon wurde in die National Academy of Education und die American Academy of Arts and Sciences gewählt.[2][3]

Ausbildung
Damon besuchte öffentliche Schulen, seine Mutter Helen war Schuhdesignerin. Sein Vater Philip diente im Zweiten Weltkrieg und kehrte aus dem Krieg nicht zur Familie zurück. Der Onkel seiner Mutter Louis half ihn aufs College zu schicken, sodass er die elitäre Phillips Academy Andover besuchte.[4]
Danach studierte Damon an der Harvard University und erhielt 1967 einen Bachelor. Nach einer Tätigkeit als Sozialarbeiter in New York erhielt Damon 1973 einen Ph.D. in Psychologie an der University of California, Berkeley. Zunächst als Assistenzprofessor lehrte er 1973–1989 an der Clark University, in den 1990er Jahren als Universitätsprofessor an der Brown University, wo er das Center for the Study of Human Development gründete. 1997 ging er an die Stanford University.[1]
Forschung
Seine Forschung richtete sich auf die kognitive und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, aber auch auf die psychische Entwicklung von Menschen über die ganze Lebensspanne. In groß angelegten empirischen Studien, die sowohl auf eigener Feldforschung (Fragebögen) als auch auf Metaanalysen der entwicklungspsychologischen Literatur basierten, gelangte er zu Ergebnissen: Er betonte die Bedeutung des sozialen Umfelds für die erfolgreiche Enkulturation des heranwachsenden Kindes, die wiederum entscheidend für dessen Erfolg und Lebensglück ist. Konkret kritisierte Damon die Veränderungen der gängigen Ansichten zur Kindererziehung in der Gesellschaft in den letzten Generationen unter Verweis auf den drastischen Rückgang aller Indikatoren für die Fähigkeiten und das Verhalten junger Menschen in diesem Zeitraum und wies die Verantwortung dafür den nachgiebigeren Regeln und Strukturen in der Erziehung zu. Die Fokussierung auf „Selbstwertgefühl“ und sogenannte „kindzentrierte“ Klassenzimmer und Erziehungsmethoden spiegelten, trotz bester Absichten, nicht nur ein theoretisches Missverständnis der tatsächlichen Bedürfnisse von Kindern wider, sondern diese erwiesen sich in der Praxis als verheerend. „Von jungen Menschen wird weniger erwartet, und im Gegenzug erhalten sie auch weniger.“[5] Explizit wandte er sich in Greater Expectations (1995) gegen die permissiven Erziehungsratschläge von Benjamin Spock und gegen vereinfachte Versionen der Humanistischen Psychologie in der Nachfolge von Carl Rogers.
Unter seinen Büchern hat insbesondere The Path to Purpose (2008; deutsch ~ Der Weg zum Sinn) Anklang bei einem breiten Publikum gefunden. Das Buch enthält zudem eine Kritik am weit verbreiteten kurzfristigen Denken der heutigen Kultur, das Zynismus und Angst statt Inspiration, Optimismus und Zuversicht fördere. Auf der Grundlage der Stanford-Jugendstudien unterscheidet er vier Typen von Jugendlichen:
- purposeful: klarer, engagierter Lebenssinn
- dreamers: idealistische Ziele ohne konkrete Umsetzung
- dabblers: wechselnde Interessen ohne Tiefe
- disengaged: Sinnlosigkeit oder Zynismus
Ein weiterer Schwerpunkt war die Untersuchung moralischer Vorbilder. Sein erstes Buch zu diesem Thema Some Do Care: Contemporary Lives of Moral Commitment (1992) führte eine neue Methode der „Exemplarforschung“ in die Entwicklungspsychologie ein und wurde vielfach zitiert und weiterentwickelt. Damon und seine Mitautorin Colby untersuchten Personen, die über Jahrzehnte hinweg ein „anhaltendes Bekenntnis zu moralischen Idealen oder Prinzipien“ gezeigt hatten, und fanden eine Reihe von Eigenschaften, die in der gesamten Gruppe der Vorbilder übereinstimmten, darunter Gewissheit über die eigenen moralischen Kernüberzeugungen, eine positive Einstellung gegenüber Schwierigkeiten und Herausforderungen, Offenheit für neue Ideen und Ziele, die Fähigkeit zu lebenslangem moralischem Wachstum und eine starke Integration der moralischen Werte in das Selbstverständnis. Dieses Buch propagierte die Theorie der „moralischen Identität“ mit dem Kern, dass moralisches Engagement und moralisches Handeln davon abhängen, wie wichtig Moral für das Selbstverständnis einer Person ist. Diese Theorie erweitert Theorien, die die primäre Bedeutung moralischer Urteilsfähigkeit (Lawrence Kohlberg), Emotionen (Jonathan Haidt) oder des kulturellen Hintergrunds (Richard Shweder) betonen, um eine zusätzliche Dimension. Damon und Colby knüpften später an Some Do Care über lebende moralische Vorbilder an und führten historische Fallstudien über moralische Vorbilder des 20. Jahrhunderts durch, die sie im Buch The Power of Ideals (2015) beschrieben.
