William M. Johnston

US-amerikanischer Historiker From Wikipedia, the free encyclopedia

William M. Johnston, auch bekannt als Will Johnston (* 11. Dezember 1936 in Boston, Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Historiker, der sich hauptsächlich mit europäischer Geistesgeschichte auseinandersetzt. Von 1965 bis 1999 lehrte er an der University of Massachusetts Amherst, seit 2001 am College of Divinity in Melbourne, Australien.

Biografie

William Murray Johnston ist der Sohn des Botanikers Ivan Murray Johnston. Die Familie lebte in Boston, wo Johnston die Schule besuchte und studierte. Das Studium der Geschichtswissenschaften an der Harvard University schloss er 1958 mit dem Bachelor of Arts ab. 1965 erfolgte seine Promotion zum Doktor der Philosophie bei Crane Brinton mit einer Arbeit über den Philosophen Robin George Collingwood.[1] Ab 1965 wirkte er als Assistent am Geschichtsinstitut der University of Massachusetts Amherst und ab 1970 als Associate Professor.

1969 wurde Johnston für das Manuskript seines Werkes The Austrian Mind. An Intellectual and Social History mit dem Geschichtspreis des Österreichischen Instituts in New York ausgezeichnet.[2] Mit der Veröffentlichung dieser großen Studie im Jahr 1972 etablierte er sich als Experte für die Geistesgeschichte der Habsburgermonarchie und wurde 1975 in Amherst ordentlicher Professor. Zu seinen Studenten zählten unter anderem Roderick Stackelberg (1935–2018), bekannt für seine Arbeiten zur deutschen Sozialdemokratie, aber auch zum Nationalsozialismus[3] und Richard S. Geehr (1935–2009), der bedeutende Arbeiten über Adam Müller-Guttenbrunn und Karl Lueger veröffentlichte.[4]

Gemeinsam mit Christopher Kleinhenz gab Johnston 2000 die zweibändige Encyclopedia of Monasticism heraus, worin das monastische Leben der Vergangenheit und Gegenwart sowohl im Buddhismus als auch im Christentum dargestellt wird.

Nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1999 übersiedelte Johnston nach Australien, wo er ab 2001 am College of Divinity in Melbourne lehrte. Er legte nach seiner Emeritierung mehrere größere Studien zur österreichischen Geschichte und Kultur vor, so zum Beispiel 2010 eine Studie mit dem Titel Der österreichische Mensch und 2015 ein weiteres Werk Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten.

The Austrian Mind / Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte

Johnstons Werk The Austrian Mind wurde bald übersetzt und erschien 1974 unter dem Titel „Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848–1938“ im Böhlau-Verlag. Durch die enzyklopädische Darstellung der Geistesgeschichte im Raum der Habsburgermonarchie wurde das bald zur Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Fin de siécle in Wien, das mehr und mehr in den Fokus internationaler Forschung rückte. Zahlreiche Ausstellungen zu Kunst und Kultur des Wiens um 1900 verstärkten zusätzlich das Interesse an deren geistigen Wurzeln. Neben älteren Werken wie jenem von Alfred Fuchs[5] wurde Johnstons Studie zu einem wichtigen Standardwerk. Neuere Werke wie jene von Carl Schorske[6] und vor allem die großartige Analyse von Michael Pollak zu Wien um 1900[7] nahmen positiv wie negativ Bezug auf Johnston.

Nicht nur erinnerte Johnston an viele beinahe vergessene Denker und Gelehrte, er lieferte auch eine Diagnose zu dem, was er als „Labor für Modernität“ charakterisierte: Er skizzierte die Haltung der Intellektuellen des Habsburgerstaates als „therapeutischen Nihilismus“, eine selbstauferlegte Zurückhaltung in Sachen Aktivismus zugunsten einer gesteigerten Analyse- und Diagnosefähigkeit.

Johnston wurde in der Folge immer wieder nach Österreich eingeladen und schrieb zahlreiche Beiträge für einschlägige Sammelbände zu Fragen der österreichischen Geistes- und Kulturgeschichte[8]. Die deutschsprachige Ausgabe von The Austrian Mind / Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte erschien 2006 in der vierten ergänzten Auflage.

Kritik und Würdigung

Die Kritik am Werk Johnstons zur österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte hob schon früh seine weitgehende Beschränkung auf Angehörige der deutschen Nationalität in der Habsburgermonarchie hervor[9] und konstatierte einen problematischen Essentialismus in Bezug auf seine Konstruktion des „österreichischen Menschen“ und auch einen irritierenden Umgang mit jüdischen Autoren bzw. Autoren, die Johnston für Juden hält. So schrieb Johnston in seiner Österreichischen Kultur- und Geistesgeschichte: „Befaßt sich aber einmal ein Jude mit der Geschichte des Habsburgerreiches, dann neigt er nur allzuoft dazu, entweder dessen Vorzüge zu übersehen oder, noch eher, die Fehler zu sehr hervorzuheben“.[10]

Auch in seinem 2009 vorgelegten „Meisterverzeichnis“ zum „österreichischen Menschen“[11] versucht Johnston zu begründen, warum Juden nur wenig Verständnis für „das Österreichische“ aufzubringen vermochten: „Jüdische Feuilletonisten der Ersten Republik wie Franz Blei, Alfred Polgar, Felix Salten und Egon Friedell haben unterhaltende Skizzen über verschiedene Aspekte Österreichs verfasst, aber nur wenige ernstzunehmende Aufsätze. Vielleicht passte der Ernst des aufkeimenden Diskurses nicht so sehr zu den Charakteristika des jüdischen Witzes“.[12] Abgesehen davon, dass Franz Blei kein Jude war, wurde in Frage gestellt, „ob die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, kulturellen oder religiösen Gruppe gekoppelte kollektive Zuschreibung von mangelndem Urteilsvermögen nicht höchst bedenklich ist.“[13]

Jedoch regten Johnstons Werke, insbesondere The Austrian Mind zahlreiche neue Forschungen an und ermöglichten neue Perspektiven auf den Habsburgerstaat. Als Beispiel sei nur das in sechs Bänden vorliegende Sammel-Werk Verdrängter Humanismus – verzögerte Aufklärung. Österreichische Philosophie von 1400 bis zur Gegenwart. Ludwigsburg, Klausen-Klausenburg, Wien (1996–2010) erwähnt, konzipiert und herausgegeben vom Philosophen Michael Benedikt.

Publikationen (Auswahl)

Als Autor

  • The Formative Years of R. G. Collingwood. Harvard 1965.
  • The Austrian Mind: an Intellectual and Social History, 1848–1938, Berkeley 1972; dt.: „Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938“, Wien 1974.
  • Vienna, Vienna. The Golden Age 1815–1914. New York 1981.
  • In Search of Italy. Foreign Writers in Northern Italy since 1800, Pennsylvania State University Press, 1987.
  • Celebrations. The Cult of Anniversaries in Europe and the United States Today. New Brunswick, 1991.
  • Visionen der langen Dauer Österreichs. Vortrag im Wiener Rathaus am 21. November 2007. Mit einem Vorwort von Hubert-Christian Ehalt. Wiener Vorlesungen im Rathaus 140, Wien 2009.
  • Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs, Studien zu Politik und Verwaltung 94., Wien-Graz-Köln 2010 (ersch. 2009).
  • Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten, Wien-Graz-Köln 2015.

Als Herausgeber

  • Recent Reference Books in Religion. A guide for students, New York 1998
  • Encyclopedia of Monasticism, 2 Bde., Chicago and London 2000

Literatur und Rezensionen

  • Anita Mayer-Hirzberger: Rezension zu: Johnston, William M.; Schiffer, Josef (Bearbeiter): Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs. Wien 2009, ISBN 978-3-205-78298-8, in: H-Soz-Kult, 8. April 2010. (hsozkult.de)
  • Peter Melichar: Verirrt im kakanischen Labyrinth. William M. Johnstons Suche nach dem „österreichischen Menschen“. In: Mitteilungen des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung (MIÖG) 119 (2011), S. 382–384, doi:10.7767/miog.2011.119.34.382
  • Gabriele-Maria Schorn-Stein: Rezension zu: Johnston, William M.: Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten. Wien 2015, ISBN 978-3-205-79541-4, in: H-Soz-Kult, 7. Juli 2015. (hsozkult.de)

Einzelnachweise

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