2021 veröffentlichte Damon „A Round of Golf with my Father: The New Psychology of Exploring your Past to Make Peace with your Present“ und beschreibt, was nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Vater geschah, der nicht zu seiner Familie zurückkehrte. Damon erörtert die Vorteile, Familiengeheimnisse aufzudecken, vergangene Fehler zu verarbeiten und die eigene Identität zukunftsorientiert und zielgerichtet neu zu gestalten. Dies geschieht im Kontext einer „Lebensrückschau“, einer Methode, die eigene Vergangenheit und das Leben der Vorfahren systematisch zu untersuchen, um eine positive gegenwärtige Identität zu formen. Das Buch schließt mit einer imaginären Golfrunde zwischen Damon und seinem verstorbenen Vater – eine Erfahrung, die Damon als emotional befriedigend und erlösend empfindet.[6]
Rezeption in Deutschland
In Deutschland war das Buch Die soziale Welt des Kindes, das 1990 von Fritz Oser und Wolfgang Edelstein herausgegeben wurde und dessen Übersetzung durch Uta Eckenberger als Hardcoverausgabe erstmals 1984 erschienen war, bis in die späten 1990er Jahre weit verbreitet. Die empirischen Untersuchungen William Damons machten die Entwicklung des intentional handelnden und reflexiven kindlichen Subjekts in seiner Lebenswelt verständlich und lieferten einen Schlüsselbeitrag zu einer empirisch gestützten genetischen Theorie der Handlungs- und Interaktionskompetenz.
Das in den USA sehr erfolgreiche Buch The Path to Purpose wurde dagegen nicht ins Deutsche übersetzt.
Schriften
- William Damon & Anne Colby (2015) The Power of Ideals: The Real Story of Moral Choice, Oxford UP
- Damon, W. (2008) The Path to Purpose: How Young People Find their Calling in Life. New York: The Free Press. ISBN 978-1-41653-723-6.
- Damon, W. & Verducci, S. (2006) Taking Philanthropy Seriously: Beyond Noble Intentions to Responsible Giving. In: Indiana University Press. ISBN 978-0-25321-860-5.
- Damon, W. (2004) The Moral Advantage. San Francisco: Berrett-Koehler. ISBN 978-1-57675-206-7.
- Gardner, H., Csikszentmihalyi, M., Damon, W. (2001) Good Work: When excellence and ethics meet. New York: Basic Books. ISBN 978-046502-608-1.
- Howard Gardner, Mihály Csíkszentmihályi, William Damon: Good Work! für eine neue Ethik im Beruf. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-608-94070-1.
- Damon, W. (1995) Greater Expectations: Overcoming the culture of indulgence in our homes and schools. New York: The Free Press. ISBN 978-046502-608-1.
- Colby, A. & Damon, W. (1992) Some Do Care: Contemporary lives of moral commitment. New York: The Free Press. ISBN 978-0-02906-355-2.
- Damon, W. (1990) The Moral Child: Nurturing children's natural moral growth. New York: The Free Press. ISBN 978-0-02906-933-2.
- Damon, W., & Hart, D. (1988) Self-understanding in Childhood and Adolescence. New York: Cambridge University Press. ISBN 978-0-52130-791-8.
- Damon, W. (1983) Social and Personality Development: Infancy through adolescence. New York: W. W. Norton. ISBN 978-0-39301-742-7.
- Damon, W. (1977) The social world of the child, Jossey-Bass, San Francisco
- William Damon: Die soziale Welt des Kindes (= stw. Nr. 884). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-28484-1.
- Damon, W. & Lerner, Richard M. (Hg.) (2006) Handbook of Child Psychology: The sixth edition (volumes 1–4). New York: John Wiley and Sons. Bd. I, 2006, ISBN 978-0-471-75604-0. (7. Auflage 2015 durch Richard M. Lerner)
Weblinks
- William Damon. Hoover Organisation, abgerufen am 10. Januar 2026 (englisch).
- William Damon. In: National Academy of Education. Abgerufen am 10. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).